Dexter: „Das sind die besten Sachen und die mir am meisten am Herzen liegen aus den letzten fünf Jahren“

Dexter

Er selber will sich nicht als den „Überbeat-Guru“ bezeichnen. Wir haben jedoch kein Problem damit, ihn zu den besten und einflussreichsten Produzenten der deutschsprachigen Hip-Hop-Szene zu zählen. Ihr denkt bei dem Namen Dexter eher an Fernsehserien, als an den Produzenten? Dann liegt das wohl weniger an dem qualitativen und konstanten Outputs des Stuttgarters, als viel mehr an dem nur langsam wachsenden Rampenlicht für die Künstler unserer Szene, die jenseits der Booth stattfinden.
Anlässlich seines neuestem Album „Raw Random Files“ sprachen wir Dexter irgendwann zwischen Beatsbauen und Nachtschichten im Krankenhaus.
 Das Gespräch ist bereits vier Wochen alt, jedoch konnten wir das Interview aufgrund eines Hackangriffes erst jetzt veröffentlichen.

DexterFoto: Robert Winter

Wenn man nach deinem Namen im Internet sucht, landet man zwangsläufig bei der gleichnamigen Serie. Hast du schon mal darüber nachgedacht deinen Namen zu ändern und wenn es nur die Schriftweise ist?

Dexter: Nein, eigentlich nicht. Ich habe den Namen schon so ewig lange, da gab es diese Serie noch gar nicht. Da gab es lediglich die Zeichentrickserie „Dexters Labor“ auf „Cartoon-Network“, aber ich habe mich auch nicht wegen ihr so benannt und dann kam diese andere Serie, die ich bis heute noch keine Minute gesehen habe. Ich habe dazu überhaupt keinen Bezug und sehe es nur ab und zu in den Kommentaren, wo geschrieben wird: „Wieso nennt sich dieser Spast wie die Serie?“ Das begegnet mir nur im Alltag so gut wie nie und deswegen denke ich darüber nicht nach.

Stimmt, die Serie erschien 2008 und du bist schon deutlich länger unterwegs.

Dexter: Seit ungefähr 2002 heiße ich Dexter, davor nannte ich mich DJ Parkinson. Alte DJ- oder Rappernamen können mitunter sehr unangenehm sein.

Parkinson, da du nicht sehr flüssig auflegen konntest?

Dexter: Ach, nein. Das war total dumm. Beim Scratchen zitterst du auch und keine Ahnung – richtig dämlich. Auf so Ideen kommt man als Jungspund und irgendwann kam dann Dexter. So hat mich dann auf einmal ein Kumpel genannt und fand ich cool.


Kann man da deinem Wikipedia-Artikel Glauben schenken, dass es daher kommt, dass du mit ausschließlich mit deiner rechten Hand scratchen konntest?

Dexter: Das habe ich jetzt schon ein paar mal so gesagt, aber ich muss ehrlich sagen, dass ich gar nicht mehr genau weiß, ob das genau so war. Ich habe irgendwann im Unterricht gecheckt, dass Dexter rechts bedeutet, aber rechts ist ein bisschen Scheiße, da Rechts immer mit rechtsradikal assoziiert wird und dann dachte ich mir, erfindest du mal die Begründung, die auch stimmt. Von daher hat das schon so gepasst. Aber die Leute wollen eben immer eine Erklärung und dann habe ich das so beibehalten.

Nachdem wir deinen Namen schon mal eingeordnet hätten, jetzt ab zu deiner neuen Platte „Raw Random Files“: Im Pressetext wird sie als Kompilation oft nachgefragter Instrumentals und Festplattenfunde bezeichnet, fühlt es sich deswegen anders an so ein Release zu veröffentlichen?

