Beatcorner 2.0: März 2017

März

Wie oft mussten wir diese Frage „Gibt es das auf Vinyl?“ beim Plattenhändler unseres Vertrauens stellen? Es gab Zeiten, in denen viele Alben nicht mehr auf Vinyl erschienen. Wollte man also ein Album unbedingt, musste man sich mit der CD anfreunden. Eine tiefe Verbundenheit ist daraus nicht geworden. Die CD lebt zwar noch und ist laut den Verkäufen in Deutschland überhaupt noch nicht wegzudenken, aber eine langfristige Liebe wird das auch nicht mehr werden. Besonders nicht, wenn man ein Schallplattenliebhaber ist. Nun hat der schöne Vinyl-Hype natürlich die Vorteile, dass fast alles in diesem Format erscheint. Wie wir letzten Monat hier positiv beäugten, ist der 45-Wahnsinn ja noch lange nicht auf seinem Höhepunkt. Viel Independent-Labels schießen aus dem Erdboden und gefühlt macht ja schon jedes zweite Imprint Re-Issues. Uns freut das und man darf nur hoffen, dass das auch so weitergeht. In der Märzausgabe wollen wir mit einer kleinen Auswahl den großen Facettenreichtum wiederspiegeln. Ob Reggae, Funk, Jazz, HipHop, Global Beats oder Future Bass – großartigen Sound der in schwarzes Gold gepresst ist, gibt es überall. Hier die Favourites für den Frühlings-März.

 

Interpret: Jah ova Evil

Titel: Forever Judah

Label: Batelier Records

Format: Vinyl, Cd, Digital

Format: Vinyl, Cd, Digital

Der Twins-Remix von “Forever Judah” ging schon vor einigen Wochen durch die Decke und begeisterte weltweit Anhänger aus dem Reggae sowie Dancehall-Lagern. Nun gibt es ein sehr familiär gehaltenes Album auf dem die Hauptprotagonisten The Gideon und Selah jenen Reggae propagieren, der sein Herz im Roots-Bereich trägt und sehr gerne aus allen Subgenres Elemente zur Bereicherung bezieht. Die in Port Antonio auf Jamaika geborenen 35 jährigen Künstler kooperieren mit weiteren Kingston-Soldiers wie D’Excell, Jahwawah oder Nicole Miller und veröffentlichen eine rundum stimmiges und extrem ansteckendes Conscious-Album, welches den Sommer definitiv im März schon ausruft. Unbedingt kaufen!

 

Interpret:  Bosq & La Candela All Stars 

Titel: San Jose 51

Label: Fania Records

Format: Vinyl Only

Das Multitalent Bosq aus den vereinigten Staaten von Trump-Amerika hat ein unfassbares Gen in sich. Dieses Gen erlaubt ihm jegliche Musikstile aufzusaugen, zu studieren und dann nachzuspielen. Dass sich daraus zwangsläufig großartige Musik entwickelt, liegt auf der Hand. So hat er mit seinem Partner vor mehr als zehn Jahren das DJ & Producer-Duo The Whiskey Barons gegründet. Dort veröffentlichen sie zunächst ihre DJ-Edit von Funkstomper, Soulshaker, Afrobrettern und wundervollen Latin Grooves. Später fokussierte Bosq im Alleingang seine scheinbar unbändige Triebkraft neue Musik zu schaffen. Dabei liebte er es sich gebührend vor dem Alten zu verneigen und Neues daraus zu schaffen. Was hat dieser Mann über Ubiquity für Afrohymnen auf den weltweiten Global-Beats-Tanzflächen installiert? Dabei flirtete er immer gerne mit Calypso, Jazz und zuletzt sogar mit experimentellen Disco-Sound. Seiner Reise nach Puerto Rico folgte ein erstaunliches Projekt. Er musizierte mit lokalen Jam-Akrobaten und entwarf eine fein-groovende Version des Latin-Groove der Nuyorcian-Ära. Den finalen Ritterschlag für dieses Werk bekam er mit der Veröffentlichung. Die Platte erscheint auf dem ehrwürdigen Fania-Label, welches Ende der 1960er bis Anfang der 1980er dafür mitverantwortlich war, dass der Sound der Latino in die Welt hinaus getragen wurde.

 

 

Interpret: Various

Titel: Havana Cultura: Anthology

Label: Brownswood

Format: 3-LP

Was wäre die Welt ohne Menschen wie John Peel oder Gilles Peterson? Bei diesen beiden Radioikonen und Innovatoren gab es immer nur eine Vision. Radio als Plattform für gute Musik, welche sich nicht an Mainstreamregeln halten muss. Das Programm der Herren ist dem Open-Minded-Siegel unterworfen. Wo sich Peel großräumig um das Mutterschiff Rock bewegte, tobt sich Peterson rund um Jazz aus. Dabei darf es bei dem Kosmopoliten mit der Vinylaffinität gerne elektronisch aber auch organisch sein. Ein sehr aufwändiges und viel beachtetes Projekt wurde von einem bekannten Rum-Hersteller sogar vor den Karren gespannt und hat so weltweit einen noch größeren Boost bekommen. Gilles sorgte bereits zwei Mal für einen exquisten Ausflug in die umtriebige Musikszene auf Kuba. Dabei vergaß er natürlich nicht die ursprünglichen Klänge von der Insel mit der globalen Klubkultur zu kreuzen. Die 23 Tracks der neuen Doppel-CD und streng limitierten Triple-LP sind das Ergebnis eines achtjährigen Experimentes der heutigen Musiker-Avantgarde Kubas mit dem Kurator Gilles Peterson. Wer also bisher nicht in diesen Genuss kam, sollte sich dieses Teil besorgen – vor allem weil es bisher nur einige Remixes auf Vinyl gab.

 

 

Interpret: El Michel’s Affairs

Titel: The Return to the 37th Chamber

Label: Big Crown Records

Label: Vinyl, CD, Digital

Mit „C.R.E.A.M“ haben sich die Mannen aus New York im Jahr 2006 mit einem Schlag und einer 7inch in die Herzen vieler Menschen gespielt. Die Jazzfunk-Nummer verneigte sich tief vor dem Shaolin-Soul der 1970er und jener Gruppe die Anfang der 1990er HipHop revolutionierte. Die Langrille „Enter the 37th Chamber“ unterstricht die Genialität dann 2009 noch einmal. Weltweit sparten die Kritiker nicht Euphorie für die Instrumental-Band aus der Wiege der Soul-Renaissance (Daptone Records &Truth&Soul Records). Es lag irgendwie in der Luft, dass sich Leon Michel und seine Kapelle dieses erfolgreiche Konzept noch einmal vornehmen. Nun also die zweite Langrille mit Referenzen und Analogie zwischen 1970s-Soul-Fire Marvin Gaye („All I Need“), Wendy Rene („Tears“) und dem ewigen Wu. Dass die Big Crown-Soldaten Lee Fields und Lady Wray, sowie das Hipsterduo The Shacks dabei sind, wertet den instrumentalen Ritt natürlich auf. Hier schaut kein Reakwon durch und ballert ein paar prägende Verse eines Klassikers – aber es gibt musikalisch ein teilweise atemberaubendes Abenteuer mit vielen Bläsern, experimentellen Psychodelic-Riffs und exotischen Klangauswüchsen mit chinesischen Instrumenten. Must have!

 

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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