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„Ich hoffe mein Schaden hat kein Gehirn genommen“ – Zwischen den Zeilen mit Captain Gips

Zwischen den Zeilen mit Captain Gips zum Album „Klar Zum Kentern“

Seit nunmehr über sieben Jahren freuen sich Fans von echtem Hamburger Boom-Bap mit reichlich politischen Ansagen über einen steten Zyklus. Den Anfang dieses Kreislaufes machte anno 2010 ein Kollabo-Album der beiden Links-Aktivisten Johnny Mauser und Captain Gips. „Neonschwarz“ hieß das ausschließlich Digital erhältliche Projekt, welches die beiden Rapper auf die Karte des Szene-Labels Audiolith brachte. Mauser hatte noch ein Solo-Album iim Köcher, bevor sich endgültig zur Zecken-Rap-Supergroup Neonschwarz zusammengetan wurde. Zusammen mit Sängerin und Rapperin Marie Curry, sowie dem erst später dazustoßenden DJ Spion Y folgten eine EP in 2012, sowie zwei Alben in 2014 und 16. In den Zwischenjahren tobten sich Mauser und Gips allerdings fröhlich weiter auf Solopfaden aus. Da 2017 erneut eines dieser Jahre darstellt, erwarten uns am heutigen Freitag die beiden taufrischen Soloalben „Mausmission“ und „Klar zum Kentern“. Wir baten Mauser und Gips zum obligatorischen Zwischen den Zeilen.

– Wie kam der Titel zustande, welche Bedeutung hat er?

Passt inhaltlich perfekt zu dem roten Faden des Albums und hat dabei noch Seemannsbezug. Auf persönlicher Ebene anwendbar, aber könnte auch eine weltpolitische Aussicht sein.

 

– Was ist die Grundaussage der Platte, welchen roten Faden verfolgt das Album?

Desillusion und Depression ziehen sich durch das Album. Die Grundaussage könnte sein, dass man trotz dieser dunklen Zeiten, egal ob auf persönlicher Ebene oder politischer, sein Grinsen nicht verlieren muss. Und wenn man sich in Zynismus oder Sarkasmus flüchtet.

 

– Welche Themen werden auf dem Album behandelt, wovon erzählst du konkret?

Neben politischen Themen geht es auch viel um persönlich düstere Zeiten. Aber auch klassische Representertracks und Battleraps, allerdings nie ohne Augenzwinkern und Selbstkritik, sind auf der Platte zu finden.

– Wer zeigt sich das für das Cover verantwortlich? Wie ist die Idee dazu entstanden? Welche Bedeutung hat es?

Die Idee kam von mir. Umgesetzt hat esein guter Freund, mit dem ich schon damals in Sachen Kunst auf der Strasse unterwegs war. Es zeigt wie ich mir selbst ein Loch ins Boot schieße. Offen lassen würde ich: Entweder sieht man hier die Erkenntnis, dass man sich viele Probleme selber macht (also man sich selbst das Loch ins eigeneBoot schießt und nicht irgendjemand anders) oder es zumindest als Außenstehender so aussieht, als würde man sich selbst zum Kentern bringen  oder man sich so allein fühlt und sich schließlich dazu entschließt das eigene Boot sinken zu lassen. Jede Menge Interpretationsspielraum für den Betrachter.

 

– Wer war für die Produktion des Albums verantwortlich? Wer hat welche Rolle gespielt? Wieso hast du dich genau für diesen/ diese Produzenten entschieden? 

Ulliversal – Mit ihm hab ich vor ca. 20 Jahren angefangen Musik zu machen und zu malen. Das ist bis heute so geblieben und macht mich besonders froh.

Forbiddan – Berliner Produzent, den ich durch eine Zusammenarbeit mit Sookee kennengelernt habe. 

Emphiss & Simelli – Beides aufstrebende Produzenten aus Hamburg/Lüneburg.

Farhot – Durch die Zusammenarbeit mit Neonschwarz entstand die Connection. 

 

– Wo/ in welchem Studio ist das Album entstanden und wieso? Gibt es einen besonderen Grund für den Ort? 

Ich habe mir eine einigermaßen professionelle Gesangskabine in mein Wohnzimmer gebaut und das komplette Album dort ganz alleine aufgenommen. Mir war wichtig, es ganz alleine zu machen. Ich wollte es nicht, wie sonst, in einem Studio aufnehmen und mich so in gewisser Weise von jemandem abhängig machen. 

