Bengio: “Es hat sich auch viel verändert, weil ich viel unterwegs bin.“

 Trotz der Tatsache, dass Niko den guten Bengio dieses Jahr nicht zum BACKSPIN FIFA 15 CUP eingeladen hat, hat er sich dennoch dazu bereit erklärt mit uns über dies und das zu quatschen. Nachdem er sein erstes Album „B.E.N.G.I.O.“ 2013 komplett im Alleingang veröffentlicht hat, ist der Rapper mal eben nach Berlin gezogen. Samy Deluxe hat das Potenzial des Jungen aus Fulda erkannt und ihn gleich mal bei „KunstWerkStadt“ unter Vertrag genommen. Seit 2014 ist Bengio nun Wahlhamburger und arbeitet eng mit Samy Deluxe, DJ ViTo und Matteo Capreolizusammen. Bisher hat er schon unter anderem Chefket und ASD supportet. Jetzt haut er seine EP „Unterwegs“ raus und liefert damit einen kleinen Vorgeschmack auf sein kommendes Album. Bühne frei für Bengio.

Du bezeichnest dich selbst als Singer und Songrapper. Womithast du zuerst angefangen, dem Singen oder dem Rappen?
Bengio: Angefangen habe ich mit dem Rappen. Zuerst ganz klassisch Boom-Bap-Geschichten, weil das so das Einzige war, was ich auch machen konnte. Ich komme aus einer Kleinstadt. Das musikalische Umfeld war nicht wirklich vorhanden, selbst Instrumente spielen konnte ich früher auch noch nicht und deswegen habe ich zuerst gerappt und mittlerweile bin ich dann dazu gekommen selbst zu singen. Aus Spaß habe ich mich dann als Singer und Songrapper bezeichnet. Mittlerweile merke ich aber, dass es das ganz gut beschreibt. Irgendwie.

Wenn man sich mal dein Instagram anschaut, scheinst du sehr musikalisch zu sein. Du spielst Gitarre?
Bengio: Ich hab als Kind angefangen, Gitarre und Klavier zu lernen, das dann aber schleifen lassen. Gerade bin ich dabei, mir wieder Sachen beizubringen. Mein Ziel ist gerade, nächstes Jahr auf Live-Shows mit dem Klavier ein wenig was machen zu können.

Auf der Ebene der Musik machst du viel. Gitarre und Klavier lernen, du singst, du rappst. Wann genau hat diese Liebe zur Musik angefangen?
Bengio: Mein Vater war so die treibende Kraft. Er war früher DJ. Durch ihn bekam ich viel musikalischen Input, habe einfach viel Musik kennengelernt. Sowohl Hip-Hop, alles was ich an Rap-Platten früher gehört hab, lief bei meinem Vater im Auto. Aber auch andere Sachen wie Weltmusik, Folk, einfach alles Mögliche. Ich glaube, dadurch habe ich schon als Kind unterbewusst ein Gefühl für Musik entwickelt. Mein Vater veranstaltet auch Konzerte und als Kind war ich früher viel dabei. Dadurch habe ich so das Gefühl bekommen. Später, mit 16 Jahren, habe ich erst angefangen, Musik zu machen. Dann hat es sich ausgezahlt, dass das schon in mir drin geschlummert hat.

Gesignet bist du bei Samy Deluxe‘ Label „KunstWerkStadt“. Vor drei Jahren hast du etwas sehr Interessantes auf Facebook gepostet: „Bengio, mach mal was mit Samy Deluxe, ein lachendes Auge für das Kompliment, ein weinendes, weil es vielleicht nie was wird“. Inwieweit beeinflusst es dich jetzt, dass du genau an diesem Punkt bist, mit ihm zusammenzuarbeiten? Baut es einen gewissen Druck auf oder pusht es dich noch mehr, dein Potenzial auszuschöpfen?
Bengio: (lacht) Ja, das ist wirklich witzig. Ich erinnere mich, dass ich früher viele Nachrichten bekommen hab: „Mach doch mal was mit Samy“.  Das ist natürlich ein Riesenkompliment, aber ich hatte einfach nicht die Möglichkeit. Als ich noch zur Schule gegangen bin, hab ich dann einfach mal als Aprilscherz gepostet, dass ich nicht mehr kommen kann, weil ich nach Hamburg eingeladen wurde.
Dann habe ich ihn  kennengelernt [Anm. de. Verf.: im Jahr 2013] und Samy ist wirklich ein sehr ruhiger Mensch und ich kann da einfach machen, was ich will. Ich mach einfach die Musik, auf die ich Lust hab. Dadurch kann ich mich einfach viel weiterentwickeln und von ihm und seinem Umfeld viel lernen. Druck verspüre ich nicht so wirklich. Ich hab mich einfach gesund weiterentwickelt und dass die Erwartungshaltung von ihm an mich ist auch nicht, dass ich der nächste Superstar werde, der extrem viele Platten verkauft und ihn reicht macht, weil er natürlich schon stinkreich ist. Nein (lacht). Es ist eine ganz gesunde Erwartungshaltung, die wir alle haben. Deswegen verspüre ich keinen Druck, aber schon den Ehrgeiz, etwas zu erreichen und den Willen, etwas zurückzugeben, von dem,was in mich investiert wird. Jetzt nicht finanziell gesehen, sondern die Zeit und die Liebe, die die Jungs da reinstecken. Das würde ich ihnen gerne zurückzahlen. Ansonsten ist es natürlich vollkommen verrückt, dass ich am Ende wirklich da gelandet bin.

