Cro und Chimperator: Von ‚Easy‘ bis zum Ende

„Mit einem weinenden und einem lachenden Auge wollen wir etwas bekannt geben.“

Mit diesem Satz verkündete Chimperator letzte Woche, dass das Stuttgarter Label und Cro in Zukunft getrennte Wege gehen werden. Kaum ein anderer Deutschrapper hat in den letzten Jahren so viel Geschichte geschrieben und dabei gleichzeitig die Meinungen der Hörerschaft so gespalten wie Carlo. Grund genug seine Karriere nochmal Revue passieren zu lassen und sich der Frage zu stellen, wie es weitergeht.

Anfänge

Hand in Hand haben Cro und sein Label Chimperator Erfolge erzielt, die sich sehen lassen können: An den Wänden hängen mehrfach Goldplatten, sogar Platin ist dabei. Dabei lag Cros erster kreativer Output ursprünglich noch gar nicht in der Musik, sondern im Zeichnen. Denn bevor Carlo Waibel die großen Bühnen dieser Welt betreten durfte, arbeitete er als Comiczeichner bei der Stuttgarter Zeitung.

Angefangen hat Carlos Musikkarriere, wie auch bei vielen anderen Rappern dieser Größenordnung (bspw. Kollegah, Casper, oder Pillath), inmitten von Battlerappern und Acapella-Freestyles: Cro trieb sein Unwesen damals noch unter dem Namen „Lyr1c“ in der Reimliga Battle Arena, kurz RBA. Bereits zu diesem Zeitpunkt sah man ihm sein Talent an: 2009 veröffentlichte „Lyr1c“ dann sein erstes Mixtape mit dem Namen „Trash“ und setzte damit den inoffiziellen Startpunkt einer der erfolgreichsten Karrieren in der deutschen Musikgeschichte. Und während noch kaum einer Cro auf dem Bildschirm hat, ist dieser bereits mitten im kreativen Schaffen und fungiert nebenbei noch als Designer seines eigenen Modelabels namens „Vio Vio“.

 

Meine Musik

Als 2010 das „Meine Musik“ – Mixtape erscheint, wird plötzlich jemand aufmerksam: Kaas (Die Orsons), gerade mit seinem dritten Studioalbum beschäftigt, riecht Carlos Talent und schickt seinem Label das Mixtape. 2011 steht der Deal bei Chimperator. Auf „Meine Musik“ finden sich Songs wieder, die dann auch Teil späterer Projekte wurden: Der Song „Einmal um die Welt“, beispielsweise, erreichte später sogar Platinstatus und ist mit 43 Millionen Klicks auf YouTube einer der erfolgreichsten Songs, die Cro je veröffentlicht hat.

Alles Easy

Als dann am 23. November 2011 das Video zu „Easy“ erscheint, gelingt dem Panda der Durchbruch. Die TapeTV-Videopremiere wird zu einem vollen Erfolg. Der US-Blog Hypetrak schreibt, Cro bekommt einen Platz im „Hip Hope“-Teil der Juice, alle feiern Carlo – spätestens als Jan Delay auf seinen sozialen Netzwerken verkündet, dass Cro die Zukunft von Deutschrap sei. Und der Erfolg gibt ihm vielleicht Recht: Drei mal Gold und die 1 Live Krone in der Kategorie „Single des Jahres 2012“ – eine von insgesamt vier. Auf einmal war er einer der spannendsten Künstler, die der damaligen Rap-Blase entsprungen sind.

Aus „Easy“ resultierte eine mediale Explosion und so kam es dazu, dass wenig später die großen Labels Schlange standen und anfingen mit großen Angeboten an Chimperators Tür anzuklopfen. Doch die machten nicht auf: Cro findet die Vorstellung vom großen Majorlabel „ekelhaft“, „unpersönlich“ und lässt sich von dem „bösen, großen Label, was nur ganz viel Geld will.“, wie er im Podcast zu seiner „Easy does it“ – Biografie erzählt, nicht weich machen. Chimperator bleibt weiterhin an seiner Seite – was sich später als verdammt richtige und wichtige Entscheidung herausstellt. 

 

Aus den Clubs auf die Mainstage

Gerade erst gesigned, geht es für Cro und Co als Support auf die Madcon Tour. Während er sich dazu entscheidet die Schule abzubrechen, kündigt sein DJ und Homie Psaiko.Dino kurzerhand seinen Job, um den Fokus komplett auf Mucke zu legen. Mitten im großen Medienrummel und wachsendem Hype erscheint dann am 2. Dezember 2011 das „Easy“ – Mixtape. Mit „Hi Kids“ und „Mein Benz“ sind schon zwei weitere Singles für die Außenwelt zugänglich. Zu „Hi Kids“ erscheint damals ein Video.

