Content vs. Kunst: Was können Deutschrapper von US-Rappern lernen?

„And now the end is near“ 

– Schallen die, in diesem Kontext äußerst ironischen, ersten Zeilen von Frank Sinatras „My Way“ aus den Lautsprechern, während Donald Trump seine Melania, beim „First Dance“ der gestrigen Vereidigungsfeier, über das Parkett dreht. Das siegessichere Schmunzeln hatte sich der jetzige US-Präsident ebenso wenig verkniffen, wie das triumphierende Mitsingen des wie für ihn gemachten Refrains – Ein freudestrahlendes Lachen konnte er damit zumindest seiner First Lady abgewinnen. Ganz anders haben sich derweil vermutlich die Gesichtszüge seiner international mehrheitlichen Gegner verzogen. Seit der Zuspitzung des engstirniger Wahlkampfes, abseits des Fairplays, im Laufe des letzten Jahres, wurde sich auf Demonstrationen in westlichen Metropolen, in den sozialen Netzwerken und auf andere öffentlichen Weise formiert: Aufschrei, Positionierung und Protest, lautet seither die Devise.

Angeführt wird die überregionale und offenkundige Polit-Debatte, zumindest im medial-aufgebauschten Spektrum, von Akteuren aus den Bereichen Film, Musik und Sport. Schon während der aktiven Wahlkampfphasen traten angesehene Charaktere an der Seite ihrer Favoriten aus der Politik auf, um diese werbewirksam zu repräsentieren und zu unterstützen. Mit der Vereidigung des 45. US-Präsidenten brach die prominente Polit-Debatte aber keineswegs ab, sondern holte erneut zu einem kräftigen Anti-Trump Schlag aus. Die Transformation von bekannten Persönlichkeiten aus der Unterhaltungsbranche in meinungsstarke Redner oder Social-Media Aktivisten ist eine vielmalige und traditionsreiche Begleiterscheinung im Kampf um die US-Präsidentschaft. Wie wir im Vergangenen berichteten, reagierte auch ein breites Aufgebot seitens der US-Hip-Hop Front auf die politischen Ereignisse ihres Landes. Die Politisierung der US-Rap-Szene scheint mit dem erst jungen Machtwechsel an einem Höhepunkt angekommen zu sein.
Für das öffentliche Debattieren haben sich zwei Wege herauskristallisiert – Die sozialen Netzwerke und Musik: Content vs. Kunst.

Der komprimierte Protest

Ebenso expressiv, wie der frisch gebackene Politiker auf Twitter seine über 20 Millionen Follower instruiert und informiert, nimmt sich auch die Rap-Fraktion der Sache an.

Gepresst in nur wenige Zeilen, erblicken binnen Minuten oder gar Sekunden öffentliche Meinungen das Licht der digitalen Welt. Sie flattern durch eine heterogenen Masse an Usern und landen letztendlich auf der Startseite von Fans und Followern. Die Tweets und Postings der Rapper entspringen dabei nahezu jeder ausdrucksstarken Emotion – Sie werden geliked, retweetet, gebannt erwartet und rege diskutiert – Es findet eine vermeintliche Kommunikation auf Augenhöhe statt. Die Vorzüge von Twitter und co. wissen demnach Influencer und Follower gleichwertig zu schätzen. Nicht nur im Trump-Fall hat der Social Media-Aufschwung die schnelle Positionierung und öffentliche Stellungnahme, abseits von aufwendigerer, politischer Kunst, ermöglicht – Es geht um Dringlichkeit, modernisierte Kommunikation, präzise Statements und vermutlich auch um Bequemlichkeit.
Doch wieso sind die Statements von Talib Kweli, R.A. The Rugged Man, Snoop Dogg und co. so relevant? – Werfen wir dafür zunächst einen Blick auf das kreative Produkt, das Sprachrohr, den altbewährten Protest eines Rappers: Musik.

Der kreative Protest

Neben den hohen Social-Media Aktivitäten, haben auch etliche US-Artists ihre Meinungen der Schnelllebigkeit des Internets entzogen und diese auf musikalische Weise festgehalten – Um nur ein Beispiel zu nennen: A Tribe Called Quest mit ihrem finalen und Comeback-Album zugleich „We Got It From Here…Thank You 4 Your Service“.

