Blumentopf: 1992 – 2015

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Foto by: Christian Brecheis

Heute gaben die fünf Mitglieder von Blumentopf offiziell ihre Auflösung bekannt. Damit geht besonders für Rap aus Süddeutschland eine Ära zu Ende. Denn Roger, Schu, Wunder, Cajus und Sepalot haben Münchener Rap zweifelsohne geprägt und die Fahne für den eher abgeschlagenen Deutschrap-Standort im Süden über beinahe zwei Jahrzehnte konsequent hochgehalten und dabei Rap-Deutschland des Öfteren gespalten. Während die einen den fünf Münchnern „Sell out!“ vorwarfen, liebten die andern den lockeren Rap des Topfs. Nichtsdestotrotz blieben sie ihrem Sound bis zum Ende treu.

Mit ihrer Auflösung können die vier MCs und ihr Produzent auf eine 23-jährige Bandgeschichte zurückblicken. Das erste musikalische Lebenszeichen, das es, gepresst auf Vinyl, zu erwerben gab, wurde 1996, also vor 19 Jahren veröffentlicht. Heute ist die EP „Abhängen“ eine echte Rarität und wechselt teils für sehr hohe Summen den Besitzer. Bis zu diesem Sommer gab es vom Topf seither stetig Output. Im Frühjahr erschien mit „#hmlr“ das letzte Bandprojekt, das gemeinsam mit der befreundeten Gruppe Texta auf die Beine gestellt wurde.

Die Auflösung der Gruppe bedeutet allerdings nicht, dass man nun nichts mehr aus München hören wird. Denn Sepalot wird auch weiterhin Beats produzieren und Roger und Schu sind ohnehin zu Zeit mit ihrem vor einem Monat erschienenen Album „Clap your Fingers“ unterwegs. Beide wollen nicht ausschließen, das von ihnen nochmal Musik erscheint. Zusammen mit David P. gibt es den gesamten Topf noch einmal auf dem Song „München halt“ vom im November erscheinenden Main Concept-Album „Hier und jetzt“ zu hören. Cajus Heinzmann wird sich anschließend seinem Cafe am Walchensee widmen, Sebastian „Holundermann“ Wunderlich hat sich der Bio- Physik verschrieben, in diesem Fachbereich promovierte er. Was aus der „Blumentopf-Show“ auf dem Jugendradio Puls vom BR wird, ist allerdings noch nicht bekannt. Im letzten Band-Interview anlässlich der Trennung, das unser Chefredakteur Niko führte, erklärten die Fünf, man wolle die Gruppe auflösen, da nun der Zeitpunkt richtig sei. „Wenn sich nicht jeder voll reinhängt, dann sind wir nicht der Blumentopf den ich mir vorstelle. So wie wirs gemacht haben, können wir das nicht mehr machen und dann hören wir lieber selbst auf, sonst machen wir noch die Band kaputt.“ erklärt Roger die Auflösung. Schon während der Entstehung des aktuellen Albums „Nieder mit der GbR“ von 2012 stünde fest, dass dies das letzte Topf-Album bleiben würde.

Bevor die Ära „Blumentopf“ schließlich komplett zu Ende gehen wird, wird im nächsten Jahr, dem Oktober 2016, ein großes Abschiedskonzert im Zenith in München gespielt.

 

Anlässlich der Trennung der Band wollen wir noch einmal auf die Karriere der Münchener zurückblicken:
Im Jahr 1996 erschien mit der EP „Abhängen“ die erste Veröffentlichung, damals noch unter dem Namen Da Blumentopf. Darauf gab es drei Tracks und dazugehörige Remixe zu hören, bereits auf dem ersten Release heißt es selbstbewusst „Der Topf ist zurück“.

München Nord

Nur ein Jahr später erschien ihr Debüt-Album „Kein Zufall“. Die Single „6Meter90“, in dem sie Boy-Bands parodieren, schaffte es in die Rotation einiger Musiksender. Die Münchener Crew ging den Weg in den Mainstream, den „die Fantastischen Vier“ in den Jahren zuvor geebnet hatten.

6 Meter 90

Ihr erster Hit gelang ihnen schließlich mit „Safari“ von ihrem zweiten Album „Großes Kino“. Noch heute heißt es auf vielen Partys „der Topf ist im Haus“. Blumentopf schaffte es sich im Mainstream zu positionieren und gleichzeitig das Rappublikum zu bedienen, belohnt wurde das mit einem Platz 21 in den deutschen Albumcharts.

