Das Do it Yourself-Album: Fünf Jahre Ahzumjot – „Monty“

ahzumjotAuch wenn es sicherlich nicht das Wort ist, das ein Musiker allzu gern über sich hören mag, Kritikerliebling beschreibt Ahzumjot aktuell wohl am besten, im Jahr 2016 befindet er sich auf dem Peak seines bisherigen Schaffens. Was sich mit dem „Durchbruchalbum“ ankündigte, der Starstatus, blieb bis heute allerdings aus – vielleicht sogar bewusst. Einem größeren Publikum bekannt wurde der gebürtige Hamburger heute vor genau fünf Jahren. Mit dem Album „Monty“ schaffte Ahzumjot es von der „Wohnzimmercouch“ in alle gängigen Hip-Hop Medien und erhielt aus dem Stegreif eine Menge Lob.

„Monty“ stellt in gewisser Weise den Karrierestartschuss für Ahzumjot dar. Es stellt das erste Solo-Release unter seinem heutigen Künstlernamen dar, der durch einen Song auf der zu dem Zeitpunkt aktuellen Soloplatte zustande kam und auch wenn er bereits mehr als eine halbe Dekade lang hier und da im Untergrund auf sich Aufmerksam machen konnte, begann sich mit dem Album herauszukristallisieren, dass Musik in Zukunft ein Job für den Hamburger werden würde. Nur knapp ein Jahr zuvor startete er das Projekt „Schlechte Menschen“ mit dem musikalischen Weggefährten P.R.Z.. „Schlechte Menschen sollte eigentlich das werden was ich weiter mache.“ resümiert Ahzumjot in der ersten und bis dato einzigen (warum eigentlich?) Folge des Allgood-Podcasts. Da sich der Kollabopartner allerdings eine Karriere auch außerhalb des Rap-Games in Angriff nehmen wollte, blieb es bis heute bei nur einer Kollaboration auf Albumlänge. Das vermeintlich gescheiterte Projekt hinter sich, beginnen die Arbeiten am neuen Soloprojekt, das Ziel vor Augen Musiker zu werden, von der Musik zu leben. Den Anspruch, das Ziel gleich mit dem ersten größeren Release zu erreichen, gab es im Vorhinein zwar nicht, gemeistert wurde es trotzdem, auch wenn jede einzelne zum Release verkaufte Platte noch immer im eigenen Rechner gebrannt, im Wohnzimmer liebevoll in rosanes Geschenkpapier verpackt und bei der heimischen Poststelle verschickt wurde. „Mir war es da auch nicht wichtig, damit Kohle zu verdienen oder so.“ erklärt er rund drei Jahre später im BACKSPIN-Interview.

„Es hat mich nicht interessiert zu sagen, dass ich der Dopeste bin, weil ich mich nicht wie der Dopeste gefühlt habe.“ – Ahzumjot über die Entstehungsphase von „Monty“

Gewidmet ist das Album dem Hund des Protagonisten, der der Platte auch seinen Namen verleiht. Allein der Titel lässt bereits erahnen, dass man auf dem Album im einiges mehr an Einblicken in das Privat- und Innenleben von Ahzumjot bekommt, als man es von den vorigen, eher battlelastigen „Untergrundveröffentlichungen“ gewohnt war. Ob er nun auf einem Song wie „Sepia zu Gold“ die bei vielen nur allzu gut bekannte Zukunftsangst anspricht und das Ganze mit einer Portion Sarkasmus verpackt, oder mit dem erneuten Auftreten als Schlechte Menschen gemeinsam mit P.R.Z. auf „Webcam“ sogar in einer Zeit vor Instagram und Snapchat seinen Unmut gegenüber Selbstdarstellern im Internet äußert, oft scheinen die Anspielstationen wie direkt aus dem Leben gegriffen – nicht einem Leben auf der Straße, sondern einem Leben das gefüllt ist mit den Problemen eines Jungen, dessen selbst gewählte Perspektive die Musik ist. Selbstzweifel, Angst davor, in den Trott zu geraten, Sinnsuche und Melancholie.

