Das raue Haus des Hamburger Hip-Hop (aus BACKSPIN #118)

BIS HEUTE KLAFFT AM ANFANG VOM HEILIGENGEISTFELD EINE BAULÜCKE. MERKWÜRDIG, DENN HAMBURGS FREIFLÄCHEN IN ZENTRALER LAGE VERSCHWANDEN IN DEN VERGANGENEN 20 JAHREN ZUSEHENDS, AUSGEHOBEN FÜR DIE FUNDAMENTE VON NEUBAUTEN IM OBEREN PREISSEGMENT. DOCH AUF DEM SCHOTTERPLATZ ZWISCHEN BUDAPESTER STRASSE UND SIMON-VONUTRECHT-STRASSE PARKEN AUTOS.

Nichts deutet mehr darauf hin, dass dort, wo heute ein blaues Kassenhäuschen steht, früher ein Gebäude aus der Gründerzeit mit spitzem Giebel und bröckelnder Fassade stand. Der nach hinten versetzte Eingangsbereich war von einem markanten Bogen eingefasst, ein dickes Entlüftungsrohr ragte neben den Treppen aus der Fassade. Dem Abriss der Nummer 42 Anfang der 2000er fiel auch ein Stück Hamburger Hip-Hop- Geschichte zum Opfer.

Zehn Jahre zuvor, Anfang der 1990er, eröffnete Partymacher Wolf von Waldenfels dort das Powerhouse, das sich zum Treffpunkt der noch jungen und hungrigen Hamburger Hip-Hop- Szene entwickelte. Wolf übernahm den Namen vom Vormieter, einem Fitnessklub, unten im Keller stand damals noch ein Boxring. Die oberen Stockwerke beherbergten eine Taxizentrale, deren Betreiber einwilligten, ihm die unteren Räumlichkeiten für 5.000 Mark im Monat zu überlassen.

An das Powerhouse erinnern sich die langsam in die Jahre kommenden Protagonisten von damals in schwärmerischen Tönen. Bei einem Treffen in einem Restaurant in Hamburg-Ottensen schwel- gen Wolf und die DJs Marius No. 1 und Mirko Machine in Erinnerungen über geschlagene Schlachten. Es ist einer der lauteren Tische an diesem Abend.

Als er 1992 das Powerhouse aufmachte, hatte Wolf nicht von vornherein die Absicht, daraus einen Hip-Hop-Laden zu machen. Es war eher eine bewusste Entscheidung gegen den damals auf- kommenden Techno, den er zu aufgesetzt fand. „Alle Klubs hoppten auf diese neue Musik auf. Da musste ein Gegengewicht geschaffen werden“,auf diese neue Musik auf. Da musste ein Gegengewicht geschaffen werden“, auf diese neue Musik auf. Da musste ein Gegengewicht geschaffen werden“, erklärt er seine Motivation, musikalisch andere Wege zu gehen.

Zunächst legte André Luth im Powerhouses auf, der auch sein eigenes Hip-Hop-Label Yo Mama betrieb, mit dem er sich sehr bald ausschließlich beschäftigen sollte. Es fand sich allerdings adäquater Ersatz: Mario Cullmann alias DJ Cool- mann übernahm an den Plattentellern, der spätere DJ von Fünf Sterne Deluxe. Er wiederum holte Marius Walczak alias Marius No. 1 dazu, der bereits seit ein paar Jahren Hip-Hop in einem Klub auflegte und den Norden mit einer Hip-Hop- Sendung über den NDR beschallte.

Die beiden kamen auf den Trichter, simultan auf- zulegen, mit vier Plattentellern und zwei Mischpulten nebeneinander. „Als Mario und ich zu zweit mit den vier Plattenspielern auflegten, auf den Technics scratchten und Backspins machten, eine DJ-Show hinlegten, da war es dann ein rich- tiger Hip-Hop-Klub, den es so vorher nirgends gab“, sagt Marius. „Es waren jeden Freitag über 400 Leute da, die durchdrehten“, erinnert er sich. Später legten dann auch Mirko Machine und DJ Stylewarz auf.