Mit dem 16 Tracks starken Album knüpft die Formation an ihren altbewährten Stil, Neunziger Rap mit einer gehörigen Portion Jazz-, und Funkelementen, sowie einer großen Samplespanne, an und hebt diesen Sound in die Gegenwart. Das Album wird getragen von Inhalten, welche von politischer Aktualität nicht nur gezeichnet sind, sondern auch den Entstehungsgrund für ein letztes Werk nach 18 Jahren Ruhestand lieferte – Ob zynisch, paranoid oder einfach direkt: ATCQ setzen lyrische Vielfalt und bildhafte Ausdrücke als ihren Protest ein. Es ist jener kreativer Widerstand, den die New Yorker für sich gewählt haben – stilvoll, erwachsen und unvergänglich. Politische Kunst zieht seine Kraft aus Entertainment und Statements. Sie hält der Gesellschaft den metaphorischen Spiegel vor und kann die schemenhaften Umrandungen des Spiegelbildes, ebenso wie jede noch so kleine Falte bei genauerer Betrachtung, dokumentieren. Demnach wird „We Got It From Here… Thank You 4 Your Service“ nicht nur als das große finale Werk der einflussreichen Concious-Rap Formation eingehen, sondern bei jedem Abspielen der Platte von dem anbahnenden politischen Umbruch aus dem Jahr 2016 berichten – So bedeutungsschwanger es vielleicht auch klingen mag.

Back To The Roots

Nun haben wir schemenhaft umrissen, welche Wege des Widerstandes US-Rapper einschlagen, um ihrem Ärger offenkundig Luft zu machen. Vergänglichkeit vs. Beständigkeit, komprimiert vs. leidenschaftlich – Wie konträr die Proteste auch daher kommen mögen, so haben sie eines gemeinsam: Die Wut im Bauch. Die gemeinschaftliche Anti-Trump Formation. Die Nicht-Akzeptanz der plakativen, populistischen Parolen des ehemaligen Unternehmers. Die Rebellion – Und genau das ist es, wo Hip-Hop her kommt. Drehen wir die Zeit um ein paar Dekaden zurück und widmen uns den Ursprüngen der Kultur. War es nicht jener ökonomischer Strukturwandel der Siebziger, die einhergehenden sozialen Missstände, die Ghettoisierung, die Exklusion der Afro-Amerikaner und der Rassismus, aus denen die rebellierende Subkultur entstanden ist?

„Broken glass everywhere
People pissin‘ on the stairs, you know they just don’t care
I can’t take the smell, can’t take the noise
Got no money to move out, I guess I got no choice“ (Grandmaster Flash„The Message“)

Die Entwicklung von der Subkultur zum Mainstream-Unterhaltungspaket muss ich wohl kaum beschreiben. Es ist die Vielfalt, die Subgenres des Hip-Hops, die diese Kultur derart etabliert und für ein breites Publikum zugänglich gemacht hat. Nun hat sich gerade an der kommerziellen und populären Oberfläche seit den Siebzigern einiges getan – Trotzdem war politischer Rap nie weg, der öffentliche Fokus hatte sich lediglich verschoben. Umso interessanter ist es nun, dass die einstige Protest-Bewegung zu seinen wütenden, rebellierenden Wurzeln zurück gekehrt ist, ungeachtet der musikalischen Kategorisierung der Artists per se. Trumps Sieg scheint nun der Tropfen zu sein, der das ohnehin schon randvolle Fass zum Überlaufen gebracht hat – Alltagsrassismus, Polizeigewalt in den USA gegenüber Schwarzen, Exklusion etc.. Mit einem Populisten und Rassisten im mächtigsten Amt des Landes, vermag eine zusätzliche Verschärfung der gesellschaftlichen Missstände nicht mehr weit zu sein. Die Politisierung der Szene hat daher längst im Mainstream Fuß gefasst: Der US-Hip-Hop hat den Ernst der Lage erkannt und ist im Kollektiv zynisch und kritisch, wie schon lange nicht mehr. Kendrick LamarYG, Eminem, Vic Mensa, MacklemoreCommon und und und: Alle haben sie ihre Methode gefunden um ihren Widerstand zum Ausdruck zu bringen.

Und was ist mit Deutschrap?

Auf den allzeit vorbildlichen US-Zug ist der Deutschrap hinsichtlich der eigenständigen und subjektiven Aufarbeitung der Trump-Thematik  bereits aufgesprungen.