Dexter: Ja, schon. Ich selber habe die Sachen, die da drauf sind schon tot gehört. Aber auf der anderen Seite habe ich es aber immer mal wieder angemacht und es wäre schade, die Tracks vergammeln zu lassen. Das sind vor Allem viele Tracks aus meinen Live-Sets und bei denen auch oft nachgefragt wird, was das für Beats sind. Also die Nachfrage ist da und dann dachte ich mir, ich mache das wieder so traditionell mit einem roten Faden drin und da der Sound aller Tracks ähnlich sind und die auch so eine Ära repräsentieren, baller ich die jetzt so raus. So 100 Prozent wie ein neues Album fühlt es sich nicht an, aber für die Leute da draußen ist es ja relativ neu. Da ich parallel andere Sachen mache, die auch in eine andere Richtung gehen und ich so Konzeptalben im Moment gar nicht so mache ist mein Kopf mittlerweile schon wieder ganz wo anders, aber für mich ist das immer noch so ein Zeitdokument. Wenn ich das auf der Festplatte habe ist das schon lange nicht so cool, wie wenn man es auf Platte hat. So ist es sicherer für die Zukunft, mehr wie ein Archiv. Deswegen auch der Name „Files“. Aber keines Falls Ausschussware, sondern Tracks bei denen ich dachte: „Die müssen raus.“

Also würdest du auch sagen, dass deinem Output schon Jahre voraus bist?

Dexter: Das kommt ganz drauf an, woran ich zur Zeit arbeite. Manche Sachen landen sofort im Internet, aber bei so Sachen dauert das immer ein bisschen. Alleine schon weil das Pressen im Presswerk immer dauert. Manchmal, wenn man mit einem großen Label zusammenarbeitet, wie zum Beispiel bei dem Album mit Fatoni, da will Universal das Album schon lange im voraus, wegen ihrer Promophase. Von daher schon, wobei man dann eigentlich denkt, dass die Sachen nach zwei Jahren auch nicht mehr gut sind und sie doch nicht mehr rausbringen will. Aber in dem Fall von „Raw Random Files“ sind das die besten Sachen und die mir am meisten am Herzen liegen aus den letzten fünf Jahren, die sonst auf kein anderes Album gepasst haben und die kein Rapper gepickt hat. Nicht dass ich die für irgendwelche Rapper produziert habe, aber manchmal landet so ein Beat nicht auf einem Instrumental-Album, da er schon von einem Rapper gepickt wurde.

Mir wurde von einem Kollegen erzählt, dass dir jeder Rapper, der gerne ein Beat von dir hätte, ein Motivationsschreiben mitschicken solle. Ist da was dran oder ist das ein Mythos?

Dexter: Nein, kein Motivationsschreiben. Ich habe es immer gerne, wenn ich die Leute kenne, weiß wie die Ticken und schon mit ihnen gesprochen habe. Bei mir funktioniert ziemlich viel über die persönliche Ebene. Ich tue mir schwer mit Beatanfragen über Manager, die musikalisch gar nicht wissen, was ich mache und keine persönliche Bezugsebene da ist. Es gibt aber auch Ausnahmen: Casper hat sich die „Beatfight“-Videos damals angeguckt und ist einfach interessiert. Er hat mir dann persönlich geschrieben. Auch wenn ich die Musik von bestimmten Leuten nicht 100 Prozentig feiern kann, sie mir aber sympathisch sind und auch meinen Musikgeschmack teilen, dann ergibt sich eine Symbiose aus verschiedenen Welten. Aber das mit dem Motivationsschreiben? Nein, das klingt ja furchtbar (lachend). Ich überlasse viel dem Zufall und den Begegnungen. Ich bin nicht so der Beatanfragen-Beantworter.

Für mich war das eine ganz romantische Vorstellungen.

Dexter: Ganz ehrlich, ich will mich auch gar nicht darstellen, als wäre ich der „Überbeat-Guru“, dem man irgendwas schicken muss. Ich mache einfach mein Ding und wenn sich was ergibt und ich die Leute kennen lerne und mich mit ihnen gut verstehe, dann passiert was. Ich erzwinge nichts. Ich hätte bestimmt schon hier und da Beats platzieren können, die mir wahrscheinlich Gold- oder Platinplatten hätten verschaffen können, aber wenn es musikalisch nicht passt, dann will ich nichts erzwingen.

Gibt es aus deiner Sicht einen Überbeat-Guru?