Das Powerhouse war der ungeschminkte Laden, Treff derer, die real waren oder sich dafür hielten. Graf tis zierten die Wände und abgerockte Sofas waren die gemütlichsten Einrichtungsstücke. Es herrschte Aufbruchsstimmung und der Klub hatte de facto eine Monopolstellung als einzige Szene-Klitsche, in der regelmäßig nur Rap auf- gelegt wurde. Am Spielbudenplatz gab es zwar noch das mittlerweile auch abgerissene After- shave, aber dort lag der Schwerpunkt eher auf R&B. „Das Powerhouse war auch deswegen so derbe fresh, weil es nichts Vergleichbares gab“,erklärte Marius.

,,WIR HABEN TEILWEISE MIT GEBISSSCHUTZ GEARBEITET, WEIL WIR WUSSTEN, DA GEHT’S ZUR SACHE.“ (BRIAN)

Es war die Zeit, die heute gerne als Golden Era bezeichnet wird. US-Künstler droppten einen Klassiker nach dem anderen, darunter Gang Starr, Mobb Deep, The Fugees, Redman, Method Man, der Wu-Tang Clan, Notorious B.I.G. „Alle, die irgendwann irgendwas konnten, haben in den Jahren ihre ersten LPs gemacht“, sagt Ma- rius. Ganz besonders erinnert er sich daran, wie Coolmann das Instrumental von „Come Clean“ von Jeru the Damaja gnadenlos ausspielte, bis irgendwann alle im Bann des Beats standen und er schließlich die Vocal-Version nachlegte.

Weil Rap in Deutschland, auch der amerikanische, noch Nische war und es wenig Infrastruktur gab, war das Powerhouse auch als Live-Location interessant. Das Label WEA zum Beispiel vermarktete gerade einen Rap-Artist mit Rastalo- cken aus New York, der mit „Woo-Hah!! Got You All in Check“ einen Hit gelandet hatte. Das Label wollte, dass Busta Rhymes möglichst in einem vollen Laden auftritt. „Da haben die sich gefreut, dass er im Powerhouse spielen konnte“, erinnert sich Marius. Und: „Als er das nächste Mal in Hamburg war, ist er als Gast ins Powerhouse gekommen.“ Zusammen mit einem gewissen Ice Cube, fügt Wolf hinzu. House of Pain, Cypress Hill, Ice-T und seine Band Body Count standen auch auf der Bühne.

Obwohl die ersten Deutschrap-Platten gepresst waren, galt die Musikrichtung noch als zu speziell, um Leute auf die Tanzfläche zu locken. „Die Stieber Twins, Advanced Chemistry, MC Rene hatten erste Platten draußen und aus Hamburg kam ‚Kill the Nation With a Groove‘”, resümiert Mirko Machine. „Aber es war nicht so, dass du da eine Stange Platten hattest, die du auflegen konntest.“ Auch war das Produktionsniveau noch zu unterschiedlich. „Die Deutschrap-Sachen, wenn du die neben einem New-York-Beat gespielt hast, das ging einfach nicht“, gibt Marius zu bedenken.

Doch in Hamburg braute sich etwas zusammen: Absolute Beginner, Fettes Brot, Dynamite De- luxe, Fünf Sterne Deluxe und Eins Zwo (waren im Norden verantwortlich für ein hohes Niveau) standen in den Startlöchern. Viele von den später erfolgreichen Künstlern waren regelmäßig im Powerhouse und sahen Coolmann und Mariudabei zu, wie sie die neuesten Platten au egten, die sie frisch aus dem Plattenladen mitbrachten. „Die Jungs, die dann groß geworden sind, die standen da und haben sich das angehört“, fügt Wolf hinzu. „Es waren zwei Jahre, in denen es so richtig geburnt hat.“

Die teilweise etwas schwierige Klientel im Publi- kum war in den ersten Jahren noch handzahm, weil sich im Klub von Abiturienten bis hin zu Vor- stadtkids alles mischte. „Der Laden war voll, auch mit solchen Leuten, vor denen jetzt alle Angst ha- ben“, erinnert sich Wolf und meint damit Kids, die stigmatisiert werden, weil sie aus einschlägigen Vierteln kommen. Heute Molenbeek, gestern Mümmelmannsberg.

