Beatcorner 2.0: Februar 2017

Beatcorner

Wo flüchten die Menschen eigentlich hin, wenn sie dem närrischen Treiben des Karnevals / der Fasnacht entrinnen wollen? Warum eigentlich nicht in den Plattenladen um die Ecke? Der Plattenladen ist also auch Fluchtort – ein Ort, in dem man Schutz bekommt. Bei aller Sozialromantik, die hier mitschwingt, ist ein klassischer Recordstore bei Leibe nicht nur ein Ort, an dem man sich über die neuste Musik und die besten Platten unterhält. Es ist auch ganz oft ein Ort um die Seele bei einer Tasse Kaffee baumeln zu lassen – den trump’schen und petry’schen Schwachsinn vor der Tür zu lassen und Menschen zu treffen, die sich einen Scheiß dafür interessieren woher du kommst und welcher Religion du angehörst. Ich würde sogar die These aufstellen, dass selbst wenn du die aktuelle Scheibe von Schlagerzombie Andrea Berg auf Vinyl willst, könntest du zwar Missachtung erfahren – aber sicherlich keine Ausgrenzung. Was auch immer mit dir abgeht, bei diesem Kaufwunsch! Aber Spaß bei Seite! Brauchen wir also nicht genau in diesem Zeiten den Plattenladen als Rückzugsort, sozialen Treffpunkt und Entschleunigungsplatz?! Wärmstens sei Dir also in diesen düsteren Zeiten die wundervollen Vinyl-Oasen wie Paul’s Musique Records in Stuttgart, Drake Records in Kölle, Groove City in Hamburg, Record Shack in Wien oder Soultrade in Berlin empfohlen! Was man im Februar in diesen und den Plattenläden in deiner Ecke kaufen sollte, bekommt ihr wie immer in der Beatcorner ans Herz gelegt.

Interpret: Lucky Brown & The S.G.s
Beatcorner
Titel: Mesquite Suite

Label: Tramp Records 

Format: 7inch

Tobias Kirmayer und das Tramp Label sind eine nicht mehr wegzudenkende Institution im Rare Groove-Lager. Was der Plattensammler und DJ jährlich ausgräbt, lizensiert und wiederveröffentlicht ist eine wahre Pracht für alle Freunde von Jazz, Afro, Funk und Soul. Die neuste 45 offenbart einen verborgenen Schatz. Die mysteriös-anmutende und bisher gänzlich unbekannte The S.G.s – Kapelle um Cecil Moses vereinen sich mit dem Deep-Funk-Künstler Lucky Brown und interpretieren dessen „Mesquite Suite“ mit einer spirituell-jazzigen Note. Weitere experimentelle Jazz-Exkursionen die ihre klaren Inspiriationsquellen bei Mulatu Astake und James Brown verorten, werden im Laufe des Jahres als eine Sammlung namens „Mesquie Beat“ veröffentlicht werden.

Interpret: Jim Sharp, Naughty NMX, Marc Hype

Titel: Funky Thang / 90% Hangin OutBeatcorner

Label: Dusty Donuts

Format: 7inch

In kürzester Zeit hat die DJ-Achse Hamburg-London-Berlin alles richtig gemacht. Das 45-only-Label hat sich den besten Namen gemacht und lässt bei jeder Veröffentlichung die fieberhaft-wartende Fans begeistert und glücklich mit der neuen Single zurück. Ganz dem Motto treu „Platten von DJ für DJ“ geht es auch weiterhin um Edits und Remixes bekannter Stücke aus den B-Boy-Königreichen Funk, Soul und HipHop. Dabei stehen alte Breaks genauso im Vordergrund wie HipHop-Urhymnen. Alles immer schön am Rande der Legalität und in limitierten Auflagen damit man auch niemanden bei den großen Majors auf die Füße tritt. Deshalb wissen Dusty Donuts-Jünger natürlich, dass man schnell sein muss, bei dem Kauf des neusten staubigen Nuggets. Dieses Mal haben sie sich selbst übertroffen und haben das „Funky Child“ (L.O.T.U.G) mit „My Thang“ (Godfather James) gekreuzt, um auf der B-Seite die ewige Grazie der schönsten Rare Groove-Hymne („90% of me is you“) von Gwen McGrae mit dem ewig letharigisch-laziven „Bam Bam“ der Schwester Nancy zu mixen. Die Nr. 10 ist ein pervers-guter Mashup-Sure Shot, Baby.

Interpret: Wu-Tang Clan

Titel: Enter the Wu-Tang (36 Chambers)Beatcorner

Label: Get on Down

Format: 7inch-Box

Die Gebete der 45-Gemeinde wurden erhört. Um ein weiteres Mal von den großartigen Labelmachern des Get on Down-Labels. Wem dieses Imprint noch nicht als Schallplattensammler ins Auge gesprungen ist, der sollte es zukünftig machen. Hier gab es bisher wundervolle Veröffentlichungen von 90er-HipHop-Meilensteinen als Re-Issues in besonderen Formaten und Ausführungen wie Reakwon’s OB4NL als Purple Tape, Oldschool-Raritäten wie Kool DJ AJThat’s the joint“ auf 7inch oder ATCQ’s „Peoples” als schicke 45-Sammlerbox. Nun wird also das Flehen der HipHop-Nostalgiker erhört. Ist das Debüt des Clans immerhin genauso relevant in der Historie wie „The Chronic“ oder „Illmatic“ – hat es noch nie eine Vinylauflage gegeben, die richtig fett gepresst war. Man trieb die DJs quasi förmlich dazu, die 12inches damals zu kaufen oder das Ding später nur noch über digitale Systeme wie Serato oder Traktor rauszufeuern. Im Zuge es allgemeinen 45-Fiebers gibt es nun eine Casebook mit einem 56-seitigen Liner-Notes-Booklet inklusive bisher unveröffentlichten Fotos und Kommentaren und (!) dem ganzen Album als Single. Jeder Song erhält eine Seite! Manch einem wird es so gehen wie mir – ich muss vor Glück fast heulen. Holy Shit!

Interpret: Hardly Subtle & Dave RMX

Titel: You got the praise / Apache this wayBeatcorner

Label: HS

Format: 7inch

Wer sagte eigentlich, dass Mashup im Mainstream angekommen und deshalb kreativ ausgelutscht sei? Diese Vorwürfe waren nach dem BigBeat-Ausverkauf und dem folgenden Ghetto-Funk-Overload berechtigt. Jeder Klassiker bekam eine dicke Bassline oder gar eine zerstörerische Dubstep/Drum’n‘Bass-Peitsche nach dem Schema F. Auf Dauer ging das nicht gut und langweilte durch vorhersehbare Abläufe. Das Subgenre stampfte sich ein. Dass Mashup aber Spass machen kann, beweisen immer noch einige kreative Dj und Producer – die Dusty Donuts-Soldaten allen voran. Aber auch die Engländer Aldo Vanucci und Dave RMX bängen gerne mal sehr offensichtlich All-Time-Favs durch den Mixer. Unter dem alter Ego „Hardly Subtle“ mixt er Fatboy Slim mit Candi Staton und hetzt den ewigen Apachen auf die Gitarren von Aerosmith und den Rap der Götter von Run Dmc. Plakativ? Ja, sehr! Funktional? Brutal! Unter diesen Umständen wünschen wir uns ganz schnell die Mashup-Helden CMC&Silenta und ihre Manmade-Bretter auf 7inch zurück. Hier geht es nicht um Tiefe oder komplexe Abläufe – hier ruft der Dancefloor „FIRE“!

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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