Deutschraps Sexismus-Problem – Hier wird Empowerment noch klein geschrieben

Die vergangene Woche verhalf einer – durch ihrer dauerhaften Präsenz immer wieder vernachlässigten – Diskussion zu neuer Aufmerksamkeit: Es geht um Sexismus im Deutschrap. Die Ausgangslage ist dieses Mal allerdings eine bedeutend andere als sonst. Denn dieses Mal stehen nicht nur Zeilen, Songs und Videos – die Kunst – im Vordergrund, sondern auch Rapper, Medien und Konsumenten. 

Dafür gab es mehrere Auslöser: Zum einen Vorwürfe gegen zwei Rapper wegen häuslicher Gewalt und der Bedrohung, zum anderen eine Recherche der Kollegen von VICE, die ergeben hat, dass einer von beiden bereits vor ca. einem Jahr mit einem Strafbefehl wegen sexueller Belästigung belegt worden sein soll (und die mittlerweile ebenfalls wieder offline genommen wurde).

Um diese jüngsten Fälle soll es an dieser Stelle aber gar nicht vorrangig gehen. Die Sachlage ist noch teils unklar und erst einmal gilt bei ungeklärten Ermittlungen natürlich die Unschuldsvermutung. Was allerdings besprochen werden muss, ist der Umgang mit solchen Vorfällen in der Szene.

Deutschrap muss endlich konstruktiv über Sexismus sprechen lernen.

Denn die öffentlich gewordenen Anschuldigungen brachten nicht nur eine Hand voll juristischer Schreiben in Redaktionen (und daraus resultierend verschwindende Website-Beiträge zu dem Thema) mit sich, sondern natürlich Diskussionen in den sozialen Netzwerken. Haben Hip-Hop-Medien den Auftrag, sich zu Vorfällen, die im „Privatleben“ der besprochenen AkteurInnen stattfinden, zu äußern? Wo liegen Grenzen einer Kunst(-figur)? Wo verschwimmen Kunst und AkteurIn? Und wie zur Hölle geht man als eine mittlerweile unüberschaubar breite Kultur-Szene mit alldem um?

Besonders deutlich unterstrichen die vergangenen Tage, dass Deutschrap auch abseits von Texten ein massives Sexismus-Problem hat. User-Kommentare sind am Dienstag voll von Victim Blaming, also das Suchen von Mitschuld beim Opfer. Sie hätte wissen müssen, auf wen sie sich einlasse, liest man da zum Beispiel.

Die mutmaßliche Tat selbst wird hingegen nur selten in Frage gestellt. Fans zeigen sich weder verwundert oder gar empört über die Art der Anschuldigungen. Rapper stellen sich oft als 100% authentisch dar, verkörpert seine Kunstfigur in jeder Minute, die er sich in der Öffentlichkeit zeigen. Zeilen des Kalibers „Nachts um halb drei, schreit sie: ‚Lass mich doch rein‘
Ich schrei: „Saskia, nein, muss ich Klatschen verteilen?“ (Song „Alles echt“, 2015)
sozialisieren einen Teil der Hörerschaft mit der Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen durch eine gelebte Kunstfigur. Die oft ausbleibende Kritik – auch von uns – bekräftigen solche Zeilen nur. 

Unsere Aufgabe liegt auch darin, Entwicklungen innerhalb der Szene zu reflektieren, einzuordnen und Diskurse anzuregen bzw. zu führen. Kultur funktioniert nicht objektiv, auf Grundlage von harten Fakten, sondern wird individuell wahrgenommen. Wenn wir einordnen wollen, dann gehört auch Kritik losgelöst von der Größe oder Nähe zu einem Künstler dazu. Das müssen wir in Zukunft besser machen.

Das Diskutieren mit denjenigen, die die Musik vermarkten oder Musiker auf Bühnen bringen und damit direkten Umsatz mit grenzüberschreitender Kunst erzielen, wird dabei gern vergessen – ist aber genauso notwendig. Eine klare Positionierung, auch von Musik-Konzernen, ist wichtig. Den Leuten im Hintergrund fehlt es oft an Greifbarkeit für Hörer. Es  macht das direkte Kritik üben schlicht umständlicher als an den Gesichtern der verknüpften Medienbranche. 

Wo wir als Medium im Gespräch über Diskriminierung genauso ansetzen müssen, ist nicht nur im Dialog mit Rappern und der Industrie, sondern eben auch mit den Lesern und Hörern. Denn Rap hat ein strukturelles Problem mit Sexismus; noch viel tiefer verankert als die übrigen Diskriminierungsprobleme, mit denen man in der Kultursparte zu dealen hat. Dass es oft einen Aufschrei von Betroffenen braucht, um diese Diskussion in ihrem ganzen Ausmaß aufzunehmen, ist ärgerlich. Den arroganten Fehler, sich nun darauf zu verlassen – sogar vorauszusetzen – dass AkteurInnen der Szene den Mut aufbringen, ihre Erfahrungen öffentlich zu Teilen, dürfen wir nicht machen. Auf den Schultern von Betroffenen lastet ohnehin genug. Das fasst auch Salwa Houmsi, Journalistin unter anderem bei rbb, funk und splash! Mag, treffend in einem jüngsten Statement zum Thema zusammen. 

