Crank – Ein Familienvater gibt Gas (aus BACKSPIN #118)

Schaut man sich im Internet die Blogs an, die sich mit Graffiti auf Güterzügen befassen, taucht immer wieder ein Name auf: Crank. Mal sind es Wildstyles, mal Wholecars mit seinen Crewmitgliedern, mal Throw-ups. Es ist immer irgendetwas von ihm dabei. Es scheint, dass er in den Güterdepots Europas zu Hause ist. Dabei kommt er nur aus Belgien. Er gibt halt richtig gas. Kaum jemand schafft es, so dauerhaft und so massiv ins Auge zu stechen wie er. Im ersten Moment denkt man, er muss jeden Tag unterwegs sein. Aber dem ist nicht so. Er schaffte es, den Spagat zwischen dem normalen und seinem Graffiti-Leben zu handeln. Daher gebührt ihm zum Teil mehr Respekt als dem arbeitslosen Single, der stetig auf Speed eine gurke nach der anderen malt. Denn neben der Menge, die Crank produziert, versucht er, mit diversen Styles zu glänzen, die – zugegeben – nicht jedermanns Sache sind, aber dennoch darauf schließen lassen, dass er sich mit der Materie mehr als nur oberflächlich befasst. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes ein bisschen crank.

Wie alt warst du, als du mit Graf ti angefangen hast?

Ich war ungefähr elf. Ich kann mich daran erinnern, dass mein Bruder und seine Freunde darüber sprachen, es aber selbst nie machten. Kurz danach fingen mein bester Freund und ich an, Skizzen zu machen und die Stadt vollzutaggen. Mein erstes Piece habe ich mit 14 gemacht.

Wie alt warst du, als du deinen ersten Güterwaggon bemalt hast?
Da war ich zwanzig.

Versuch mal, die Entwicklung, durch die du in der Graf ti-Szene gegangen bist, zu beschrei- ben!

Ich bin geboren und aufgewachsen in Limburg, was der nordöstliche Teil Belgiens ist. Die ersten Einflüsse kamen durch Graffiti aus der Stadt Hasselt. Damals gab es noch kein Internet. In meiner Stadt war ich der Einzige, der Graffiti sprühte. Alles änderte sich, als ich mir ein Auto kaufte und arbeiten musste. Ich fing an, herumzufahren. Da war ich 19. Ich traf Leute mit den gleichen Interessen und von da ab explodierte es regelrecht. Zu der Zeit bombte ich alles: Wände auf der Autobahn, an der Line, Güterzüge und Passagierzüge. Ich fand die verschiedensten Aktionen toll. Mit 23 wendete ich mich dann fast vollends den Güterzügen zu. Man kann in den Spots entspannt malen. Und als ich herausfand, dass die Dinger ewig fahren und weite Distanzen zurücklegen, konnte mich nichts mehr bremsen. Was kann man sich als Writer denn mehr wünschen? Von da ab war mein Fokus nur noch auf Güterzüge gerichtet.

Wann hast du deinen letzten Passagierzug be- malt?

2007.

Was liebst du am meisten an Graffiti und was hasst du?

Das, was ich am meisten daran liebe, ist, dass ich für einen Moment der Realität entfliehen kann. Ich mag es, mich mittels Dosen auf einem Untergrund ausdrücken zu können und kreativ zu sein. Ich kann meinen Kopf leeren und den ganzen Stress zurücklassen. Es ist eine Art Therapie. Verdammt, ich liebe das! Was ich am meisten hasse, ist die Rivalität in der Szene. Ich hasse Beef. Ich kann damit umgehen, aber es ist einfach der be- schissenste Aspekt von Graffiti.

Wie sehr beeinflussen deine Umgebung, Familie, die Gesellschaft usw. dein Graffiti?

Ich weiß nicht. Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich mache keine Skizzen mehr und plane auch nicht mehr wirklich. Ich gehe einfach raus, packe meine Dosen und male. Ich denke, dass meine tägliche Routine und der Scheiß, der in der Woche passiert, mich schon irgendwie beeinflussen.

Belgien ist nicht bekannt dafür, in Sachen Politik sehr stabil zu sein. Was denkst du darüber?

Politik ist mir ziemlich egal. Die machen da oben doch eh, was sie wollen. Solange ich einen Job habe, mit dem ich meine Familie finanziell versorgen kann, ist es okay für mich. Eins, was mir allerdings auf dem Herzen liegt, worüber ich mich aufrege, ist, dass der Zusammenschluss der Europäischen Union alles abgefuckt hat. Ich bin der Meinung, dass die Menschen eine bessere Zukunft ohne gehabt hätten. Das einzig Gute daran ist doch nur, dass man auf Reisen kein Geld wechseln muss.

,,ICH HASSE BEEF. ICH KANN DAMIT UMGEHEN, ABER ES IST EINFACH DER BESCHSSENSTE ASPEKT VON GRAFFITI.“

Hat denn die Instabilität des belgischen Staates einen Einfluss auf deine Graffiti-Routine?