Deine EP „Unterwegs“ durfte ich mir vorab schon anhören. Für mich wirkt es so, dass du unter einer inneren Zerrissenheit leidest. Auf der einen Seite hast du das Selbstbewusstsein an dich und deine Musik zu glauben. Auf der anderen Seite stehen die Selbstzweifel, dass du mit der Musik nichts reißen wirst. Deine Freunde waren es damals, die dich motiviert haben, deine Tracks zu veröffentlichen. Woher, denkst du, kommen diese Selbstzweifel?

Bengio: Ich bin selbst mein größter Kritiker. Das kann einen auf der einen Seite aufhalten, auf der anderen Seite aber auch neue Motivationgeben, Dinge richtig gut zu machen. Bei mir war es immer so, dass ich Musik aus Spaß gemacht habe. Irgendwann haben Leute von außen die Ernsthaftigkeit an mich herangetragen. Mittlerweile mach ich das gerne. Gerade ist es mein Job. Ich bin einfach ein sehr zweifelnder Mensch, ich hab den Glauben daran, dass es funktioniert.
Leute, die mich persönlich kennen, wissen, dass das auf vielen Ebenen im Leben bei mir so ist. Zum Beispiel, dass ich mich nicht so gut entscheiden kann. Ich hab immer ganz gute Entscheidungen getroffen, aber nicht unbedingt schnell.

Stichwort Selbstzweifel. Gab es bisher einen Punkt, an dem du gesagt hast: Ich schmeiß das alles hin?

Bengio: So drastisch nicht. Nachdem ich mein erstes Album [Anm. d. Verf. „B.E.N.G.I.O.“] komplett in Eigenregie veröffentlicht habe, bin ich nach Berlin gegangen. Nach einem halben Jahr Berlin habe ich mich gefragt, wofür ich das alles mache. Ich habe aus Spaß damit angefangen, und plötzlich dieser ganze Geschäftskram. Gerade Berlin mit seinen ganzen Partys, Gästelisten, Verträge hier, Verträge da. Viele Leute, die dir viel erzählen. Da war ein Punkt erreicht, an dem ich mir dachte: „Warum mach ich das nicht einfach wie vorher, nur für mich, und gehe studieren.“ Genau in diesem Tief kam Samy und hat mich angerufen. Das war schon ein bisschen Schicksal, dass ich gesagt habe: „Mein Studium verschiebe ich noch und setze alles jetzt auf eine Karte“. Zweifel sind da, glaube, ich ganz normal. Alle deine Freunde machen was ganz Normales, studieren. Wenn man sich dann mal wieder trifft ist es auch so: „Ok, die machen jetzt ihren Bachelor fertig und ich bring mein zweites Album raus“. Was auch cool ist, aber wenn man die Vergleiche zieht, hat man einfach immer ein bisschen Angst vor der Zukunft. Das muss man fernhalten von sich. Außerdem bin ich 22 und wenn ich mit 26 in einer Vorlesung lande, ist das auch ok.

Auf Facebook hattest du mal die Line von Casper „Rap ändert nicht mich, sondern alles um mich herum“ gepostet. Was hat sich für dich verändert, seitdem du die ersten Erfolge mit Rap hattest?

Bengio: Als ich das damals von Casper gehört habe, fand ich einfach, dass das den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Die Person dahinter bleibt immer die Gleiche. Man verändert sich ganz normal, wie alle anderen auch. Die Leute sehen dich in einem ganz anderen Licht. Man merkt, die Wahrnehmung verändert sich. Du kommst irgendwo hin und die Leute behandeln dich anders. Es hat sich auch viel verändert, weil ich viel unterwegs bin. 95 Prozent meiner Zeit verbringe ich in diesem Kosmos. Dann bleiben natürlich viele andere Dinge auf der Strecke. Ich bin immer noch die gleiche Person, natürlich ein bisschen reifer geworden vielleicht. Immer, wenn ich irgendwo hinkomme, wo mich niemand kennt, ist das einfach etwas ganz anderes.

Hast du auf eine gewisse Weise Angst vor Erfolg? Dass sich einfach zu viel um dich herum verändert?

Bengio: Ehrlich gesagt nicht. Ich bin einsehr bodenständiger Typ.  Dieses Jahr habe ich viel erlebt, was ich mir vorher nur erträumen konnte. Ich war mit Samy auf Tour und habe auf Festivals vor 15000 Menschen gespielt. Was ich dadurch gemerkt habe, also wieder dieses Statement, drum herum verändert sich viel. Ich bleibe gleich. Ich habe das Glück, einen kleinen Kreis an Freunden zu haben, mit denen es immer so bleiben wird. Auch mein Team ist extrem bodenständig. Gerade in dem Punkt kann man von Samy viel lernen. Er hatte Höhen und Tiefen in seiner Karriere. Angst habe ich davor nicht, weil ich genug Leute um mich herum habe, auf die ich zählen kann. Auch meine Familie steht komplett hinter mir.