Dexter: Also ich war immer der übekrasse Madlib Fan und habe eigentlich alles blind gekauft, was er rausbrachte. Mittlerweile habe ich mich da auch schon ein bisschen satt gehört, aber er ist für mich nach wie vor der Überguru, was Samples finden und seinen Musikgeschmack angeht. Da war er lange Zeit eine große Inspirationsquelle. Ich bin jetzt aber kein J.Dilla Jünger, obwohl ich ihn auch nach wie vor gut finde. Aber ich gehe auch ein bisschen mit der Zeit und sehe auch, dass viele neue Produzenten da sind. Diesen einen Beatguru gibt es gar nicht mehr unbedingt für mich. Ich orientiere mich mittlerweile viel zu breit gefächert, als das ich mich auf irgendwas festlegen könnte.

Falls ich mich aber festlegen soll, dann wahrscheinlich auf Madlib, wobei die Zeiten eben auch schon wieder vorbei sind. Da er auch schon wieder nicht so viel rausbringt. Wenn was rauskommt, dann catcht es mich auch nicht mehr so wie vor einiger Zeit.

Fällt dir spontan eine Produktion ein, die dich richtig beeindruckt hat in den letzten Monaten?

Dexter: Auf jeden Fall. Two-9 mit „Rolling“, produziert von Curtis Williams. Die perfekte Mischung aus den trappigeren Drums, aber mit einer richtig geilen organischen Baseline, die nicht so krass nach Plastik klingt. In dem Lied geht es zum Großteil auch nur um Alkohol und Hustensaft, aber das solltet ihr mal gucken.

Du meintest mal, dass deine Platinplatten nicht an der Wand hängen. Welche Preise hängen bei dir an der Wand?

Dexter: Bei mir an der Wand hängt eigentlich nicht viel. Man muss dazu sagen, dass ich mittlerweile ein sehr großes Regal voll mit meiner Plattensammlung habe und da stehen die Auszeichnungen oben drauf. Ansonsten hängen ein paar Plattencover an der Wand und ein echter Rober Winter. also ein eingerahmtes Foto, das er von uns, also Hulkhodn, Twit One, Suff Daddy und mir gemacht hat. Ansonsten hängt hier noch ein Bild, das meine Schwester gemalt hat und das wars. Andererseits habe ich auch sonst gar nicht so viele Preise gekriegt, vielleicht sollte ich meine Siegerurkunde von den Bundesjugendspielen mal wieder auskramen und dazu hängen.

Nach diesem Release soll es zu neuen Ufern gehen. Weißt du schon in welche Richtung der Wind weht oder wo du ankommen willst?

Dexter: Ich bin gerade dabei wieder ein paar Raptracks zu machen, da ich wieder Bock bekommen habe und vielleicht kommt auch das ein oder andere Überraschungsfeature, aber da bin ich gerade am Machen. Das mache ich ganz in Ruhe fertig und habe auch noch keine Ahnung, wann das rauskommt. So als Nachfolger von „Palmen und Freunde“. Vorher kommt noch eine EP für das Label „Moneysex“, das ist eigentlich ein House-Label. Diese bin ich gerade am fertig stellen und es wird kein House, aber es ist mehr Uptempo, ein bisschen verspielter mit mehr eingespielten Instrumenten. Das sind so die nächsten Sachen die kommen.

Also gibt es noch keinen fertigen Ordner, der nur darauf wartet zum Presswerk geschickt zu werden?

Dexter: Doch, diese EP ist quasi fertig. Ein Track wird noch verändert und dann geht es raus. Aber die Raptracks sind noch nicht so weit. Beats mache ich eh jeden Tag und da kommt sicher auch nochmal etwas Instrumentales, das musikalisch etwas anders sein wird als die bisherigen Sachen. Es hört sich immer so blöd an, aber als Künstler langweilt man sich irgendwann, wenn man immer dasselbe macht. Ich habe mich etwas gezwungen davon wegzukommen und mit  anderem Equipment zu arbeiten, damit es etwas interessanter bleibt.

Das besprochenen Release „Raw Random Files“ könnt ihr hier bestellen. Dexter findet ihr hier bei Facebook.

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Moin! Aachener, der irgendwas mit Medien studiert, ungern über sich in der Dritten Person schreibt und fest zu BACKSPIN gehört. Kopf ist kaputt, aber Beitrag is nice, wa.

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