 Safari

 

Auf der darauffolgenden Platte „Eins A“ vollziehen die Münchener schließlich eine inhaltliche Änderung. Die zuvor häufig vorkommenden Storyteller aus dem Alltag der Blumentopf-Mitglieder weichen auf der Platte größeren Inhalten. Neben Drogenkonsum und Sexismus wird die gesamte Rapszene kritisiert, Partysongs werden auf dem Album weitestgehend ausgelassen. Zur Single „R n‘ B“ wurde zudem ein andersartiges Musikvideo veröffentlicht. Im  Rahmen einer Art Castingshow lassen sich Blumentopf den Song von ihren Fans vorrappen und dazu performen

R n‘ B

Auf dem folgenden Album „Gern geschehen“ bleibt sich der T.O.P.F treu, auch hier wird ein Gegenstück zum aufsprießenden deutschen Gangsta-Rap geboten, der Sound fällt im allgemeinen sehr poppig aus. Die Münchener greifen unteranderem das Leben eines Mannes, der vom großen Erfolg träumt, allerdings alle seine Chancen verpasst, im Song „Manfred Mustermann“. Dieser Song wurde im Jahr 2010 zusammen mit dem Symphonieorchester des Hessischen Rundfunks und Kitsune im Rahmen des Events „Hip-Hop meets Klassik“ neu aufgelegt.

Manfred Mustermann (live)

Im Jahr 2004 wurde schließlich die Single „Alt“ zusammen mit Texta veröffentlicht. Zu der österreichischen Crew bestand schon seit einer Tour im Jahr 1998 eine Freundschaft, die schließlich in der EP „Kaleidoskop“ im Jahr 2001 seine ersten musikalischen Ausläufer fand. Aus der ersten Zusammenarbeit resultierte schließlich die Single „Alt“ , die auf dem Texta-Album  „So oder so“ veröffentlicht wurde. Im März 2015 gab es die Kollaboration als Topf & Texta schließlich auf Albumlänge zu hören. „#hmlr“ stellt das letzte Album an dem der gesamte Blumentopf arbeitete dar.

 Alt

Im Jahr 2006 brachten sie Hip-Hop mit ihren „RAPortagen“ für Das Erste massenwirksam in eine weitere Spalte der Gesellschaft, den Fußball. Im Rahmen der Weltmeisterschaft im eigenen Land wurde vom Topf eine Nachberichterstattung in gerappter Form zu jedem Spiel veröffentlicht. Das Format kam so gut an, das es bei den nächsten vier Wettbewerben, der EM 2008 und 2012, sowie den Weltmeisterschaften im Jahr 2010 und 2014 weitergeführt wurde. Im vergangenen Jahr scheint es nun also  die letzte RAPortage gewesen zu sein. Das Format geht glanzvoll mit dem Weltmeistertitel im Rücken zu Ende.

RAPortage 2014

Ihre erste Single konnten Roger, Schu, Wunder, Cajus und Sepalot mit „Horst“ vom Album „Musikmaschine“ noch im selben Jahr in den Charts platzieren. Das Album setzt nach den ernsthafteren Themen der vorigen Veröffentlichungen wieder auf spaßige Musik. „Horst“ stellt hierbei den Höhepunkt im Albern sein dar. Die Münchener rappen darüber, dass jeder ein Horst sein kann, egal was er für einen Vornamen hat.

Horst

Ihr sechstes Album erblickte mit „WIR“ schließlich im Jahr 2010 das Licht der Welt. Finden sich neben den Topf-typischen Storytellern auch die Single „So lala“ mit der sie bei Stefan Raabs Bundesvision Songcontest Platz Vier erklimmen konnten. Der Song konnte sich zudem Platz 48 der Charts sichern, der größte Erfolg eines einzelnen Songs im Laufe der Bandgeschichte.

WIR

 

Den Abschluss der Bandalben machte „Nieder mit der GbR“ im Jahr 2012. Von der Chartplatzierung her war es mit Platz 6 in den Charts ihr erfolgreichstes Album. Auch von vielen Fans wurde das Album gut aufgefasst. Schließlich wurde es im darauffolgenden Jahr als Live-Album veröffentlicht. Schon während der Entstehung stand fest, das es das letzte Album der Band werde.

Nun geht die Geschichte der Band nach über 20 Jahren gemeinsamen musizierens zu Ende. Blumentopf sind „dann mal weg“.

Bin dann mal weg

BACKSPIN sagt, Danke für 23 Jahre Musikgeschichte. Wir sehen uns bei der Abschlussshow.

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

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