Das Album sucht sich das Motiv des „Hundelebens“ aus, stellt die eigentliche Definition aber komplett auf den Kopf. Während man den Begriff gemeinhin als negativ betrachtet, stellt es für Ahzumjot das Wunschziel dar. Denn was hat ein Hund schon zu tun? Kein Job, kein Leistungsdruck, keine Verpflichtungen – außer für sich selbst und das eigenen Wohlbefinden. Den ganzen Tag fressen, schlafen und spielen, eigentlich das Traumleben, ein Hund bleibt nur sich selbst Rechenschaft schuldig. Während diese Idee auf dem sehr gut gelaunten, bunten Opener umschrieben wird, werden für die folgenden Anspielstationen überwiegend düstere, sphärischere und oft reduziertere Instrumentals gewählt. Die Probleme, denen man als „Monty“ aus dem Weg gehen könnte, werden Thema. Mit dem eröffnenden Titelsong erlebt das Album übrigens gleich seinen Kanye-Moment: Zwar offiziell ohne Features angegeben, werden die Augen bei einem Blick ins Booklet groß. Neben dem offensichtlich hörbaren Rockstah sind auf dem Track auch Maxat, Tim Schwerdter, Carina Kross und sogar Cro vertreten – nur für Adlips und Background-Vocals.

„Monty“ macht musikalisch dort weiter, wo schon Rockstah im Vorjahr begonnen hatte und was Casper mit seinem magnum opus „XOXO“ unter die großen Massen gebracht hat. Auch wenn die Einflüsse, die sich aus diesen drei Alben heraushören lasse in vollkommen andere Richtungen gehen, haben sie doch eins gemeinsam: Sie entfernen sich vom klassischen Hip-Hop Sound.  Wo „XOXO“ die altbekannten Sythiesounds und Soul-, Jazz- und Funk-Samples durch Indie-Einflüsse und Crossover-Gitarren ersetze, wagt sich Ahzumjot für „Monty“ in das Terrain der Pop- und Electro-Musik, legt dem Titel „Explosionsgeräusche“ ein Sample aus Lady Gagas „Just Dance“ zu Grunde und trifft mit dem daraus entstehenden, primär elektronisch durchzogenen Sound den Zahn der Zeit. Und all das im DIY-Stil. Produziert wurde das komplette Album von Ahzumjot selbst, hier und da gab es lediglich ein wenig Unterstützung von Freunden, wie Crusoe, Lev und Sam Excelent. Für das Gesamtprodukt gibt der Hamburger nichts aus der Hand: „Ich bin einfach ein Sturkopf“ erklärt er im BACKSPIN Interview. Jeder Beat, jeder Text, sogar Mix, Mastering und das Artwork stammen aus der Feder von Ahzumjot – ein Arbeitsweise zu der er später wieder zurückkehrt.

Gemeinsam mit den Companions eou, Rockstah und Cro, sowie Olson, KaynBock, deren Sound ebenso Veränderungen andeutete, wurde er von Falk Schacht als die neue Reimgeneration gekürt, die Erwartungen diese Gruppe junger Musiker, eine Revolution im Deutschrap einzuläuten waren gigantisch. Wahrscheinlich findet sich in diesem Druck der Grund, warum niemand, mit Ausnahme von Cro natürlich, den Hype voll und ganz ausnutze. Das Interesse um die Rapper ebbte langsam wieder ab, es vergingen einige Jahre, bis schließlich alle das „heiß erwartete Album“ vorlegen konnten. Für Ahzumjot passierte das in Form von „Nix mehr egal“, seinem ersten und wohl auch einzigen Major-Album. Der erwartete Hype blieb aus.

„Major Label sollen einfach das machen, was sie wollen – nur ohne mich!“ – Ahzumjot im Interview mit BACKSPIN

Der Grund für den Bruch mit den Riesen der Industrie wird besonders ein Jahr nach dem heiß erwarteten Album klar: Ahzumjot funktioniert einfach am besten, wenn alles „selfmade“ ist. Im Musikbusiness gibt es zwar grundlegende Arten, an Projekte heranzugehen. Während die Einen Organisation, Vermarktung und das Drum-herum gerne an Profis aus der Hand geben und so nur an der Musik arbeiten – ganz nach dem Leitfaden: Mach kein Business mit deinen Kumpels – gehen andere den komplett anderen Weg. Mucke entsteht im Freundeskreis, das Business bekommt im besten Fall erneut das unbeschwerte Hobby-Gefühl während der Entstehung. Ahzumjot hat genau darin seinen Weg gefunden, die Qualität der vergangenen drei Releases allein im letzten Jahr spricht für sich – der Weg, der schon vor fünf Jahren mit „Monty“ gegangen wurde, hat sich als der Richtige erwiesen.

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ahzumjot-monty-artwork-coverTracklist:

1. Monty
2. STDTKDS
3. Gassi gehen
4. Sepia zu Gold
5. Webcam feat. P.R.Z.
6. Trotzdem Gewinner feat. Crusoe
7. Du wolltest nur Bonnie & Clyde
8. Einmal gegen die Wand
9. Explosionsgeräusche
10. Geht, okay feat. Rockstah
11. hauskindfrau
12. Nicht viel
13. Keine Zeitmaschine

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

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