Gemixt wurde es von David Hadenfeldt in einem Studio auf St.Pauli, der auch auf Tour mit Neonschwarz unser Livemischer ist.

 

– Wieso hast du dich für genau diese Features jeweils entschieden? Wie ist das Feature zustande gekommen?

—— Es gibt keine Features. Nur Spion Y durfte bei ein paar Songs Cuts machen. Aber der ist Family, das zählt nicht. Es gibt allerdings keinen speziellen Grund, dass es keine Features gibt. Es hat sich einfach so ergeben.

 

– Wer/ Was hat dich für dieses Album in welcher Weise inspiriert, was Sound und Inhalt betrifft?

Es gibt Rapper, wie Audio88, Antilopen Gang usw, die ich inhaltlich sehr mag. Die Inspiration für den Inhalt des Albums war allerdings mein eigenes Leben.

Ich bin, was den Sound angeht sehr offen. Daher gibt es auch samplebasierte Boombapbeats, genauso wie moderne, synthiebasierte Beats. Ich mache mir vorher keine Gedanken, wie ein Album klingen soll. Ich höre die Beats der Produzenten und picke sie nach persönlichen Geschmack. Dabei ist mir relativ egal, ob sie ein einheitliches Klangbild ergeben. Der rote Faden erschließt sich dann eher über den Rap.

 

– Wie viel Zeit hat die Produktion in Anspruch genommen? Inwiefern wirkt sich die Arbeitsweise auf den Produktionsprozess aus?

Die ersten Zeilen entstanden vor circa einem Jahr. Da ich nicht ins Studio fahren musste, um Songs zu recorden, konnte ich jede freie Minute nutzen, wenn ich zu Hause war und Ideen direkt aufnehmen. Das ist für mich die perfekte Arbeitsweise.

 

– Wessen Meinung ist dir während eines Albumprozesses wichtig und wieso?

Ich zeige ungern unfertige Sachen und daher gab es nur sehr wenige Menschen, die wussten , was ich da überhaupt gerade mache. Eigentlich nur die Produzenten. Normalerweise wären das meine Bandkollegen von Neonschwarz, aber in diesem Fall hab ich da fast alle rausgehalten.

 

– Auf welchem Label wird die Platte releast und wieso? (Ggf. Gründe für Labelwechsel erfragen) 

Audiolith-Records. Labelwechsel kam für mich nie in Frage. Menschlich und politisch fühle ich mich dort gut aufgehoben und ich kann dort völlig frei arbeiten. Auch Lars hat die Platte erst gehört, als sie fertig war.


 

– Gab es Schwierigkeiten im Produktionsprozess und wenn ja, welche? Welche Ursachen lagen diesen zugrunde? 

 Die Schwierigkeiten lagen eher im finanziellen Bereich :). Ich habe mir für das Ende der Produktionsphase vom Job freigenommen und deshalb gab es ein paar finanzielle Probleme. Ansonsten nur das Übliche: Zum Ende hin wird es knapp und die Deadline muß verschoben werden, weil ein Produzent die Einzelspuren noch nicht geschickt hat, weil er gerade im Urlaub ist oder ich konnte nicht weiter Recorden weil ich Schnupfen hatte. Und natürlich gibt es Schwierigkeiten mit dem Mischer über die Lautstärke der Gunshots in den Songs:)

 

– Gibt es eine spannende/ witzige Anekdote, die du rund um den Produktionsprozess zum besten geben kannst?

Den Song „Rotz und Schmutz“ habe ich lange vor dem G20-Gipfel in Hamburg geschrieben. Nach den dortigen Ereignissen und der aktuellen Diskussion erscheint er in einem ganz anderen Licht und wird vermutlich ziemlich polarisieren. Das Video kommt bald und ich bin gespannt auf die Reaktionen.

Kurz nachdem ich „Party is over“ fertig geschrieben hatte, in dem ich zukunftsperspektivisch davon rappe, dass ich jetzt im Wendland wohne, bekam ich tatsächlich ein Angebot dort zu wohnen. Ich denk drüber nach. Jedenfalls Teilzeit.

 

– Welcher ist dein persönlicher Lieblingssong auf der Platte und was macht ihn zu diesem?

