Da Staummtisch: „Rap hätte mal wieder einen guten Grund inhaltlich Stellung zu Beziehen.“

Musik aus Österreich ist das Maß aller Dinge. Für Rock und Pop mit Stil werden Bands wie Bilderbuch oder Wanda in den Himmel gelobt, im Rap sind Künstler wie RAF Camora, Nazar, Gerard oder jüngst Crack Ignaz nicht mehr wegzudenken. Statt an Sirupbechern halten Da Staummtisch aus Wels jedoch an einer Hip-Hop Kultur fest, die noch sprayen und breaken konnte. Seit 2004 ist die Crew aktiv und kann seitdem drei Releases verzeichnen, die ihren Feinschliff allesamt von Texta-Legende Flip erhalten haben. 

Am Freitag  (15. April) erscheint mit „Eldorado“ ein weiteres Werk der Jungs, in dem neben einer gehörigen Portion Organisationstalent viel Liebe zur Musik steckt. In einem ausführlichen Gespräch geht es um erste Hip-Hop-Prägungen, FPÖ, AFD und Radioquoten. 

Stellt euch doch erst einmal vor. Was ist alles Teil des „Staummtischs“ und wie oft trefft ihr euch?

„Wir kommen aus Oberösterreich, sind seit 2004 in dieser Konstellation aktiv und releasen am 15.4. unsere neue LP „Eldorado“ via Tonträger Records/Hoanzl. Da Staummtisch hat sich aus einer Linzer und einer Welser Band formiert. Die Hauptakteure des Staummtischs sind: Antrue, Freistil & Roleee Solo am Mic, Concept hinter den 1210ern. Ursprünglich war auch noch Neina MC mit dabei, dieser ging aber nach dem Release unserer Respekt EP berufsbedingt für ein paar Jahre nach Brasilien, weshalb er auch leider am neuen Album nicht vertreten ist. Eine Zeit lang war auch DJ Hooray und Profan bei uns dabei.

„Man braucht wesentlich mehr Geduld als früher.“

Wir sehen das mit der Besetzung aber grundsätzlich nicht so eng. Wir sind eine Crew mit einem großen Dunstkreis von Gleichgesinnten, da ermöglicht einem so ein offenes Konzept natürlich auch mehr Freiheiten. Im Moment wird es leider immer schwieriger sich regelmäßig zu treffen. Als wir uns alle damals bei einem Freestylebattle kennenlernten, sind wir jedes Wochenende nach Wels gefahren um dort Session zu machen. Das hatte für uns Owezahra (Faulpelze) – obwohl wir uns damals noch nicht so gut kannten – eine ungewohnte Regelmäßigkeit, auch wenn nicht immer jeder von uns Zeit hatte.

So hat sich dann später auch unser Crew-Name entwickelt. Das hat sich mit dem Älterwerden leider verändert. Jetzt hat jeder seine Verpflichtungen – Arbeit, Familie, Kinder, Troubles und natürlich viel mehr Verantwortung als früher. Uns geht’s auch nicht anders als Jedem sonst in unserem Alter. Da muss man ein Release plötzlich viel genauer planen, jeden Termin penibel wahrnehmen. Man braucht wesentlich mehr Geduld als früher und muss bereit sein Opfer zu bringen. Sich seine Glücksgefühle im Alltag regelrecht erkämpfen. Das ist auch ein wichtiger Aspekt unseres Eldorado-Konzepts.“


Insgesamt ist euer neues Album das vierte größere Release seit ihr angefangen habt. Der Sound ist im Vergleich zu früheren Sachen voller, reifer. Worauf habt ihr geachtet?

„Auf ein g’scheites Mastering! Nein, im Ernst, wir sind schon kreative Köpfe und deichseln uns das Meiste selbst zusammen. Wir haben viel mit Musikern gearbeitet, die uns eingespielt haben, speziell Bass oder Bläser haben eingespielt einfach den fettern Sound. Aber was das technische Verständnis von Mix und Mastering betrifft, kann man qualitativ nur dann mithalten, wenn man damit regelmäßig – z.B. beruflich – zu tun hat. Wir alle leben nicht von der Musik, wir machen das in unserer Freizeit (die gar nicht so frei ist wie sie sich anhört). Während wir früher noch versucht haben alles „so gut wie möglich“ selbst hinzubekommen, wissen wir es mittlerweile besser. Jeder kümmert sich bei uns um das was er am Besten kann – was keiner perfekt beherrscht geben wir ab.“

„Artists freuen sich richtig darauf in Linz zu spielen.“

Für „Eldorado“ arbeitet ihr unter anderem mit Flip zusammen, mit Texta seid ihr im April als Tour-Begleitung unterwegs. Wie lange besteht diese Bekanntschaft?

