Klischeefreier Straßenrap aus Kreuzberg: Das sind Rapkreation

Was machst du, wenn du in einem sich so schnell gentrifizierenden Viertel aufwächst, dass du heute schon nicht mehr weißt, was noch gerade gestern dort stand, wo jetzt der McDonalds seine Türen aufgemacht hat? Die Antwort: Batzen oder Rap-Karriere, das wohl klassischste Narrativ des Straßenrap. Viele Songs von der Kreuzberger Crew Rapkreation handeln von genau diesem Dilemma. Dem illegalen Geschäft haben sie jedoch schon sehr früh abgeschworen. Auch mit dem klassischen Proll-Image deutschen Gangsterraps können die drei nicht viel anfangen. Glorifizierte Scheinwelten entlarven die Berliner viel lieber.

Rapkreation sind drei Jungs aus Kreuzberg: Zwei Rapper und ihr Manager, der in der Gruppe irgendwas zwischen exekutive Producer und Mastermind des Typus Asap Yams mimt. Namentlich wollen sie nicht genannt werden. Sie gehören zu der Minderheit der Kreuzberg-Bewohner, die die tatsächlich dort geboren sind. Aufgewachsen im Umfeld der wohl legendärsten Sprüher-Crew ihres Viertels, bereichern sie den Berliner Untergrund schon seit vielen Jahren. Jetzt haben sie mit drei EPs in drei Jahren sowie einigen ausverkauften Konzerten auch über die Grenzen von 361 hinaus für reichlich Aufmerksamkeit gesorgt. Interviews gibt es bisher allerdings aus guten Grund – mehr dazu später – keine. Eine kleine Ausnahme haben die drei nun für BACKSPIN gemacht.

Also sitze ich an einem Donnerstag Abend vor meinem Handy und warte auf den Anruf aus Berlin. Irgendwann melden sich die Drei dann auch bei mir und entschuldigen sich für die Verspätung. Analog zur ihrer Musik merkt man dem Duo, das eigentlich als Trio fungiert, ihre Energie und den allzu häufig zitierten Hunger auch im Gespräch an. Sie reden viel und schnell, schwafeln aber nicht einfach nur so daher. Ihre Perspektive und ihre Werte sollen unbedingt rüberkommen, das ist die Hauptsache. Die Drei scheinen sich sehr bewusst in dem, was sie tun, was sie nach außen tragen und was sie lieber (vorerst) für sich behalten. Vorab ist schon klar, dass keine Zitate in diesen Text kommen dürfen. Klassische Interviews sind noch tabu. Es soll noch nicht alles verraten, ja vorweggenommen werden. Auch das merkt man den bisherigen Veröffentlichungen deutlich an: Vieles wird angerissen, selten wird es wirklich konkret.

Sozialisiert mit Battlerap und Graffiti

Aufgewachsen innerhalb von wenigen Straßen in ihrem eigenen kleinen Biotop Kreuzberg haben die Drei die klassische Hip-Hop-Sozialisation durchlaufen, die heute allerdings ein wenig aus der Mode gekommen zu sein scheint. Eben die Art von Sozialisation, die man als Kind der 90er, das allerdings zu jung ist, um noch wirklich was von diesem ach so goldenen Jahrzehnt unserer Kultur mitbekommen zu haben, so durchläuft: Als zweite Generation wachsen sie von den älteren Brüdern getragen in eine Hip-Hop-Welt, die geprägt ist von Freestylen, Kool Savas und Sprühen gehen. Die ikonischen, brasilianischen Hieroglyphen des Pichação-Stil einer gewissen Graffiti-Bande zieren auch heute noch die Videos, Plakate und Artworks von Rapkreation. Allgemein umgeben sich die Drei fast ausschließlich mit Leuten, die sie schon ihr Leben lang kennen. Immer die gleichen Zehn, wie es in „Vagabunden“ heißt. Der Kreis bleibt klein, die Ansicht ist bekannt.

Mit Zwölf Jahren beginnen sie zu sprühen. Gerappt wird sowieso immer und überall. Schließlich kristallisiert sich aus einer größeren Gruppe das Duo Rapkreation heraus. Mitte der Zehner Jahre erscheint dann fernab von Spotify, iTunes und co. eine erste Untergrund-EP und schließlich auch ein selbstbetiteltes Album. Verkauft wird ausschließlich auf CD und aus der eigenen Hand. Erste, selbstorganisierte Konzerte verkaufen sich aus. Die Community supportet. Der Traum lebt. Die Aufmerksamkeit wächst.

