David Guetta: „Ich nutze das beste beider Welten“ (#107)

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Mit Kopfschütteln beobachten viele ältere deutsche Rapfans, dass im US-Rap seit geraumer Zeit ein Sound wiederbelebt wird, der zwischen 1992 und 1995 hierzulande die Charts do- minierte: Euro-Dance, damals noch Dancefloor genannt, galt für die deutsche Hip-Hop-Sze- ne als peinlicher Kommerz, von dem es sich abzugrenzen galt. Mit mehr als einem Jahrzehnt Verspätung ist Euro-Dance nun in den USA angekommen, wo er bekannten Rapgrößen als Samplevorlage dient. In den Neunzigern outete man sich als Rapfan und meinte damit zugleich, dass man mit den käsigen Dance-Sounds der Großraumdiskotheken nichts am Hut hatte. So einfach geht das heute nicht mehr. Einer der treibenden Kräfte hinter dieser Entwicklung ist David Guetta. Im September war der fran- zösische DJ und Produzent zu- sammen mit Interscope-Boss Jimmy Iovine in Berlin, um sei- ne neuen, in der Reihe „Beats by Dr. Dre“ veröffentlichten Kopfhörer zu präsentieren.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit „Beats by Dr. Dre“? Was steckt dahinter?
Hinter dem Projekt „Beats“ stecken Dr. Dre und Jimmy Iovine. Ich habe Jimmy während meiner Produktion des Songs „I Got A Feeling“ für die Black Eyed Peas kennengelernt. Jimmy wollte mich unbedingt treffen. Wir begannen, uns zu unterhalten – über die DJ-Kultur, über die Art und Weise, wie sich die Musik entwickeln würde. Es war ja der Beginn eines großen Abenteuers. Seinerzeit gab es in den USA keine Dance-Music-Platte, die im Radio lief. Und auf einmal, zwischen meinen Sachen für die Black Eyed Peas und den Songs meines Albums „One Love“, liefen sehr viele Songs dieses Stils im Radio. Ich sprach mit Jimmy über meine DJ-Vision und über die Kopfhörer, die er mit Dr. Dre herausgebracht hatte. Ich fand die toll. Nichtsdestotrotz waren sie ganz und gar nicht an meine Bedürfnisse als DJ angepasst. Also beschlossen wir, gemeinsam einen Kopfhörer zu entwickeln, der deutlich leichter und gleichzeitig super druckvoll ist, ohne dass der Sound verzerrt. Zudem sollte er sehr robust sein. Das Ganze hat 18 Monate gedauert. Und jetzt ist er da.

Was braucht man für ein gelungenes DJ-Set – außer Kopfhörer?
Wichtig für eine erfolgreiche Party ist in aller ers- ter Linie die Musik. Und das Publikum. Es ist völ- lig egal, ob du vor 50.000 Leuten spielst oder bei einer Hausparty – es ist immer dasselbe: Man braucht ein gutes Publikum und gute Musik.

Lange Zeit zierte die Stimme des eher unbekannten Sängers Chris Willis deine Songs. Und seit einigen Jahren sind es die Größten der Großen – egal ob Pop-, Rap- oder R&B- Star.
Meine Zusammenarbeit mit Chris Willis begann 2001. Wir haben viele Platten zusammen gemacht. Und tun dies auch heute noch. Er bleibt einer meiner Lieblingssänger auf diesem Planeten. Ich, der ja DJ war, wollte eher rhythmische Beats mit einer Bassline machen, wohingegen er seine Wurzeln im Gospel hatte. Er forderte stets mehr Harmonien und Melodien ein. Durch ihn habe ich die melodische Seite der Musik mehr und mehr schätzen gelernt und schlug einen Weg in diese Richtung ein – aber immer mit der Power der DJ- und Clubmusik. So haben wir das erst zu zweit durchgezogen, bis ich zunehmend von anderen Künstlern angefragt wurde: Kelly Rowland, Black Eyed Peas, Akon, Kid Cudi. Das wurden große Erfolge. Seither habe ich mit vielen US- Künstlern zusammengearbeitet.