Doch es war eine Frage der Zeit, bis irgendwas schiefging. Eine Messerstecherei vor der Tür erschreckte die Leute. „Danach haben wir ein halbes Jahr gebraucht, um das wieder zum Laufen zu bringen“, sagt Wolf. An vorderster Front stand damals auch der heutige Kickbox-Weltmeister Brian Al Amin. Er stand damals als Türsteher auf dem Treppenaufgang. In einer guten Nacht musste er nur Minderjährige abwimmeln. Da- bei war er selbst noch nicht ganz 18, als er von einem Kumpel gefragt wurde, ob er nicht an der Tür seine Kasse aufbessern wolle. „Die 500 Mark,

die wir am Wochenende verdient haben, waren viel Kohle für uns“, erinnert sich Brian.

Aber das Geld war auch Schadensersatz. In den schlechten Nächten ging es zur Sache. Zimperlichkeit ist kein Qualitätsmerkmal guter Türsteher und Brian selbst war auch nicht gerade die Un- schuld vom Lande, bewegte sich im Dunstkreis der Getto-Kings aus der Plattenbausiedlung Steilshoop, die aber im Zusammenhang mit dem Powerhouse laut Brian nie eine Rolle spielten.

Auf dem Kiez florierte der Drogenhandel und Dealer versuchten, sich Zutritt zum Powerhouse zu verschaffen. „Wir haben teilweise mit Gebisschutz gearbeitet, weil wir wussten, da geht’s zur Sache“, erklärt Brian. Irgendwann zogen sie auch Schutzwesten an. Dennoch wurde sein Partner schwer verletzt, kassierte einen Jochbeinbruch, weil ihn eine Flasche mit voller Wucht im Gesicht traf. „Wir dachten erst, er sei tot, weil er zusammengesackt ist wie ein nasser Sack.“

Auch wenn die Tür gut geführt wurde, es steht nicht in der Macht eines einzelnen Klubbetreibers, sich den Regeln des Kiezes zu entziehen. Zwar sagt Wolf, er habe nie Schutzgeld zahlen müssen, aber so wie andere Klubbetreiber weiß auch er, dass ein komplett cleaner Klub utopisch ist, damals wie heute. An einen Zwischenfall er- innert sich er lebhaft:

Eines Abends kreuzen Typen auf, von denen er heute ausgeht, dass sie „Dealer-Kontrolleure“ waren, Leutnants von Drogenbossen, die die Arbeit von Kleindealern überwachen. „Zwei Typen zahlen Eintritt, gehen rein, machen ihre Runde, kommen wieder raus und sagen zu mir: ‚Ey, gib mir mal meinen Eintritt wieder.‘“ Wolf denkt, er spinnt und sagt: „Du kriegst deinen Eintritt nicht wieder, wie kommst du denn darauf?“

Der eine Typ wird aggressiv, hält Wolf die Finger an die Stirn wie mit einer angedeuteten Waffe und sagt: „Ey, Fucker, gib mir jetzt die Kohle wieder.“ Wolf gibt in einer trotzigen Geste nach und schmeißt dem Typen einen Zwanziger vor die Füße. Die Kontrolleure ziehen Leine, aber die Fortsetzung folgt.