„Schon ewig. Texta ist in der österreichischen Hip Hop Szene eine Institution, die uns schon in unserer frühesten Jugend musikalisch und inhaltlich abgeholt hat. Speziell Tonträger Records hat mit seinen Releases die österreichische Szene stark beeinflusst und mitgestaltet. Die „KAPU“ in Linz war und ist die wichtigste Location für Independent Hip Hop in ganz Österreich. Flip kümmert sich dort schon seit knapp zwei Jahrzehnten um die Bookings, was der Linzer Szene sehr gut getan hat. Da hast du plötzlich in einem Raum – in dem eigentlich nur 250 Menschen Platz finden – über 500 ausrastende Heads drinnen stehen, denen R.A. the Rugged Man ins Gesicht brüllt. Das spricht sich mittlerweile auch schon in den amerikanischen Hip Hop Hauptstädten herum und die Artists freuen sich richtig darauf in Linz zu spielen – eben weil da ein ganz spezieller, persönlicher Vibe mit dem Publikum entsteht.

Das ist, was wir in Österreich unter Real Hip Hop verstehen. Davon abgesehen haben wir in der Vergangenheit viel zusammengearbeitet. Flip zeichnet für Mixdown und Mastering unserer ersten drei Tonträger verantwortlich, steuert bei unseren Releases immer mal wieder ein Brett von Beat bei, und hat immer wichtige Tipps und Erfahrungswerte im Ärmel. Danke dafür, Flip!“

„Wir haben so um 1998/99 Bock bekommen das Ganze ernsthaft anzugehen.“

Wie seid ihr musikalisch sozialisiert worden, speziell im Hip-Hop?

„Wie eben gerade erwähnt, haben die Live-Konzerte (damals gab es auch bei uns noch diese legendären 4-Elemente Jams, z.B. die „Stay Original“-Reihe) einen großen Einfluss darauf gehabt, sich überhaupt erstmal mit der Kultur auseinanderzusetzen. Antrue hat Weihnachten 1998 seine ersten Plattenspieler bekommen. Damit hat das intensive Beschäftigen mit Vinyl und der Hip Hop Mucke begonnen. Eigentlich haben Antrue und Freistil zuerst mit Breakdance und Graffiti in Linz begonnen. Concept war ein Freund von Antrue‘s jüngerem Bruder Alex und kam somit in ganz jungem Alter schon mit Hip Hop in Berührung. Auch in Wels gab es damals Anfang der 2000er eine beachtliche Hip Hop Bewegung rund um den Alten Schl8hof, wodurch Roleee ebenfalls relativ früh mit der Kultur in Kontakt kam. Seine Idole waren damals jedenfalls Dynamite Deluxe.

„In Wels gab es damals Anfang der 2000er eine beachtliche Hip Hop Bewegung.“

Hip Hop Oberösterreich wurde immer schon sehr stark vom „realen East Coast Boom Bap Sound“ geprägt. Auch wir wurden stark von Gang Starr, den ersten Nas Alben, Mobb Deep, Heltha Skeltha, Pete Rock oder Masta Ace beeinflusst. Und dann natürlich das Jahr 1999 im deutschen Hip Hop: Großes Kino, Gefährliches Halbwissen, Esperanto, Überfall, Rolle mit Hip Hop usw. – ja und natürlich Texta als großer Bruder! Die waren immer ein wichtiger Anhaltspunkt für uns. Irgendwie hat es dann die meisten von uns ans Mic gezogen. Wir haben so um 1998/99 Bock bekommen das Ganze ernsthaft anzugehen, gründeten unsere Crews und schließlich den Staummtisch. Uns sind die 4 Elemente des Hip Hop noch immer wichtig. Die nach wie vor tiefe Verbundenheit mit der Kultur unterscheidet uns vielleicht von den meisten aktuellen „Rapacts“ ein bisschen. Freistil z.B. ist heute noch als Writer aktiv (ZORES.ONETWO).“

Habt ihr eigentlich das Gefühl, dass Mundart wie das derbe Österreichisch euch textlich mehr Möglichkeiten bietet, als wenn ihr Hochdeutsch schreiben würdet? Ist so etwas noch (oder wieder) cool?

„Wir haben ja damals auf Hochdeutsch gestartet, aber man hat wohl selbst schon gespürt, dass der Funken nicht richtig überspringt. Wenn man sich die eigenen Recordings angehört hat, war das Hochdeutsch schon etwas befremdlich. Man würde im Dialekt einfach anders formulieren, andere Ausdrücke verwenden – aber man hat sich immer an der deutschen Szene orientiert.

„„Vollendete Tatsachen“ hat damals eine Welle losgetreten.“

Lag wahrscheinlich am fehlenden Selbstvertrauen. Gerade der bekannte, österreichische, schwarze Humor kommt nur im Dialekt richtig rüber. Es war das Album „Vollendete Tatsachen“ von Markante Handlungen, das 2005 die Dialekt-Rap-Welle in Österreich losgetreten hat. Da wuchs plötzlich das Selbstvertrauen zu seiner Herkunft zu stehen, man orientierte sich eher am Schweizer Zugang zur Musik und jede zweite Crew versuchte, in den darauffolgenden Jahren Dialekt-Rap in der Szene zu etablieren. Lustigerweise gibt es ja im Moment wieder einen richtigen Dialekt-Hype in der österreichischen Musiklandschaft. Liegt vielleicht auch daran, dass nach der mittlerweile langen Austropop-Abstinenz der breiten Hörerschaft Dialekt wieder etwas mehr gefragt ist.“

„Ohne Crack Ignaz würden wir vielleicht dieses Interview nicht führen.“

Stichwort Dialekt – momentan bringt gerade Österreich eine Welle von neuen Künstlern wie z.B. Crack Ignaz oder Yung Hurn hervor, die mit allen Regeln brechen, Cloud-Rap oder Dada-Rap wurde das schon betitelt. Habt ihr sowas auf dem Schirm?

