Rasputin: „In erster Linie will ich mit der Musik meine Seele heilen.“

Rasputins Werdegang als Rapper begann 1994 in Bielefeld und er kann mittlerweile auf unzählige Live-Auftritte (unter anderem als Teil des Team Bielefelds bei „Feuer über Deutschland“) und Veröffentlichungen zurückblicken. Rasputins Rap-Karriere ist jedoch eine sehr unstete, gespickt mit vielen Fast-Durchbrüchen und Talfahrten. In einem permanenten geistigen Kampf und ringend um Ausdruck, fiel, nach eigenen Aussagen, die geschäftliche Seite unter den Tisch oder in falsche Hände. Seit einigen Jahren lebt er nun in Leipzig und fand bei „Sounds of Members & SoM-Bookings Leipzig“ eine neue Labelheimat und Agentur. Nach längerer Pause meldete sich Rasputin am 1. Mai mit „Diamanten & Dreck“ wieder zurück. Anlässlich seiner jüngsten Veröffentlichung haben wir Rasputin ein paar Fragen gestellt.

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Die Hohe 5 mit Rasputin

Vor kurzem erschien mit „Diamanten & Dreck“ ein neues Album von dir. Mit welchen Erwartungen bist du an das Album gegangen?

Eigentlich bin ich nicht an das Album „herangegangen“…es ist an mich..quatsch. Ich hab die ganzen letzten Jahre geschrieben und recordet. Daraus haben wir jetzt eine Auswahl getroffen und ein Paket geschnürt. In den letzten Jahren hatte ich keine weiteren Erwartungen, als meiner eigenen Natur treu zu bleiben und Spaß damit zu haben. Allerdings hat das enorme Feedback und der Label-Deal wieder mein Ego „angetriggert“ . Natürlich hoffe ich jetzt auch ganz inständig damit Geld zu verdienen, denn auf dem normalen Arbeitsmarkt bin ich bis heute nicht glücklich geworden. Und die auch nicht mit mir. Irgendwelche Szene-Titel interessieren mich wenig bis gar nicht. Ich habe den bescheidenen Traum mit dem Album einen Achtungserfolg zu haben, der mich wieder auf die Bühnen des Landes bringt und es mir ermöglicht mich mitzuteilen und auch monetäre Wertschätzung dafür einzufahren.

In deinem Pressetext heißt es, du leidest an einem fehlenden Sinnesfilter, was dir „unheimlich viel ermöglicht und zeitgleich versperrt“ hat. Wie äußerte sich das in deiner langen Karriere und auch noch heute?

Darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Vielleicht sollte ich das wirklich tun, obwohl ich damit wahrscheinlich voll an der hiesigen Zielgruppe vorbei schießen würde. Ich habe Schwierigkeiten damit eine professionelle Distanz zu den Dingen zu bewahren. Ich nehme jeden Fliegenfurz wahr – zum Beispiel die Europameisterschaft. Ich sehe da einen Haufen entwurzelter Menschenseelen, welche von ihrer Natur so weit getrennt sind, dass sie solche manipulierten und vorgefertigten Massenrituale brauchen. Wo kommt man denn heute noch in den Genuss eines „Wir-sind-alle-eins-Feelings“ ? Diese Art von Ritual erfüllt nicht das was die meisten da unbewusst suchen. Wenn man wie ich immer nur auf der Suche nach dem echten Leben ist, bekommt man gegenwärtig ernsthafte Probleme. Heute ist einfach fast alles gefaked und künstlich verändert. Kein Wunder, wenn das Kapital regiert. Ich würde gerne mit den Fußballfans und Rappern lachen und Spaß haben, aber ich gehöre irgendwie nie richtig dazu, selbst wenn ich nichts kritisiere. Ich scheine das schon nonverbal auszustrahlen. Auf einem Maskenball bin ich der Typ der alle erkennt, freudig begrüßt und in die Arme nimmt. Die freuen sich dann auch, aber wollen schon mal nicht mehr mit mir tanzen. Anonymität funktioniert bei mir nicht. Die meisten wollen lieber in der Anonymität bleiben, weil sie mit nacktem Gesicht schon zu oft verletzt wurden. Ey, ich labere hier so gurumäßig daher. Ich bin kein Erleuchteter. Ich kiffe Kette und trinke wie ein Elefant, aber das funktioniert auch nicht und entspannt mich nicht mal richtig. Ich weiß, dass ich das nur tue um den Tatbestand zu verdecken, dass ich noch nicht gelernt habe total zu leben und meinen gottgegebenen inneren Stärken zu vertrauen. PS: Ich habe die Antwort auf diese Frage drei mal anders formuliert und mir dann vorgenommen eine „Politiker-Anwort“ zu wählen, die niemandem wehtut. Habe mich dann aber jetzt doch für meine erste Version entschieden. Sorry.