In den ganzen sozialen Netzwerken fällt auf, dass du vor allem Bilder aus dem Studio postest. Würdest du dichselbst als Workaholic bezeichnen?

Bengio: Das fühlt sich für mich nicht so richtig wie Arbeit an. Wenn ich in Hamburg bin, bin ich jeden Tag im Studio. Ansonsten sind wir auf Tour oder wie jetzt gerade, wenn man eine EP releast, ist man unterwegs für Promo-Geschichten. Das ist ein bisschen das Ding: dass man nicht loslassen kann. Wenn ich keine Musik mache, denke ich entweder über die Musik nach, die ich gemacht habe, im Positiven oder Negativen, oder ich mach neue Musik. Also ja, Workaholic, aber im positiven Sinne, weil es mir Spaß macht.

Produziert wurde die EP ja vorwiegend von Matteo Capreoli. Wie lief die Zusammenarbeit zwischen euch ab? Hat er dir etwas gezeigt und du hast dem zugestimmt oder hattest du schon genaue Vorstellungen, wie das Ganze klingen soll?

Bengio: In dem Fall war es jetzt so, dass ich schon Ideen hatte. Songideen, die ich schon mitgebracht hatte. Matteo hatte auch schon Beat-Gerüste. Wir haben das dann einfach zusammengebracht. DJ ViTO hat auch noch Sachen dafür gemacht, also seinen Sound dazu gebracht. Dann ist das alles relativ schnell entstanden. Ich arbeite ja jetzt schon länger an meinem Album für das nächste Jahr. Da ist es noch mehr so, dass ich jetzt wirklich weiß: Ok, ich will das so und wir machen das so.  Wir gehen gezielter auf meine Vorstellungen ein. Die EP ist tatsächlich auch unterwegs entstanden. Zwischen Tour und Im-Studio-Sein oder wieder irgendwo anders hinfahren. Wir haben die Sachen, die da waren und die ich hatte, einfach zusammengeführt. Deswegen ist es auch nur eine EP geworden, weil ich gesagt hatte, für das Album muss im Vorhinein klar sein, wie es werden soll. Der Albumtitel steht jetzt nicht nur dafür, dass ich unterwegs bin, sondern ist wirklich auch eine Reise, im Prinzip zu dem Sound, den ich machen will.

Im „Samselia‘sPottcast“ war die Sprache von einem Posse-Track. Wenn das noch aktuell ist, wie weit seid ihr damit und wer soll da noch rauf?

Bengio: Also es gibt da schon mehrere Sachen, die wir darauf gemacht haben. Wir waren neulich mal im Studio und da waren dann wirklich Chefket, Ali As, Afrob, Samy und ich. Ist auch aufgenommen (lacht), aber ob das am Ende des Tages wirklich rauskommt, weiß ich nicht. Es gibt noch einen Song, den ich mit ViTO aufgenommen hab, da suche ich auf jeden Fall gerade die Leute raus, die da darauf sollen. Ich hätte gern all die, aber ViTO sagt, er hätte gern eine jüngere Generation. Also Leute aus meiner Generation. Chefket, Samy und Afrob sind schon die klassische Truppe.

Wie weit bist du jetzt konkret schon mit deinem Album, das nächstes Jahr erscheinen soll?

Bengio: Textlich schon echt weit. Produktionen sind alles Skizzen. Der Plan ist eigentlich, das Album bis zum Frühjahr fertig zu bekommen, damit es dann Ende Sommer erscheinen kann.

Und dann die Tour?

Bengio: Und dann hoffentlich die Tour. Ich bin jetzt erstmal gespannt, wie die EP ankommt und ob ich noch ein paar Support-Shows mitnehmen kann. Ich war jetzt schon mit Chefket, Samy und ASD unterwegs. Im Idealfall kann man vielleicht im Frühjahr schon eine ganz kleine eigene Tour machen. Später im nächsten Jahr dann auf jeden Fall die Stadion-Tour (lacht).

Letzte Frage: Deine EP heißt „Unterwegs“. Mich würde aber interessieren, was für dich zu Hause bedeutet.

Bengio: Wirklich gute Frage, weil meine Eltern getrennt sind. Meine Mom wohnt in Köln und mein Vater wohnt in Fulda. Meine ganzen Geschwister, ich habe sechs Stück, sind übers ganze Land verteilt. Deswegen ist es ortstechnisch schwer. Zu Hause sind die Momente, die ich mit den Leuten verbringen kann. Zu Hause ist für mich Familie. Wo ich am Ende bin, ist mir eigentlich egal, aber wenn Freunde und Familie dabei sind, dann fühlt es sich an wie zu Hause.

 

 

 

 

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