Ben Salomo: „Kunst muss nicht immer Identifikation erzeugen.“

ben_salomo_7931Rap am Mittwoch, kommt alle mit doch, wenn ihr nichts mit HipHop am Hut habt, müsst ihr gehen!“ – Die meisten von euch werden Ben Salomo vermutlich als Host des Battle-Turniers Rap Am Mittwoch kennen, das monatlich in Berlin-Kreuzberg stattfindet. Neben seiner Tätigkeit als Moderator, ist Ben Salomo aber bereits sage und schreibe 20 Jahre in der Rapszene aktiv. Die Crews FlowJoes, Illuminaten, KaosLoge und das Label Tempeltainment sind nur einige Anhaltspunkte, die sich auf seinem bisherigen Weg verzeichnen lassen. Umso verwunderlicher ist es, dass erst jetzt das Release seines ersten Soloalbums ansteht. Wir trafen Ben Salomo in Berlin zum Interview und sprachen über genau dieses Projekt und warum genau jetzt der richtige Zeitpunkt für die Platte ist. Weiter wurde die Rolle von Religion und Spiritualität in Deutschland, Oberflächlichkeit im Musikkonsum und die Rolle der Medien, sowie die Werteverschiebung im Rap thematisiert.

 

Die erste Frage, die sich stellt, ist natürlich die nach dem Zeitpunkt. Mittlerweile bist du schon rund 20 Jahre in der Rap-Szene aktiv. Allerdings kommt jetzt erst dein Solo-Debüt. Wieso kommt es jetzt erst dazu?

Ben Salomo: Den Wunsch, ein Soloalbum aufzunehmen, hatte ich schon immer. Nur konnte ich nie volle Konzentration auf die Musik haben. Als ich anfing, war ich einer Crew, direkt danach hatte ich ein Label. Innerhalb der Crew habe ich mich immer sehr wohl gefühlt. Den Zeitpunkt, an dem ich beschlossen habe, genau jetzt ein Soloalbum anzugehen, hat es nie gegeben – auch nicht bei „Es gibt nur einen“. Die Platte ist ganz organisch peu à peu entstanden. Ich habe immer Songs aufgenommen und als ich irgendwann etwa fünf oder sechs Songs gesammelt hatte, fiel mir auf, dass das gerade ein Album zu werden scheint. Von da an war es nicht mehr der organische Prozess, sondern der Beginn des zielstrebigen Arbeitens. Meine Aktivität bei Rap Am Mittwoch brachte mir dann eine gewisse Popularität ein. Zwar bin ich schon ewig lange in dieser Szene dabei, aber eben ewig lange Untergrund.

Hätte ich vor zehn Jahren, in dieser dunklen Phase, ein Album rausgehauen, wen hätte ich damit erreicht?

Natürlich herrscht immer ein Gleichgewicht zwischen dem persönlichen Wunsch, ein Album zu veröffentlichen und dem Wunsch, Leute zu erreichen. Deshalb ist gerade der passende Zeitpunkt.

Viele Leute denken zuerst an Rap am Mittwoch, wenn sie deinen Namen hören. Stört dieses Reduzieren auf deine Funktion als Host?

Ben Salomo: Ich fühle mich gar nicht darauf reduziert. Es ist, als spricht man einfach von dem ausgeprägtesten Ast, den mein Baum bisher für die Öffentlichkeit hervorgebracht hat. Hoffentlich kann ich von diesem Ast auch auf den nächsten hinweisen. Vielfalt und Facettenreichtum sehe ich als Plus an.

Als du dein Albumcover veröffentlicht hast, wurden Stimmen laut, du hättest Karate Andi kopiert. Wie viel Einfluss nimmt dein Umfeld denn im musikalischen Sinne auf dich?

Ben Salomo: Ehrlich gesagt, bin ich von Natur aus recht abgeschottet, was Musik angeht. Ich höre eigentlich gar keinen Deutschrap. Mein Einfluss sind die goldenen 90er Jahre. Es passiert sicherlich versehentlich, dass dich etwas beeinflusst, wenn du es zu intensiv konsumierst. Dass ich angeblich Karate Andi kopiere auf meinem Cover, habe ich auch schon gehört. Ich weiß nicht, was bei Andi der Hintergrund für dieses Foto ist, aber bei mir hat das einen vielschichtigen Hintergrund. Der Deutschrap-Szene und der Allgemeinheit wollte ich mit diesem Foto einen Spiegel vorhalten, was es bedeutet, sich vor einem jüdischen Symbol zu zeigen. Leider sollte man das in Deutschland gesichtlos tun, da man ansonsten Probleme kriegt. Mit dem Cover erkläre ich genau das auf mehreren Ebenen. Man will, dass ich kein Gesicht zeige, wenn ich darüber spreche. Das Thema soll schön im Hintergrund bleiben und am besten gar nicht erwähnt werden. Bei dem Covershooting habe ich mehrere Symbole gewählt, aber das jetzige Cover war eins der stärksten Fotos.

