Dellé: „Ich habe keine Ahnung, was Jan Delay auf dem Song gesagt hat, aber Gzuz bleibt mir hängen.“

Du hast keinen großen Druck kommerziell erfolgreich sein zu müssen, da du natürlich Seeed im Rücken hast. Andererseits landete dein Debüt auf der Elf. Hast du Gedanken an Komptabilität, wenn du an Solosachen arbeitest oder ist das ein reines Herzensprojekt?

Das ist auf jeden Fall ein Herzensprojekt! Wie wichtig das alles mit den Charts ist, habe ich auch erst mit meinem ersten Album festgestellt. Ich habe bis zuletzt geglaubt, dass sich Qualität durchsetzt und nicht über kommerzielle Singles der Weg in die Charts geebnet wird. Gerade weil meistens auch die Seeed-Songs, die nicht ausgekoppelt werden, meine Liebsten sind. Das ist aber ein Irrtum! Das System ist so aufgebaut. Man kriegt gar nicht mit, dass jemand eine Platte herausgebracht hat, wenn er keine Single hat. Und diese Top Ten, das ist irgendwie das Tor zur weiteren Rotation. Dann hast du Chance überhaupt weiter hoch zu kommen, wie bei einer Hyperbel. Von daher, weil ich möchte, dass die Leute meine Musik wahrnehmen, muss ich mich auch danach richten. Es geht gar nicht darum, dass ich solo Stadien und Hallen fülle, aber ich möchte einfach, dass die Leute das wahrnehmen und sagen, dass es ihnen gefällt oder halt nicht. Wenn die das aber nicht mitkriegen, dann wäre das schade. Von daher, kann ich nicht sagen, dass es mir egal ist, wo es chartet. Ich mache ja auch Promotion dafür, weil das der einzige Grund ist, dass es charten kann. Jemanden zu erklären, dass er meine CD kaufen muss und nicht das Video auf YouTube 1000 Mal klicken soll, das mache ich damit es einfach bekannter wird und mehr Leute hören, was ich zu sagen habe. Und das möchte ich ja auch – das kann ich ganz klar so sagen.

Beeinflusst dich das denn auch bei der Produktion?

Du arbeitest ja mit einer Plattenfirma zusammen. Wenn ich mein Dancehall-Heavy Metal Projekt machen möchte, was nichts mit Plattenverkäufen zu tun hat, dann ist es klar. Sobald ich aber mit einer Plattenfirma zusammen arbeite, kommt der kommerzielle Aspekt hinzu, der gar nicht negativ konnotiert sein muss. Aber ab diesem Punkt geht es um Geld, das wieder reinkommen muss, weil die Produktion etwas kostet. Und diese Auseinandersetzung allein erwartet schon, dass es Singles gibt. Wofür werden Videos gedreht? Was sind diese Teaser, die die Leute dazu bekommen sollen in das Album rein zuhören? Sobald das passiert, dann ist es für mich schon kommerziell. Wenn man so einen Song wie „Tic Toc“ zum Beispiel nimmt. Da fand ich die Hook erst, ja „cheesy“ ist vielleicht das falsche Wort, aber in dem Sinne schon kommerziell. Ich wollte das Thema Zeit auf jeden Fall positiv und fröhlicher angehen und nicht so wie bei „Sekundenschlaf“ von Marteria, wo die Idee auch so ein bisschen herkommt. Die erste Strophe von „Tic Toc“ habe ich übrigens geschrieben, weil wir „Sekundenschlaf“ von Pierre und Marteria eigentlich mit Seeed spielen wollten, wenn Marteria nicht dabei ist. Ich fand das Thema so geil und wie Marteria daran gegangen ist. (Fängt an zu rappen) „Du bist nicht so alt wie du dich fühlst, sondern so alt, wie du alt bist. Jeder Oma hat ein Arschgeweih…“ So sind die daran gegangen und ich find’s eher lustig, wie Menschen, wie unsereins, später da sitzen wird, sich alte Fotos und Videos angucken und denken: „Man, waren wir toll“ und unsere Kinder finden das voll dated und voll cheesy und wir versuchen dann aber uns teure Autos zu kaufen um noch einmal Chicks klar zu machen bevor wir dann mit einem großen Schuss abtreten.

Ich meinte nur, dass das mein einziger richtiger Dancehall-Track ist, mit dem ich mich mit den anderen, die das drauf haben, messen möchte und gar nichts gerade machen werde.