Im Januar darauf stand dann direkt mal die „Pandas gone wild“ – Clubtour an: 200 – 300er Locations wurden easy gefüllt – kurz darauf ging es für Carlo noch auf die „Crockstahzumjot“ – Tour, zusammen mit, wie der Name schon vermuten lässt, Rockstah und dem Hamburger Ahzumjot. Da sich der Rapper nun aber auch auf Albumlänge beweisen möchte und musste, wurde die geplante Tour mit Casper kurzerhand abgesagt – zu viel Arbeit steht an. Darauf folgte noch die „Hip Teens wear tight Jeans“ – Tour, und wenig später die „Road to Raop“- Festival Tour mit eigener Band.

Inzwischen füllt Cro keine kleinen Clubs mehr, sondern die Plätze vor den großen Mainstages. Gerade mal knapp zwei Jahre nachdem der Panda seine Unterschrift bei Chimperator setzte. Chapeau – das muss man, ob man Cro mag oder nicht, gebührend anerkennen.

Hipsterhass

Dem war aber nicht immer so, denn Cro war zwar bei vielen Menschen beliebt und es hatte sich mittlerweile eine riesige Fanbase inklusive Hype gebildet, allerdings passte der „Raop“ einigen nicht so ganz in ihren Deutschrap-Kosmos. „Wer ist der schwule Pandarapper?“– Kommentare füllten Pinnwände und Kommentarspalten und geben anderen einen Grund mit aufzuspringen: Shindy stichelt auf einem Kay One Track aus 2012: 

„Jo Kay, wie wär’s? Kurztrip Milano? / Cro feiert seinen Geburtstag am Bahnhof / ne’ Bahn Koks, Untersuchungshaft / Schlägereien, ich weiß doch du bist krass“ (Kay One & Shindy„Sportsfreund“)

Ein anderes Format, als nur Lines zu droppen, bietet damals 4Tune, einigen aus Battlerap-Formaten, wie VBT oder RBA bekannt: Denn dieser bedruckt gleich mal neue T-Shirts, auf denen ein toter Panda abgebildet ist, darüber steht der Name seines Albums: „Einer muss es ja Tune“.

„Vielleicht habe ich ihn ja mal persönlich getroffen und weiß es gar nicht. Ich würde ihn fragen, was das mit den Hosen soll! Ich kann nicht verstehen, warum Männer so eine Skinny Jeans tragen. Da kriege ich das Kotzen – das wird für mich nie etwas mit Hip-Hop zu tun haben. Wenn ich dann die ganzen kleinen Vögel sehe, die mit ihren bunten Jeans rumlaufen …“, erzählt dieser in einem Interview mit rappers.in. 

Auch Fler leistete seinen Beitrag: Das Cover seines „Hispter Hass“ zeigt einen aufgespießten Pandakopf. Deutliche Message.

Mit Hip-Hop nichts zu tun? Deutschrap war nicht so überzeugt von der Mischung aus Rap, Pop und Indierock und die damalige Diskussion rund um Cro – zu der natürlich jeder eine Meinung haben musste –  kann man, fast auf eine Stufe mit hart diskutierten „Der, Die oder Das Nutella?“ und „Messi oder Ronaldo und wer wird eigentlich der Nächste?“ – Debatten stellen. Aber man muss ihm lassen, dass er Musikgeschichte geschrieben hat und vielleicht in Zukunft noch schreiben wird. Cro ist einer der ganz Großen.

Das Debüt

2012 erscheint dann das heiß erwartete Debütalbum „Raop“, welches innerhalb kürzester Zeit nicht nur Goldstatus erreichte, sondern auch auf Platz eins der nationalen Albumcharts landet. Cro war kein One Hit Wonder mehr, sondern gänzlich mit dem was er tut angekommen. Kurz darauf lieferte er noch das „Raop + 5“ Mixtape nach. Die Single „Whatever“ hielt sich eine Woche auf Platz Eins der Singlecharts und ganze 29 Wochen in den Top 100. „Raop“ ist mit über 500.000 verkauften Einheiten eines der erfolgreichsten Deutschrapalben ever. Ende des Jahres gab es dann den Bambi in der Kategorie „Pop National“. 2013 kamen zwei Echos in den Kategorien „Hip Hop/Urban“ und „Newcomer National“ dazu.

