Crank – Ein Familienvater gibt Gas (aus BACKSPIN #118)

Würdest du eigentlich gerne Geld mit Graffiti verdienen?

Nein. Ich respektiere die, die es machen, aber für mich kommt das nicht infrage. Ich denke, dass wenn ich jeden Tag an einem Projekt arbeite, es mir keinen Spaß mehr machen würde und es stressig und unproduktiv wird. Ich bin sicher, dass ich aufhören würde, Güterzüge zu bemalen, da es zu viel für mich wäre. Es ist gut so, wie es jetzt ist.

Bist du denn der Meinung, dass Graffiti Kunst ist?

Nein, echtes Graffiti ist Vandalismus. Damit will ich nicht die Writer diskreditieren, die nur legal malen, denn es ist ja schon schön, all diese seltsamen Techniken und Fähigkeiten zu beobachten. Ich respektiere es, dass manche Leute diese irren Masterpieces mit Charactern malen und ich schaue es mir auch gerne an. Jedoch ist echtes Graffiti für mich illegal. Es geht darum, das Piece zu malen – es geht um den Ort, den Stress, die langen Nächte draußen, die verrückten Chases, das Bomben und darum, dass deine Sachen auf Gütern gesehen werden. Ich werde auch nie ein Fan von Street- Art, die Sorte von Graffiti, die jeder mag und als Kunst bezeichnet. Allerdings: Wer bin ich, so etwas zu entscheiden?

Wie wichtig ist die Freundschaft in der Graffiti- Welt?

Sehr wichtig! Freundschaft innerhalb einer Crew ist alles! Ich war früher in einer Menge Crews, in denen es nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe aus diesen Erfahrungen gelernt und es ist alles ein Teil des Erwachsenwerdens innerhalb der Szene. Es ist sehr wichtig, Leute mit denselben Interessen zu treffen, auch in der Graffiti-Welt. Man teilt die gleichen Ideen und gibt jedem den Respekt, den er verdient. Wenn du einmal deinen Partner in Crime gefunden hast, geht alles viel einfacher und du wirst es am Ende nicht bereuen. Man findet Freunde fürs Leben.

In welchen Crews bist du denn?

Im Moment repräsentiere ich IFC und WH. Nase und Kaye kamen mit der Idee an, die International Freight Connection zu gründen, als Kaye und Eris in Belgien zu Besuch waren. Es ist schön, eine Verbindung mit Leuten aus anderen Ländern zu haben. Das Reisen wird angenehmer, wenn man vor Ort Leute hat, die die gleiche Sicht der Dinge teilen und Güterzüge mit einem bemalen. Ich habe keine Sekunde gezögert, als Nase mich fragte, ob ich bei der IFC mitmachen wolle. Dann muss man sagen, dass die Güterszene in den USA wesentlich größer ist als hier. Ich nehme all die hardcore Bomber von dort wahr und checke regelmäßig das Internet diesbezüglich ab. Als GS und Sicks mir alles über die Szene dort erzählten, öffnete sich eine neue Welt für mich. Ich zögerte auch hier nicht, als sie mir anboten, bei WH mitzumachen. Es sind so viele talentierte Writer in dieser Crew, dass es für mich eine Ehre ist, da- bei zu sein.

Würdest du deinen individuellen Namen hinter den einer Crew stellen?

Ich mache gerne mal ein Crew-Piece, aber das hängt davon ab, was ich vorher gemacht habe. Manchmal habe ich eine gute Idee für ein Crew- Piece oder eine besondere Produktion und dann versuche ich, es zu realisieren. Ich liebe es, meine Crews zu pushen, aber plane, nicht nur Crew- Pieces zu malen. Vielleicht hört sich das etwas egoistisch an, aber ich liebe es, unter meinem eigenen Namen zu arbeiten. Dennoch schreibe ich immer stolz die Crew-Namen neben meine Bilder.

Was muss man mitbringen, um mit dir malen gehen zu können?

Man sollte etwas Erfahrung und Wissen bezüglich Güterzügen haben. Man sollte nicht paranoid sein und entspannt. Ich mache keinem Vorschriften. Mir ist es egal, ob du besser bist als ich oder immer noch Toy-Pieces malst. Solange ich eine gute Zeit mit dir habe und ich mich nicht wie ein Babysitter fühlen muss, ist alles okay. Und natürlich musst du langsamer rennen können als ich. (lacht)

Wie hast du deinen Stil entwickelt und wo kommen deine Einflüsse her?

Ich war schon immer ein riesiger Fan von Wild- style-Graffiti. Anfänglich kam jeder Einfluss von allem, was ich in Sachen Graffiti wahrgenommen hatte – sowohl auf der Straße als auch in Magazinen. Später kam die Entwicklung durch die Leute, mit denen ich malen gegangen bin. Viele sagen, dass mein Style so aussieht wie der von Vero. Irgendwie ja, aber wir beide denken, dass es sehr unterschiedlich ist, was wir machen. Der Bubble- Style, den ich male, ist der schnellste, um viel zu machen. Wenn ich jedoch mit Crew-Mitgliedern eine Produktion mache, dann male ich meistens leserlich, damit es besser zusammenpasst. Ich mag meinen eckigen Style am meisten. Meiner Meinung nach ist er der originellste von den dreien und sieht aus, als wäre ich mental krank, was sich sehr gut mit meinem Namen deckt.