 

Weibliches Empowerment hat es noch schwerer in einer Szene, die über Jahrzehnte aggressiv Sexismus eingetrichtert hat.

Das zeigt sich unter anderem im ebenfalls aktuell hochkochenden Fall Hustensaft Jüngling. Dem GUDG-Member wird vorgeworfen, auf Konzerten verbal wie körperlich sexuell übergriffig geworden zu sein. Auf ein angefragtes Statement antwortete uns der Rapper: „Ich habe rechtliche Schritte eingeleitet, gegen diese böswilligen Verleumdungen und behalte mir weitere vor.“ In seinem Social Media Statement geht Hustensaft Jüngling allerdings nicht auf die öffentlichen Vorwürfe ein. Er entschuldigt sich bei seinen Followern, ihnen das Bild des mutmaßlichen Opfers zugemutet zu haben. Was dort stattfindet ist – ungeachtet davon, ob die Anschuldigungen der Wahrheit entsprechen – nicht mehr „nur“ eine sexistische Pointe innerhalb der Kunst. Das ist aggressiver Sexismus als Witz, Diskriminierung einer realen Person als Maßname der Unterhaltung. 

So ein Abwinken demoralisiert, kann AkteurInnen den Willen und Mut nehmen, selbst aktiv in einer Szene zu werden, die mit Ablehnung reagiert und schlicht und ergreifend auch Angst machen kann. Um dem etwas entgegenzustellen plant Jana, die Betroffene im Fall Hustensaft Jüngling und ehemalige Tour-Mercherin der Crew, nun einen Verein ins Leben zu rufen, der Mädchen und Frauen, die Opfer von sexueller Belästigung geworden sind, stärken und Unterstützung bei öffentlichen Äußerungen geben soll. Auch Hustensaft Jüngling hat sich mittlerweile öffentlich, wie privat entschuldigt und versprach sein eigenes Verhalten in Zukunft intensiver zu reflektieren. 

Genau wie das Unterjubeln von einzelnen Zeilen, die Vergewaltigungen, sexuelle Gewalt und strukturelle Erniedrigung im Mantel der Kunst bagatellisieren, sorgt solche Art der Interaktion mit dem eigenen Publikum dennoch dafür, dass eine Bewegung, wie die Filmbranche es vor einiger Zeit mit #metoo erlebte, aus Deutschrap heraus unglaublich schwer zu realisieren wäre. Eben weil hier nicht nur die AkteurInnen und Strukturen innerhalb einer Industrie das Problem sind, sondern auch große Teile der Öffentlichkeit, die erreicht wird. 

Das zeigt sich auch unter anderem an Reaktionen auf die selbstbewusste und -bestimmte Inszenierung einer Shirin David. Ein User schrieb im Zuge der Online-Debatten der letzten Tage auf unserer Facebook-Seite:

„…nicht nur die sexistischen Lines von Typen gegenüber Frauen sind relevant, sondern auch die Frauen, die sich selbst zum Fickobjekt machen. Die sind ebenso kritisch zu sehen, insbesondere im Hinblick auf ihre Rolle bei kleinen Mädchen.“ 

Damit gehört er zu zahlreichen Hörern, die die Hamburgerin für ihr freizügiges Auftreten moralisch anzählen. Dass der Kontext, in dem Sex in Pop-Musik und -Kultur stattfindet, ausschlaggebend dafür ist, wo Sexismus stattfindet, wird gern vergessen/ignoriert. 

Gerade rund um die Auseinandersetzung mit Shindy und dem Song „Affalterbach“ wird argumentiert: „Freizügigkeit = Freizügigkeit“ und damit ein grundsätzliches Missverständnis von Empowerment bewiesen. In dem zugehörigen Musikvideo wollte Shirin David sich laut eigenem Statement Shindy nicht unterordnen und ließ den gemeinsamen Song (der trotz Absage veröffentlicht wurde) sperren. Denn natürlich ist es ein Unterschied, ob sie sich hypersexualisiert im eigenen Musikvideo oder als „Beiwerk“ im Video eines anderen, männlichen Rappers zeigt. Ihre „Rolle bei kleinen Mädchen“ bewirkt in der selbstbestimmten Inszenierung ihrer eigenen Musikvideos vielmehr einen Anstoß darin, sich so zu geben und aufzutreten, wie man selbst sich sieht. Dass man nicht in vorgegebenen, konservativ geprägten Mustern stattfinden zu müssen hat. 

