Das popkulturelle Phänomen Capital Bra

Immer wieder dominieren Rapper mit ihrer Präsenz – ob nun durch Veröffentlichungen oder Berichterstattung – ganze Jahre.  Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist Capital Bra der, über den man in den letzten zwölf Monaten am meisten gesprochen hat. Vollkommen zurecht, denn so viel, wie sich allein in dieser Zeit in seiner Karriere tat, passiert anderen nicht in einer halben Dekade. Zwei Alben, zwei Label-Trennungen (zwei mal inklusive Skandal & Gossip), diverse Beefs, über ein Dutzend Standalone-Singles und zehn Mal die Nummer Eins in den deutschen Charts (selbstredend ein Rekord).

Aktuell kommt man nicht ohne ein, zwei Updates von Capital pro Woche aus. Ohne einen neuen Song ohnehin nicht. Logisch, dass man hier schnell beginnt „Übersättigung“ zu schreien. Doch gerade die absurd hohe Release-Schlagzahl ist es, die Capital Bra zu einem so dermaßen spannenden popkulturellen Phänomen macht. Niemand hierzulande arbeitet so nah an der Evolution des Musikmarktes wie der 24-jährige Berliner.

Grundstein dafür bildet die Transformation von Social Media. In den vergangenen sechs Jahren hat sich da nämlich so einiges getan. Ende 2012 – etwa zeitgleich zum beginnenden Snapchat-Hype – durchbrach Instagram die 100 Millionen-Nutzer-Grenze, mittlerweile hat sich diese Zahl bereits verzehnfacht. Gerade Storys sind instinktiver, minutenaktueller Content mit der winzigen Halbwertszeit von zwölf Stunden und werden damit zum öffentlichen, vergänglichen Tagebuch. Nur einen Tag später ist der alte Content schon wieder egal, bekommt ein Update verpasst. Social Media hat die alte Trägheit verloren.

Genau dieses Prinzip findet sich auch in einem Teil von Capitals Musik wieder. YouTube und Streaming bieten ähnliche Möglichkeiten der Aktualität wie jedes andere (soziale) Medium anno 2019. Wo Bonez MC seinen Fans jeden Tag eine Zusammenfassung seines Lebens in wenigen Minuten via Instagram präsentiert, verpackt Capital das in zwei Mal 16 Zeilen. Noch schnell ein Video zusammenbauen – gegebenenfalls einfach per Smartphone-Kamera gefilmt – und ohne Monetarisierung ab auf den noch jungen Joker Bra YouTube-Channel. Songs werden zum Social Media Tool, die kommerzielle Musik wird vermarktet durch noch mehr Musik.

Der eigene YouTube-Kanal – der spannenderweise parallel zur laufenden EGJ-Promo-Arbeit aufgebaut wurde – bietet im Gegensatz zu Streaming-Diensten nämlich sogar unmittelbaren Zugriff. Nach Lust und Laune kann neuer Content hochgeladen oder verwaltet werden. Der finanzielle Mehrwert wird hier zugunsten der Kontrolle zurückgestellt, aber am Ende sind Aufmerksamkeit und Unabhängigkeit in diesem Konstrukt ohnehin kaum in Geld aufzuwiegende Güter. Sie machen Capital zu einer Marke inklusive eigener Plattform.

Tagesaktuell und (scheinbar) ungefiltert können wir auf dieser durch Songs teilhaben, am sich verändernden Gemütszustand eines Musikers.

Das Spektrum reicht dabei von Aggression über Wahnsinn oder losgelöste Freude bis hin zu depressiven Schüben, Selbstzweifeln und – reflexion. Wir hören Capital in zahlreichen Extremen dabei zu, wie er zum Superstar wird und nehmen unmittelbar daran teil, wie sich ein Leben rasend schnell auf links krempelt. Das seinerzeit noch mäßig erfolgreiche Debütalbum „Kuka Bra“ liegt gerade einmal drei Jahre (aber ganze fünf Alben) zurück. Mittlerweile steht Capital nur noch ein ungebrochener Beatles-Rekord im Weg zum erfolgreichsten Single-Künstler der deutschen Musikgeschichte. Mehr Highspeed geht selbst im Streaming-Zeitalter nicht.

Dieser stetige Steilflug bringt nach und nach neue intime Facetten ans Tageslicht und dreht damit auch das Stil-Kaleidoskop ein Stückchen weiter. Auf den ersten Kaufrausch „Nur noch Gucci“ folgt irgendwann auch Misstrauen dem eigenen Umfeld gegenüber, um in resignierenden Zeilen a’la „Ich lauf ‚geradeaus, aber dreh mich Kreis“ zu münden. Man könnte meinen, fokussierte Selbstinszenierung sei schon lange über Bord geworfen worden. Anstelle eines auf einem Charakterzug fußenden, aufgebauschten Künstlerimages, drängt es Capital, eben eine ganze Palette seiner Charakterzüge in der Musik und seiner Kunstfigur zu bündeln.

Allein“ – der passende Nachtrag zu „One Night Stand“ und damit zu einem seiner bis dato erfolgreichsten (Pop-)Hits – bildet die exakte Kehrseite des Nummer-Eins-Songs ab. Denn nüchtern betrachtet ist es die gleiche Geschichte, einzig Capitals Umgang damit ändert sich. Eben noch verspielter Lebemann, erzählt Capi plötzlich von innerer Leere und der Angst vor echter Einsamkeit. Dass auch „Allein“ trotz seiner Düsternis zu einer seiner erfolgreichsten Singles des letzten Jahres wird, liegt wohl daran, dass eben beide Seiten dieser Medaille im Moment ihrer Entstehung zu 100% authentisch waren, es immer wieder sind.

Stilistische Brüche, wie etwa das unkonventionelle Spiel mit der eigenen Stimme und die dafür eingesetzten Effekte in Kombination mit der Fülle an Emotionen münden schließlich in ersten Schizo-Ausflügen mit leichtem Avantgarde-Touch unter dem Namen Joker Bra. Einem scheinbar aus dem Überfluss an Images geschaffenes Alter Ego, dessen genauer Charakter ebenfalls schon nicht klar definierbar scheint. Solche Kniffe sind es, die Capital noch ein Stückchen interessanter und ganz sicher zurecht zu einem der erfolgreichsten deutschen Musiker der letzten Jahre machen.

Dass sich Themen, Stile, Lines über die Wochen doppeln, ist am Ende nebensächlich.

Genau wie die Instagram-Storys der letzten Woche, ist ein Song schon lange wieder überholt, die Betrachtungsweise vielleicht ja nur um ein nur ein winziges Stückchen verschoben oder um eine neue Erfahrung reicher. Was hier entsteht ist keine Musik für die Ewigkeit, muss nicht auf Vinyl gepresst im Plattenschrank konserviert werden, sondern geschieht aus Impulsen und Emotionen.

Das über Jahrzehnte dominierende Phänomen des unnahbaren Superstars wird mittlerweile auch in Deutschland endgültig dekonstruiert, ausgetauscht durch den ultimativ nahbaren Künstler. Denn in einer aus Internet-Voyeuren bestehenden Konsumenten-Szene, ist das große, digitale Fenster, durch das wir jeden Tag hineinglotzen können, im Alltag natürlich spannender als auf geheimnisvolle Meisterstücke aus dem Studio zu warten. In Deutschland leistet Capital Bra damit aktuell popkulturelle Pionierarbeit.

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

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