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Next to blow – Wer 2019 durchstarten wird

Während die bisher genannten Künstler bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad genießen, folgen nun sechs Geheimtipps aus dem Untergrund. Künstler, die bislang weitestgehend unter dem Radar schweben und in diesem Jahr einen großen Schritt nach vorne machen werden.

Argonautiks, das sind Paul Uschta und Timmy Tales und sowas wie die erhörten Gebete aller (Hip-Hop-)Kulturpessimisten und Golden Era-Beschwörern (Grüße an Base & Dan). Ihr letztes Album „Gaffa“ erschien bei Alte Schule Records, dem Label des Karlsruher Rappers Haze. Die Argonautiks selbst kommen aus Teltow, einer Kleinstadt am südwestlichen Stadtrand Berlins. Dort begann 2010 auch ihre musikalische Geschichte. Damals noch zu viert, mit den Produzenten Modus und Asket im Team, kamen sie auf zwei Releases, „Tag 3“ und „Glasige Augen“, die bei Bandcamp zum Download verfügbar sind. Darauf zu hören sind zwei abgefuckte Teenager mit ordentlich Wut im Bauch: Auf sich, die Welt, das System, Kommerz, Wack-MCs und und und. Untermalt wird das Ganze von minimalistischem Bummtschak, dessen Rumpeln, Krachen und Zischen Liebhabern das Herz erwärmt: „Alles was man braucht is‘ ’n Beat und ’n Text/ Kick plus die Snare / Alter, niemand brauch‘ ’ne Clap“. Danach wurde es erstmal still, bis 2017 das Album „Aus dem Leben“ erschien und das Comeback bedeutete. Die Beats kommen heute von Donnie Bombay, die Texte noch immer mit gestreckten Mittelfingern und knurrendem Magen. Nur logisch also, dass sie nach diesem Album bei Haze landen würden, der sich mit „Alte Schule Records“ eine Instanz aufzubauen scheint, in der die Hip-Hop-Welt noch in Ordnung ist. So könnten die Argonautiks in diesem Jahr eine Lücke füllen und Balsam für die Seelen der Leute sein, die sich mit dem aktuellen Zeitgeist so gar nicht anfreunden können und wollen: „Deutschrap voller Dreck, doch es geht ohne“. Also Entwarnung an alle Pessimisten: Hip-Hop gibt es auch 2019. Supportet, damit das auch so bleibt.

Auf die Frage, wie er seine Musik jemandem beschreiben würde, der absolut keine Ahnung hat, antwortete der Berliner mit „Punk-Trap“. Klingt wie ein Oxymoron, ist aber erstaunlich treffend. Doktor Sterben hat unter anderem eine Vergangenheit als Vocalist einer Metalband und entspricht ohnehin in keinerlei Hinsicht irgendeinem Hip-Hop-Stereotyp. Am ehesten könnte man ihn in der amerikanischen „Soundcloud-Ecke“ ansiedeln um Ski Mask The Slump God oder Trippie Red herum, wenn man versucht, ihn und seinen Sound an etwas Bestehendem zu beschreiben. Fakt ist: Doktor Sterben beweist in seiner Musik ein eindrucksvolles Gespür für eingängige Melodien, für den richtigen, stilsicheren Einsatz von Autotune und allgemein einfach großes Talent. In Kombination mit seiner äußeren Erscheinung und Ästhetik in Videos und Grafiken, ergibt sich am Ende ein in Deutschland bisher einzigartiges Gesamtbild. Nicht umsonst gibt es bei Twitter bereits ordentlich Props von seinen Fans Ali As und Casper, obwohl sich seine kommerzielle Schlagkraft bisher lediglich in meist nur dreistelligen Klick-und Streamingzahlen bewegt. Das Phänomen Doktor Sterben beweist, dass deutscher Rap und auch deutscher Untergrund 2019 alles sein kann. Untergrund bedeutet nicht mehr (nur) rumpelnder Boom Bap-Sound und Antihaltung, sondern kann eben auch eine Symbiose aus Facetats, Xannies, eingängigen Melodien und einer gewissen emoesken Todessehnsucht sein. Nachdem die EP „Ihr werdet sterben“ ausschließlich auf Soundcloud erschien, gibt es sein Tape „Jung sterben“ sowie diverse Singles auch überall zu streamen. 2019 ist #sterbiseason.

