Dellé: “Ich habe keine Ahnung, was Jan Delay auf dem Song gesagt hat, aber Gzuz bleibt mir hängen.”

Regelmäßige Headlinerslots auf den großen Festivals und ausverkaufte Stadien, bei denen es scheinbar egal zu sein scheint, in welcher Stadt sie stehen – Seeed wird sie füllen. Die elf Mann starke Dancehall-Mannschaft aus Berlin wird nach vier Jahren Tourleben jedoch erst einmal eine Pause einlegen. Obwohl das auf den ersten Blick paradox klingt, kann man sich als Seeed-Fan aber auf die Pause freuen – denn dann gibt es in der Regel neue Musik.
Dellé, neben Peter Fox und Boundzound, einer der drei Frontmänner des Kollektivs, hat bereits die Pause vor sieben Jahren dazu genutzt, sein Solodebüt „Before I Grow Old“ zu veröffentlichen. Heute folgt mit „Neo“ die zweite Platte, auf der Dellé sich den Themen widmet, die einen zweifachen Vater im Alltag beschäftigen. Ein Alltag zwischen tobenden Stadien, den Drang durch Südamerika zu touren und die Frage, auf welche Grundschule die Kinder geschickt werden sollen. Im Gespräch über die neue Platte, einem Leben zwischen Hausbau und Tourleben, Deutschrap sowie seinen deutschen Tugenden ist der Ghanaer kaum aufzuhalten. Der Enthusiasmus, den das neue Album in ihm auslöst, wirkt nahezu ansteckend.

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Ich will dich gar nicht bremsen. Es ist schön zu hören, was für eine Euphorie das Album in dir auslöst.

Ja, es ist schon etwas Besonderes, keine Frage. Da wartest du so lange darauf und dann ist es endlich fertig und du kannst darüber reden und dir die Meinung von anderen darüber anhören. Es ist so spannend zu hören, was andere, die da nicht so emotional drin stecken, davon denken. Es ist etwas komplett anderes, wenn du Meinungen von Leuten bekommst, die alle aus verschiedenen Ecken kommen und denen Musik jeweils etwas anderes bedeutet.

Bei deinem letzten Album hast du dich in New York zurückgezogen, die Ruhe außerhalb deiner Band genossen und alles auf dich einwirken lassen. Ist das Album dieses Mal wieder so entstanden?

Der Unterschied ist, dass es beim letzten Mal wirklich nach zehn Jahren Seeed war. Da haben wir richtig durchgepowered und dann kam diese Pause und ich habe mich gar nicht so in der Form zurückgezogen um zu sagen, ich mach das um das Album zu schreiben. Dadurch, dass meine Tochter geboren wurde, hat das auf einmal so Sinn gemacht, dass wir diese Pause hatten, die ich eigentlich nie so wirklich wollte zum damaligen Zeitpunkt. Das ging von Pierre (Pierre Baigorry aka Peter Fox, Anm. d. Red.) aus. Ich hätte noch Bock gehabt schön durch Südamerika oder Frankreich zu touren. Dann war diese Pause halt da, ich bin Papa geworden und ich dachte nur: „Ey, wie geil, dass es diese Pause gab.“

Ich hätte noch Bock gehabt schön durch Südamerika oder Frankreich zu touren.