Ich wollte auf eine lustige Art diese europäische Midlifecrisis darstellen und das mit Dancehall. So ist eigentlich „Tic Toc“ entstanden. Die Plattenfirma meinte dazu, dass die Dancehall-Strophen schon einen Tick zu krass seien und der deutsche Markt das vielleicht ein bisschen gerader, Hip-Hop lastiger benötige. Ich meinte nur, dass das mein einziger richtiger Dancehall-Track ist, mit dem ich mich mit den anderen, die das drauf haben, messen möchte und gar nichts gerade machen werde. Gentleman und ich finden auch, dass derRefrain eher ein bisschen cheesy ist und nicht die Strophen, aber die Welt da draußen sieht’s anscheinend andersherum. Ich finde es aber gut, dass man durch einen eingängigen Refrain vielleicht Leute zu Dancehall bekommt, die da vorher noch nicht so hardcore drin sind. Diese Mischung ist es ja auch. Ich bin selbst ein Pop-Hörer, der neben Bob Marley, ACDC und Rammstein eben viel Franky Goes To Hollywood, Madonna und Radiomusik gehört hat. Es ist nicht nur Reggae. Was für viele damals die Beatles und die Rolling Stones waren – das war Reggae für mich, den ich selbst in Ghana aus Afrika begriffen habe. Das war ein Typ für mich, der auf der Straße lebte und mit Dreadlocks herumlief und sich die Haare nicht waschen konnte, wie es sie auch in Ghana gab. Das war etwas verpöntes! Aber dieser Typ, der mit gepflegten Dreads da stand und davon gesungen hat zurück nach Afrika zu kommen, das war wie Punk für mich. Das war Rebelmusic. Um den Bogen wieder zu bekommen: Im Endeffekt finde ich es gut, wenn Leute hier reinschnuppern und die Begeisterung finden, die wir alle hatten und brauchten, um so weit zu kommen. Dieses Wort „Kommerz“ ist für mich gar nicht so negativ behaftet, wie es früher war. Das ist aber auch eine Altersfrage, glaube ich.

Ich habe es auch gar nicht negativ gemeint. Habe da in erster Linie dran gedacht, da du bei deinem Soloprojekt vermeintlich nicht auf Kommerz angewiesen bist.

Bei Seeed sind wir nicht darauf angewiesen. Das muss nicht immer etwas krasses sein. Da ist man irgendwie gesettled. Bei einem Soloprojekt muss all das ja erst einmal finanziert werden. Es ist nicht so wie früher, dass man einen fetten Vorschuss auf den Tisch geknallt bekommt und scheiß drauf. Man investiert, muss eine große Band bezahlen, Hotels und Studiomiete zahlen. Da muss man sich die Frage stellen ab wann die Produktionskosten aufgefangen werden. Die Show soll natürlich auch fett sein, auch wenn es ein kleines Soloprojekt ist. Das darf aber trotzdem vom Sound und der Qualität nicht gegen meine Hauptband abstinken. Klar denkt man bei mir als erstes an Seeed, das ist aber ein komplett neues Ding. Die Projekte stehen für sich.Nur du alleine entscheidest, was getan werden muss.

Genießt du die Autonomie im Schaffensprozess?

Ich genieße, dass ich beides habe und nicht entscheiden muss. Ich bin kein Mensch mit einer Führernatur um mal dieses dumme Wort zu benutzen (lacht). Bei Seeed hat sich Pierre diese Position aufgrund seines Könnens und seiner Person erarbeitet. Da genieße ich es sehr ihm zuzuarbeiten. Ich weiß schon aber auch, was ich will. Bei sowas kannst du zu zweit, mit Guido, aber auch einfach arbeiten. Bei Seeed ist das natürlich auch manchmal etwas anstrengender eine Entscheidung zu finden, aber es liegt mir beides sehr. Ich freue mich aber auch auf die Überschneidungen von Seeed und Dellé Konzerten auf den Festivals in diesem Sommer. Das ist geil, das macht Spaß. Zwei Musiker aus meiner Band spielen auch bei Seeed und erleben es ja auch mit, wie ich bei Dellé bin und wie ich bei Seeed bin. Es ist geil einfach beides zu haben. Ich kann Deutsch haben, ich kann ghanaisch haben, ich kann aber auch Seeed und Dellé haben. Es ist ein großes Potpourri (lacht).

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Da wir hier bei einem Hip-Hop-Magazin sind: Wie sehr verfolgst du Rap und beeinflusst dich dieser?

