Next to blow – Wer 2019 durchstarten wird

Hallo, 2019! Spätestens jetzt sollten alle Bestenlisten und Awards aus dem letzten Jahr Geschichte sein. Zeit, in die Zukunft zu blicken. Wie im letzten Jahr, präsentieren wir euch unsere „BACKSPIN Class“ – zwölf Künstler, auf die ihr in diesem Jahr ein Auge werfen solltet. Ebenfalls wie im letzten Jahr, teilen wir die Künstler in zwei Kategorien ein. Die erste Kategorie umfasst sechs Künstler, die ihr bereits kennen könntet und unserer Meinung nach in diesem Jahr zu richtigen Stars heranreifen werden. Im letzten Jahr waren z.B. OG Keemo, Samra oder Eunique Teil dieser Auswahl. In der zweiten Kategorie legen wir euch sechs Künstler ans Herz, die sich weitestgehend unter dem Radar bewegen, aber in unseren Augen nicht dort bleiben sollten und werden. Dort sahen wir im letzten Jahr z.B. Leute wie John Known, Jace oder Joey Bargeld. 

Hier kommt ihr zur BACKSPIN Class 2018

Den Anfang machen die sechs Künstler, die vielen bereits ein Begriff sein könnten. Künstler, deren Popularität und Reichweite in diesem Jahr steigen wird, sei es durch das Veröffentlichen des ersten Soloalbums, dem Abschließen eines großen Deals oder einfach durch die Tatsache, dass ihr Sound wie geschaffen für das Jahr 2019 ist. 

Foto: Martin Eklund

Zugegeben, wir sind bei Serious Klein defintiv zu spät. Im letzten Jahr war er bereits in der engeren Auswahl und am Ende haben wir uns fälschlicherweise gegen ihn entschieden – sorry dafür. Ein Hauptgrund war der Fakt, dass er als deutsches Kleinstadtkind englischsprachige Musik macht – womit wir auch schon beim Thema wären. Während er in Deutschland irgendwo zwischen Untergrund und Kritiker-Bubble Perlen vor die Säue wirft, hat Kelvin Boakye bereits Karriereschritte hinter sich, die selbst den großen Deutschrapstars oft verwehrt bleiben. Gemeinsam mit dem Frankfurter Alexis Troy steuerte er den Soundtrack zur „Adidas Football x Pogba Capsule Collection Season 3“ bei, warb gemeinsam mit Roger Federer für Mercedes Benz und stand 2016 mit Alicia Keys auf der Bühne. Zeitgleich wird er in Deutschland von Leuten wie Ahzumjot als „der Nächste“ beschworen (national wie international) und von der FAZ als „das Größte, was Rap versprechen kann“ betitelt, von der breiten Masse aber wenig bis gar nicht wahrgenommen. Um von solchen Superlativen mal abzusehen, bleibt zu sagen, dass Serious Klein gemeinsam mit seinem Produzenten und Grammygewinner (Bestes Rap-Album: Chance The Rapper – „Coloring Book“, 2016) Rascal mit seinem im Oktober erschienenen Debütalbum „You Should’ve Known“ sehr eindrucksvoll bewiesen hat, wozu er fähig ist. Er schafft den so schwierigen Spagat zwischen gehaltvoller Consciousness und musikalischer Frische wie wenig andere. An alle, besonders an die, die sich so gerne beschweren, dass in den USA alle immer so viel cooler sind oder an die, die behaupten, heute würden ja alle nur noch singen statt krass zu rappen und alle gleich klingen: Hier ist euer Mann.

