Deutschstunde 3.0 (aus BACKSPIN #115)

Der diesjährige Sommer steht vor der Tür. Um gemütliches Herumhängen im örtlichen Park und im zugemüllten Festivalcamp gebührend zu zelebrieren, wollen Smartphone, Walk- und Discman selbstverständlich mit den neuesten Sounds aus Rap-Deutschland bestückt werden. Für den Fall, dass es schnell gehen und möglichst wenig kosten soll, werden nun die jüngsten Rap-Innovationen vorgestellt. Wichtigstes Kriterium nebst abzuliefernder Qualität: die dargebotenen Releases können heruntergeladen werden, ohne dass das Portemonnaie gezückt werden muss.

Der Free-Release der Ausgabe ist das neueste Werk des Wahlberliners Juse Ju und hört auf den Namen „Übertreib nicht deine Rolle“. Dem aufmerksamen Rap-Head ist der ehemals Stuttgarter MC mögli- cherweise bereits als „Rap am Mittwoch“-Finalist oder „Don’t Let the Label Label You“-Moderator in Erscheinung getreten. Thematisch schlägt Juse Ju in eine ähnliche Kerbe wie Kollege Fatoni (der an der Seite von Edgar Wasser auch Gastbeiträge beisteu- ert) und setzt sich etwa ironisierend mit gängigen Hypes oder dem eigenen Berlin-Umzug auseinander. Auf Beats von V.Raeter, Figub Brazlevioder Cap Kendricks funktioniert das nur allzu gut.

„Stevia“ ist der Titel des neuesten Tua-Streiches aus dem Hause Chimperator. Als Gratis-Beiwerk veröffentlicht Tua „(R)evia“, womit er ein ähnliches Konzept wie schon bei „(R)evigila“, der Ergänzungs-EP zu „Evigila“, verfolgt. Auf der acht Anspielstationen zählenden EP versammeln sich neben Neuinterpretationen einiger „Stevia“- Stücke auch unveröffentlichte Tracks aus der kreativen Schaffensphase zur EP. Für die experimentierfreudigen Remixe konnte Tua etwa die Produzentenkollegen Audhentik, Lambert, Nvie Motho und Portformat gewinnen.

Bereits ein kurzer Blick in die Credits von Dölls „Weit entfernt“-EP legitimiert den Download – tummelt sich doch hier die hiesige Produzen- ten otte um Dexter, Brenk Sinatra sowie Kollege Schnürschuh und versorgt den rappenden Protagonisten mit souligem Bumm-Tschak. Nach der vor drei Jahren erschienenen LP „Alles im Kasten“, an der Seite von Partner Nomis, wandelt das jüngste Wortsport-Signing erstmals auf Solopfaden. Zu „Weit entfernt“ kursiert im Netz auch ein Video in amtlicher Schwarz-weiß-Optik. Anschauen!

Rapstas neuestes Werk, ein Mixtape mit dem ebenso eingängigen wie beim ersten Hördurchgang einleuchtenden Titel „Trapsta“, gibt es sowohl auf legale Weise gratis zu erwerben als auch käuflich – für den geneigten Supporter. In feinster Trap-Manier bietet Rap-Künstler Rapsta wilde Flow-Variationen und allerlei Gimmicks auf dem basslastigen Sounduntergrund dar. Klar, inhaltliche Höhenflüge darf man hier nicht erwarten. Für alles andere eignen sich die 15 Tracks auf „Trapsta“ hervorragend.

Ebenfalls Freund von subwoofererprobtem Klang ist das fünfköpfige Wiener Konglomerat um Atomique, P.Tah und Con. Empfehlenswert ist die aktuelle Gratis-EP „Bass mal auf“, auf der sich neben sechs Tracks separiert die dazugehörigen Instrumentals versammeln. Für das druck- volle Soundgerüst haben die Wiener Jungs einen Blick in Londoner Vororte gewagt und mixen zeitgemäßen Trap mit einer gehörigen Portion Grime und diversen elektronischen Einflüssen.

Immer wieder gelingt es dieser Tage auch Frauen, in der Männerdomäne Deutschrap Fuß zu fassen – so auch Tice. Auf der EP „Each One Tice One“ überzeugt die Düsseldorferin mit cha- rismatischer Stimme und probatem Rap. Dass Tice hungrig und motiviert ist, beweist schon jetzt ihre reichhaltige Bühnenerfahrung, unter anderem als Ssio-Support oder als Act auf der Witten-Untouchable-Releaseparty.

Mit „O Genie, der Herr ehre dein Ego“ stehen Mo-D x PCP mit ihrem zweiten Album nach dem Vorgänger „Schall und Rauch“ in den Startlöchern. Für die gelungenen Gastbeiträge haben sich gar Kool Savas, Gregpipe und Separate hinter das Mic gestellt. Das Produzenten-Rapper- Duo liefert hochwertigen und hörenswerten Neo- Boom-Bap ab – mal souliger, mal dreckiger. Klickempfehlung: das Musikvideo zu „State of Mind“.

Reeperbahn Kareem, seines Zeichens Mitglied der Hamburger Rattos-Locos-Clique, hat seine sechs Tracks starke EP „Von der Wiege bis ins Grab“ releast. Zu dem Hauptakteur gesellen sich die üblichen Verdächtigen Nate57, Telly Tellz und Boz. Textlich bewegen sich die Hamburger Jungs zwischen Sozialkritik, Kiez-Representer und persönlicher Daseinsbeschreibung. Für die Produktion der EP zeichnet Altmeister Sleepwalker verantwortlich.

Shaheazy ist Teil des Künstlerkollektivs Grin- dingGlobal. Was auf „Weggefährte“ gleich ins Ohr sticht, ist das markante Stimmorgan des Kieler MCs. Shaheazy schlägt zumeist etwas besonnene Töne an, die mit den bisweilen pianolastigen Beats harmonieren.

Eine härtere Gangart nimmt da Rotten Monkey ein. „Akrasia“ schließt an die Vorgänger „Ungereimtheiten“ und „Die physische Wahrheit“ an und taugt als weiteres Beispiel für den immensen und hochwertigen Output des selbst ernannten ungekrönten Königs des postmodernen Dschungels. Auf düster-atmosphärischen Beats verbreitet Rotten Monkey seine ganz eigene Weltsicht, gibt persönliche Einblicke und erweist sich als guter Beobachter seines Umfelds. B

TEXT: STEFFEN KÖSTER

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