Als auch sie sich dazu äußert, wie viel schwerer man es als Frau in der Rap- und Musik-Industrie habe, wird das Statement von vielen Seiten belächelt. Der Kommentar

„Du zeigst bisschen T*itten und A*rsch im Video, weil du ganz genau weißt, dass du damit Millionen Klicks generieren wirst – unabhängig davon, wie whack deine Musik ist. Mit ‚kämpfen‘ oder Talent hat das, was du da machst, nichts zu tun.“

erntet beinahe 3000 Likes und eine Welle der Zustimmung in der Facebook-Kommentarspalte der Kollegen von hiphop.de. 

Die Einschüchterung, mit der man bei einer Inszenierung wie ihrer in einer Szene wie unserer umzugehen hat – der unbestreitbar viel härtere Kampf den sie kämpfen muss – und damit auch die Ausmaße von Selbstsicherheit, die sie dadurch vermittelt, werden durch die kurzsichtige Argumentation „Brüste = Erfolg“ ersetzt. Über den Rattenschwanz aus psychischem Druck, mit dem sie als Kunstschaffende umzugehen hat, wird da wenig nachgedacht. Eben dieser Druck ist durch den viel direkteren Kontakt zur Hörerschaft durch Social Media in den vergangenen Jahren ein komplett anderer geworden, als man ihn noch vorher durch zB. die Boulevard-Presse kannte. „Welche Frau will sich den Stress geben?“ resümiert auch Fler im Talk mit Niko („Die Marke Fler“) auf dem Reeperbahn-Festival und berichtet davon, wie er den psychischen Druck auf und schließlich auch das Zerbrechen von Kitty Kat vor Jahren miterlebt hat.

Fundamental ist: Egal wie sexualisiert man sich selbst (in der Öffentlichkeit) geben will, steht niemandem das Recht zu, andere aufgrund dessen zu objektivieren. Und das muss gerade Männern von klein auf anerzogen werden.

Die gesamtgesellschaftliche Einordnung von Sex in der Popkultur muss viel reflektierter werden.

Genauso zeigt es sich in dem Umgang mit zahllosen anderen weiblichen AkteurInnen innerhalb der Hip-Hop-Szene und -Branche. Journalistinnen und MedienvertreterInnen haben Tag für Tag mit Diskriminierung durch Kommentare zu kämpfen. Wie zB. die Äußerungen von Ex-Hiphop.de-Moderatorn Helen Fares vor einigen Monaten verdeutlichen, auch durch andere aktive Szene-Angehörige zu leiden. Im Zuge ihres Rückzugs aus dem Musik-Journalismus erzählte sie unter anderem von Übergriffen auf einem Festival und wie schwer es ihr als Frau gemacht wurde, sich in ihrer eigenen Szene Respekt zu verdienen. Ihre Beschreibungen unterstreichen, wie sehr Frauen auch im Alltäglichen gern noch in der Rolle des Beiwerks, des Schmucks des „starken Manns“ gesehen werden. 

Und das ist natürlich kein Rap-Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Es äußert in dieser Kultur-Szene, die nunmal schon immer von Extremen geprägt war, einfach am aggressivsten. Dass es Frauen in zahllosen Teilbereichen der Gesellschaft schwerer gemacht wird, sie noch immer einen härteren Kampf kämpfen müssen, ist nicht von der Hand zu weisen. Das beginnt bei etwas fundamentalem wie der Arbeitswelt und zieht sich durch bis hin zur unterhaltenden Popkultur. 

All diese Missstände zu ändern ist – das zeigt das Ausmaß – ein langwieriger, anstrengender Prozess, der angegangen werden muss. Dass sich die wahrgenommene Tragweite des Ganzen aktuell auf einem absoluten Hoch befindet, bietet – so besorgniserregend die Entwicklung dahin zu bewerten ist – die Möglichkeit, wachzurütteln, den Diskurs immer weiter nach außen zu tragen und ihn Unumgänglich zu machen. Denn wenn die Szene, die einer solchen Diskussion bisher am ignorantesten gegenüberstand, für sich beginnt, konstruktive Arbeit gegen Sexismus zu leisten, dann hat das Strahlkraft. 

Dazu gehört eine Menge Selbstreflexion. Von Rappern, von der Industrie, von Medien und von Hörern. Dazu gehört es, Frauen bereits an der Basis in der Verwirklichung ihrer Vision zu stärken, Empowerment im Alltäglichen zu fördern, Aufklärungsarbeit zu leisten. Dazu gehört auch, dass Medien-Konzerne ihren moralischen Ethos klar definieren und durchsetzen müssen, von Plattenfirmen über Konzertveranstalter bis hin zu Streaming-Diensten wie Spotify, die direkt am Konsumenten agieren. Dazu gehört, dass wir als Musikmedien noch konsequenter problematische Inhalte als solche kennzeichnen und Hörer sensibilisieren, Beiträge verfassen, Gesprächsrunden organisieren. Und dazu gehört auch das Nachdenken über solche Vorgänge, das zurückschrauben von Trotz, in der breiten Masse. Genau darin liegt unser aller Aufgabe in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren!

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

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