Wie wichtig sind dir die Wurzeln aus New York?

Das, was da passiert ist in der Vergangenheit, muss eine wunderschöne Erfahrung gewesen sein. Graffiti in seiner pursten Form. Ohne das wäre Graffiti nicht das, was es heute ist. Persönlich muss ich sagen, dass ich die Geschichte gut genug kenne, allerdings ist mir nicht jedes kleinste Detail wichtig. Ich bin mehr daran interessiert, was in Europa in den späten Achtzigern und den frühen Neunzigern geschah.

Hast du Idole?

Nicht wirklich. Ich bin nicht der Typ, der zu jemandem aufschaut, egal, ob es mit Graffiti zu tun hat oder nicht. Ich jage immer meinen eigenen Zielen und Idealen hinterher.

Wie wichtig ist es dir, zu reisen und dabei zu malen?

Ich muss das nicht machen, da die Güterwaggons ja den Job für mich erledigen. Natürlich mag ich es, zu verreisen und dann auch mal Graffiti zu machen. Ich kann dann so viele andere Spots und Modelle auspro- bieren, außerdem trifft man coole andere Leute. Ich bin keiner von denen, die sich mit ein, zwei Spots im Leben zufrieden geben. Rausgehen, neue Stellen finden und neue Felder beackern, darum geht es doch.

Auf fast jeder Güterzug-Spotter-Website sehe ich Pieces von dir. Ist dir das wichtig?

Ja, natürlich. Ich mache es nicht, um im Internet vertreten zu sein, aber es ist doch cool, wenn andere Leute deine Sachen so toll finden, dass sie Fotos davon machen und diese dann online stellen. Es ist ein gutes Gefühl, so up zu sein, aber es macht auch süchtig und man will automatisch immer mehr machen. Wenn ich manch- mal nur ein schlechtes Foto von meinem Piece bekomme, freue ich mich, wenn jemand ein besseres gemacht hat, damit ich es mir dann online klauen kann.

Machst du nur Fotos von deinen Pieces oder fotografierst erst du auch Bilder von anderen?

Ich fotografiere viel, besonders das, was auf Gütern herumfährt. Ich liebe es, an den Schienen herumzusitzen oder durch ein Yard zu laufen, da- durch weiß man, wer up ist und was fährt. Hinzu kommt: Wenn man Güter-Benching betreibt und die eigenen Sachen vorbeifahren, ist das ein verdammt gutes Gefühl. Es ist einfach ein unglaubliches Gefühl, seine eigenen Sachen fahren zu sehen, manchmal sogar Jahre später. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch so auf Gütern hängen geblieben.

Gibt es ein Piece von diesem Jahr, das dir am meisten gefällt oder das du am meisten hasst?

Yeah, ich habe einen bunten Wholecar gemalt. Es war nicht das schönste Piece, aber die Aktion war cool. Mit einer Tonne Sprühdosen und einer Leiter ins Yard rennen und dann für sechs Stunden sprühen, das war unbezahlbar. Ich male eine Menge hässlicher Sachen, aber zum Glück erinnere ich mich nie lange an diese Bilder.

Was ist dir wichtiger, groß oder stylish?

Ich entscheide mich für stylish. Wenn man Güterzüge bemalt, hat man immer viel Platz für seinen Scheiß. Wenn man es mit den USA vergleicht, ist es so, dass die immer groß malen müssen, da schon fast alles voll ist und man immer über irgendwas drübergehen muss. Große Pieces benötigen immer mehr Energie und Farbe. Viel- leicht, wenn ich alles gemacht habe, fange ich an, große Produktionen oder Wholecars zu malen. Die Zeit wird es zeigen.

Hast du irgendwelche anderen Hobbys?

Ja, Autorennen. Ich besitze einen umgebauten Opel Corsa A, mit dem ich gerne auf den Straßen heize oder auf der Rennstrecke fahre. Ich gehöre allerdings nicht zu den Idioten, die zu den Tuner- Events fahren und zeigen, wie tief sie ihr Auto legen können und wie viel Musikequipment in die Karre passt – das ist der letzte Scheiß. Originale, schnelle, schöne Autos vorbeifahren zu sehen, das ist etwas, was mich erfreut.

Wohin wird die Güter-Graffiti-Szene noch gehen?

Ich denke, dass noch viel mehr Writer anfangen werden, Güter zu bemalen. Allerdings weiß man hier in Europa nie. Die Szene, die nur Passagierzüge bemalt, ist sehr, sehr groß. Die Passagierzug-Writer denken immer noch, dass Güterzug- Graffiti nicht real ist und nicht viel bedeutet. Ich hoffe, dass es lange so bleibt. Wir werden sehen.

Shout-outs?

Danke an all die Writer, die ich all die Jahre treffen durfte. Die, die mögen, was ich tue und die, die mich hassen. Die, an die ich mich gerne erinnere und die, die mir Albträume bereiten. Ihr habt mich zu dem gemacht, was ich bin. Ein dicker Gruß an alle von der IFC und WH. B

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