Blacktape: Falk, Staiger & Sékou

Fragt man Sékou Neblett ist die Zeit reif, um einen Blick zurück zu werfen.
Es ist an der Zeit, die Historie der deutschen Rapmusik noch einmal Revue passieren zu lassen – die Entwicklung mit all ihren Facetten zu beleuchten. Spricht man über eben diese, assoziiert man natürlich umgehend bestimmte Namen, die in diesem Rahmen keinesfalls fehlen dürfen.

Da gibt es Namen wie Afrob, da gibt es Namen wie die Stieber Twins und da gibt es natürlich auch die beiden Namen Marcus Staiger und Falk Schacht. Beide dürfen sich guten Gewissens als zwei der HipHop Urgesteine betiteln, die die deutsche Szene zu bieten hat.

Mit “Blacktape” schickt Sékou, seines Zeichens nicht nur Rapper, sondern eben auch Filmemacher, sein Debüt ins Rennen. Genau so schickt er Falk und Staiger auf die Suche – das Ziel ist es, den Spuren eines ominösen Rappers namens Tigon auf die Spuren zu kommen. Auf ihrer Reise treffen sie nicht nur auf viele alte und einige neuere Weggefährten, sondern stoßen auch diverse Male an die eigenen Grenzen. Oder, um es mit den Worten von Falk zu sagen: „Du musst dir das wie „Herr der Ringe“ vorstellen: Der Ring ist eigentlich egal, es geht um die Reise. Manchmal hast du etwas zu lachen und manchmal möchtest du jemanden umboxen“.
Entstanden ist eine Art Dokumention über die Entstehung der deutschen HipHop Szene, beginnend bei ihrem Ursprung bis hin zur heutigen Situation. Jedoch verzichtet “Blacktape” auf jegliche Art von Frontalunterricht, sondern nimmt den Zuschauer an die Hand und versucht, ihn selbst die richtige Fährte finden zu lassen.

 

Falk, Staiger: Wie darf man sich eure ersten Reaktionen vorstellen, als Sékou mit seiner Filmidee auf euch zukam?

Staiger: Dass überhaupt eine Art HipHop-Film gedreht werden sollte, hat mich in Schockstarre versetzt. Meine erste Reaktion war recht negativ und ich dachte, das darf nicht so werden wie der HipHop-Tatort. In dem haben DJ Tomekk und Harris mitgespielt und das war lange Zeit ein gutes Negativbeispiel. Ich bin nicht so begeistert von deutschem Film und wollte damit auch nicht viel zu tun haben.
Natürlich fühlt man sich dennoch geschmeichelt. Es gab Probeaufnahmen, die ich verschiedenen Vertrauenspersonen gezeigt habe, und wollte ehrliche Meinungen hören. Nachdem diese mir versichert haben, dass es schon ganz cool rüberkommt, habe ich dem Projekt zugestimmt.

Falk, warst du da ähnlich kritisch?

Falk: Tatsächlich hatte ich auch das Negativbeispiel HipHop-Tatort im Kopf – ich wusste schließlich nicht, was Sékou da macht und gelernt hat an der Uni. Ich muss zugeben, dass sich deutscher Film in meiner persönlichen Beliebtheits-Skala nicht zwingend in den obersten Rängen bewegt. Das liegt unter Anderem an dem System, wie sowas entsteht und in genau diesem System ist auch unser Film entstanden. Das heißt eben in Co-Produktion mit Fernsehen und Filmförderung. Häufig wird so hier und dort was weggeschliffen, das aber spannend sein könnte. Ich habe jedoch relativ schnell bemerkt, dass Sékou zwar die komplette Kontrolle hat, das hier aber nicht der Fall sein wird. Sékou ist einer der charmantesten und nettesten Menschen überhaupt und da wird relativ schnell klar, dass man ihm da vertrauen kann. Auch dass er HipHop Knowledge hat, war von Anfang an klar.

Inwiefern habt ihr denn selbst noch Einfluss auf das bestehende Konzept genommen?

Sékou: Sie haben Einfluss genommen, ohne davon überhaupt zu wissen.

