Der Szenewanderer – Romano im Interview

Roman Geike macht was er will, wann er will und wie er will. Er ist ein musikalischer Tausendsassa. Schon Ende der 90er bespielte er unter dem Namen MC Ramon zusammen mit der Band Maladment die Bühnen. Trotz BMG-Deals wurde das Projekt schnell wieder eingestampft. Es folgten Ausflüge in Schlager, Drum n’ Bass und dunkles 4 to the Floor Gestampfe. Festlegen wollte sich Roman nie, genauso wenig wie stagnieren. Nach fast 20 Jahren Musikerdasein gab es ihn jedenfalls noch nicht, den gefürchteten Stillstand.

Deswegen trafen wir Romano, wie er sich derzeit nennt, auf dem Splash! Festival. Gerade widmet er sich wieder seiner alten Liebe Rap, die auf dem neuen Album “Jenseits von Köpenick“ mündete. Jetzt sitzt er am See. Im Hintergrund Ferropolis, die Stadt aus Eisen. Romano wirkt zufrieden, schüttelt ohne eine Spur von Missmut Hände und strahlt die ganze Zeit über eine verschmitzte Freude aus. Mit Indianerzöpfen und Death-Row-Pullover wirkt er wie ein Exot zwischen dem typischen Splash!-Publikum. Als wir kurz auf Westcoast-Rap zu sprechen kommen leuchten seine Augen und es ergießt sich ein Kugelhagel an Künstlernamen, die ihn früher geprägt haben. Da merkt man einmal mehr: Romano liebt Hip-Hop. Genauso wie Metal, genauso wie Schlager. Romano liebt Musik. Ein Gespräch über das Vorortidyll Köpenick, flaschensammelnde Rentnerinnen und Romanos Verständnis von HipHop.

Romano1 kleinRock, Schlager, Drum nBass-MC, und jetzt HipHop. Warum bist du so rastlos?

Das Leben ist so bunt und farbenfroh, dass es schade wäre, sich nur auf eine Sache festzulegen. Man startet vielleicht als Kind irgendwo, wird dann als Jugendlicher durch seine Szene und seine Jungs beeinflusst, aber stehenbleiben möchte ich nicht. Das wäre wie, wenn ich immer nur Milchreis mit Apfelmus esse, aber gar nicht weiß, wie geil Grießbrei mit Kirschen schmeckt. Die Vielfalt macht es. Durch die vielen Einflüsse, die ich in meinem Leben mitbekommen habe, möchte ich viel machen. Für mich existieren keine Grenzen. Jeder setzt sich die starr im Kopf, aber für mich sind sie so nicht existent. Das heißt: Ich mache, was ich will. Einfach so.

Viele Künstler geben sich, um deine Metapher aufzugreifen, mit Milchreis mit Apfelmus zufrieden.

Das ist völlig ok wenn der Mensch sich auf einen Bereich, den er abdecken will beschränkt. Ich höre zum Beispiel auch Black Metal und da gibt es viele, die großartige Musik machen und ausschließlich bei Metal bleiben. Ich kann das verstehen. Aber mir persönlich würde ein Bereich nicht reichen, weil ich nicht weiß, was ich im nächsten Jahr machen möchte.

Für mich besteht HipHop aus der Mülltonne und der Goldkette. Wenn nur noch die Goldkette existiert, dann verliert er an Reiz.

 

Welcher der vielen Bereiche hat dich bisher denn am meisten erfüllt?

Ich habe lange HipHop gehört und angefangen Liebe für die Westküste zu entwickeln. Das siehst du vielleicht auch an meinem Death Row Records-Pullover. Die ganze Westküste, Los Angelas mit Death Row, Sacramento und auch Oakland. Too Short, E-40, Mack Mall, Mac Dre und waren großartig. Wenn du dann runtergehst, hast du noch Brother Lynch Hung oder C-Bone. Unglaublich talentierte Typen. Außerdem bin ich ein großer Fan von DJ Quick und MC Eight. Das hat sich über die Jahre bewahrt. Ich habe im Auto die verschiedensten Sachen, aber wenn ich smooth fahren will: Westcoast, ganz klar.

Verstehen dich die Hörer bei all dem Durcheinander?

Wenn man als Künstler darauf Rücksicht nehmen würde, wäre vieles in der Kunst nicht entstanden. Hätte man beispielsweise gesagt: „Nach der Romantik kommt nichts mehr“, wäre das zu wenig. Sie wird gebrochen und es kommt der Impressionismus,  dann der Expressionismus. Der wird gebrochen und es passiert Dadaismus. Ich mache das, was aus mir rauskommt. Der erste Gedanke ist, dass ich das was ich mache machen muss.

Du musst das machen?

Ja, weil ich will. Weil ich den Antrieb habe – den inneren Willen genau das zu machen. Das ist eine Leidenschaft, die ich spüre und ausleben möchte. Genauso ist „Metallkutte“ entstanden, weil ich früher Headbangers Ball und YO! MTV Raps geguckt habe und beide Genres total spannend fand. Jeder wird da abgeholt, wo er abgeholt werden möchte. Wenn er es nicht verstehen will, dann muss er das ja nicht. Andere finden es wiederum gut, dass da jemand als Szenenwanderer über die verschieden Bereiche rüberspringt. Warum also nicht machen?