Das wechselt sehr oft. Je nach Stimmungslage. Ich mag „Reich und Schön“ zum Beispiel gerade sehr gerne, weil er auch eine Hommage an die Zusammenarbeit von Ulliversal und mir ist. „Schwarzer Hund“ bedeutet mit persönlich viel. Er beschreibt ganz gut, wie ich mich in schwarzen Zeiten in den letzten Jahren gefühlt habe. Irgendwie war es mir auch wichtig, das Thema Depressionen zu verarbeiten. Gerade auch als Rapper, die ja sonst immer die harten, selbstbewussten Typen sind. Oder es zumindest vorgeben, es zu sein. 

 

– Welche ist die beste Line auf der Platte?

Schwer selbst zu beantworten, aber hier ein paar, die ich mag:

Du hast viel erreicht, aus deinem Leben was gemacht und kannst jetzt in deim SUV unsere Beats pumpen/ 

Ja, du hast recht, du hast mehr fucking Geld, aber ich hab mehr als 100 Therapiestunden

Ich war mal jung und rauchte gerne Bong / Ich hoffe mein Schaden hat kein Gehirn genommen.

Und Zecken fragen: Captain, Wo ist deine Message?

-Ob Kevin oder Ali – Sexisten auf die Fresse.

Wir stechen dem Hamsterrad ein Messer ins Bein/

Was tun wir wirklich? -Saufen! Uns fällt nix besseres ein

 

– Wie unterscheidet sich das Album von seinem Vorgänger? 

Es hat zwar wie das Vorgängeralbum ziemlich depressive Züge, kommt teilweise sogar noch tiefer aus dem Keller, aber dennoch ist es zynischer, sarkastischer, humorvoller und selbstkritischer.

 

– Welche Ideen hat dir diese Platte für zukünftige Releases geliefert? Welche Wünsche hast du jetzt für anstehende Releases?

Ich hab bis jetzt fast nach jedem Release gedacht, dass ich jetzt erstmal eine lange Pause machen müßte. Manchmal sogar, dass es erstmal meine letzte Platte sein könnte. Diesmal hab ich jetzt schon im Kopf, dass ich irgendwann auch mal eine positivere Platte machen möchte. Einfach mal eine, die auch mein Sohn hören könnte:).

 

– Welche Relevanz haben die Charts für dich? Welche Erwartungen hast du an die Chartplatzierung dieser Platte?

Keine, dafür hab ich Neonschwarz.

 

– Wie geht es nach Release für dich weiter? Welche Projekte sind geplant? 

Es wird vermutlich irgendwann neue Songs von Neonschwarz geben. Ich werde verschiedene Soloprojekte weiter machen und mich auch mit dem Produzieren weiter auseinandersetzen. 

 

– Wirst du mit dem Album auf Tour gehen? Ab wann? Mit wem? Was wird einen auf Tour erwarten?

Ich gehe zusammen mit Johnny Mauser auf Tour. Wir werden dort nicht einzelne Sets spielen, sondern wahrscheinlich im Pingpongmodus Hit um Hit präsentieren. 

Tracklist konkret – kurzer Satz zu jedem Track

1.Reich und Schön – Opener. Albumrepräsentatives, depressives Punchlinegeballer und Hommage an die 20jährige Zusammenarbeit mit Ulliversal.

2. Rotz und Schmutz – Wütender Zeckenrap mit Augenzwinkern und Graffitilove.

3. Was ein Opfer – Selbstzweifel und -Kritik und Gegenentwurf zum raptypischen Narzismus.

4. Menschheit – Desillusionierte Idealisten werden Zyniker. Verlorener Glauben an die Menschheit.

5. Hug the Police – Doubletimebrett. Battletrack und Representer mit kritischen Querverweisen.

6. Oh Ha! – Abrechnung mit deutscher Arbeitsmoral und Leistungsgesellschaft.

7. Malediven – Ein Song über das Weglaufen-wollen. 

8. Kopfkino – Über das Wertschätzen, der kleinen guten Momente in depressiven Phasen.

9. Cap is back – Antisexistischer und Antihomophober Battletrack

10. Der schwarze Hund – Persönlichster Song des Albums. Depressive Gedanken aus meinem Keller.

11. Wahwahwah – Die Welt geht den Bach runter. Es ist alles scheißegal.

12. Party is over – Zukunftsausblicke eines alternativen Rappers.

 

Das Album „Klar zum Kentern“ von Captain Gips bekommt ihr hier.

 

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