Schon klar, dass es sich bei der Trump-Thematik um einen relevanten, aber dennoch extrem medial-aufgebauschten Gegenstand handelt, zu dem in diesem sehr aktuellen Gesamtkontext jeder was dazu zu sagen hat. Aber hier kommt bei mir die Frage auf, was im Laufe dieses Jahres im relativ abstrakten Zusammenhang zwischen Deutschrap und Politik zustande kommen wird. Im Herbst stehen mit den Bundestagswahlen jene brisanten Themen direkt vor der Tür. Schon klar, dass die Anwärter auf das Amt des Kanzlers nicht einer derart umstrittenen, politikfernen Persönlichkeit wie Trump entspringen. Und dennoch gibt es vor jeder Wahl, in dieser durch anprangernde und polarisierende Wutbürger und ähnliche Konsorten vermutlich noch mehr, Gegenstände die durch die Medien gejagt und beleuchtet werden und somit auf öffentlichem Wege Einzug in gesellschaftliche, aktuelle Top-Themen finden. Doch wie wird es sein, wenn Deutschland vor der temporär entscheidenden Wahl-Frage steht? Werden deutschsprachige Rapper sich positionieren und dieses gar in ihre Musik einfließen lassen? Und vor allem wer wird wie seine Meinung öffentlich verbreiten? Content vs. Kunst?

Ich gehe davon aus, dass das Ergebnis ziemlich ernüchternd ausfallen wird. Deutschsprachiger Hip-Hop hat seinen Ursprung in keiner kritischen Notlage – Er ist  eine, teils kommerzialisierte, Nachahmung vom US-amerikanischen Vorbild. Damit möchte ich die nationalen sozialen Missstände gar nicht in Frage stellen, nur etwas in den Hintergrund rücken, da diese aufgrund der Ausprägung sowieso nur schwer mit den USA zu vergleichen sind. Die bereits angesprochene genrespezifische Vielfalt ist auch in unserer Szene stark ausgeprägt. Auch wenn Concious-Rap und Protest-Bewegung der frühen Deutschrap-Jahre keine Fremdwörte für die Szene sind, so überwiegt im deutschsprachigen Rap aktuell der Entertainment-Faktor. Deutschrap stellt das am schnellsten wachsende Genre der nahen Vergangenheit dar, führt die Charts an und hat die allmähliche Öffnung der Mainstream-Musik geschafft. Es sind Zeiten, in denen Rap in seiner Gänze immer weiter in die Mitte der Gesellschaft und der Musikindustrie rückt und deren Artists zu Superstars der aktuellen Jugendkultur heran wachsen lässt.

„We love our brothers, whether it be the song, “Broccoli” or Lil Uzi Vert — we need those because it’s about balance. Certain things present certain energies.“ (Q-Tip)

 

Tendenziell sehe ich kein Problem daran, dass im Deutschrap das Unterhaltungsfaktum den gesellschaftskritischen Tönen im Öffentlichen überliegt – So gibt es doch eine beachtliche Zahl an Artists die ganz im Gleichgewicht des Content vs. Kunst, gesellschaftskritische und politische Statements verfassen und auf die Szene loslassen. Und um ganz ehrlich zu sein: Schuster, bleib bei deinen Leisten – So möchte man vielleicht von dem ein oder anderen auch gar keine brisanten Töne hören. Dennoch sehe ich ein Problem bei der schleppenden Politisierung des Deutschrap. Wie kann es sein, dass ein Szene Außenstehender Serdar Somuncu mit kritischen Statements, oder ein wortgewitzter Jan Böhmermann mit Rap-Hommagen die eigentlichen Hip-Hop Akteure im gesellschaftskritischen Kontext in den Schatten stellen?
Wem der kreative Protest nicht steht, der kann ja auf den komprimierten ausweichen – ganz im Vorbild des US-Rap. Mut und Meinung würde dem kompletten Deutschrap aber mal ganz gut stehen. Das grundsätzliche Belächeln der Szene kann langsam reduziert werden, sodass Deutschrap auch über die Grenzen der Szene hinweg als das, was es ist präsentieren werden kann: Eine einflussreiche und facettenreiche Kultur, die Content und Kunst auch im Spiegel der Gesellschaft nutzen sollte.

„Deutschland wo wollen wir hin?“ (Chima Ede – „F*ck die AfD“)

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