Irgendwie schon, ja. Hier ist nicht alles so streng. In Holland gibt es überall Zäune um die Depots und auch an der Line. Das gibt es in Belgien nicht. Vielleicht an dem einen oder anderen Passagierzugdepot, aber nicht überall. Graffiti gehört nicht zu den Prioritäten der Polizei. Ich glaube, mit einem guten Anwalt kann man durch jedes Hintertürchen schlüpfen und ein freier Vogel ohne Strafe sein. Für Ausländer sieht es allerdings anders aus. Ich kenne eine Story von einem deutschen Writer, dessen Auto von der Polizei beschlagnahmt wurde und er es niemals wiederbekam. Der liebt Belgien wahrscheinlich.

Würdest du sagen, dass du ein typischer Belgier bist?

Ich bin gemischtrassig, aber ich sehe mich als hundertprozentigen Belgier, auch wenn ich nicht weiß, wie ein typischer Belgier aussieht. Was auch immer: Ich wurde hier geboren und aufgezogen. Da es hier früher viele Kohleminen gab, lebe ich in einer multikulturellen Gegend. Viele Gastarbeiter aus der Türkei, Polen oder Italien haben in den Minen gearbeitet und wohnen immer noch hier. Meine Großeltern stammen aus Polen. Sie sind hierhergezogen, um in den Minen zu arbeiten. Meine Eltern haben mich so erzogen, dass ich vor jeder Kultur Respekt habe und ich bin glücklich, dass sie dies getan haben.

Was ist dein belgisches Lieblingsgericht?

Belgische Endivien eingerollt in Schinken mit Käsesoße aus dem Ofen, dazu Kartoffelpüree.

Wie oft in der Woche gehst du malen?

Ich versuche, einmal die Woche etwas zu machen. Ich habe hier keine kleinen Lay-ups, in denen man jeden Tag etwas machen könnte. In den meisten Güterspots wird 24/7 gearbeitet, also ist die beste Zeit von Samstag auf Sonntag, wenn nicht gearbeitet wird. Das ist perfekt für mich, da ich einen Vollzeitjob und eine Familie habe, um die ich mich kümmern muss.

Was genau bedeutet dir Graffiti? Würdest du eine Nacht mit Dosen denen einer Nacht mit einer Frau bevorzugen?

Ich kann mir mein Leben ohne Graffiti nicht mehr vorstellen. Ich kann mir noch nicht mal mehr vorstellen, wie es ist, einen Tag nicht daran zu denken. Graffiti ist mein Antrieb. Es bedeutet mir sehr viel. Ich drücke es dadurch aus, dass ich immer noch draußen bin und abgehe. Dadurch bleibe ich am Leben. Die meisten machen Graffiti als temporäres Hobby und hören nach einer gewissen Zeit auf. Ich verstehe diese Leute nicht, die sich eine Graffiti-Karriere aufbauen, die gerade mal fünf Jahre anhält oder so. Für mich ist Graffiti eine Lebensein-
stellung, etwas, mit dem man zu Bett geht und mit dem man aufwacht. Ich denke, ich stecke viel zu tief drin, um überhaupt aufhören zu können. Es ist wie eine Sucht, von der man nicht loskommt. Ich entscheide mich meistens für die Dosen, aber die sechs Nächte davor für meine Frau. (lacht)

Wann und warum musste du das letzte Mal wegen Graffiti rennen?

Um Weihnachten 2014. In einem Lay-up standen die grünen belgischen Planenwaggons. Der Spot ist ein wenig ätzend, da er direkt neben einem der größten Containerterminals des Landes liegt. Es war unter null Grad Celsius und es hatte den Tag über geschneit. Securitys hatten anscheinend mein Auto gesehen, als Nase, Wrong und ich ins Yard gegangen waren. Als ich mein erstes Bild fertig hatte, hörte ich ein paar Geräusche, kümmerte mich aber nicht weiter darum. Als ich anfing, ein paar Throw-ups zu machen, sah ich auf einmal Taschenlampenlicht auf meinen Füßen. Erst dachte ich, es wäre ein Auto, aber
als ich unter den Zug schaute, sah ich zwei Bullen auf uns zukommen. Also rannte ich los. Auf dem Weg nach draußen warnte ich noch die anderen, aber wir verloren uns in der Aufregung. Nach einer halben Stunde rief ich Nase an, der mittler- weile unter einem Flachwaggon lag und immer noch nicht wirklich wusste, was eigentlich abging. Ich erzählte ihm, was los war und dann hörte er Geräusche und legte auf. Kurze Zeit später rief er mich wieder an und erzählte mir, dass er die Bullen dabei beobachtet hätte, wie sie an meinem Auto rumstanden und riefen: „Kommt raus, wir haben euch!“ und so einen Quatsch. Ich sagte ihm nur, er solle Wrong packen und dass wir uns dann verpissen sollten. Ich holte am nächsten Tag mein Auto ab und habe im Nachhinein nichts davon gehört. Glück gehabt!

Wie oft versuchst du den Tag, an dem du mit Graffiti angefangen hast?

Das habe ich noch nie.

 

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