Der innere Choleriker: Ein Plädoyer gegen Cloud Rap (Kolumne)

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»Hey Johann, willst du eine Kolumne schreiben«, hat man mich gefragt und ich habe blind zugesagt. Um Rap soll es gehen, um die Szene, um ihre Protagonisten, Fans und zu guter Letzt um Musik. Klingt einfach, ist es aber nicht, habe ich gemerkt, denn mit was aus dem unerschöpflichen Themen-Potpourri soll ich mich beschäftigen und vor allem: Wen interessiert das?

Wen interessiert Beef? Wen interessieren die Charts? Wen interessieren Meinungsartikel zu irgendwelchen Jan-Böhmermann-Aktionen und Stier(nacken)kämpfen von erwachsenen Männern, die sich wie störrische Kinder verhalten? Mich zum Beispiel reichlich wenig. Deswegen soll es im ersten Text um Musik gehen. Der innere Choleriker in mir wird mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür sorgen, dass ich spätestens im nächsten Text in eine der Rap-Mikrokosmos-Debatten einsteige, die mich eigentlich so ankotzen. Spätestens dann wahrscheinlich, wenn mal wieder jemand über die Stränge geschlagen hat und man die Aktion nicht einfach mit Ignoranz abstrafen kann. Doch wie gesagt, erst mal geht es um deutsche Rapmusik. Die war 2015 so vielfältig wie nie zuvor und ich hoffe doch, dass es 2016 bei dieser angenehmen Pluralität bleibt. Nur eines ging gar nicht: Cloud Rap.

Ein Plädoyer gegen Cloud Rap

2015 war das Jahr des Cloud Raps und ich spreche nicht von der Musik, die unter dem Begriff zusammengefasst wird, sondern von dieser vermeintlichen Genrebezeichnung. Doch Cloud Rap ist kein Genre. Es ist ein konstruierter Begriff, unter dem man versucht, verschiedenste musikalische Strömungen zu bündeln, die sehr oberflächlich betrachtet noch zusammenpassen mögen, aber eigentlich völlig unterschiedlich sind. Hustensaft Jüngling, Crack Ignaz, Yung Hurn und LGoony in einer Schublade? Das funktioniert vielleicht, wenn man von jedem exakt einen Track kennt oder die optische Aufmachung vergleicht. Ansonsten aber so gar nicht. Denn musikalisch liegen zwischen ihnen Welten.

Doch warum avancierte das Unwort dann zu einem der Hype-Begriffe in 2015? Vermutlich deswegen, weil Musikjournalisten manchmal faul sind. Denn sie bzw. wir haben das Subgenre, das es gar nicht gibt, maßgeblich mit geprägt. Anstatt die musikalische Ästhetik einzelner Künstler genauer unter die Lupe zu nehmen und Besonderheiten zu charakterisieren, dachte man sich wohl: Ah, Autotune, 808s, unberechenbare Release-Zyklen und »Money, Lean, Bitches«-Themata, das nennen wir jetzt einfach Cloud Rap. Main Attrakionz haben ihre Musik doch auch so bezeichnet und »Cloud«, das klingt doch modern. So einfach ist es eben nicht. Deswegen bin ich dafür, dass der Begriff Cloud Rap 2016 ganz schnell geschreddert wird und man sich frei davon macht, neue Musik auf Krampf in Genre-Schubladen zu stecken. Durch das Internet, das globalen Austausch unter Künstlern fördert, entwickelt sich Musik heute sehr viel schneller, als noch vor einigen Jahren. Hat man für das Eine das vermeintlich perfekte Branding gefunden, sind längst fünf neue Stile aus dem überdimensionierten Web-Topf hervor gekocht. Daran sollten sich Konsumenten, Journalisten und Künstler anpassen und mit dem Schrei nach schneller Schubladeneinordnung aufhören.

So altbacken es klingt, zusammengefasst ist das alles noch Rap bzw. Hip-Hop, auch wenn die knallbunten, verrauschten Klänge und Bilder oft so futuristisch anmuten, dass einem der Mund offen stehen bleibt und man sich fragt, was da eigentlich gerade auf einen einprasselt. Die Suche nach Subgenres ist da gar nicht nötig. Für niemanden ist es förderlich, unterschiedliche Künstler zusammenzufassen, denn am Ende steht jeder für sich und Kopien können getrost ignoriert werden. Zu guter Letzt haben weder Crack Ignaz, noch Mauli oder LGoony Lust darauf, sich unter dem Begriff Cloud Rap zusammenfassen zu lassen. Keiner kann sich damit identifizieren. Wenn also, abgesehen von Main Attrakionz, keiner von sich sagt, dass er Cloud Rap macht und auch sonst niemand eine klare Definition des Nicht-Genres hat, warum hält dann überhaupt noch jemand daran fest? Eben. R.I.P. Cloud Rap, und ein Hoch auf Crack Ignaz, LGoony, Yung Hurn, Mauli und Co.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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