Melodie

Das zweite Album soll ja immer das schwierigste sein, weil man natürlich zum einen sich selbst festigen und übertreffen möchte, zum anderen muss man natürlich den Erwartungen gerecht werden. Am 6. Juni 2014 erschien „Melodie“. Cros zweiter Langspieler setzte sich zusammen mit der ersten Single „Traum“ ebenfalls ganz oben auf die Albumcharts und sowohl Album, als auch Single erreichten wieder Goldstatus. Das Ganze funktionierte und Cro, sowie Chimperator durften sich über ihren anhaltenden Erfolg freuen.

McDonald’s & Co.

Der anhaltende kommerzielle Erfolg schaffte Fläche für Werbedeals mit diversen Großkonzernen, wie McDonald’s und Red Bull. Cro sagt 2014 in einem All Good Interview zu seinen Kooperationen: „H&M war Design, das ist mein zweites Standbein, das hat voll gepasst. Bei McDonald’s haben sie mich mit den krassen Schauspielern überzeugt. Axe war für den Frieden, fand ich auch cool. Und Red Bull sponsert mein Festival. Ist doch geil.“. Später kam noch Mercedes Benz als Werbepartner dazu. Allerdings bringt das den nachvollziehbaren Aspekt mit sich, Kritik oder Unmut auszudrücken, denn nicht alle feiern die zielstrebige Monetarisierung der Marke Cro.

 

MTV UNPLUGGED

Wenig später, nämlich im darauffolgenden Jahr, erschien das Live- und Akustikalbum „MTV Unplugged: Cro“. Cro ist mit der Veröffentlichung und seinen 25 Jahren der jüngste Künstler der je ein deutsches Album in diesem Format aufgenommen hat und erreichte mit seinem dritten Album sogar Platin-Status.

„Unsere Zeit ist jetzt“

Im Oktober 2016 erschien Cros erster Film in den Kinos. „Unsere Zeit ist jetzt“ kann man erfolgsmäßig wohl eher als gescheitert bezeichnen (Obwohl Til Schweiger Teil des Projekts war?!). Gerade mal 3447 Zuschauer sitzen am ersten Tag in den Kinos. Vergleich: BushidosZeiten ändern dich“ wurde von über 300.000, Sidos „Blutzbrüdaz“ von ca. 128.000 Zuschauern in der ersten Woche besucht. Grund für den eher überschaubaren Andrang war laut einigen Aussagen mangelnde kreative Kontrolle während der Produktion.

BACKSPIN hat kurz nach Release eine Review zum Film geschrieben 

Allerdings scheinen Zahlen und kommerzieller Erfolg keine große Rolle zu spielen: „Ich finde es irgendwie cool, dass der Film nicht durch die Decke gegangen ist. So ist er vielleicht ein Insidertipp für einen kleinen Kreis, das macht ihn elitärer.“, erwähnt er in einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten.

tru

Mit „tru“ erschien am 8. September 2017 Cros drittes Studioalbum, welches ebenfalls Platz Eins der Charts ergattern konnte. Drittes Album – zum dritten Mal ganz oben. Die Single „Unendlichkeit“ geht mit über 200.000 verkauften Einheiten sogar Gold. Aber „tru“ zeigt einen neuen Cro.

„tru“ ist komplex, facettenreich, künstlerisch extrem detailliert und lyrisch viel tiefer als alle seine Vorgänger. Der „Kommerzrapper“ trumpfte mit lyrischen Fähigkeiten und enormer Verspieltheit innerhalb seiner Songs auf und konnte Kritiker gänzlich überzeugen. Tiefe und Kreativität, die komplexer denn je scheint, sind sowas wie ein Statement von Carlo. Denn die kommerzielle Hitmaschine ist anscheinend doch mehr als das, was so behauptet wird. Das dritte Album ist vielleicht nicht der kommerziell erfolgreichste Höhepunkt – Frank Hemd aus der rap.de Redaktion beschreibt das Problem ganz passend:

Cro hat ein Imageproblem. Das Bild von Cro ist immer noch das des Radiomusikers mit weichgespülten Texten für pubertierende Teenies und das mag die Rapwelt nicht.“  Word! Allerdings konnte er mit dem neuen Release durchaus auch Gegenstimmen überzeugen und Hörer für sich gewinnen, welche früher der Meinung waren, der Stuttgarter könne lediglich das Radio bedienen.

