Deutsch-Rap, du Hans – Ein voller Bauch protestiert nicht gern

Brothers Keepers

Vor fünfzehn Jahren debütierten Brothers Keepers mit „Lightkultur“. Adè Bantu (bürgerlich Adegoke Odukoya) gründete den mehr als achtzig afro-deutsche Künstler umfassenden Verein anlässlich der zunehmenden rechten Gewalt gegen Ende des vergangenen Jahrtausends. Diese gipfelte schließlich in der willkürlichen Ermordung des afro-deutschen Fleischers Alberto Adriano, dessen Tragödie Brothers Keepers in ihrer erfolgreichsten Single verarbeiteten – sein Nachnahme stiftete den Titel. Und obwohl über zweihunderttausend Kopien die Plattenläden des Landes verließen und als „Beste Single“ mit der 1 Live Krone geadelt wurden, standen dem Verein um Xavier Naidoo, Samy Deluxe, Afrob und co. kaum mehr als vier weitere Jahre öffentlicher Schaulust bevor. Heute scheint ihr Aufruf zu Toleranz und Akzeptanz gänzlich erloschen, während die rassistische und religiös-motivierte Gewalt allmonatlich von Höhepunkt zu Höhepunkt schreitet. Insofern stellt sich die Frage wie deutscher Hip-Hop, ursprünglich als Stimme der sozialen Verantwortung und heute zu einer Zusammenkunft erfolgshungriger Egomanen und schaulustiger Halbstarker verkümmert, kollektiv versagen konnte.

Adè Bantu lebt wieder seit sieben Jahren in Nigeria. Heute feiert er als Organisator von „Afropolitan Vibes“ große Erfolge und intensiviert damit den Dialog, vor allem zwischen seiner deutschen und nigerianischen Heimat. In unserem Gespräch teilt er mir allerdings auch mit, dass er den Rassismus nicht mehr als sein lebensbestimmendes Thema sehen kann, auch wenn er sich hierzulande immer wieder “einmischt”. Der Kampf gegen die Xenophobie zermürbt ihn, denn seine Kinder sehen sich noch immer dem selben institutionellen Rassismus ausgesetzt, den ihr Großvater bereits vor fünfzig Jahren in Deutschland erlebte.

„Wer sich zu Hip-Hop im eigentlichen Sinne bekennt, bekennt sich gegen Sexismus, gegen Rassismus und zu einer Utopie für alle.

Deshalb lebten Brothers Keepers und er mittels Hip-Hop als energetisches Sprachrohr der Jugend eine Utopie vor, in dem sie als Afro-Deutsche sagten: „Wir sind stolz Deutsche zu sein“. Doch schon auf der ersten Pressekonferenz sah sich der Verein mit allerlei Irritationen konfrontiert: “Ob Brothers Keepers ohne weiße Mitglieder nicht auch rassistisch sei” oder „wie nahe sie den Black Panthers (einer radikalen Afro-Amerikanischen Gruppierung) stehen würden“. Offenbar verstand man nicht was Brothers Keepers eigentlich bedeutete. Aber nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Hip-Hop-Szene hat in Adès Augen versagt. Menschen mit Texten ohne Bedeutung und Idealen wurden zu Vorsprechern, während “Herkunft” und “Identität” zu schlicht, zu eindimensional behandelt würden. Plötzlich waren die Rapper bemüht nicht mehr anzuecken – denn Anecken bedeutet weniger Verkäufe, keinen Major-Deal und keine Rotation im Air-Play. Früher fing Hip-Hop mit seinem Jams Randgruppen und Außenseiter auf. Heute füllen rechte Organisationen und Islamisten diese Lücke und zerstören die Progressivität der Jugend dort, wo Hip-Hop sie zu Denkern mit sozialer Verantwortung machte. Zum Schluss unseres Gesprächs vermittelt mir Adè nochmals eindringlich: „Wir müssen uns das Rassistische, das von der Gesellschaft Anerzogene, aberziehen und uns selbst umerziehen. Im Jahr 2016 ist Ignoranz keine Entschuldigung mehr, denn mit den verfügbaren Mitteln steht man in der Pflicht sich weiterzubilden. Und wer sich zu Hip-Hop im eigentlichen Sinne bekennt, bekennt sich gegen Sexismus, gegen Rassismus und zu einer Utopie für alle.“

Und dabei untermauert gerade die Ausnahmestellung des Brothers Keepers-Projektes, dass diese Utopie in Rap-Deutschland durchaus vorhanden, nie aber kommerziell erfolgreich war. Politischer Rap der Marke „Made in Germany“ diente nur dann als Speerspitze der Szene, als sie streng genommen noch gar keine war. Es ist offensichtlich, dass das Anecken erheblich leichter fällt, wenn die Kunst nicht die Sicherung des eigenen Lebensunterhalts verspricht. Und während erfolgreiche Frauke-Petry-Disses und Refugees-Welcome-Tracks kaum mehr als an der Oberfläche der Thematik kratzen, erhalten Songs wie Chima Edes „Wir sind das Volk“ nicht die verdiente Aufmerksamkeit, trotz bemühter Promo seitens der Rap-Medien. Es ist offensichtlich, dass der Künstler immer nur so klug ist, wie seine Gefolgschaft.