Eine Woche später kommen sie wieder und Wolf kann es sich nicht verkneifen, sie anzublaffen: „Ich habe mich tierisch über mich selbst geär- gert, weil ich dir die Kohle wiedergegeben habe. Du hast doch sowieso keine Wumme!“ Der Typ verschwindet. „Auf einmal fährt ein blauer BMW rückwärts vor den Klub, mit Schmackes direkt vor den Laden. Der Typ sagt ‚Komm mal mit‘ und geht an den Kofferraum.“ Wolf hat ein Einsehen und lehnt die Einladung ab: „Nein, nein, lass zu, ist alles gut.“

Ironischerweise war es auch der einsetzende Er- folg des Deutschrap, der sich auf das Geschehen im Powerhouse auswirkte. Marius und Coolmann fingen an, ihre eigenen Projekte zu verfolgen. Sie zogen andere Jobs an Land und dann war es auch irgendwann Abwägungssache. „Das Publikum hatte sich verändert, auf einmal waren da voll die Aggro-Typen drin. Das war ab einem bestimmten Punkt einfach nicht mehr geil“, sagt Marius. Dann habe er lieber andere Jobs angenommen, als sich mit den Typen rumzuschlagen.

„Die Leute hatten Angst und ihre DJs waren nicht mehr da“, fasst Wolf die Situation am Anfang vom Ende zusammen. Ihm selbst war auch nicht mehr wohl bei der Sache. Nach vier Jahren war diLuft raus und er entschied sich 1996, einen Neustart zu wagen. Nebenher hatten im Keller schon Jungle- und

Goa-Partys stattgefunden. Jetzt wollte sich Wolf ganz auf elektronische Beats verlegen und nannte das Powerhouse in Cubic um, gespielt wurde nun Drum’n’Bass und Elektro.

1998 war dann das Ende der Location besiegelt. Das Haus sollte bald abgerissen werden. Aber um den Klub weiter betreiben zu können, hätten neue Investitionen angestanden. „Es war klar, dass wir da wieder hätten was reinstecken müssen und das war mir too much“, erklärt Wolf. Er machte schließlich auf der anderen Straßensei- te das Phonodrome auf und veranstaltete dann doch noch Techno-Partys. Mit diesem Klub zog er später ans Nobistor am anderen Ende der Reeperbahn.

„Ich bin nicht der Gründer der Hip-Hop-Szene, aber ich habe den Laden aufgemacht. Es war nicht so geplant, aber hat sich so entwickelt“, fasst Wolf seine Rolle zusammen. „Erst später, wenn andere die Abende, an denen du aufgelegt hast, als legendär oder wegweisend bezeichnen, merkst du, dass es was Besonderes war“, resü- miert Marius. „Wir waren jung, wir waren heiß, wir hatten Bock und die neue Scheibe war da“, erinnert sich Mirko an das erdenklich einfachErfolgsrezept. „Damals war es wirklich noch so, dass es darum ging, eine Nische gemeinsam zu erleben“, meint Brian.

Wolf ist weiter Klubbetreiber, er schmeißt das Übel & Gefährlich im Bunker auf dem Heiligengeistfeld, unweit des früheren Standorts des Powerhouse. Marius No. 1 betreibt sein Label Chiefrocker und legt unter dem Pseudonym Dubius Dubstep auf. Mirko Machine steht weiter hinter den Plattentellern und legt Rap aus der Golden Era auf. DJ Coolmann, der es leider nicht zum Treffen schaffte, will laut Plattenlabel Warner dieses Jahr noch ein Album mit Fünf Sterne Deluxe aufnehmen. Ex-Türsteher Brian, der seine Schoten per Telefon beisteuerte, betreibt heute sein eigenes Kampfsport-Gym in Hamburg.

Die Runde im Restaurant löst sich nach zwei Stunden, einem guten Essen, ein paar Bier und einem Gläschen Wein auf. Es gibt noch ein gemeinsames Erinnerungsfoto und jeder geht sei- nes Weges. Das Gebäude ist weg, die Legende lebt in den Geschichten und Erinnerungen der Beteiligten. Einig sind sie sich darüber, dass niemand den Erfolg des Klubs so hätte planen können. Es waren der richtige Betreiber mit der richtigen Location und die richtigen DJs zur richtigen Zeit.

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