Celo & Abdi „Bonchance“ (Review)

celo-abdi-bonchance-cover-475Über den informellen Sektor in Frankfurt hat man in den letzten Jahren einiges gelernt. Darüber, wie die Schattenwirtschaft mit Päckchen voller weißer Steine funktioniert, was im Rotlichtviertel zwischen Wettbüro und Laufhaus passiert und wie der Alltag der Jungs an den schmuddeligen Straßenecken aussieht. Maßgebend dafür, dass auch junge Menschen aus dem letzten Provinznest genauestens über die Machenschaften Bescheid wissen, waren und sind Celo & Abdi. Als 2011 das „Mietwagentape“ aus dem Nichts auftauchte, waren die Dadaisten aus Bornheim und Goldstein, die nie Dadaisten sein wollten, plötzlich in aller Munde. Es folgten zwei Alben voller Anekdoten und Erzählungen aus der Mainmetropole, verknüpft mit etwas Politik und einer Menge Humor. Jetzt kam „Bonchance“, das dritte Album des Duos: eine, wie sie sagen, Rückbesinnung auf den „Mietwagentape“-Style. Noch mal Straßengeschichten aus Frankfurt also. Wurde nicht eigentlich schon alles erzählt?

„Kickstart“, Reifen quietschen und die Skepsis ist wie weggeblasen. Langweilig wird es auch auf „Bonchance“ nicht. Dafür sind die Wortspielereien des Jugo Betrugos und des Maroks aus Nador immer noch viel zu spannend und gewitzt. Nach kurzer Zeit ist man drinnen, in einer grauen Parallelwelt, die durch Wut, Resignation und dem Streben nach dem schnellen Geld dominiert wird. Auch diesmal sollte der Straßen-Duden parat liegen, um alles auf den ersten Blick erschließen zu können, denn das Sprachkauderwelsch wird konsequent fortgeführt. Weiterhin geht es um Grünes, Weißes und Verfolgungsjagden mit der Staatsmacht – „Zero Zero oder goldener Käfig“ ist die Devise. Parallel dazu (haha) erfährt man neben den üblichen Anekdoten auch tiefere autobiografische Einblicke („Erster Atemzug“). m3 sitzt dabei die ganze Zeit über am Beat und das hört man. Er liefert den Maßanzug für die Geschichten, koppelt Synthies mit Samples, fährt zwischendurch mit Scratches auf und sorgt für eine gute Mischung aus zeitgemäß und Nuancen aus den 90ern. Stimmungsfaden: Düster. Wohlfühlmusik ist trotz des immer wieder aufkeimenden Humors etwas anderes. Obwohl der Straßen-Lifestyle mittlerweile mit einem Schleier des Vergangen umhüllt ist, treiben die Erzählungen der beiden einem nach wie vor einen Kloß in den Hals. Und spätestens dann, wenn Celo & Abdi zusammen mit Xatar und Ziehvater Haftbefehl „Heckmeck“ machen und Leute mit Kugeln durchlöchern, bis sie aussehen wie Spongebob, dann bekommt man ein bisschen Angst. Bedrohlich sein können diese beiden eigentlich so sympathischen Herren also auch noch.

„Bonchance“ ist das beste Celo & Abdi-Album bisher. Punkt. Authentizität hoch hundert, ein realitätsgetreues Bild aus Vierteln, in denen die Politik versagt hat und gleichzeitig eine geballte Ladung absurder Wortspiele. m3 schreibt dabei die Filmmusik, die diese Dokumentation verdient hat.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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