Deutschstunde 2.0 (aus BACKSPIN Mag #117)

Sobald aus dem angrenzenden Stadtpark Barbecue- Rauchschwaden in die Nase dringen und es aus jeder Ecke nach exzessiv konsumiertem Grünen zu riechen scheint, ist das ein eindeutiger Indikator für den Anbeginn einer angenehmen Jahreszeit. Pünktlich zum Sommer und damit zur anstehenden Festivalsaison werden an dieser stelle adäquate musikalische Neuerscheinungen aus Rapdeutschland präsentiert. Zeugt der Geldbeutel von chronischer Leere und ist die Zeit knapp bemessen, eignen sich die vorgestellten Releases perfekt, um sie mit auf den Campingplatz zu nehmen – schließlich gibt es sie ohne größere Umständlichkeiten zum Gratis-Download.

Das Free-Release der Ausgabe: Gratis, aber nicht umsonst preist der Fürther MC Johnny Rakete seine neue EP für einen ganzen Monat an. Um „Das Leben Das Universum Und Der Ganze Rest“ herunterladen zu können, muss der geneigte Hörer zuvor ein Level des Kultspiels „Space Invaders“ durchstehen. Die Belohnung sind fünf Tracks, für deren sphärische musikalische Untermalung HawkOne tatsächlich den „The Legend of Zelda“-Soundtrack nach Samples durchforstet hat. So bewegt sich „DLDUUDGR“ galant zwischen Nintendo-Nostalgie, klugen Lebensreflexionen und einem sympathischen Johnny Rakete, der die Kiffer-Mentalität für die EP mal beiseite und den Fokus auf anderes gelegt hat.

Als Dankeschön zum Charterfolg ihres Albums „Boomshakkalakka“ veröffentlichen die 257ers die neun Tracks starke EP „Schrottmusik“. Auf gewohnt trashigen Electro-Beats und in probater Woddi-Manier sind sich Shneezin, Mike und Keule für keine Ekelhaftigkeiten zu schade. Nebst den typisch-ausgefallenen Flow-Abfahrten rund um ihre Lieblingsthemen Hip-Hop und bewusstseinserweiternde Substanzen tüteten die 257ers sogar Gastbeiträge von Eko Fresh und Selfmade- Records-Labelkollege Favorite ein.

Dass Totenkopf-, Panda- und andere Masken nicht mehr länger nur der männlichen Fraktion vorenthalten sind, beweist Antifuchs, die ihre Hörer „Willkommen im Fuxxxbau“ heißt. Hungrig, wie man die Rapperin aus diversen Video-Battles kennt, inszeniert sich Antifuchs, indem sie auf technisch hohem Niveau gegen die Konkurrenz schießt. Auf den treibenden Instrumentalen funktioniert das nur allzu gut. Für die zeichnet nämlich Rooq aus dem Umfeld der Witten-Untouchable- Clique verantwortlich. Reinhören!

Um mit Missverständnissen im Rahmen seiner „Tourette-Syndrom EP“ aufzuräumen (man höre „14.11.14“), meldet sich Edgar Wasser mit einer frischen „Freetrack Collection“ – der vierten mittlerweile – zum Gratis-Download zurück. Unter den 16 Anspielstationen verbergen sich mehr und weniger bekannte Edgar-Tracks und -Features, gespickt mit allerlei intelligent-zynischer Lyrik des Münchners, mit der dieser der Szene seit Jahren ihren ganz eigenen Spiegel vorhält. Die abgetippten Texte zum heimlichen Unter-der- Dusche-Mitrappen gibt’s obendrein.

 

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