Der innere Choleriker: Fan-Armeen und Ewiggestrige, verschwindet! (Kolumne)

Ich bin kein Masochist, aber letztens habe ich etwas getan, das im kleinen Stil einem digitalen Auspeitschen gleicht. Ich habe mir ein Interview auf TV Strassensound mit Fler und Davud angesehen und es nachfolgend bei Twitter kritisiert. Fler konterte mit: „Warum so schlau und trotzdem pleite?“ – Na gut, wenn er meint. TV Strassensound verteidigten ihr Format, auch wenn Davud mit so journalistisch wertvollen Glanzaussagen auffuhr, wie: „Geh zu einem Böhmenmann hin und ziehe ihm eine.“ Das geht gar nicht, das ist schlicht schlecht.

Vermutlich werden beide ihre Ansichten auch durch einen Twitterpost oder eine Kolumne nicht ändern. Im Falle von Fler sieht man das im aktuellen BACKSPIN-Interview deutlich, in dem er jegliche Kompromissbereitschaft, Diskussionsetikette und Einsichtigkeit vermissen lässt. Eine andere Meinung ist offensichtlich nicht akzeptiert und wird niedergeschrien. Dass TV Straßensound auch ein PR-Tool für Künstler sei und keine Kritik zu üben der leichtere Weg ist, das gestanden sie bei Twitter aber immerhin ein.

Wer tatsächlich noch mehr über die Stränge schlägt und das regelmäßig, sind die Fan-Armeen einzelner Rapper. Um die soll es deswegen hauptsächlich gehen. Ich wurde nach meinem Tweet jedenfalls ordentlich von Leuten beleidigt, die wahrscheinlich noch nicht mal legal einen Range Rover fahren dürften. Diese zu allem entschlossenen Armeen scheinen ihrem rappenden Vorbild verfallen zu sein wie Sektenmitglieder ihrem Führer und reden ihm nach dem Mund ohne irgendwas zu hinterfragen. Der war nämlich mal auf Platz 1 in den deutschen Albumcharts und ist real oder schön oder besonders schlau oder besonders Straße. Fegt aber das leiseste Lüftchen der Kritik durch ihre Fan-Welt, dann wird wüst beleidigt. „Hurensohn“, „Schwuchtel“, „Du hast keine Ahnung von Rap“ und so weiter.

Dasselbe passiert, wenn eine neue Generation von Rappern etwas grundsätzlich anders macht. LGoony und Yung Hurn und sogar Cro sind so konträr zu Bushido oder Kool Savas und Samy Deluxe, wie es eben geht. Alteingesessene Verfechter des vermeintlich „echten“ HipHops/Raps, wahlweise in XL-HipHop-Uniform oder in abgewetzter Cordon Sport, werden dann zumindest im Internet laut. Sie beleidigen die Künstler, ihre Befürworter und natürlich die Medien, die sich vom angeblich „echten“ HipHop abgewandt haben. Obwohl das wohlgemerkt nicht stimmt, sondern nur die komplette Bandbreite eines Genres abgebildet wird, das noch nie so vielfältig war wie zurzeit.

Diese Leute – und damit meine ich nicht prinzipiell diejenigen, die mit neuen Entwicklungen nichts anfangen können, aber jeden machen lassen oder konstruktiv ihre Meinung kundtun, sondern alle, die ihre beschränkte, intolerante Sicht lautstark und beleidigend propagieren –, sind nicht mehr als frustrierte Populisten. Denn nicht einmal liest man neben all den bösen Worten eine konstruktive Kritik. Es gibt nur schwarz oder weiß. Es wird ähnlich wie bei den Rednern einer PEGIDA-Demonstration, bloß in einem anderen Kontext, alles Neue schlecht geredet. Spricht da die Angst vor Veränderung ähnlich wie bei den Rechtspopulisten? Und woher kommt der Hass auf Leute, die etwas anders machen, die HipHop weiterspinnen? Vielleicht fühlen sich einige dem Soundtrack ihrer Jugend beraubt oder sind selbst gescheiterte Rapper, die anderen ihren Erfolg nicht gönnen. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Aber die Wahrheit ist: Niemand nimmt jemandem etwas weg. Keiner hindert euch daran, die Musik zu hören, die ihr für den wahren HipHop haltet. Aber gleichzeitig entwickelt sich diese Musik eben stetig weiter. Vor allem HipHop, ein Genre, das sich seit jeher durch den globalen Musikkosmos zitiert und alles samplet, was nicht niet und nagelfest ist. Dieses strikte Ablehnen anderer Strömungen aus Prinzip ist demnach sinnlos und wird allen, die inbrünstig hassen nichts bringen außer eine tiefe Zornesfalte auf der Stirn. Bezwecken werden die digitalen Wutausbrüche trotzdem nichts, der Wandel geht weiter.

Genauso wie 16-jährige Ultras der Rapper ihrer Wahl nichts bezwecken, wenn sie Medien, Kritiker, Andersdenkende und Leute mit anderen Vorlieben beleidigen. Sie machen sich damit vor allem lächerlich. Außerdem stellt sich die Frage, warum man seinen Lieblingskünstler vor den „bösen“ Kritikern und allen, die seine Musik nicht zu Tode feiern, schützen möchte. Traut man ihm etwa nicht zu, dass er selbstbewusst genug ist, das abzukönnen? Mit dieser Denke macht man sein Vorbild nur kleiner als es ist und blamiert es vor Außenstehenden, die als Erstes womöglich die asozialen Kommentare der vermeintlichen Fans mitbekommen. Am Ende geht es hier um Musik, die von Künstlern an die Öffentlichkeit getragen wird. Es gibt immer jemanden, dem das gefällt und jemanden, der andere Sachen lieber mag. Einseitig ist die Rezeption von Kunst nie. Beleidigungen bringen da auch nichts mehr. Also lasst es. In zehn Jahren werdet ihr euch dafür schämen, was ihr damals mit euren noch nicht mal ausgewachsenen Fingerchen wütenden in die Tastatur des alten Arbeitslaptops eures Vaters getippt habt. Realkeeper und Rapper-Jünger – freut euch über all diejenigen, die Musik nach eurem Geschmack machen, unterstützt sie, geht auf deren Konzerte, damit ihr weiter mit eurem Stoff beliefert werdet. Aber verschwendet nicht eure Zeit für destruktive Internet-Randale.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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