Ein Neustart, der keiner ist

Anfang 2017 folgt ein überregionaler Neustart, der nie als solcher geplant war. Er ergibt sich allerdings aus dem Übereintreffen zwei neuer Perspektiven. Zum Einen findet man innerhalb des Bekanntenkreises mit dem BHZ-Hausproduzenten Max on the Beat, kurz MotB, einen Produzenten, der fortan für sämtlichen Output der Gruppe den Klangteppich bastelt. Ebenfalls tut sich die Möglichkeit auf, die Musik nun auch digital unters Volk zu bringen. Es entsteht eine EP-Reihe, die sich in jährlichem Rhythmus aktualisiert und die Öffentlichkeit in spannender Weise an Verbesserung und Professionalisierung des Projekt Rapkreation teilhaben lässt. Der ursprüngliche Plan war analog zu der gängigen Praxis in elektronischer Musik auf jeder in EP in wenigen Songs in eine neue Stilrichtung einzutauchen, die verschiedenen Facetten des eigenen Könnens zur Schau zu stellen. Es sollte sich also pro EP auf jeweils drei Songs einem neuen Sub-Genre gewidmet werden.

Einen klaren Plan haben die Drei eigentlich bei allem, was sie tun. Dennoch lassen sie sich von diesem nie einschränken. In Wahrheit lässt sich durch die EPs dann nämlich wunderbar beobachten, wie einzelne Songkonzepte ausreifen und auf dem Nachfolger in verbesserter Form dargeboten werden. So folgt beispielsweise auf die nachdenkliche Hood-Reflexion „Kleine Welt“ der verschepperte Streifzug durch die ganze Stadt auf „Wach“. Der dem Namen entsprechend auf Live-Qualitäten ausgelegt Song „Moshpit“ setzt sich auf „Schwarzer Hoodie“ fort. Die Grime-Anklänge von „Bye Bye“ gehen in „10997“ über. Mittlerweile werden viele Hooks in tiefer Stimme angesungen, was irgendwie nach Paris klingt ohne auch nur irgendwas mit dem vielbeschworenen Afro-Trap der Stunde gemein zu haben.

Globale Musik, lokaler Inhalt

Stilistisch findet sich der ursprüngliche Plan einer starken Diversität dann nicht abgeschlossen zwischen den einzelnen EPs, sondern auch innerhalb eines einzelnen Song wieder. Erinnert der Beat an England, kann schon die Hook wieder nach Frankreich klingen um von klassisch technisch-versierten Parts nach Berliner Vorbild eingerahmt zu werden. Internationale und mikrolokale Ebene gehen Hand in Hand. Die untergrundmäßige DIY-Herangehensweise bleibt allerdings durchweg bestehen. Sie ist noch heute höchstes Gut der Gruppe. Zusammengearbeitet wird nur mit dem eigenen Umfeld. Beats, Artworks, Videos, Management, Konzert-Organisation, alles übernehmen Freunden, die ihr Können parallel zur musikalischen Entwicklung von der Musiker steigern.

Inhaltlich reflektieren, repräsentieren und zelebrieren Rapkreation, neben der obligatorischen Vernichtung von MCs aller Art, das eigene Umfeld in Kreuzberg. Abhängen in Späti, Schlesi, Studio, das Übliche halt. Bis dato bleiben die Erzählungen allerdings unkonkret. „Doch wir kannten kein Benehmen /Zu früh um es einzusehen / Immer unterwegs, vieles war zu spät / Mitten in der Pubertät / Verlockend war Scheine zählen / Doch jetzt geht man seinen Weg“ lauten Textzeilen, die noch viel Luft lassen für zukünftige Projekte, gleichzeitig aber Interesse wecken und Tiefe andeuten lassen.

Straßenrap schließt Politik nicht aus 

Was sich zudem aus den Texten der Kreuzberger herauskristallisiert sind gesellschafts- und systemkritische Worte, die sich, parallel der Kunst ihrer Sprüher-Crew, an Gentrifizierung, rassistischen Polizeikontrollen und ekelregendem Kapitalismus abarbeiten. Auch tritt man bei Guerilla-Konzerten am ersten Mai in Kreuzberg auf, hat sogar einen passenden Song dazu geschrieben. Es tut sich ein Spannungsfeld zwischen dem Streben nach kommerziellem Erfolg und der Unmöglichkeit, die eigenen Werte dafür zu opfern, auf. Am Ende landet man dann doch wieder in der eigenen Realität, der gewohnten Hood. Verlassen wird diese eigentlich eh nur auf Tour und ab und an für Features. Als Go-to-Gruppe hierfür entwickelt sich logischerweise die Schöneberger Crew BHZ, zu deren Mitgliedern teilweise langjährige Freundschaften bestehen. Aber auch der Hamburger Kwam.E wird eine erste Adresse außerhalb Berlins.

Nach einigen Durchläufen der EP-Reihe fällt auch auf, dass Rapkreation zwar durchaus harten Rap von der Straße machen, allerdings weder die sowieso illusorischen und geleasten Bling-Bling- und Benz-Phantasien vieler Mitstreiter, noch deren latente Sexismen teilen. Gegen Ersteres wird auch lyrisch immer mal wieder geschossen. Für Letzteres will man sich allerdings auch nicht vor den Feuilleton-Karren der politisch korrekten Straßenrapper spannen lassen. Es soll lediglich die eigene Lebensrealität so echt wie möglich dargestellt werden, ohne Agenda oder aktiven politischen Hintergedanken. Keine Glorifizierung, sondern kühle Darstellung. Es passiert, was passiert. Alles organisch, ohne irgendwelche Zwänge. Und das ist auch richtig so.

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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