Deutschrap im Discofieber

Es ist ein skurriles Bild: Bushido, der „Gangsterraptitan“ aus Berlin, fährt ins bayrische Bad Tölz, um in der Disko „Black Diamond“ aufzutreten. Den zweifachen Echo-Gewinner Kollegah zieht es in die 30.000 Seelen-Gemeinde Tuttlingen im Süden Baden-Württembergs. Wer nun glaubt, dass die beiden in letzter Zeit einen gewaltigen Karriereknick zu verkraften hatten, täuscht sich gewaltig. Deutsche Rapstars touren Wochenende für Wochenende durch die Mehrzweckhallen der Republik. Was früher nur ehemaligen Dschungelcampinsassen oder gescheiterten Topmodelkandidatinnen vorbehalten war, ist endgültig auch im Deutschrap angekommen. Nicht Marterias oder Cros Gute-Laune-Rap ist bei den Veranstaltern beliebt, sondern auch der so lange verpönte Assi-Rap.
Deutschrap und Disko, das waren bisher zwei verschiedene Welten. Auf der einen Seite die sogenannten Rüpelrapper mit ihren schonungslosen Texten über Kriminalität und das Straßenleben, auf der anderen Seite Hochglanz und heile Partywelt. Ausgelassene Feierstimmung und positive Vibrations, wie sie die Disko vermittelt, fanden bisher eher selten Erwähnung in Deutschrap-Tracks. Selbst Szenegrößen scheiterten bisher kläglich an dem Versuch, tanzbare Songs für die Disko zu produzieren. Das Urteil der Hörerschaft fiel meist gnadenlos aus. Als Sell out, schwul oder schlichtweg als nicht authentisch wurden die meisten dieser Versuche abgestempelt.

Vielleicht lehnen auch deshalb viele deutsche Rapper Diskotheken und alles, was damit zu tun hat ab.“Fick die Disco, weil ein Gangster nicht tanzt“, hieß es vor nicht allzu langer Zeit von Bushido. Seinen Erzfeind Kay One nannte er: „C-Promi-Dreck aus der Dorfdisko.“ Champagnerregen und kreischende Teenager, das sei Indiz für abgehobene Partyboys. „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“, wird sich der gerissene Geschäftsmann Bushido gedacht haben. Nur schwer lässt sich einschätzen, welche Gagen die Künstler bei diesen Auftritten einstreichen. Es muss sich aber um ein lukratives Geschäft handeln, wenn man bedenkt, wie viel Überwindung es einen Bushido kosten könnte, seine Meinung zu ändern. Vielleicht ist er auch selbst über die Versöhnung von Disko und Rap so überrascht, dass er sich im Nachhinein über die Verteufelung der Disko ärgert.

Natürlich wissen auch Bushido und Kollegah, dass keiner von ihnen erwartet, in Michael-Jackson-Manier die Tanzenden in Ekstase zu versetzen. Bei einer Clubshow handelt es sich eher um ein Minikonzert. Die meist minderjährigen Partygäste kommen einzig und allein wegen den Rappern. Die Jugendlichen stehen wie versteinert, ihr Smartphone umklammernd, vor ihren Idolen. Der Club ist hell erleuchtet. Einen Anblick, den man sonst nur geboten bekommt, wenn man sich nach einer durchzechten Nacht am nächsten Tag auf die Suche nach seinem verlorengegangen Portemonnaie, welches man im Nachtlokal vermutet.

Wenn die Gangster-Rapper aus der Großstadt dann ihre größten Hits performen und die Dorfjugend begeistert lauscht, ist klar: Deutschrap ist Mainstream. Merkwürdig, denn manche der vorgetragenen Songs haben ja noch nicht mal eine Hook zum Mitrappen. Mit Disko hat das hier alles wenig zutun, aber solange am Ende Fans, Veranstalter und Künstler zufrieden sind, ist das auch völlig egal.

Nur schwierig abzuschätzen, ob der Siegeszug des Deutschraps in den Mainstream unaufhaltsam weitergeht. Sind Bushido und Kollegah wohlmöglich die Türöffner für ihre Rapkollegen? Sieht man bald Jugendliche zu den Klängen von Massivs „Kokain Massaka“ das Tanzbein schwingen? Vielleicht können ja sogar Orte wie Bad Tölz und Tuttlingen, bisher nicht bekannt für eine ausgeprägte Rapcommunity, von den regelmäßigen Auftritten der Gangsterrapper profitieren und zu einer neuen Keimzelle Deutschraps werden. Dann heißt es irgendwann: Berlin, Hamburg, Frankfurt, Tuttlingen. Wer weiß?

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Paul Schwenn, geboren 1995, beendete im Jahr 2014 seine Schullaufbahn mit dem Abitur. Der glühende Fußballfan und treue HSV-Anhänger absolvierte bereits Praktika bei transfermarkt.de und dem Investigativ-Ressort der ZEIT. Neben Fußball und Politik begleitete deutschsprachiger Rap seine Jugend. Prägende musikalische Einflüsse aus seiner Heimatstadt Hamburg waren beispielsweise "Am Wasser Gebaut" von Fettes Brot oder Nate57 mit "Stress aufm Kiez". Für jede Stimmungslage oder Lebenssituation liefert ihm die vielfältige deutsche Raplandschaft den passenden Soundtrack.

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