Wie zum Beispiel mit 50 Cent, dessen Fans wo- möglich nicht so erfreut über euren gemeinsamen Song „Bullshit &Party“ sein werden. Kannst du das nachvollziehen?
Der Song mit 50 Cent ist aktuell nicht erschie- nen, er hätte auf meinem Album sein sollen, es gab aber Schwierigkeiten mit der Freigabe der Samples. Ich möchte die Nummer aber auf jeden Fall herausbringen.

Die Idee war, dass ich einen Schritt in seine Richtung mache und er einen in meine, wobei weder eine gewöhnliche Hip-Hop-Produktion noch eine House-Produktion vorliegt.

Als wir miteinander sprachen, sagte ich ihm: Egal was du tust, es wird hart! Genauso hat er den Text auch ge- schrieben. An einer Stelle heißt es: „Whatever you do, it’s gonna be hard anyway.“

Wie erklärst du dir, dass das europäische Dance-Music-Phänomen der Neunziger heute in den USA so populär ist?
Im Ursprung ist House- und Technomusik in den USA geboren worden. Doch sie blieb absolut im Untergrund. Und gegen 1988 folgte – nach all dem, was sich in England ereignete – die Explosion des Acid-House. Dadurch wurde das Ganze fast schon zu einer gesellschaftlichen Bewegung. Eine veritable Befreiung! Danach wurde es zur Mode. Das war eine starke Leistung der Engländer, sich eines amerikanischen Phänomens anzunehmen und es sich einzuverleiben, indem man ihm eine europäischere Art verordnete und dem Ganzen eine populäre Ten- denz gab. In den neunziger Jahren kam es zum Durchbruch in Europa. Ich denke, das, was den Unterschied für die USA später ausgemacht hat, war die Tatsache, dass ich bei der Zusammen- arbeit mit US-Künstlern eine Art Hybrid aus der europäischen Elektro-Kultur und der amerika- nischen Urban-Kultur erschuf.

In einem älteren Song von dir ist ein Sample des Breakdance-Klassikers „Al-Naafiysh“ von Hashim unüberhörbar. Welche Rolle spielt Hip- Hop für dich?

Es ist lustig, dass du diesen Track erwähnst, denn es war meine allererste Platte. Ich war ursprünglich nämlich ein Hip-Hop-DJ. Ich fing mit Hip-Hop an, entdeckte dann Garage, wie man House-Musik anfänglich nannte und was seiner Zeit eine primär von Afroamerikanern beeinflusste Musik war, jedoch mit einer deutlich positiveren Attitüde als der damalige Hip-Hop. So begann ich, House aufzulegen. Zuhause hörte ich aber weiterhin Urban Music. Schließlich gelang es mir, das Beste beider Welten zu nutzen. Konkret: Die Energie des Elektro gepaart mit der Erotik und Melodie der urbanen Musik.

Nimmst du deine Tracks zunächst für dich auf oder beginnst du damit erst, wenn ein konkreter Auftrag vorliegt?
Wenn ich ein Stück produziere, dann tue ich das für mich. Sehr egoistisch, nicht? (lacht) Ich mag das eigentlich nicht, nach Auftrag für einen Künstler zu arbeiten. Ich mache die Musik lieber in meiner Ecke, um später dem Interpreten die bereits fertigen Stücke vorzuspielen und ihm zu sagen, ich glaube, das würde gut zu ihm passen oder, dass wir das Stück bei Bedarf leicht verän- dern können. Aber bin gern total frei, wenn ich Musik produziere.

Gibt es für dich ein Leben außerhalb der Musik?
Der einzige Augenblick, an dem ich keine Musik höre, ist, wenn ich im Auto sitze. Ich bitte die Taxifahrer stets darum, das Autoradio auszulassen, denn ich ziehe die Ruhe einem Sender vor, den ich möglicherweise nicht mag. Ansonsten gibt’s bei mir eigentlich immer Musik: Entweder mache ich sie selbst oder ich lege sie in meiner Funktion als DJ auf.

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