Der Song „Identität“, in dem du deine Herkunft erläuterst, ist auf viel Kritik gestoßen, einige Leute schrieben, Religion im Rap sei ein unnötiges Thema.

Ben Salomo: Wie kann Religion im Rap ein unnötiges Thema sein, wenn das ein Thema ist, das Rap schon seit jeher behandelt hat? Es geht ja gar nicht um Religion an sich, sondern um Spiritualität. Diese spielt im Rap auch schon immer eine Rolle. In Deutschland spielt jedoch Spiritualität keine große Rolle und wird eher als Randerscheinung abgetan.

Auf „Identität“ werde ich total missverstanden. Über meine Religion spreche ich in diesem Song gar nicht.

Eher spreche ich über die Herkunft meiner drei Namen, ich wollte erklären, warum ich mich Ben Salomo nenne. Meine Bar Mitzwa war der erste Moment in meinem Leben, in dem mich jemand Ben Salomo genannt hat, darauf verweise ich. Die Religion ist für mich in diesem Song nicht einmal sekundär enthalten, es geht um meine Wurzeln. Dadurch war ich auch einer der ersten in Rapdeutschland,der einen Künstlernamen gewählt hat, der auf die Wurzeln verweist. Diese Komponente mit meinem Background ist nicht unproblematisch.

Glaubst du an eine Werteverschiebung im Rap bezüglich der Aufmerksamkeitsspanne?

Ben Salomo: Nimmt man sich nicht genug Zeit und betrachtet nur die erste Oberfläche, steckt man Dinge oft in die falsche Schublade und diese verschwinden dann dort. Heute ist alles so schnell konsumiert. In meiner Zeit wurde Musik ganz anders wahrgenommen. Man nahm sich Zeit. Wenn Leute meine Musik jetzt auf die Schnelle nur oberflächlich interpretieren, finde ich das gar nicht mal schlimm. Die Medien müssen allerdings versuchen, die Musik anders zu interpretieren und einen Denkanstoß für die Hörer bieten.

Durch das Internet, ist Musik natürlich auch viel umfangreicher und unkomplizierter verfügbar als früher. Um ein neu erschienenes Album zu hören, braucht es nur wenige Klicks und nicht mehr den Gang in den Plattenladen.

Ben Salomo: Die Entwicklung finde ich nicht schlimm. Sie wäre nur schlimm, wenn der Kosmos für die Musik abseits des Mainstream fehlen würde und das tut er eigentlich nicht. Medien sagen oft, sie berichten nur und werten nicht. Das ist okay, aber dann berichtet bitte auch gleichmäßig. Berichtet nicht nur über Themen, die gerade die Auflage erhöht. Von manchen Künstlern, die vor zehn Jahren noch ständig in den Charts vertreten waren und auf allen großen Festivals gespielt haben, kriegt man heute nichts mehr mit. Das sind immer noch große, deutsche Lyriker.

Bei der Vielzahl an relevanten Themen sollte jedoch auch die qualitative Berichterstattung nicht in den Hintergrund rücken.

Ben Salomo: Natürlich muss es sich die Waage halten zwischen Themen, die gerade im Trend liegen und häufig geklickt werden und nachhaltiger Berichterstattung. Es muss schon etwas tiefer im Untergrund geschürft werden, die Kapazität dazu sollte man sich in jedem Fall schaffen. Nur Früchte ernten ohne die neuen Samen zu zeigen, geht nicht. Natürlich ist es immer wieder spannend, wenn man Gangster-Stories hört. Im Endeffekt hat man die aber doch schon tausend Mal gehört. Es ist wie mit Filmen: Ein Film, der dich zum Denken anregt, ist nicht der große Blockbuster. Dieser Film läuft in kleinen Kinos, kann aber vielleicht dazu führen, dass aus der Inspiration zwanzig Jahre später ein Blockbuster entsteht. Genau so ist es mit Rap.

Was macht für dich denn Medienrelevanz in Bezug auf HipHop aus?

Ben Salomo: Die Medienrelevanz im HipHop lässt sich gut mit der Weltpolitik vergleichen. Ein kleiner Konflikt irgendwo in Afrika ist nicht medienrelevant für uns. Doch man, das ist medienrelevant, da sterben auch Menschen. Es wird über das berichtet, das viele Emotionen hervorruft, womit sich möglichst viele Menschen identifizieren können. Was irgendwo in Togo passiert, berührt die meisten Menschen hier nicht, obwohl dort permanent Scheiße passiert. Das taucht in den Medien nicht auf. Gerade HipHop Medien sollten aber doch anders sein als der Mainstream. Die haben doch jenseits der Massenmedien angefangen.

Musikalisch findet „Es gibt nur einen“ fern von aktuellen Trends statt. War das eine bewusste Entscheidung oder eine natürliche Entwicklung?

