Dellé: „Ich habe keine Ahnung, was Jan Delay auf dem Song gesagt hat, aber Gzuz bleibt mir hängen.“

Also hast du irgendwo das Privileg, dich während der Arbeit entspannen zu können?

Irgendwie schon, ja. Das macht ja auch Spaß und ist geil (lacht). Da hat man als Hobby schon an den Sequenzern und Mehrspurgeräten rumgefummelt und nun macht man’s auch beruflich – wie geil ist das?

Du bist über die Bundeswehr zum Radio gekommen damals, der erwähnte Hausbau, Pünktlich und penibel sein… Kann man dich als einen sehr deutschen Roots-Künstler bezeichnen?

Ja, wenn man da an das Klischee, den kiffenden Rastamann denkt, dann schon.

Mit dem Klischee wollte ich dir nicht kommen. Das wäre zu einfach.

Wenn du mich kennenlernen würdest, würdest du sagen: „Boah, der ist voll deutsch“, aber meine zweite Seite ist voll ghanaisch und die kannst du nur kennenlernen, wenn ich in Ghana bin. Wenn die Ghanaer mich kennen und ich mit denen spreche, können die immer gar nicht glauben, dass ich voll deutsch bin. In Deutschland können sich meine Freunde auch gar nicht vorstellen, dass ich voll ghanaisch bin (lacht). Das liegt daran, dass wir als Kinder beides erlebt haben. Wenn du in einer Kultur aufwächst bis du 13, 15 Jahre alt bist, dann bist du erst einmal – unabhängig von Hautfarbe und wie du aussiehst – geprägt. Du adaptierst alles andere und kannst es dann irgendwie verstehen und vielleicht eine Sympathie entwickeln, aber du kannst es nie wirklich verstehen, weil du es nicht bist. Als Kind bist du da zuhause, wo deine Eltern sind. So war es bei uns auf jeden Fall. Dadurch haben wir natürlich diese beide Seiten in uns und ich kann da ganz gut switchen. Ich sehe das als absoluten Vorteil, dass erleben so dürfen, dass meine Eltern umgezogen sind. Ich habe in Ghana sechs Jahre Grundschulzeit verbracht und das ist einfach in mir drin. Genauso wie wir nun in Deutschland gelebt haben und nun die Sprache richtig sprechen und nun einmal so leben, wie man 2016 in Berlin so lebt.

Wenn die Ghanaer mich kennen und ich mit denen spreche, können die immer gar nicht glauben, dass ich voll deutsch bin.

Aber guck doch mal, wie viele Deutsche nicht so sind. Ich kenne so viele Deutsche, die so undeutsch sind! Einfach so verpeilte Kiffer, denen man nur noch ein Beanie aufsetzen muss und man hat das Klischee des Rastamanns (lacht). Es gibt ja positive und negative Klischees. Pierre sieht ja auch aus wie so’n Typ von der Insel, ist aber ein so lockerer Typ. Ich liebe es ja auch Klischees zu brechen. Als ich nach Deutschland kam, das war so 1982/1983, also noch viel mehr diese Zeit, in denen in Filmen mit schwarzen Klischees gespielt wurde. Mit Eddy Murphy und White Men Can’t Jump. Bullshit! Heutzutage gibt es endlich Beweise dafür, dass sich die Kulturen vermischen. Wenn ich 13, 14 Jährige blonde Mädels sehe und die singen wie Aretha Franklin oder Whitney Houston, dann denke ich mir: „Hier. Das ist es!“. Ich kenne genauso Weiße, die in Ghana groß geworden sind, die so nordghanaisch sind! Hier sieht man einen Schwarzen mit bayrischem Dialekt und denkt sich „Krass“, aber der kann ja gar nicht anders sprechen. Der kann doch nur das (lacht). Ich bin ja auch so, dass ich mich dann darüber amüsiere oder immer wieder neu entdecke, wie man doch in Klischees denkt. Wir brauchen halt so Eckpfeiler. Wir haben irgendwo so ein Gen, dass wir nichts schnallen, aber trotzdem denken, dass wir die Chefs sind (lacht). Das ist aber überall auf der Welt so. Es geht ja um das Verständnis. Wenn jemand sagt: „Ich will ein Kopftuch tragen, weil ich das wirklich schön und geil finde“. Ich kann’s akzeptieren, denn wer bin ich denn, dir zu sagen ob du ein Kopftuch tragen sollst? Aber eigentlich denke ich doch: „Ach, du Armer. Du musst ein Kopftuch tragen.“ Wir können uns da nicht reinversetzen, das ist einfach so.

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Dein Album ist sehr persönlich und greift viele schwere Themen auf. Kannst du dir vorstellen, dass das viele Leute gar nicht merken, da dein Sound sehr unkonventionell für die Verarbeitung dieser Themen ist?