Foto: Louis Primo de la Fuente

Mit dem Wissen, dass er Teil der Crew CHB (Charlottenburg) ist, die er lieber als kreatives Kollektiv statt als klassische Writer-Crew beschreibt, ist bereits einiges über Mista Meta und seinen Sound gesagt: Westberlin! 2016 präsentierte er sich auf seiner ersten EP „Unternehmer Flows“ ziemlich genau da, wo man um die Jahrtausendwende Leute wie Kool Savas, King Orgasmus One oder Taktloss verortet hat und heute seinen Kumpel Mc Bomber einordnen würde. Darum überrascht es auch nicht, dass er auf dem Titelsong genau wie Orgi („John The Ripper“) den Necro-Beat Refuse to lose“ von Non Phixion gepickt hat. Um nicht in einer Sparte stecken zu bleiben, probierte sich Meta auf der darauffolgenden „Money Calls EP“ auf moderneren, Memphis-geprägten Instrumentals aus. Dieser Schritt erwies sich jedoch weder als das Verraten der eigenen Wurzeln noch als das Sell Out-artige Aufspringen auf irgendeinen Zug. Bereits auf dem nächsten Release „Mista Lova“, vereinte der Berliner beide Stile miteinander und lässt sie ganz natürlich koexistieren. Wen das noch nicht vollends überzeugte, bekam spätestens mit „Westberlin Shaolin“ die volle Ladung Untergrund-Romantik. Die EP ist eine Hommage an „36 Chambers“, Metas allererstes Hip-Hop-Album, das er je besessen hatte und endet mit den Worten „Westberlin lebt, Hip-Hop lebt!“. Die neueste Veröffentlichung „Miami Life“ bewegt sich hingegen soundtechnisch wieder mehr im Zeitgeist, die Attitüde und der Hunger bleibt jedoch immer gleich: „Urlaub gibt’s nicht, nur noch Business, bis ich rich bin“. Bleibt gespannt abzuwarten, wie und mit welcher Art von Sound sich Mista Meta auf Albumlänge präsentieren wird. Nach fünf vielversprechenden EPs wird es Zeit für das Debüt.

Die Geschichte des 21-Jährigen liest sich ein bisschen wie ein Hollywoodfilm über Popstars, die es nach oben schaffen. Eigentlich nie ein riesiger Rapfan gewesen, entdeckte Horst irgendwann Samy Deluxe für sich und damit auch sein Interesse für deutschen Sprechgesang. So fing es an, dass er am Klavier saß und auswendiggelernte Texte rappte und sich selbst instrumental begleitete. Dann lernte er seinen heutigen Produzenten Golow kennen und fing an, eigenständig Musik zu machen. Wie es der Zufall so will – und da sind wir wieder bei Hollywood – gab es an der Bergischen Universität Wuppertal, wo Horst Wegener Film studiert, ein „Meet ’n‘ Teach“ mit Samy Deluxe zu gewinnen. Horst gewann dank seinem Song „Deutschen Land“ und nutzte die Chance, seinem Helden einmal gegenüber zu sitzen. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und Samy lud Horst nach Hamburg in die Kunstwerkstatt ein (Hollywood!). Beim Workshop an der Uni lernte er ebenfalls den heutigen Pianisten seiner Band, Niklas Nadidai, kennen. Die drei zogen für zwei Wochen in die Kunstwerkstatt ein, wo sie mit Unterstützung von DJ Vito pausenlos Musik machten. Zudem wurde Horst Teil der Show „Yo! Sam TV Raps“, indem er die Auftritte der geladenen Gäste als Pianist begleitete. So lange, bis sich Samy in der dritten Folge dazu entschied, Horst Wegener und seiner Entourage selbst die Bühne zu überlassen. Im Anschluss war er als Support-Act des Bremer Soul-Sängers Flo Mega auf Tour unterwegs. Im Dezember 2018 erschien seine erste EP „Mein Name ist Horst“. Vielleicht liegt es ja tatsächlich an seinem etwas altbackenem Vornamen, aber was Horst Wegeners Musik auszeichnet, ist besonders seine Reflektiertheit und die fast schon weise wirkenden Gedanken. Quasi Grown-Man-Rap eines 21-Jährigen.