Foto: Nicola Rehbein

Letztes Jahr im Beitrag zu Remoe vorausgesagt, ist es 2019 soweit: Deutscher R’n’B ist auf dem Vormarsch! Das zeigt sich an einer Vielzahl von Künstlern wie Manuellsen (mit „MB4“), Remoe, Niqo Nuevo, Nura… und eben Rola. Als Frankfurterin setzt sie gemeinsam mit den Bounce Brothers stilsicher dort an, wo J-Luv wohl als erster deutscher Künstler um 2000 R’n’B auf deutschen Boden brachte. Zu ihren musikalischen und ästhetischen Inspirationen zählt sie besonders die Pop-Hits der frühen 2000er von Leuten wie TLC, Destinys Child, Timbaland oder auch Nsync. Nicht überraschend also, dass ihr bisher wohl größter Solosong „Blender“ als Hommage an „No Scrubs“ von TLC zu verstehen ist. Wie ihre Features mit Manuellsen, Olexesh oder Reezy zeigen, werden hierzulande in Zukunft endlich deutsche Pendants zu amerikanischen Kollaborationen á la Ja Rule & Ashanti oder Jennifer Lopez & Fabolous möglich sein. Dass sie aber auch Solo als eigenständige Künstlerin funktioniert, beweist ihr 2018 erschienenes Debütalbum „12:12“.

Hohe Fünf mit Rola

Rola im Interview mit Kira

Foto: Marius Knieling

Ein Künstler, von dem bisher lediglich drei Songs im Netz zu finden sind, hätte hier im Normalfall eigentlich nichts verloren. Wenn diese drei Songs jedoch direkt über ein etabliertes Label wie Life is Pain erscheinen und im Handumdrehen Klicks und Streams in Millionenhöhe sammeln, sollte man sich das vielleicht doch noch einmal genauer anschauen. Im Fall von Jamule verlief das ziemlich genau so. Wochenlang angekündigt als „der krasseste Newcomer jemals“ und mit Gerüchten um den höchsten bekannten Vorschuss, der einem unbekannten Newcomer im deutschen Rap je gezahlt wurde (es handelt sich wohl um 150.000 Euro) angepriesen, schlug bereits seine erste Single „NBA“ hohe Wellen. Der Essener bewegt sich voll im aktuellen Zeitgeist und liefert damit wieder einen Beweis mehr, dass nicht der Zeitgeist an sich und der damit verbundene Sound das Problem sind, weshalb viele so abgenervt sind, sondern Trittbrettfahrer, die ihr Handwerk nicht beherrschen. Denn bei Jamule klingt alles sehr stilsicher und routiniert, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Das bleibt auch unter Kollegen nicht unbeachtet: Kool Savas kündigte ihn bereits als Featuregast auf seinem neuen Album „KKS“ an. Sein Mentor und Labelboss PA versprach eine bald erscheinende EP sowie eventuell ein direkt folgendes Debütalbum für 2019. Bleibt abzuwarten, ob PA, als Teil einer traditionelleren Rapschule, seinem Schützling nahelegen wird, was es heißt, ein waschechtes Debütalbum auf die Beine zu stellen. Wahrscheinlicher ist wohl, dass er sich wie viele seiner Zeit- und Playlistgenossen zu einem Single-Künstler entwickeln wird und einmal im Jahr eine Art Compilation releast, die dann „Album“ genannt wird. So oder so: Der Weg geht steil nach oben. Seine neueste Single „Rooftop“ erschien erst kürzlich am 01. Februar.

Damals noch unter dem Namen Elias Sweez, erlangte der Düsseldorfer 2013 zum ersten Mal Aufmerksamkeit im Rapgeschäft. Als frisches Signing bei Out4Fame-Records, releaste er eine EP mit klassischem Boombap-Sound und Storytellern wie „Barbershop“. Danach wurde es erstmal still um ihn, ehe er 2017 auf dem vor Fremdscham nur so sprießenden Song „Erdbeerwoche“ an der Seite von KC Rebell und Summer Cem auftauchte. Nichtsdestotrotz war dies der Startschuss für einen erfolgreichen zweiten Anlauf seiner Karriere. Angefangen mit dem Featurepart, dem Support-Platz auf der gemeinsamen Tour von KC und Summer und Solosongs wie „Upgrade“ oder „Alpo Martinez“. 2018 war er mit seinem Part auf „Endstufe“ auf dem Album, das viele als das Beste des Jahres betiteln. Im Anschluss ging es mit Summer Cem auf Tour, die mit der gemeinsamen Single „Push it!“ beworben wurde. Wer vorher noch Zweifel an seinen Rapskills gehabt haben sollte, dürfte spätestens nach diesem Song überzeugt sein, auf dem Elias seinen Partner und Förderer mit seinem Verse mal eben im Vorbeigehen ganz alt aussehen lässt. Optisch wirkt er mit Durag als Markenzeichen wie einer „The Wire“-Folge entsprungen und füllt auch damit eine bisher unbesetzte Lücke in der Deutschraplandschaft. Stilsicher und selbstbewusst rät er: „Elias der freshste im Game, Baby, remember the name“. Hört mal besser auf ihn.

