Die ganze Welt aus einem Blickwinkel MALKOVIC (aus BACKSPIN #118)

 

Wir haben einen Künstler gesprochen, der nie groß im Rampenlicht stand, dafür aber als Hintergrundakteur wichtige Impulse lieferte. Die BACKSPIN stand stets in Kontakt mit ihm, ohne seinen Namen mit einer Silbe zu erwähnen. Zuletzt sprachen wir mit 4Two7, der aus derselben Ecke kommt und ohne den Planet Asia sowie eine ganze Generation Backpack-Rapper vermutlich als Regionalmatadoren verpufft wären. Dieses Mal trafen wir Malkovich, der unmissverständlich klarstellte: „Wenn wir uns unterhalten, dann nur über meine Person und meine Musik, mehr nicht.“ wir beugen uns dem Wunsch, denn seine Geschichte ist viel zu aufregend, um sie nicht niederzuschreiben.

Malkovich, dich kennt doch keine Sau. Weshalb sollen wir uns mit dir beschäftigen?

Ganz einfach, weil DJ Premier, Gilles Peterson, DJ House Shoes, DJ Spinna, Esquire, Okayplayer, FHM und The Wake Up Show das sagen.

Du hast 1979 in Italien das Licht der Welt erblickt, als deine Eltern auf der Flucht vor der Islamischen Revolution im Iran waren …

Ayatollah Khomeinis Kämpfer stürmten den Iran. Überall gab es Ausschreitungen. Meine Mutter war hochschwanger und entschied, es wäre das Beste, zu gehen.

Und Miss Italy hat dir die Windeln gewechselt?

Aus dem Iran landeten meine Eltern in Genua, wo ich geboren wurde. Miss Italy 1978 war die Tochter unseres Vermieters und meine Babysitterin.

Wohin ging die Reise dann weiter?

Meine Kindheit verbrachte ich in vielen Ländern: England, Iran, Portugal, einige Zeit in Israel, dann Malta. Seit 1989 bin ich in den Vereinigten Staaten. Für zwei Jahre lebten wir in Libyen, in Tripolis, wo meine Schwester zur Welt kam.

Hast du dort die Schule besucht?

Ja, das war, bevor wir 1989 weiterzogen. Ich weiß gar nicht, ob meine Schule überhaupt noch steht. Nach Gaddafis Sturz wurde Tripolis angeblich dem Erdboden gleichgemacht.

War es schwer, in den USA aufgenommen zu werden?
Ich kam dort mit einem 60-Tage-Visum für Touristen an und blieb für die nächsten zehn Jahre illegal im Land. Zwar füllten wir unzählige Anträge für eine Greencard aus, was mir provisorischen Aufenthalt gewährte, dem Antrag wurde jedoch erst vor ein paar Jahren stattgegeben.

In Los Angeles konnte man eine Ausstellung be- suchen, in der du Fotos deiner Familie vor der Is- lamischen Revolution im Iran gezeigt hast. Was war Besonderes daran?

Als ich die Fotos sammelte, hätte ich nie gedacht, dass sich einmal so viele Menschen dafür interessieren würden. Ich sah einfach nur das Schöne auf den Fotos und stellte sie aus. Vermutlich erwarteten die Betrachter keinen westlich geprägten Iran. Die Frauen auf den Fotos kleideten sich, wie sie wollten und mussten nicht wie heute die Regierung fürchten.

Hat die Ausstellung ein größeres Echo nach sich gezogen?

Auf jeden Fall! Die Fotos fanden sich im Internet wieder, und wir erhielten sogar Anrufe aus dem Iran. Die BBC, The Atlantic und viele andere Me- dien packten die Fotos auf ihre Titelseiten. Sarah Silverman, Elijah Wood und andere Promis zeigten sie auf Twitter.

Machtest du dir keine Sorgen, man könne deine Familie für Propagandazwecke missbrauchen?

(Lacht) Die Fotos selbst sind im Grunde genommen schon Propaganda gegen den Mittleren Osten, und gegen den heutigen Mittleren Osten sowieso.

Wann hast du deine Passion für Graffiti und Rap entdeckt?

Ich war nie ein Graffiti-Maler. Wie kommst du da- rauf? Mitglieder meiner Gruppe Gershwin BLX haben gemalt, genauso wie unsere Fans. Also war ich von Graffiti umgeben. Ich war nie etwas anderes als ein MC. Seit den frühen 90ern. In der Mittagspause bildeten sich in der Schule Kreise zum Freestyle. Meine Zunge saß locker, und so blieb ich dabei.

Kommt Malkovich nicht aus Hollywood?

Ja, als John Malkovich bin ich der Typ, der andere die Welt durch seine Augen sehen lässt. So verste-          meine Musik. Außerdem ist John Malkovich ein sehr erfahrener Schauspieler, den nicht allzu viele Leute kennen. Also bin ich sein Pendant.

Wie wird man denn heute erfolgreich?

Wie immer: Nur die Übung macht den Meister. Und man braucht ein Geschäftsmodell für seine Musik.

EUROPA UND AMERIKA SIND AUSGEBRANNTE KONTINENTE FÜR LYRISCHEN RAP. ALSO LIEGT MEINE ZUKUNFT IN AFRIKA.

 

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