Es gab eine generelle Richtung, aber die beiden kannten nie das volle Konzept.

Es ging, wie Falk schon sagte, viel um Vertrauen. Im Endeffekt wissen sie aber nicht, wie viel Einfluss sie denn nun genommen haben.

Was stand hinter der Idee des Projekts, Sékou?

Sékou: Die Idee ist entstanden, weil die Zeit gerade reif dafür ist. Wir fangen bei den Heidelbergern wie Torch und Co. an bis heute, wo du Hipsterrap à la Cro und Casper hast. Du hast Leute wie Afrob und Jan Delay und eine Vielfalt an Gangstarap, also alles. Zusätzlich gibt es noch tausend Subgenres. Außerdem hat deutscher HipHop die Sprache emanzipiert, sodass du jetzt viele deutschsprachige Künstler hast, die irgendwo davon inspiriert sind, ob das jetzt AnnenMayKantereit oder Wir sind Helden sind.
Der Einfluss ist also auf jeden Fall unbestreitbar und die Zeit ist reif, um zurückzuschauen.

Seit etwa fünf, sechs Jahren erfreut sich deutscher Rap ja wieder sehr großer Beliebtheit.
Hätte derselbe Film vor zehn Jahren nicht so   funktioniert?

Sékou: Ja, das würde ich behaupten. Vor zehn Jahren wusste man noch nicht, wo Straßenrap hinführt. Jetzt hast du schon Veteranen – nicht nur Bushido und Sido, sondern auch noch neue Auswüchse davon. Jetzt ist es ziemlich klar, dass das bleibt. Es wird immer die verschiedenen Kategorien geben: Es wird immer Gymnasiasten-Rap geben, genau so wie Streetrap und Hipsterrap.

Gab es unter den einzelnen Protagonisten Zweifel, ob sie Teil des Projekts werden wollten?

Falk: (bricht in Gelächter aus)

Sékou: Man muss sagen, dass Staiger stark polarisiert. Das war für mich eine große Entscheidung, den Schritt zu gehen und ihn zu fragen, ob er mitmacht.
Nach den ersten Gesprächen wurde klar, dass er auch eine große Rolle spielen würde.

Die Teilnahme von Staiger war natürlich für viele ein Dealbreaker.

Er hat eine Karriere daraus gestaltet, vielen Leuten ans Bein zu pissen. Ich bin ja nicht als Rapper, sondern als Fimemacher auf ihn zugegangen und mir war von Anfang an klar, dass ich von ihm hören muss. Du hast keinen Film über deutschen HipHop machen, wenn eine komplette Kultur rausgelassen wird, die auch noch sehr prägend ist. Für mich war der Schritt natürlich sehr einfach, allerdings nicht für mein Umfeld.

Falk: Wärst du denn in der Rolle des Rappers nicht auf ihn zugegangen, Sékou?

Sékou: Ich glaube, als Rapper bewegt man sich noch mehr in einer Art Cliquen-Denken und deshalb hätte es aus der Perspektive keinen Grund gegeben. Wären wir allerdings ins Gespräch gekommen zufällig, hätte es wahrscheinlich denselben Effekt gegeben und ich hätte gemerkt, dass es kein Monster ist.

Natürlich war auch der Schritt, Neffi mit ins Boot zu holen, sehr mutig.

Sékou: Ja, das war krass. Jetzt ist mein Homie-Bonus in der Szene auf jeden Fall aufgebraucht. Ich habe keinerlei Bonuspunkte mehr.

Also kannst du dich noch auf der Straße blicken lassen, ja?

Sékou: Ja, ich kann mich schon noch draußen blicken lassen (lacht). Bei Neffi war es so, dass er eigentlich ziemlich schnell zugesagt hat, jedoch hatte ich Angst, dass er sein Material nicht freigibt. Der fand sich fair repräsentiert und es war kein Problem.

Staiger: Dazu muss man sagen, dass ich mit Neffi auf menschlicher Ebene gar kein Problem habe, das ist ein sehr netter Mensch. Ich möchte ihm zugute halten, dass er sich erstens sehr gut innerhalb der Szene auskennt und dass er das, was er tut, auch gerne tut, er ist Musik-Fan.
Es ist natürlich eine andere Sache, wenn er seine geschäftliche Rolle repräsentiert und in seiner Funktion Dinge tut, wie eine Firma sie halt tut. Das ist dann aber ein fundamentales Ding.