Dass ich dann nach dieser langen Pause überhaupt noch ein Album gemacht habe, hat sich so ergeben, da ich Zeit und Ideen hatte. Im Prinzip war es dieses Mal wieder so, dass eine Seeed Pause angekündigt wurde. Seeed ist schon so mein Hauptding, das ich einfach liebe. Ich feiere es ab mit den Jungs zu spielen. Dadurch, dass wir jetzt auch so erste Südamerika-Erfahrungen gemacht haben, wo du nicht in ausverkauften Stadien spielst und dich manchmal fragst, ob das überhaupt noch etwas damit zu tun hat, was du auf der Bühne leistest oder weil die Leute es kultig finden auf ein Seeed Konzert zu gehen. Bei einer gewissen Dimension kann es – wenn man vergisst auch mal selbst im Publikum unterwegs zu sein und zu fragen ob und was ihnen gefällt – gefährlich werden. Ende 2014 hatten wir die Erfahrung als deutsche Band im Ausland zu spielen, wo dir erst einmal keiner zutraut gut zu sein. Deutsche können Auto fahren, haben es mit Technik drauf, aber grooven? Reggae und Dancehall aus Germany? Und dann hauen wir es denen um die Ohren und die schlackern. Das ist für uns natürlich nicht mit Geld zu bezahlen und das ist die Leistung, wo wir in Deutschland nicht mehr genau wissen, ob wir die bringen. Dann kam aber auch irgendwann von Pierre das Signal, dass er mit dieser Drumschool anfangen möchte, was auch einfach ein geiles Projekt ist, eine Schule aufzubauen und mit Anfängern bis hin zu Profis zusammen zu lernen.

Bei einer gewissen Dimension kann es – wenn man vergisst auch mal selbst im Publikum unterwegs zu sein und zu fragen ob und was ihnen gefällt – gefährlich werden.

Ich habe dann meinen Produzenten Guido angerufen und gesagt: „Es geht wieder los!“ (lacht) „Sammel schon mal Beats und Ideen. Ich habe genug erlebt, worüber ich schreiben kann.“ Wir haben uns dann grob darauf geeinigt, dass unser Ding fortzuführen, aber nicht so wie auf der ersten Platte. Da ging es so darum meiner Roots-Reggae Musik auf Englisch eine Ode zuschreiben. Das war alles so mein Ding. Ich bin Vater geworden, mein Vater ist gestorben – das war alles sehr persönlich. Das ist es dieses Mal auch, aber rein musikalisch soll es dieses mal so sein, dass die Leute, die Reggae kennen und können, sich denken „Krass, so kann man auch Reggae spielen?“. Und die Leute, die sich nicht auskennen, sondern das Klischeedenken über Reggae á la Bob Marley haben, die sollen denken „Das ist doch kein Reggae.“ Das heißt, wir haben musikalisch mit den Stilmitteln von Reggae gearbeitet, aber andere Sounds verwendet. Auf dem letzten Artic Monkeys Album waren zum Beispiel so geile Sounds. Das war rein produktionstechnisch der Ansatz. Inhaltlich beschäftigt es sich natürlich wieder mit der Zeit, den intensiven Jahre, die ich erlebt habe. Ich bin noch einmal Papa geworden und – was für mich auch ganz einschneidend war – ich habe mir ein Haus von der Musik gekauft. Dass man ein Haus baut, einen Kredit nimmt und überlegt auf welche Schule die Kinder gehen sollen. Dieses Leben ab 40 Jahren und du auf einmal in der Papa-Position bist. Das passiert so ganz natürlich und dann stehst du auf einmal auf solche Sachen wie Terasse ausbauen und Rasen mähen und das soll alles ganz besonders sein – so wie beim Musik machen auch. Das sind Dinge, die ich auch bei Pierre merke. Das ist eine altersbezogene Sache. Ich kann das gar nicht so wirklich glauben. Ich sitze hier in meinem fetten Studio und das ist alles durch Mucke entstanden. Durch Reggae und Dancehall ist das alles wahr geworden. Ich habe eine tolle Fraue und tolle Kinder und es ist wie im Märchen. Wenn du so etwas hast, dann hast du auch Angst das alles zu durch einen kleinen Fehler zu verlieren.

Wer wählt aus, ob ich zwölf Jahre alt werde und eine Kugel in den Kopf bekomme oder ob ich reich geboren werde?