 

Von hier über London – direkt nach New York?

Und jetzt? War’s das? Im Gegenteil.„tru“ ist wohl als so etwas wie ein Anfang zu sehen. Cro will internationaler sein, will eigenständiger sein, kreativer sein, noch mehr Cro sein. Und genau das beginnt mit „tru“. Im Interview mit HipHop.de sagt er, dass Musik keine Sprache spreche und mit Wycleaf Jean und Ivy Sole sind ja auch schon internationale Gastauftritte auf dem Langspieler vertreten. Der nächste in der Reihe könne wohl Jaden Smith sein: Die beiden stehen wohl schon seit längerer Zeit in Kontakt. „Ich will von hier über London direkt nach New York.“, ist eine Line aus „Einmal um die Welt“. Genau das scheint gerade Form anzunehmen und ist ja auch der nächste logische Schritt. Die Single „Traum“ aus seinem zweiten Album wurde auf englisch übersetzt, man munkelt sogar, es gäbe eine englische Version von „tru“, so richtig bestätigen wollte das aber noch niemand. „tru“ war musikalisch genau das, was Cro umsetzen wollte und mit der Arbeit an dem Album haben sich viele Dinge innerhalb seines Dunstkreises verselbstständigt. Mittels der eigens gegründeten truworks – Kreativagentur verlässt er immer mehr die Strukturen traditioneller Labels, bzw. ist auf diese nicht mehr so stark angewiesen, und schafft sich nach und nach eine eigene Corporate Identity. Artworks werden selber gemacht, Klamotten selbst designed und produziert und Videos selbst gedreht. Die Trennung von Chimperator ist einfach nur das Resultat aus einem wachsendem Cro, der klare Visionen und Vorstellungen hat und diese nun mit eigener Kraft verwirklichen will. Die Frage hierbei ist inwiefern das funktioniert. Denn nicht alles, was man selber macht, ist zwangsläufig auch etwas, was man am Ende gut macht. Deutschsprachige Künstler, die in der Vergangenheit international funktioniert haben tragen die Namen Falco, Nena, Rammstein, Kraftwerk, ScooterTokio Hotel. Die kreative Basis fehlt nicht, um sich eventuell irgendwann in die Liste dieser Namen einzutragen…

Mit viel Herzblut, Zeit und Energie haben wir gemeinsam wegweisende Songs und Alben veröffentlicht, dabei Rekorde gebrochen, ein paar Türen für Hip-Hop geöffnet und sind daran gewachsen. Jetzt ist für Carlo die Zeit gekommen etwas eigenes auf die Beine zu stellen.“

Fünffach Gold, vier Nummer eins Alben, drei Nummer eins Singles und die großen Bühnen dieses Landes. Cro war und bleibt (Im Live- und Verlagsbereich arbeiten Cro und Chimperator weiterhin zusammen) ein absoluter Wegweiser für Chimperator, die sich auch, dank Cro, in der gegenwärtigen Musikszene etablieren und sich den Erfolg holen konnten, den sie sich durch jahrelange Arbeit im Hip-Hop-Untergrund verdient haben. Die Frage ist was die zukünftige Mission des Labels sein wird, denn Cro ein Stück sich selbst zu überlassen, ist zwar richtig, hinterlässt aber auch eine relativ große Lücke, die es zu füllen gibt. Wie es bei allen Beteiligten weitergeht, wird man wohl erst mittelfristig erfahren. Was bleibt ist ein Stück geschriebene Geschichte.

Mit einem weinenden und einem lachenden Auge wollen wir etwas bekannt geben: nach über sieben Jahren Zusammenarbeit trennen sich heute Labelseitig unsere Wege. Eine lange und von Erfolg gekrönte Strecke liegt hinter uns. Aus der Zusammenarbeit wurde eine Freundschaft und aus der Freundschaft heraus eine wirklich besondere Karriere. Mit viel Herzblut, Zeit und Energie haben wir gemeinsam wegweisende Songs und Alben veröffentlicht, dabei Rekorde gebrochen, ein paar Türen für Hip Hop geöffnet und sind daran gewachsen. Jetzt ist für Carlo die Zeit gekommen etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Mit Stolz schauen wir zurück auf das, was wir bis heute zusammen erreicht haben, Verlagsseitig und im Live-Bereich bleiben wir weiter zusammen, sagen Danke und wünschen uns gegenseitig das beste und den größtmöglichen Erfolg für die Zukunft. Servooos! Cro & Chimperator

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