Sékou: Das stimmt, was Staiger sagt. Es spricht wirklich für ihn, dass er an das, was er tut, glaubt.
Das relativiert auch dieses „Böser-Geschäftsmann-Ding“. Ganz ehrlich, die Künstler gehen doch zu Neffi. Die kommen doch zu der Firma und bieten sich an. Es ist nicht so, als ob er der Rattenfänger ist und alle verarscht. Die Leute wollen, dass er ihnen hilft, den nächsten Schritt zu gehen.

Staiger: … und würde er es nicht machen, würde es eine andere Person in dieser Funktion geben.

Wie sieht denn die Zielgruppe des Films aus? 

Sékou: Ich sehe die Zielgruppe von Anfang zwanzig bis Mitte vierzig. Einerseits diejenigen in meinem Alter, die das alles miterlebt haben, und auf der anderen Seite die aktuellen HipHop Fans, die so ein bisschen was über die Historie lernen können.

Klar, das Publikum, das Rap hört, ist ja sehr viel breiter als noch vor ein paar Jahren.

Staiger: Es gibt eine krasse Selbstverständlichkeit. Diese Selbstverständlichkeit, mit der meine Tochter Rap-Alben anhört, hätte man früher nur gehabt, hätte man zu diesem Spezialpublikum gehört. Neulich hat sie mir von ihren Lieblingsalben erzählt und da gehörte Xatar zu. Sie ist kein HipHop Fan auf den ersten Blick. Xatar ist, würde ich sagen, schon sehr spezieller Rap.

Xatar ist eben auch kein Marteria.

Staiger: Ja, genau! Sie hört das Xatar Album eben auch nicht, weil ich ihr das empfohlen habe, sondern weil es offensichtlich in ihrem Freundeskreis gerade beliebt ist.

Habt ihr beiden im Vorfeld eigentlich schon einmal Schauspielerfahrung gesammelt? 
Staiger: Ich war in der Theater-AG (Gelächter bricht aus).

Falk: Bei mir waren das auch nur Schultheater-Geschichten. Aber so richtig geschauspielert haben wir ja nicht. Wir hatten einen Workshop und dort gab es für mich einen sehr amüsanten Moment: Eine Schauspielschülerin kam in den Kurs und es war sehr interessant zu sehen, dass die extrem künstlich wirkte. Das ist genau der Punkt: Wir waren wir selbst.

Ziemlich viel von dem, was man im Film sieht, sind wir schlichtweg selber.

Staiger: Da wir seit Jahren als (Internet)-TV Moderatoren aktiv sind, haben wir ja immerhin auch Kamera-Persönlichkeiten.

Sékou: Bei dem Workshop hat es sich um einen von Scandar Copti gehandelt. Er desensibilisiert die Leute für die Kamera – Du nimmst die Kamera zwar nachher noch war, aber nicht mehr inversiv – sie ist nichts bedrohliches mehr. So legst du die Künstlichkeit ab.

Sékou: Natürlich gab es fiktive Momente. Wir haben es so gehandhabt, dass die beiden nie wussten, was passiert. Ich habe kleine Impulse gegeben und sie haben darauf reagiert.

Falk: Es war so, als würdest du durch ein Labyrinth stolpern und musst den Weg selber finden. Der Film entsteht auch aus sich selbst heraus, weil wir versuchen, unseren Weg zu finden. Das funktioniert in der Interaktion miteinander – Man hat irgendwie schon ein gemeinsames Ziel, aber weder er noch ich wissen, wer oder was das ist und wir müssen es irgendwie miteinander finden und dabei kann dann auch schon einmal die Luft kochen. Dabei explodiert man dann eben oder ein Handy landet im Kühlschrank (lacht).

Sékou: Wenn fiktive Elemente im Spiel waren, war das für die Jungs echt. Ich war dabei der Game-Master (grinst).