Auf deiner neuen Platte thematisierst du auf einem Song das Ego. Würdest du sagen, dass etwas mehr Egoismus deiner Karriere zuträglich gewesen wäre?

In dieser Art von Game hätte mich ganz sicher eine gehörige Portion mehr Ego extrem viel weiter gebracht. Aber auch mehr Diplomatie und die Bereitschaft zum Fresse halten. Wer sich hier respektvoll hinten anstellt und darauf vertraut, dass sie einen Stück für Stück nachrücken lassen, kann bis zum St.Nimmerleinstag warten. Ich habe sogar ein starkes Ego und zwei harte Ellenbögen. Aber ich setze sie gar nicht oder nur zögerlich ein, weil ich schlichtweg nicht an Ego-Boosting glaube. Auch wenn es von außen als „stark“ bewundert wird, kann ich einfach nicht verdrängen, dass es, aus psychologischer Sicht, eine Demonstration von Angst und Unsicherheit ist. Da schreibe ich doch lieber direkt Texte über meine Unsicherheiten und Ängste. Das ist meine Art von Stärke. Meistens sitzt mein Ego auf der Ersatzbank und macht Dehnungsübungen. Aber wenn es dann doch mal für ein paar Minuten freigelassen wird, fallen Tore und die Elstern von den Bäumen.

In einem alten Interview hast du mal erzählt, dass du neben der Musik Workshops gibst. Ist das noch der Fall? Was machst du noch neben der Musik?

Ich habe einige Workshops gegeben. Mittlerweile aber nicht mehr. Angenommen das Goethe-Institut oder Viva con Agua fragen mich ob ich Workshops in Afrika oder sonstwo auf der Welt geben würde, dann würde ich keine Sekunde zögern. Ich will die Welt außerhalb Europas gerne mehr kennenlernen  und Verständigung war nie ein Problem für mich. Workshops zu geben war aber nie so richtig mein Ding, obwohl ich einige von den Jugendlichen ins Herz geschlossen habe. Als ich angefangen habe zu rappen wäre ich nie auf die Idee gekommen einen Workshop zu besuchen. Eher wäre ich mit Fahrradhelm ins Freibad gefahren und hätte meine Mutter vor der Schule abgeknutscht. Ich hab ja selbst Sozialarbeit studiert, aber ich möchte Pädagogik und Subkultur gerne voneinander trennen. Mit 20 Jahren bin ich mal in Bielefeld zu einem Workshop von „The Gastarbeitaz“ gefahren. Bin da mit gehöriger Verspätung einfach reingelatscht, hab die Beine hochgelegt und einen Joint gerollt. Ich hab denen gesagt sie sollen die ganzen Konzepte vergessen und einfach erst mal irgendeinen Mist freestylen, um Blockaden zu lösen. Die Pädagogen waren zurecht sauer, aber sie gaben mir recht und die Kids waren begeistert. Wir hatten uns dann darauf geeinigt, dass ich bleiben durfte, wenn ich den Joint ausmache. Was ich sonst noch so mache verrate ich euch heute noch nicht, außer, dass mein Label und ich einen Buchverlag gründen werden, über den wir meinen Psychothriller „Einmal Hölle und zurück“ in Buchform veröffentlichen werden. Ich bin vor ein paar Jahren in die Fußstapfen meines Vaters getreten.

Hast du mit dem Release wieder Blut geleckt? Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Natürlich habe ich wieder Blut geleckt und ich bewundere den Mut meines Labelmanagers so einen unkonventionellen Schubladenzertrümmerer wie mich noch einmal an den Start zu bringen. Er hat mir dabei auch stark geholfen mir selbst wieder mehr Wertschätzung entgegenzubringen. Man bringt heute einfach nichts mehr richtig zustande, wenn man kein Camp im Rücken hat. Das hat mir so lange gefehlt, weil ich vor fünf Jahren in Leipzig ein neues Leben angefangen habe. Ich lebe hier so ein bisschen wie Donald Duck, der von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt. Das Leben eines Pechvogels, für den sich hinterher doch wieder alles zum Guten wendet. In erster Linie will ich mit der Musik meine Seele heilen, und eine Base zusammentrommeln die sich darin wiedererkennt. Das ist mein Urmotiv, der Grund warum ich das hier alles überhaupt mache. Ich möchte den Menschen bedingungslose Rap-Musik schenken. Straight outta Soul. Aber ich habe auch die hohe Erwartung, dass man mir Erfahrungen zuteil werden lässt, die mit Geld nicht zu bezahlen sind.

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1 Comment

  1. Cobe

    28. Juni 2016 at 7:56

    Ein neues Rasputin-Album ist etwas dass ich mir schon lange wünsche und von dem ich aber nicht mehr geglaubt hätte dass es noch einmal passiert. Ein Release, auf das ich mich zur Zeit mehr freue als auf jedes andere. Danke für das Interview!

Erzähl Digger, erzähl

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