Die Farbe Lila – Vor zehn Jahren starb Down-South-Legende Big Moe

Hip-Hop und Drogen gehören wohl doch irgendwie zusammen, auch wenn es immer wieder ernstgemeinte Versuche gibt, das Gegenteil zu beweisen. Doch Blumentopf konnte schon vor 20 Jahren noch so sehr beteuern, dass Kiffen mit Hip-Hop nichts zu tun hat: Irgendwie war der Blunt doch immer dabei. Seit einigen Jahren aber scheint sich noch eine andere Substanz auch hierzulande zu etablieren. Man mischt sie mit Sprite und sie macht matschig und euphorisch zugleich im Kopf. Doch nicht erst seit Hustensaft Jünglings Namenswahl, nicht erst seit Onkel Bonez‘ Instagram-Stories ist der Purple Drank ein fragwürdiger Teil der (Trap-)Szene. Einer war maßgeblich dafür mitverantwortlich, dass das Mischen von codeinhaltigem Hustensaft mit Zitronenlimo ein Stück Lifestyle wurde. Wenig später hat ihn eben diese Mischung vermutlich umgebracht – wie viele vor und nach ihm. Im Oktober 2007 starb mit Big Moe ein Pionier, der Hip-Hop nicht nur maßgeblich vorangetrieben, sondern der Kultur auch einen Lila Anstrich gegeben hat.

Big Moe hieß eigentlich Kenneth Doniell Moore und wurde 1974 in Houston geboren. Er war zum Ende des vergangenen Jahrhunderts ein Mitglied der Screwed Up Click, die ihren Namen nicht zuletzt von DJ Screw hatte – einer weiteren Legende des Südens. DJ Screw machte nicht nur die Techniken des Screwings und Choppings populär, er war ebenso ein leidenschaftlicher Anhänger des oben genannten codein- und promethazinhaltingen Getränks, das als Lean, Purple Drank, Sizzurp oder Syrup bekannt ist. Screws Sound passte einfach perfekt zu der Droge: Er war hart und gleichzeitig weich, ziemlich langsam und trotzdem nach vorne. Screw und Purple Drank gehörten einfach zusammen. Das Lean war mit großer Wahrscheinlichkeit die Initialzündung seiner Karriere – die Substanz, die ihm und seinem Sound zum Durchbruch bei der ebenfalls codeingetränkten Jugend Houstons brachte. Und sie war mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit sein Todesurteil: DJ Screw, Bürgerlich Robert Earl Davis Jr., wurde im Alter von 29 Jahren tot in seiner Wohnung gefunden. In seinem Blut befand sich eine sehr hohe Konzentration von Codein.

Screwed Up als Lebenseinstellung

Schon vor Screws Tod trat dann eben Big Moe erstmals musikalisch auf dessen Mixtapes in Erscheinung. Was ihn jedoch von den anderen Mitgliedern der Screwed Up Click unterschied, war sein gesangliches Talent: Moe sang eher, als dass er rappte. Was ihn jedoch von anderen Sängern, gerade aus dem R&B-Bereich, unterschied, war sein Themenschwerpunkt. Moe war von der Straße und so sang er auch über die Straße. Und auf den Straßen von Houston, auf denen Moe aufwuchs, trank man Hustensirup, den man mit Sprite und zerstoßenen Bonbons mischte. Und so hieß sein Debüt-Album dann auch: City of Syrup.

Dieses Album war für die Szene des Down South wegweisend: Der Sound des Südens war nicht zu verleugnen, trotzdem ging es viel entspannter und melodischer zu als beispielsweise UGK, ebenso aus Texas und ebenso dem Sizzurp zugetan. Das lag nicht zuletzt auch daran, dass Big Moe seinen Gesang mit den Raps seiner Click-Mitstreiter zu unterlegen wusste. Auch im Vergleich zu DJ Screw war der dicke Typ mit dem Hut anders. Auch wenn sich beide thematisch durchaus überschnitten, repräsentierten sie die unterschiedlichen Seiten der gleiche Medaille namens Purple Drank: DJ Screw lieferte langsamen, harten Sound, der die ebenso langsame wie harte Seite des Codein-Rauschs intonierte. Big Moe hingegen zeigte sich euphorisch und dennoch tiefenentspannt. Selbst ein Kinderchor wie bei seiner Single „Barre Baby“ wirkte keinesfalls deplatziert. Was Moe ebenfalls von Screw unterschied, war der weitestgehende Verzicht von DJ Screws DJ-Technik auf seinen Alben. Bei Big Moe kam vielmehr das altbewährte Sampling zum Einsatz, in Teilen mit ähnlicher Stoßrichtung wie im G-Funk der Westküste. So landeten auch in Houston Samples von Funk-Legenden wie Zapp und Con Funk Shun auf den Tracks.