„Am Schirm? – man kommt ja quasi gar nicht dran vorbei… Grundsätzlich ist Entwicklung immer wichtig und positiv. Nichts wäre schlimmer, als dass ein Genre wie Rap jahrzehntelang im eigenen Saft kocht. Wo wäre dann noch Inspiration und Motivation zu finden? Natürlich freut man sich als österreichischer Act, wenn jemand wie Crack Ignaz das internationale Parkett betritt. Ohne seinen Hype in Deutschland würden wir vielleicht dieses Interview gar nicht führen, weil eben plötzlich auch österreichische Mundart in Teilen Deutschlands Anklang findet. Was Besseres kann dem hiesigen Rap nicht passieren.

„Wir können uns genauso vorstellen, den Dada-Style zu verwenden.“

Wir fahren jetzt auf „Eldorado“ auch nicht nur die Boombap-Schiene, aber fühlen uns dort immer noch am Wohlsten. Wir können uns genauso vorstellen, den Dada-Style mal als Stilmittel für eine bestimmte Aussage, einen bestimmten Track zu verwenden. Soundmäßig wollen wir uns da aber nie selbst einschränken. Trotzdem stehen wir dem ganzen Lifestyle-Rap im Moment etwas kritisch gegenüber. Gerade in der jetzigen globalen Situation hätte Rap wieder mal einen guten Grund inhaltlich Stellung zu beziehen, anstatt sich ums eigene Ego zu kümmern und hohle Floskeln in die Welt zu tragen.“

„Dauernd is‘ die Glotzn voll mit einem Kriesenherd, es is‘ pervers, dass du Tage später davon nix mehr hörst.“ Ihr verortet euch auf „Eldorado“ ziemlich oft politisch und bezieht klar Stellung. Man kann das Album wohl durchaus als politisch bezeichnen. Beobachtet man aus Österreich aktuelle Tendenzen in Deutschland mit Sorge, Stichwort AFD?

„Das sowieso, aber vorerst macht uns unser eigenes Land am meisten Sorgen. Komplettes Versagen der Politik bezüglich der aktuellen Flüchtlingssituation, massiver Rechtsruck in den meisten Landesregierungen, Panikmache seitens der Medien, des Nachts durch die Stadt patroullierende Bürgerwehren ohne Legitimation, die Gruppierung der rechtsradikalen „Identitären“, eine verunsicherte Bevölkerung, Handfeuerwaffen verkaufen sich bei uns im Moment wie geschnitten Brot – alles Entwicklungen, die einem denkenden Menschen große Sorgen machen können.

„Gerade wenn man so einen Bandnamen hat wie wir, ist es wichtig sich klar zu positionieren.“

Auch wenn wir als Staummtisch früher eher szenebezogenen Battlerap gemacht haben, waren wir immer schon politisch unterwegs, haben uns immer gegen Rechts engagiert. Gerade wenn man so einen Bandnamen hat wie wir, ist es wichtig sich klar zu positionieren, damit da keine Missverständnisse entstehen. Das ist Teil des momentanen Trends: Bevor man sich die Zeit nimmt sich zu informieren, trägt man lieber gefährliches Halbwissen in die Welt hinaus – nur um mitreden zu können, ohne Rücksicht auf die möglichen Konsequenzen.“

Was muss noch passieren, dass als nächstes auch eine eigene Tour gelingt?

„Naja, zum einen müsste es seitens der großen Radiostationen zu einem Umdenken kommen. Das ist in Deutschland wohl nicht so das große Thema, in Österreich aber schon. Der größte, öffentlich-rechtliche Radiosender, Ö3, hat erst seit diesem Jahr eine Quote für österreichische Musik eingeführt (auf Druck der Musikbranche, die sich seit Jahren per Petitionen dem Thema annimmt). Da lief die letzten 10 Jahre ca. 2% österreichische Musik im Jahr. Bilderbuch und Wanda oder befreundete Bands wie Krautschädl konnten somit das neu gewonnene Rampenlicht für sich nutzen, führten innerhalb kürzester Zeit die Charts an, verwiesen den ganzen vorgegebenen USA-Charts-Mist auf Platz 2, und starten nun auch international voll durch. Da ginge wie man sieht noch wesentlich mehr.“

Vielen Dank für das Gespräch! 

Mehr Informationen: Da Staummtisch auf Facebook.
Hier „Eldorado“ bestellen

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Er ist nicht "Nordisch by Nature" – kam aber durch Samy und EinsZwo zu Hip-Hop. Abseits davon auch gerne Gespräche über die Rettung der Welt, Tesla oder Alan Watts. "They try to blind our vision, but we all God children, we siblings. You my brother, you my kin, fuck the color of your skin."

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