Wenn du dir die Kriegssituation oder die Flüchtlingspolitik in unserer Welt anschaust und dankbar bist, dass wir bis jetzt keinen Krieg erlebt haben. Ich kann mich sehr gut darein versetzen, mir vorzustellen, wenn ich jetzt mit meiner Frau und meinen beiden Kindern irgendwie 5000 Kilometer fliehen müsste, weil wir in einer Kriegsregion wohnen und nicht hier in Berlin – das wäre dann meine Aufgabe, das irgendwie klar zu machen. Ich sitze hier und habe Zeit mich zurückzulehnen und darüber einen Text zu schreiben. Das ist so ein Privileg, finde ich. Ich denke manchmal, dass es alles so gut gegangen ist und irgendwann die ausgleichende Gerechtigkeit kommt. Es gibt viele, die haben einfach Pech gehabt. Die Familie war scheiße oder sonst was. Wer wählt aus, ob ich zwölf Jahre alt werde und eine Kugel in den Kopf bekomme oder ob ich reich geboren werde? Wir haben da keine Erklärung für. Allein die Zeit zu haben um über solche Dinge nachzudenken. Wenn ich den ganzen Tag malochen müsste, hätte ich vermutlich keine Zeit dazu. Das sind die Sachen, die mich beeinflussen, wenn die Songs mal etwas düsterer werden. Bei „Why did you lie“ zum Beispiel haben mich Freunde von mir auch gefragt, ob ich mich mit meiner Frau gestritten habe. Das ist so die Kompensation für mich, wenn ich mir vorstelle, an was für einem seidenen Faden das alles hängt. Das kann ich dann ganz gut in Musik umsetzen. Auf der einen Seite gibt’s die musikalische Ebene und auf der anderen die textliche. Ich kann mir das Album in Jahren anhören und weiß genau, an welchem Punkt ich damals stand und jetzt mache ich hier mal einen Punkt (lacht).

Wann machst du denn mal Pause? Jedes Mal, wenn die Band in die wohlverdiente Pause geht, machst du ein Album, kümmerst dich um dein Haus, die Familie wird erweitert…

(lacht) Was soll ich sagen? Ich finde, dass die Zeit begrenzt ist und ich will auf keinen Fall so ein 400 Jahre alter Dracula werden, der immer älter wird, aber nie altert. Ich finde es geil, dass wir einen Zeitraum haben, in dem wir etwas schaffen können und das müssen wir dann so gut wie möglich versuchen zu schaffen, dann tritt man ab und der nächste ist dran. Es ist ja auch nicht so, dass ich mir keinen Urlaub und Zeit für die Familie nehme. Familie ist mir super wichtig. Ich schaffe das schon ganz gut, in dem ich – das ist so eine preußische Sache – früh aufstehe und die Vormittag nutze. Diese vier Stunden am Morgen bis zum Mittag sind so eine wertvolle Zeit. Ab halb Sieben für die Family da zu sein und die gar nicht so mitbekommen lassen, dass ich so viel arbeite. Wenn ich mir Tourshirts von Rockbands aus den Achtzigern ansehe, die Welttourneen spielen, auf denen ein Jahr lang für jeden Tag ein Date steht – das kann ich mir auch noch nicht vorstellen. Ich erinnere mich als ich meinen Beruf als Toningenieur ausgeübt habe, das war familienfeindlicher. Wenn man da für einen Film drei Monate lang unterwegs war und Nachtschichten einlegen musste – das war zehrender. Das Musikding, auch wenn man natürlich das Klischee hat, dass die Mucker immer unterwegs sind, das läuft schon relativ gut. Wir sind ja alle Familienväter bei Seeed. Das lässt sich gut einteilen. Die Phase der Produktion hat auch größtenteils bei mir zuhause stattgefunden. Ich sitze hier im Studio und Guido, mein Produzent, bei sich in Köln im Studio. Wir haben uns netto vielleicht zwei Monate mal getroffen. Wenn man die Fähigkeiten dazu hat, die Instrumente selbst einzuspielen und selbst einzusingen, dann ermöglicht die Technik einen einiges.

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