Foto: Nora Hollstein

Sören Hochberg, wie sich Search Yiu in Zivil nennt, ist wahrscheinlich der am schwersten zu beschreibende Künstler in unserer Runde. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Eminem-Groupie, R’n’B und sperrigem Indiesound. Der Pfälzer ist genau wie Drangsal oder Sizarr Teil des FFriends-FForever-Kollektivs, einem Zusammenschluss aus Musikern, die aus der pfälzischen Provinz in und um Landau geflohen sind, gemeinsam Musik machen und teilweise zusammen wohnen. Wem diese Namen etwas sagen, wird merken, dass der Rest des Kollektivs nicht besonders viel mit Rap zu tun hat. Drangsal kennt man vielleicht durch die Zusammenarbeit mit Casper und deren gemeinsamen Podcast. Genau das macht das Phänomen Search Yiu auch so spannend. Durch sein Umfeld bzw. Team, geht der 27-Jährige nicht mit einer klassischen Art und Weise an Rap heran, sondern wirft alles, was ihn umgibt, in einen Topf, bis etwas eigenes daraus entsteht. Angefangen damit, dass ein Großteil seiner Musik von Max Rieger gemischt und gemastert wird. Der ist nicht nur der aktuelle Twitter-König, sondern auch Frontmann von Die Nerven und bei diversen anderen Projekten wie z.B. Jungstoetter mit beteiligt. Weiter damit, dass er mit Leuten wie Blvth arbeitet, der genau wie Search Yiu selbst, irgendwie im weitesten Sinne Teil von Hip-Hop-Deutschland ist, ohne selbst Rapper oder strikter Hip-Hop-Produzent sein zu müssen. Ignoriert man die bisherigen englischsprachigen Veröffentlichungen, bleibt am Ende die „Halt mich wach“-EP, die er unter anderem als Support-Act bei Rockstah auf Tour zum Besten gab. Auf diesen fünf Songs zeigen sich diverse Einflüsse aus Rap, R’n’B, Elektro oder schlicht Pop, die gebündelt ein atmosphärisches, teilweise durch die Hooks fast hypnotisierendes Gesamtprodukt ergeben. In einem Interview gab er bekannt, dass er unter anderem auch mit Wolfgang Schrödl von Liquido, der den Megahit „Narcotic“ geschrieben hat, an einem Song gearbeitet habe. Klingt nach einer spannenden Zukunft ohne Genrekonventionen oder Regeln. Einfach mal die Scheuklappen abnehmen und zuhören.

Beim Bremer Label/Kollektiv Erotik Toy Records handelt es sich um einen solch wilden, eingeschworenen, kreativen Haufen, dass es schwer gewesen wäre, sich auf einen der sechs Künstler zu beschränken und vorzustellen. Darum eben gleich die ganze Bande: ETR besteht aus Tightill, Doubtboy, Skinnyblackboy, Young Meyerlack, Jay Pop und dem Produzenten Florida Juicy, Sohn des bekannten Techno-DJs und Produzenten Stephan Bodzin. Die beiden erstgenannten waren es auch, die der Gruppe im Juni 2017 mit ihrem Album “R’n’B Anarchie”, besonders der Videosingle “Psst sag jetzt nix” erstmals so etwas wie einen Hype bescherten. Das wirre Soundgewand, das sich aus allen möglichen Styles zusammencollagiert, von stumpfem Trap über Punk und 2000er-R’n’B bis zum Kitsch der Neuen Deutschen Welle, hatte es so vorher noch nicht gegeben. In einem Interview in der Juice erklärte Tightill, das Samplen der NDW-Ära wäre doch eigentlich ganz selbstverständlich, da es nach dem gleichen Prinzip verfahre, wie die Amis eben Soulplatten samplen. Auch das darauffolgende Album von Tightill und Doubtboy mit dem Titel “Deutsch-Amerikanische Schaft” bestätigt die Liebe zu deutschen Soundbildern als Hommage an die Band DAF. Zeitgleich hat sich Skinnyblackboy mit seinen beiden englischsprachigen Tapes “Vol.1” und “Skinnydippin” und deren atmosphärischem und melodischem Sound in die Kritikerherzen katapultiert. Auch die einzelnen Charaktere an sich liefern spannende Geschichten wie bei Tightill, den es als Hausbesetzer bereits nach Barcelona, Zürich und Berlin verschlagen hat, aber letzten Endes doch wieder zurück ins geliebte Bremen. Textlich zeichnet die Bremer vor allem ihr Mut zu großen, schnörkellos offen gelegten Gefühlen: “Mein Herz ist arschgefickt” sowie der Hang zu unterhaltsamem, weirdem Trash-Nonsene: “Guck mal wie der Döner drippt!” aus. Diese beiden Komponenten sind im Erotik Toy-Universum oft nur einen halben Takt voneinander entfernt.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass Erotik Toy Records mit Sicherheit zu den spannendsten Phänomenen der letzten Jahre gehören, die gerade ihr Punk-Momentum erleben. Also besser schnell diggen und dabei sein, bevor die Industriemechanismen greifen und die “Früher war alles besser”-Chöre einsetzen. Das neue Soloalbum von Tightill ,“Infinity”, erschien erst kürzlich am 01. Februar.

Zu Besuch in Bremen: Eine lange Nacht mit Skinnyblackboy und Erotik Toy Records

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...eigentlich schreib' ich nur Texte über Liebe.

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2 Comments

  1. Shout

    5. Februar 2019 at 16:17

    Kompliment für den Artikel und die ganze Mühe. Viele Interessante neue Leute dabei!

Erzähl Digger, erzähl

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