Allerdings unterscheiden sie sich allzu oft in deren Herkunft. Laut Jeffrey Ogbar, Direktor und Gründer des „Center for the Study of Popular Music“, besteht der Großteil der amerikanischen Hip-Hop-Hörer aus weißen Mittelstandskids, der Großteil der Rapper aber aus Afro-Amerikanern aus Problembezirken.

Die Mehrheit ergötzt sich offenbar an einem Tellerwäscher auf seinem Weg zum Millionär, während sich nur Wenige mit der dargelegten Situation des Rappers tatsächlich identifizieren.

Das Verhältnis ähnelt stark dem hierzulande. Es genügt bereits ein Blick auf die plötzliche Explosion von Erstplatzierungen unzähliger Rap-Alben in den Charts, die zufälligerweise mit der Entdeckung der „Limited-Premium-Deluxe-Boxen“ zusammenfällt. Im Klartext: Erwachsene Männer rappen nach dem Wundertüten-Prinzip den Vor-Pubertären unverhohlen das Taschengeld aus dem Umhängebeutel mit Cowboys drauf. Auch in Deutschland erkämpft sich der Gladiator unter dem Applaus eines mehrheitlich lausbübisch-schaulustigen Publikums seine Freiheit.

In Ländern, in denen Missstände greifbarer sind, oder zumindest „mehr“ Jugendliche akut um die eigene Zukunft fürchten, ist der politische Rap mitunter die wichtigste Strömung des Genres. Ja, geradezu identitätsstiftend für eine Generation von Heranwachsenden. Politischer Rap trifft nur dann auf breites Gehör, wenn sich die Fanbase der Ernsthaftigkeit, mit der der Rapper soziale Schieflagen und Diskriminierungen anspricht, mittels eigener Erfahrungen bewusst ist. Die italienische Szene veranschaulicht das thematische Gefälle zwischen reich und arm, hedonistisch-sinnlos und bitterem Ernst ganz treffend: Während sich Rapper aus dem wohlhabenden Mailand zu Nobel-Clubgängern stilisieren, betet Neapels Jugend Co‘Sangs sozialkritisches und todtrauriges „Int‘o Rione“ frommer als das Ave Maria. Auch Athen ist zugekleistert mit dem Konterfei Killah Ps, der, 2013 von Rechten ermordet, der anti-faschistischen Bewegung als rappender Märtyrer dient. Ganz zu Schweigen von Ländern außerhalb Europas. Natürlich ist man angesichts solcher Beispiele froh, dass Deutschland nur marginal betroffen ist.

Doch natürlich findet sich trotzdem auch eine deutsche Edition von echtem, politischen Rap – der allerdings findet fernab großer Bühnen statt. Ausnahmen bilden allerdings K.I.Z. und die Antilopen Gang. Doch so edel ihre Absicht auch sein mag, bleibt die Frage unbeantwortet, wie üppig deren Erfolg ohne eine gehörige Portion spektakulären Zynismus ausfallen würde. Naja, immerhin.

Eigentlich schön, dass sich die Hauptakteure des deutschen Rap ungezwungen aus Neo-Dadaisten und Bossen mit Reichsbürger-Allüren zusammensetzen kann. Schön ist auch die kompromisslos offene Kritikverträglichkeit – die „Ist doch nur Rap“-Attitüde.

Allerdings wird die lockere Umgangsform doch arg getrübt, wenn Staigers (absolut richtiges) Statement zu Kollegahs Palästina-Mockumentary mit „du zionistischer Hurensohn“ kommentiert wird.

Und anhand solcher Beispiele tritt auch das eigentliche Grundproblem zu Tage: Der große Gegner des deutschen Raps scheint nicht die Kritikfähigkeit, sondern Reflexion und Ernsthaftigkeit. Denn geht es um den eigenen Block und die schwere Kindheit, liegt der Fokus auf dem größtmöglichen Wahrheitsanspruch. Erbittet man jedoch Erklärungen und Positionierungen außerhalb der eigenen Darstellung, beruft sich der Rapper auf sein Dasein als Entertainer. Clever gemacht und doch eine immerwährende Zwickmühle der Verantwortung, die in hochaggressiven Zeiten nicht mehr ignoriert werden kann.

Mainstream-Deutsch-Rap, es geht nicht darum erwachsen werden zu müssen. Aber in deinen Tracks unreifen Scheiß labern und dem Gewissen zuliebe über den Social-Media-Account hastig eine politische Allerwelts-Position abpausen? Das kannst du besser. Du musst lernen dich klar zu positionieren, wenn es ernst wird. Das kennst du doch aus deinen Schlägereien. Oder warst du etwa noch nie in einer verwickelt?

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

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