Ben Salomo: Ich wollte wie die Musik klingen, die mich inspiriert hat und wegen der ich mit Rap angefangen habe – das waren keine Trap Beats. Ohne dass ich werten möchte: Die Musik, die gerade aktuell ist, hätte mich damals nicht sehr inspiriert. Mich hat es inspiriert, Wu Tang Clan oder Rakim zu hören. Deren Lebensgeschichten sind für mich interessant gewesen. Auf Trap Beats lässt sich sowas natürlich nur schwer umsetzen, da es dort auf einen ganz anderen Flavour ankommt. Bei meinem Album kommt es hautsächlich auf die Inhalte an und die lassen sich schlichtweg besser mit diesen klassischen Beats transportieren. Allerdings reden wir gerade über mein erstes Album, was zukünftig passiert, kann ich nicht sagen. Wenn ich dann Bock drauf habe, kann es auch sein, dass ich mich musikalisch von Trap inspirieren lasse. Außerdem bin ich kein Typ, der den gleichen Song zwei Mal macht. Oft höre ich Singleauskopplungen von Alben und inhaltlich klingen die total gleich für mich. Sobald ich das Gefühl habe, mich zu wiederhole, höre ich auf. Wenn du einen Song vom Wu Tang Clan hörst, klingt jeder der Rapper verschieden. Vielleicht liegt es auch an mir und meiner Ignoranz, aber wenn ich heute in den Club gehe, kann ich die Künstler, die dort gespielt werden, oft nicht auseinanderhalten. Methodman klingt anders als Redman, obwohl beide den Straßenrap-Film fahren. Ghostface Killah klingt anders als Raekwon. Damals war es wichtiger, einen eigenen Style zu haben.

Dabei sollte man den aktuell beliebten einjährigen Release-Rhythmus nicht aus den Augen lassen.

Ben Salomo: Es gibt ja auch Leute, die das auch echt cool und kreativ machen, obwohl sie viele Alben bringen. Celo & Abdi sind da ein gutes Beispiel, die beiden hörst du immer raus. Die Industrie will diesen Rhythmus, der ist erfolgsversprechend. Durch diesen erfolgsversprechenden Rhythmus gerät die wahre Kreativität allerdings in den Hintergrund. Ich möchte nicht so krass werten, weil ich dazu wirklich zu wenig Musik konsumiere. Allerdings entsteht so eben Massenware. Bei der Straßenrap-Schiene habe ich auch beobachtet, dass es oft nicht unbedingt so sehr darum geht, wie fresh du bist, sondern wie viel Identität du mit deiner Musik generierst. Das finde ich fragwürdig.

Kunst muss nicht immer Identifikation erzeugen.

Es ist ein wesentlicher Aspekt, aber es geht nicht nur darum. Wie hätte ich mich denn, als ich in Schöneberg aufgewachsen bin, wirklich mit dem Lifestyle vom Wu Tang Clan identifizieren sollen? Da ging es um Freshness und das hat ausgereicht, um sich dafür zu interessieren und sich damit auseinandersetzen. Wenn man rüber nach Frankreich oder England schaut, ist das dort auch immer noch so. Wenn es bei Eminem zum Beispiel ausschließlich um Identifikation gegangen wäre, hätte er nie Erfolg gehabt. Er kommt als einziger weißer in ein Milieu – verkauft hat er seine Platten aber nicht nur an Weiße. Es ging nicht um Identifikation, die haben gesehen, dass der Typ fresh rappt und ihn deshalb supportet. Open-minded sein: Das ist HipHop.

Welche Rolle spielen Existenzängste in deinem Leben? Immerhin widmest du dem Thema mit „Erfolgsstory“ einen ganzen Song.

Ben Salomo: Bei „Erfolgsstory“ geht es gar nicht nur um Rap. Wenn man nicht unbedingt von Hartz 4 leben möchte, hat man eine ständige Angst, in dieses Loch zu fallen. Besonders, wenn man als Künstler sein Geld verdient, ist man ständig mit dieser Angst konfrontiert, insofern du nicht deine Gold-Alben gemacht hast. Ich glaube, das betrifft jeden, der sich nicht in einem altbewährten System befindet, das Sicherheit verspricht. Eigentlich schrieb ich den Song für denjenigen, der den Beat produziert hat. Das wurde falsch verstanden, aber woher sollen die Leute das auch wissen. Ich habe einen Beat von ihm gepickt und habe dafür einen Song für ihn geschrieben, der ihm auch wirklich geholfen hat, inzwischen geht’s ihm wieder gut. Mir selbst hilft der Song aber auch, mich in schlechteren Zeiten davon zu überzeugen, am Ball zu bleiben.

Ich bedanke mich für das Interview – deine letzten Worte?

Ben Salomo: Die Leute sollen open-minded bleiben und sich für jede Perspektive öffnen, die selbst open-minded ist. Leben und leben lassen. Ich freue mich über jeden, der das Album kauft.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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