Romano2 kleinDer Konsens des Albums ist: progressiv. Passt das zu deiner Heimat Köpenick, die nicht gerade ein Hort für Radau ist?

Köpenick ist für mich der Ruhepol und Köpenick ist für mich das Zuhause. Wenn im HipHop Orte repräsentiert werden, dann ist es das Zuhause, es ist der Kiez, es ist der Corner und es ist der Block. Ich bin sehr viel im Zentrum Berlins und komme immer wieder zurück. Ich ziehe mich an und fahre in die Stadt, aber am Ende stehe ich immer wieder nackt in Köpenick am Bahnhof. Das ist für mich viel erleben, viel machen und dann nach Köpenick in die Heimat zurückkommen und mit den Omas abhängen. Da ist der Imbiss und da ist das Center – das finde ich schön.

Deine Musik würde mit einem gepflegten Berlin-Mitte-Lifestylealso noch verrückter werden.

Du meinst ja, dass sie schon nach vorne geht. Ich habe mal versucht in eine WG an den Alexanderplatz zu ziehen. Das war mir dann zu viel. Ich brauche das Zurückgezogene, den See um mich herum und in Dosen wieder den Rummel der Stadt zusammen mit meinen Jungs. Ich glaube ,jeder sollte sich einen kleinen Ruhepol schaffen. Ob das nun sein Zimmer ist, das er abschließen kann oder der Stadtbezirk in dem er abhängt.

Köpenickist eine Hymne für Köpenick. Man könnte sagen: Du bist das Aushängeschild des Bezirks.

Ich glaube, dass sich Leute einfach freuen nach dem Motto: „Da ist jemand, der etwas macht“. Ich werde manchmal umarmt. Es gibt definitiv eine Wertschätzung und das fühlt sich gut an. Aber ob ich jetzt das Aushängeschild bin … Ich bin einfach ein Junge, der in Köpenick sein Ding macht und das auch besingt. Deswegen sehe ich mich nicht als Aushängeschild. Aber vielleicht spricht mein Album ja Leuten aus der Seele oder baut sie in einer schwierigen Phase auf. Das ist etwas, was mir als Künstler unglaublich viel Kraft gibt.

Ich ziehe mich an und fahre in die Stadt, aber am Ende stehe ich immer wieder nackt in Köpenick am Bahnhof

 

Du willst, dass die Banken abfackeln. Aber Geld und Materielles spielen im HipHop seit jeher eine große Rolle.

Das Materielle kannst du später nicht mitnehmen. Du kannst es anhäufen, aber dann hast du vielleicht einen Schlaganfall oder dir fällt ein Stein auf dem Kopf und das alles nützt dir nichts mehr. Die Frage ist eher: Was nimmst du für die geistige Substanz mit? Jeder kann machen was er will und über alles singen. Aber für mich besteht HipHop aus der Mülltonne und der Goldkette. Wenn nur noch die Goldkette existiert, dann verliert er an Reiz. Es ist in meinem Kosmos dann nicht mehr Existenz. Das, was ich an HipHop geliebt habe, war die Goldkette – raus aus den Slums. Und dazu die Mülltonne: das repräsentieren der Straße. Wobei ich das auch in anderen Musikrichtungen sehe. Ich habe die ersten Alben von Künstlern, die grandios sind.Irgendwann nach dem dritten Album merkst du, dassder Künstler gerade an seinem Hummer oder seinem Champagner erstickt. Man spürt die Sattheit.

Ist es nicht aber ein gutes Zeichen für die Gesellschaft, wenn die Mülltone weitestgehend wegfällt, weil es der Mehrheit der Bevölkerung gut geht?

Ich weiß nicht, ob das was Gutes ist. HipHop ist aus der Motivation des Probleme Aufzeigens heraus entstanden. Es gibt weltweit und auch in diesem Land immer noch genügend Probleme. Wenn das gar nicht mehr passiert, hätte HipHop für mich versagt. Man muss ja keinen auf Che Guewara machen. Aber auf meinem Album gibt es diese eine kritische Nummer und die liegt mir am Herzen. Ich habe bei mir im Viertel eine Oma mit ihrem Enkel Flaschen sammeln gesehen. Die alte Dame hat bestimmt vierzig Jahre für den Staat gearbeitet. Warum reicht die Rente dann nicht aus? Eine Frau bekommt dann vielleicht 600 Euro Rente und sammelt noch Flaschen. Das tut mir in der Seele weh. Deswegen ist „Brenn die Bank“ ab entstanden. Ich möchte aufzeigen.

Fällt es dir leicht, nachdem du auf kitschige Art und Weise die Liebe besungen hast, in eine gewisse Aggression umzuschwingen und Probleme aufzuzeigen?

Das sind beides Teile von mir. Wir bestehen aus verschiedenen Persönlichkeiten und sind mehr als nur eine Facette. Ich bin vielleicht mal verkitscht, verliebt. Da bin ich erregt und sauer, aber dann bewegt wieder etwas auf eine andere Art und Weise. Es passieren mehr als zwei Dinge. Es gibt unglaublich viele Abstufungen. Die konnte ich mit Schlager und auch mit HipHop erfüllen. Wobei das Album wieder wunderbare Schlager-Momente enthält. Was die Leute jetzt hören sind die Entwicklungen der letzten Jahre als dicker Sirup zusammengerührt.

 

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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