Das ist ganz, ganz klar. Gerade bei Reggae, wenn er dann auch noch auf Patois gesungen ist. (Fängt an zu singen) Bei „Buffalo Soldier“ von Bob Marley könnte man auch meinen, dass es ein totaler Happy-Song ist. Aber um bei mir zu bleiben: Ich benutze dieses Patois ja auch sehr oft, weil ich es für sehr musikalisch und für ein Stilmittel halte. Man könnte ja auch eine Platte auf Deutsch machen, aber so wie man bei einer Rockgitarre mit einem Verzerrer nach dem richtigen Sound sucht, so nutze ich diese Sprache auch als Stilmittel. Musik muss ja auch, ohne dass man weiß worum es geht, einen Vibe und eine Energie vermitteln. Das ist ja auch etwas, was Musik machen kann im Gegensatz zur Sprache. Musik kann international ein Gefühl auslösen. Wenn man dann aber tiefer gräbt in Songs und nichts findet, dann ist das scheiße.  Es gibt bestimmt auch Stücke, die flach sein können und keinen tieferen Sinn benötigen und zum Feiern da sind. Manchmal will ich auch gar nicht unbedingt, dass man gewisse Themen direkt schnallt, aber wenn man es gar nicht schnallt, dann ist es schade. Zum Beispiel beim Song „Trisomie 21“ von meiner Platte, da geht es nicht wirklich um Downsyndrom, sondern um meine persönliche Angst, die ich auch schon bei meinem ersten Kind hatte, dass etwas passieren könnte, wenn es mit den Fruchtwasseruntersuchungen losgeht und man sich darüber Gedanken macht, dass bald ein Mensch kommt. Da passieren mit einem gewisse Dinge, die hat man vorher einfach nicht auf dem Schirm. Die sieht man im Fernsehen, aber man macht sich darüber keine Gedanken. Auf einmal hat du eine selektive Wahrnehmung und kriegst mit wie häufig so etwas vorkommt.

Da geht es nicht wirklich um Downsyndrom, sondern um meine persönliche Angst, die ich auch schon bei meinem ersten Kind hatte, dass etwas passieren könnte, wenn es mit den Fruchtwasseruntersuchungen losgeht und man sich darüber Gedanken macht, dass bald ein Mensch kommt.

Ich bin Familien begegnet, die zum Teil drei Kinder haben  und das Mittlere hat durch die Nabelschnur zu wenig Sauerstoff bekommen und schon ist ein Defekt da. Ich werde nie vergessen, wie der Vater jeden Tag Vollpower gegeben hat – das war in einem Urlaub – und einfach nicht müde wurde um dem Kind ein Leben zu geben, dass so normal wie möglich ist. Das würdest du für kein anderen Menschen machen, außer für dein eigenes Kind. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber diese Liebe, die du für deine eigenen Brut hast, das ist in dir verankert. Das hat mich so fasziniert. Und ich weiß, wenn wir ein Kind bekommen hätten, das behindert ist, dann hätten wir durch unsere Liebe die Power gehabt. Das ist jetzt zum Glück nicht passiert, aber wenn ich das Stück nicht „Trisomie 21“ genannt hätte, dann hätte das niemand mitbekommen. Der geht wirklich so (singt): „I will do it all again/I will do it all again“ und dazwischen sage ich noch was über die Kinder. Ich weiß noch, wie ein Native Speaker mich gefragt habe, ob ich für meine Tochter ein Lied geschrieben habe und da dachte ich mir, dass die den Text komplett anders lesen werden, sobald ich ihnen einen kleinen Hinweis gebe und deswegen habe ich überlegt, wie ich’s mache. Und dann habe ich’s einfach so genannt, weil’s ein Thema ist, was nie angepackt wird und mich gerade aufgrund der Situation wieder Vater zu werden so berührt. Ich habe auch Reaktionen von einer Frau erhalten, die eben genau so ein Kind hat, dass sie nach dem Lied tief und fest glaubte, dass es meinem Kind genauso geht und sie war so glücklich als ich sie aufgeklärt habe und dass ich dieses Thema anspreche. Die Art und Weise, wie ich die Situation beschreibe, war in ihren Augen so authentisch, dass sie wirklich überrascht war. Ein Song muss also nicht immer auf der ersten Ebene funktionieren. Wenn es ein guter Song ist, dann funktioniert er auch auf einem Handy und mit guten Kopfhörern hörst du dann auch die Liebe und den tieferen Sinn heraus.

Bei dem Song war ich auch schnell davon überzeugt, dass du ihn so genannt hast damit jeder weiß, was hinter dem Song steckt.

Bei dem Stück war’s dann wirklich so, weil‘s einfach keiner gecheckt hat außer meiner Schwester. Die kennt mich so gut, dass sie das raus gehört hat. Dann gab’s auch die Diskussion mit meinen Kollegen, die mir von dem Song abgeraten haben, aber warum denn nicht? Das wird ja jetzt auch keine Single. Das zeigt ja auch diese bedingungslose Liebe, die man für jemanden hat, auch wenn er vielleicht stirbt.

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