Lila Stempel

Auf sein Debüt folgte zwei Jahre später das Album Purple World, das sich zwar von der Produktionsqualität, nicht aber von der Thematik vom Vorgänger unterschied. Big Moe hatte seine Nische gefunden und ein neues Sub-Genre geschaffen, das sich irgendwo zwischen R&B, Trap, Down South und Soul verlor. Sein besonderer Sound fand sich bald auch auf den Tracks von anderen typischen Down-South-Künstlern wie Mike Jones oder eben Pimp C und Bun B alias UGK.

Roter, oder besser gesagt lilaner Faden war dabei immer der Purple Drank. Spätestens jetzt wurde das zweifelhafte Getränk ein Teil der Subkultur und auch die teils sehr jungen Hörer mischten sich das Zeug im sprichwörtlichen Doublecup oder strichen sich den Hustensaft zu allem Überfluss auf ihre Joints. Vor allem die einfache Verfügbarkeit des Codein-Sirups in Amerika beschleunigte den Siegeszug der Droge. Was dabei viele vergaßen oder verdrängten: Codein ist ein Opiat und damit eng verwandt mit Heroin. Nicht umsonst war es bis 1999 in Deutschland Substitutionsmittel für Heroinsüchtige, bis es von Methadon abgelöst wurde. Kurz gesagt: Codein macht schnell abhängig und ist potenziell tödlich – und das nicht nur durch Überdosierung, sondern auch durch Langzeit-Konsum. All das wurde und wird bei der Glorifizierung oder auch Normalisierung, auch hierzulande, oft unter den Tisch fallen lassen. Codein ist kein Gras. Man kann es überdosieren und man kann daran sterben. Wenn es dann auch noch in Kombination mit Promethazin oder Dextromethorphan kommt – beides ist in amerikanischen Hustensäften oft ebenso enthalten – kann das zu einer unkontrollierbaren Mischung führen.

Einer nach dem Anderen

Das wusste natürlich auch Big Moe, dessen Kumpel DJ Screw abschreckendes Beispiel genug sein sollte. Offenbar wurde das auch Moe selbst bald klar, denn regelmäßiger Konsum schwächt nicht nur das Herz-Kreislauf-System, es macht zudem auch dick. Immerhin enthält ein Doublecup ziemlich viel Zucker. Auf Moes drittem Album, Moe Life, war der Drank somit zwar immer noch Hauptthematik, doch zumindest an einer Stelle schimmerten Zweifel durch. „Leave Drank Alone“ auf einem Sample von „Never Leave Me Alone“ von Nate Dogg beziehungsweise “Where is the Love“ von Roberta Flack & Donny Hathaway, thematisiert in erstaunlich nachdenklicher Weise Big Moes Überlegungen, die Finger vom Drank zu lassen – nicht zuletzt nach dem schmerzlichen Verlust seines Freundes DJ Screw. „I’m trying to leave this drank alone“ – doch gelungen ist es ihm bis zuletzt wohl nicht.

Nach seinem dritten Album 2003 wurde es ruhiger um Big Moe, in Houston und weit darüber hinaus blieb er jedoch nicht nur Pionier, sondern auch Sympathieträger ganz abseits des Konsums. Letzterer gehörte aber wohl doch immer zum Selbstverständnis der Screwed Up Click. Am 14. Oktober 2007 erlitt Big Moe im Alter von nur 33 Jahren einen Herzinfarkt. Er fiel ins Koma, wenige Tage später war er tot. Nach DJ Screw, Fat Pat, Big Mello, Big Steve und Big Hawk war Big Moe damit das sechste Mitglied der Screwed Up Click, das frühzeitig verstarb. Keine zwei Monate später, am 4. Dezember 2007, starb ein weiterer Wegbegleiter Big Moes: Pimp C von UGK. Auch in seinem Blut wurde eine sehr hohe Konzentration von Codein gefunden.

 

Illustrationen: Joey Peine  

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Bei Mr. Doctor gelernt, bei Large Professor den Abschluss gemacht: Ob als Journalist oder einfach nur so, Flo steht auf diesen Hip Hop Scheiß - vom dreckigen Süden bis hoch zur Hansestadt.

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