Der innere Choleriker: Der Fan als Zuhälter des (Straßen)Rappers (Kolumne)

Letztens war ich auf RapUpdate, habe mir ein TV Straßensound-Interview angesehen und danach ein Fan-Fragen-Video von HipHop.de laufen lassen. Überall ging es um Streitereien unter Rappern, die nichts mit Musik zu tun hatten. Doch wer findet so was eigentlich geil? Wen bitte interessieren oberflächliche Kinder-Streits? Viele, wie es aussieht und das nervt. Schuld sind die Rapper dabei aber oft selbst, denn sie ducken sich vor ihren Fans. Es fehlt an Mut.

Es hat mal wieder geknallt. Der eine Straßenrapper hat dem anderen vorgehalten, dass der ja eigentlich gar nicht rappen könne und ohnehin: Seine Hose sehe scheiße aus und Sex mit Frauen, den habe er auch nicht, der „Hurensohn“. Zugetragen wurde dem Anderen diese Nachricht nicht als konfrontativer Song, sondern als Nachricht via Twitter. Alle konnten es sehen. 1200-mal favorisiert, 333-mal geteilt. Eigentlich hätte der Andere jetzt arrogant lachen können, weil da irgendein missgünstiger Furien-Rapper im Internet sein Unwesen treibt. Er hätte ihn ignorieren können und sich über seine eigenen Errungenschaften, das neue Studio, die Nummer-Eins-Platzierung aus dem letzten Jahr und den Deal mit diesem neuen Streetwearbrand, den es jetzt in den HipHop-Shops gibt, freuen können. Stattdessen dreht auch er die Bässe und die Mitten des gerade laufenden Beats herunter. Musik spielt jetzt keine Rolle mehr. Es bleiben hysterische Höhen übrig, die sich in einer 140-Zeichen-Antwort entladen. Es wird zurückbeleidigt, denn es gibt (zumindest aus seiner Perspektive) keine andere Wahl.

Über Internet-Kämpfe von Straßenrappern, die sich beleidigen, versuchen so viele Leute wie möglich auf ihre Seite zu ziehen, wahllos mit Ausdrücken um sich werfen, die so oft verwendet werden, dass sie ihre zerstörerische Kraft längst verloren haben, kann man bei den Kollegen von RapUpdate lesen. Viele gibt’s da. Um Musik geht es kaum. Es sind die verzweifelten Versuche von Männern, für ihre Zielgruppe ein Image aufrechtzuerhalten, dass sie eigentlich in der Musik verarbeiten und als Privatperson gar nicht mehr verkörpern (müssen). Denn Kriminalität und Gewalt wird gerade deswegen in Tracks thematisiert, um im realen Leben eben nicht mehr kriminell und gewalttätig sein zu müssen. Einige Hörer verstehen das nicht.

Denn wenn sich jemand in Tracks als rumballernder, fickender, tickender Supermann stilisiert hat, dann muss er laut deren Denke darauf antworten, wenn ein anderer pöbelt. Das erwartet der 12- bis 20-jährige Hörer aus der Kleinstadt in denen abgesehen von einer Schlägerei vorm lokalen Discounter wenig passiert und der pubertierende Möchtegern-Pablo-Escobar. Wenn etwas passiert, holen beide den Dödel aus der Hose, während der Blick gebannt auf dem Bildschirm haftet. „Geil, es gibt wieder Beef“, denken sie. Nach und nach brauchen sie mehr, fordern von Al Gear, dass der einen unbedeutenden Rapper Namens Tatverdacht durch ein Ekelvideo ins Aus kapituliert, und feuern Toony oder Fler dazu an, doch jetzt endlich mal jemanden zu vermöbeln. Sonst wären sie nämlich keine Männer.

Rapper, prostituiert euch nicht!

Ich sage: Rapper, scheißt auf irgendwelche unreifen Internet-Sadisten, die sich tierisch darüber freuen, wenn ihr Lieblingsrapper, der zum (Billig)-Unterhaltungs-Dienstleister mutiert, mal wieder so richtig ausrastet. Würden sich alle von Kindergarten-Streitereien verabschieden und sich wie vernünftige Leute bepöbeln, also auf Tracks oder eben gar nicht, dann würden auch diejenigen, denen es nur um ekligen Gossip geht, zu anderen Formaten weiterziehen. Und ganz ehrlich: Braucht es solche Fans? Fans, die einen wegen der Streits abfeiern und nicht wegen der Musik. Wenn sie die Hauptzielgruppe ausmachen, sollte man sich als ambitionierter Rapper eher fragen, ob es nicht der falsche Weg war, offensichtlich belanglose Alben zu veröffentlichen.

Rapper, die ständig darauf beharren, zu handeln „wie ein Mann, Bruder“, sollten tatsächlich mal ihren Mann stehen, sich auf belanglose Streits gar nicht erst einlassen und stattdessen ihre Fans damit konfrontieren, warum sie so geil darauf sind, dass ein Musiker keine Musik macht, sondern sich im Internet und im echten Leben rumprügelt. Was bitte hat das für einen Mehrwert? Keinen. Doch das trauen sich leider die Wenigsten und bedienen stattdessen die lüsternen Mäuler der Kinder mit den viereckigen Augen, die das Geld in die Kassen spielen. Sie machen ihre eigenen Fans zum Zuhälter ihrer selbst und fühlen sich dazu gezwungen, immer weiter auf die Kacke zu hauen, um nicht in der Versenkung zu verschwinden. Denn hat man einmal Schwäche gezeigt, so der Gedanke, kaufen die Kids lieber die Deluxe-Box des vermeintlich Stärkeren. Das ist traurig. Die Zeit, die für Internetstreits, Video-Blogs und Co. draufgeht, könnte auch in Musik investiert werden. Denn wenn die Qualität stimmt, dann rückt Beef in den Hintergrund. Dann lösen sich die Onanierenden vor den Bildschirmen in giftgrünem Schleim auf. Das sieht man zum Beispiel bei Haftbefehl oder der 187 Straßenbande, die harten Rap machen, aber es einfach nicht nötig haben, ihre Energie mit destruktiven Konflikten zu verschwenden.

Also, Rapper: Prostituiert euch nicht!

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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