Foto: Maximilian Heinsch

Unter einem Heidelberger, der sich selbst als „in den 90ern hängengeblieben“ beschreibt, stellt man sich wohl eher eine Boombap-Reinkarnation vor, die in ihren Musikvideos alle Hip-Hop-Elemente zelebriert und Torch zitiert. Skinny Finsta findet seine Nostalgie-Heimat jedoch nicht in der Bronx oder Compton, sondern in den immer vergessenen Südstaaten, genauer gesagt in Memphis. Dort, wo das, was heute inflationär als „Trap“ betitelt wird, seinen Ursprung hat. Memphis, das bedeutet bedeutet allerfinsterste Dunkelheit. In Vertrieb und Ästhetik hält es der Heidelberger ebenfalls wie in den 90ern: Pen ’n‘ Pixel-Cover und streng limitierte Tapes (Ja, Kassetten!). Geliebt wird er dafür nicht nur für von Kritikern, Labels und Künstlern wie Frauenarzt, auch die Fanbase wächst stetig und die Auflagen sind immer schneller ausverkauft. Zu dieser Fanbase zählt auch Martin Stieber, der für die Releaseparty der Tapes gerne seinen Hip-Hop-Laden „The Flame“ in Heidelberg zur Verfügung stellt. Die Zeichen stehen auf Steilgang, wenn Skinny Finsta sich die Flasche mit Sprite an den Hals hängt, das aussieht wie ein lila Teich. Solange er darin nicht ertrinkt, steht einer großen Zukunft nichts mehr im Wege. Wenn ihr mehr über Memphis und den Dirty South-Sound erfahren wollt, checkt auch:

Memphis-Rap: Der Dirty South im Deutschrap-Untergrund

In eine ganz ähnliche Richtung geht es bei Big Toe aka Fatal. Während der Charlottenburger als Fatal besonders als Kontra K– oder 187-Feature der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde, bewegt er sich als Big Toe mit der ganzen Hutmacher– Posse genau wie Skinny Finsta im Untergrund-Tape-Business. Kein Zufall also, dass beide regelmäßig mit dem Produzenten Al Majeed zusammenarbeiten, um den Südstaaten-Sound „Wie Three Six“ in Ehren zu halten. Bereits vier Mixtapes hat er schon als limitierte Kassetten an den Mann gebracht und ausverkauft, die ersten drei sogar ausschließlich analog. Damit die Fans nicht mehr dreistellige Beträge bei Discogs ausgeben, oder sich die Tapes mühevoll bei YouTube zusammensuchen müssen, erschien sein neuestes Werk „Ohne Grinden Kein Flexen“ auch auf allen gängigen digitalen Portalen. Wenn man bedenkt, dass es das vierte Release in den letzten 2 ½ Jahren ist, scheint der Name Programm. Big Toe grindet hart, denn „Dicke Villen, Edelsteine, Scheine sind das Ziel“ – aber nicht um jeden Preis.

Weiter geht es auf der nächsten Seite mit sechs Geheimtipps aus dem Untergrund, die man in diesem Jahr definitiv auf dem Schirm haben sollte.

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sollte weniger für Rap tun und mehr für die Miete. Kann aber einfach nicht anders.

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2 Comments

  1. Shout

    5. Februar 2019 at 16:17

    Kompliment für den Artikel und die ganze Mühe. Viele Interessante neue Leute dabei!

Erzähl Digger, erzähl

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