Man geht natürlich mit offenen Ohren durch die Straßen und hörst bestimmte Sachen. Ich bin nicht unbedingt damit sozialisiert. Ich bin eher mit Rock, Reggae und Pop aufgewachsen. Das ist wie beim Fußball. Da begebe ich mich besser nicht auf die falsche Fläche (lacht). Es ist aber ein Teil unserer Kultur geworden und viele Sachen sind ja tendenziell ähnlich mit dem Gedanken, sich als Jugendkultur frei zu machen. Megaloh war das letzte was ich mir angehört habe. Den habe ich am Anfang auch echt falsch eingeschätzt. Das kenne ich persönlich auch von Samy Deluxe. Da war ich einfach zunächst von seinem Äußeren abgeschreckt. Das ist wie beim Rastamann, der klischeebehaftet kiffen muss. Einfach diese Form der Präsentation, die einem manchmal überhaupt nicht dieses Ohr, gibt da auch mal hinzuhören. Ich habe letztens aber „Sing meinen Song“ gesehen als Xavier Naidoo seinen Text rezitiert hat. Das war ein super Beispiel, wie manchmal Präsentation und Kommunikation dafür nötig ist, um jemanden überhaupt zum hinhören zu bewegen. Da kommt deine Frage wieder auf ob ich sauer bin, wenn Leute meine Texte nicht schnallen. Das liegt an mir. Wie will ich etwas präsentieren?

Ich habe keine Ahnung, was Jan Delay auf dem Song gesagt hat, aber Gzuz bleibt mir hängen.

Dann soll ich halt nicht Patois singen, wenn ich etwas rüberbringen möchte. Und wenn ich etwas böses wiederspiegeln möchte, muss ich auch böse aussehen. Um nun auf Megaloh zurückzukommen: Der hat auf mich wie ein Proll gewirkt und dann habe ich durch Interviews gemerkt, was das für ein klar denkender Typ ist. Dann kommt auch noch diese Max Herre Geschichte, die so südafrikanisch angehaucht ist, da kriegst du mich sofort mit! Das Stück ist der Hammer. Und jetzt habe ich natürlich ein Ohr und bekomme alles mit. Man muss die Leute halt erst zum zuhören bewegen. Bei mir spielen natürlich auch noch all diese Phasen mit rein: Papa werden, älter werden, seine Rudeboy-Zeiten hinter sich lassen. Den neuen Beginner-Song habe ich natürlich auch nun mitbekommen, Gentleman ist ja auch dabei. (Beginnt zu rappen) „Was los Digga, ahn ma/Wie wir gucken, wie wir labern“ Da dachte ich auch zuerst: „Was ein Proll, alter“. Das ist aber so geil, wie er dahintersteht, was er sagt. Das ist echt. Ich habe keine Ahnung, was Jan Delay auf dem Song gesagt hat, aber Gzuz bleibt mir hängen. Oder bei Ssio, da habe ich ins neue Album reingehört. Alleine das Intro! Wie er da nach dem letzten Wort sucht: „Ah, genau, Nutte!“ Da hat er mich sofort gehabt, weil er mir gezeigt hat, dass er über sich lachen kann. Wenn ich mittendrin reingeskippt hätte, weiß ich nicht, ob ich ihm zugehört hätte. Nun denke ich mir aber: „Alter, was eine Produktion!“ Von daher, klar, solche Sachen bekomme ich schon mir. Ich war aber auch so in meiner eigenen Produktion drin, dass natürlich viel an mir vorbeigegangen ist.

Dancehall und Reggae nehmen aber auch immer viel mehr Einfluss auf deutschen Rap. Gerade die 187 Straßenbande mit Gzuz, aber auch Leute wie RAF Camora tragen ihren Teil dazu bei.

Krass. Nee, habe ich tatsächlich nicht so mitbekommen. Gentleman sagte aber auch gerade zu mir, dass es eine Welle gibt, mit der das zurückkommt. Ich bin aber auch gar nicht drin im Moment und höre in dem Genre nicht so wirklich etwas und habe deshalb auch nicht das Gefühl, dass ein Hype da ist. Wenn man sich die letzten Jahre aber mal ansieht, gibt’s alle zehn Jahre einen Hype. Nach zehn Jahren kommt ein Hoch und dann geht’s wieder runter – in Deutschland. Das komische ist, dass alle Länder um Deutschland herum – also die mit einer Kolonialvergangenheit wie Frankreich, die Niederlande oder England – dieses Phänomen nicht haben. Deutschland ist speziell und stark durch die Alliierten, wie die Amerikaner, geprägt worden. Deshalb gibt es hier auch starke Hip-Hop-, Soul- und Funkwurzeln. Reggae kam vielleicht durch Bob Marley, hat hier aber überhaupt nicht diesen politischen Hintergrund, wie er in seinen Ursprüngen hat.

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Razer

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