Falk: Es gab dabei Momente, in denen du gedacht hast: Ist das echt oder was ist los?

Staiger: Das einzige, wie man den Film hätte unterbrechen können, wäre, wenn man die Frage gestellt hätte, was man da eigentlich tut und wieso überall Kameras rumstehen. Oder zu fragen, was man als nächstes tun soll oder sich nicht wohl gefühlt hätte. Das wäre die einzige Unterbrechung in diesem Fluss gewesen. Ansonsten bestand die Aufgabe darin, die Situationen so durchzuziehen, wie man sie normalerweise auch handhaben würde.

Sékou: Anbei würde ich dir in dieser normalen Situation eine Info geben, die du mit einfließen lässt und das ganze wird gefilmt.

Falk: Sékou hat sich über uns wahnsinnig ausgiebig informiert. Ohne uns wäre der Film in dem Sinne nicht möglich, da er auf uns basiert. Ohne Sékou würde es den Film natürlich auch nicht geben, weil irgendjemand die Arbeit machen muss. Mit den ganzen Informationen hat Sékou eigentlich unsere Persönlichkeiten anaylsiert und uns dann losgeschubst, um diesen Weg zu finden. Natürlich hatte er die Hoffnung, dass wir einen bestimmten Weg finden. Manchmal läuft die Maus allerdings auch falsch herum. Selbst, wenn sie falsch gelaufen ist: Das, was theoretisch eine fiktionale Begebenheit wäre, wurde so plötzlich zur Realität.

Es fand eine Transformation von fiktional zu real statt. Man stellt sich zurecht die Frage: Was ist denn eigentlich Realität?

Es gab Momente, in denen man mit Erinnerungen gefüttert wurde und auch da muss man sich die Frage stellen: Was sind eigentlich Erinnerungen, was ist Geschichte? Wer kontrolliert, was an Historie wahr und nicht wahr ist? Eigentlich erzählt nämlich immer der Gewinner die Geschichte und natürlich ist sie dann aus der Perspektive des Gewinners erzählt. Du kriegst es in deinen Kopf gepflanzt. Aber das ist eigentlich nur eine Idee der Realität.

Staiger: Ich weiß super oft nicht, ob ich Dinge tatsächlich erlebt oder nur geträumt habe. Manchmal habe ich von Aussprachen mit Kontrahenten geträumt und dachte dann, das sei schon längst geklärt (Gelächter bricht aus).

Falk: Eigentlich geht es um Wahrnehmung, was ist Wahrnehmung? Du verarbeitest elektrische Impulse in deinem Gehirn, aber was ist denn die Wahrheit?

Staiger: Jetzt kommen wir aber in den Bereich Matrix, vielleicht sollten wir Savas anrufen.

Falk: Genau jetzt kommen wir aber auch an den Punkt, was der Film mir gibt. Der gibt mir Gedankengänge und Fragenstellungen zu solchen Themen, die ich hochspannend finde.

Ich glaube, wir sollten an dieser Stelle schließen.

Staiger: Ich glaube, im Endeffekt ist es ein Roadtrip, der den Zuschauern Spaß macht – egal, ob HipHop-affin oder nicht. Die Reisegruppe ist das, was den Film sehenswert macht. Vermutlich hätte man auch noch vier andere Filme daraus schneiden können.

Falk: Du musst dir das wie „Herr der Ringe“ vorstellen: Der Ring ist eigentlich egal, es geht um die Reise. Manchmal hast du etwas zu lachen und manchmal möchtest du jemanden umboxen.

Ich bedanke mich herzlich für das Interview – Sékou, deine abschließenden Worte?

Sékou: Ich glaube, es ist ein besonderes Filmerlebnis. Es ist keine Doku im Sinne von Frontalunterricht. Es zieht dich rein, stellt Fragen und du musst versuchen, dir deine eigene Meinung zu bilden. Es gibt keine Talking heads, die dir sagen, was du denken sollst.

 

“Blacktape” wird ab dem 03.Dezember 2015 bundesweit in den deutschen Kinos ausgestrahlt – und euch von uns wärmstens ans Herz gelegt.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.
Hanfosan

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