Beatcorner August 2017

beatcorner august

Der Sommer ist in seiner Hochphase im Jahr 2017. Welche Platten legen wir uns auf, wenn wir mit Freunden auf dem Balkon kühle Cuba Libre-Bomben zünden und den Nachbarn ein Lächeln ins Gesicht zaubern? Ganz einfach. Wir blicken zurück was die Jungs und Mädels vor 40 Jahren im Barrio gepumpt haben und was heute daraus geworden ist. Each on, teach one: History Lesson, Baby.

Interpret: Various
Titel: NuYorcia!
Label: Soul Jazz Records
Format: Vinyl, CD

 

Der Big Apple wurde durch seine Einwanderer definiert und wird es noch heute – auch wenn das ein wirrer Perückenpräsident nicht ganz so sieht. Seit 1783 immigrierten Menschen aus der ganzen Welt in die schnell wachsende, schon immer sehr umtriebige Stadt an der Ostküste. Die Europäer prägten früh das Bild der Stadt. Deutsche Liberale, hungernde Iren oder abenteuerlustige Italiener sowie Osteuropäer aus der Ukraine, Armenier, Russen oder Rumänien strömten früh nach New York mit der Sehnsucht nach einem besseren Leben. Viele Menschen mit jüdischem Glauben suchten ihr Glück in New York, und wollten dem Antisemitismus entfliehen. Es gab früh gebrannt markte Außenseiterminderheiten wie die Chinesen, deren Masseneinreise man staatlich sehr früh limitierte. Ein großer Teil der ersten Generation der Einwanderer konnte sich schnell wirtschaftlich verbessern und verließ die Elendsviertel. Ab 1898 war nun hier Platz für neue Bevölkerungsgruppen, die die Slums bewohnten und die Hoffnung auf ein besseres Leben und den amerikanischen Traum mitbrachten. Diese Gruppen stellten auch sehr schnell die zwei größten Gruppen in New York: Die Afro-Amerikaner und die Hispanics. Die meisten Schwarzen hatten ihre Wurzeln in der Verschleppung aus Afrika und der folgenden Grausamkeit der Sklaverei. Die Hispanics (Latinos) kamen aus Puerto Rico, der dominikanischen Republik, Ecuador, Kolumbien, Kuba, Mexiko und Salvador. Die zahlreichste Gruppe kam aus Puerto Rico. Allein in den 1950ern kamen 600.000 Menschen aus dem mittelamerikanischen, wirtschaftlich armen Land. Seit 1917 durften die Puerto Ricaner problemlos in die USA durch den sogenannten“ Jones Act“ einreisen und immigrieren, weil sie den Vereinigten Staaten im Krieg gegen die alten Kolonialmacht Spanien beistanden. East Harlem wurde zum Spanish Harlem. Hier entstand auch eine ganz neue Art des New Yorkers, wie man ihn vorher nicht kannte. Junge Hispancis und Afroamerikaner definierte sich nicht mehr nur noch über ihrer Herkunft – sondern waren Migranten und Amerikaner. Im Radio lief die Musik von Duke Ellington und Louis Armstrong. In Tanzsälen wurde bisher nur Mambo gespielt. Jazz in seinen verschiedenen Facetten faszinierte die Jugend. Später intensivierte sich die Bewunderung durch die Einflüsse von Funk, Soul, Rhythm’n‘Blues und Rock. Es entstand die Musik der gegenseitigen Befruchtung und Hochachtung. Traditionelle latineske und afrikanische Sounds verschmolzen im Melting Pot von „NuYorcia“. Ab den 1940ern experimentierten große Künstler wie Dizzy Gillespie mit Afro-Cuban-Sounds. Danach wurde Latinjazz als Genre groß und die Initiatoren hießen Tito Rodriquez, Tito Puente und Machito. In den 1960er und 1970er wurde die Musik aus dem „El Barrio“ immer populärer und es wurden Meister wie von Joe Bataan, Ray Baretto oder Bobby Valentin erschaffen. Der Begriff Salsa tauchte erstmals auf und Labels wie Fania Records, das später liebevoll Latin Motown genannt wurde, weil es der Pendant zur afroamerikanischen Hitschmiede wurde. Celia Cruz, Willie Colón, Hector Lavoe, Johnny Pacheco, Rubén Blades, Eddie Palmieri, Larry Harlow wurden zu Weltstars – wie Marvin Gaye, Diana Ross oder Stevie Wonder. Soul Jazz Records aus London hat sich hingebungsvoll dieser Ära gewidmet und hat ein 4xVinyl-Paket (2x2LPs) unter dem Namen „Nu Yorcia! The culture clash in New York 1970-1977“ veröffentlicht. Hier beleuchten sie brilliant und detailverliebt die Entstehung der legendären und zeitlos-spannenden Epoche. Wenn man die Augen zu macht, während man die Platte hört, kann es sein, dass man sich in die in diese Zeit versetzt fühlt. Es ist ein drückender Sommer in NYC und die Rhythmen sorgen für Ablenkung. Der perfekte Soundtrack für den Sommer 2017. Soul Jazz Records hat die Platte aufgrund der hohen Nachfrage nachpressen lassen. Und das ist sowas von richtig gewesen, weil diese Compilation dadurch besticht etwas tiefer zu gehen und nicht nur die Hits zu sammeln.

Interpret: Various Titel: John Armstrong presents Afrobeat Brasil
Label: BBE Music
Format: Vinyl, CD, Digital

Afrikanische Rhythmen waren für die Musik in Brasilien schon immer elementar. Da wundert es nicht, dass auf vielen Partys in Sao Paulo die DJs klassischen und moderne Formen des Afrobeat spielen. Was Fela Kuti Ende der 1960er in Nigeria erfand, hat heute noch seine Verehrer und Auswirkungen. Die ansteckenden, fiebrigen Polyrhythmen mit der liebe zum Funk entwickelte sich seit jeher weiter und fand immer neue Spielvariablen. So auch die aktuellen Fusionen mit Bossa, Samba oder Rap. Diese neuste Entwicklung hat der britische Musikjournalist und DJ John Armstrong auf einer spannenden Compilation zusammengetragen und das Resultat begeistert. Was hier zu hören ist, wurde in den letzten sechs Jahren als Highlight archiviert und man spürt bei jedem Song die tiefe Verwurzelung mit Nigeria, Äthiopien, Ghana und Mali – die einstigen Zentren der afrikanischen Groove-Entwicklung. Erfrischend!

Interpret: Matisyahu 
Titel: Undercurrent
Label: Thirty Tigers
Format: Vinyl, CD, Digital

Es ist bereits drei Jahre her, da hat Matisyahu mit seinem Mini-Album „Akeda“ der Welt gezeigt, dass er ein Eigenbrödler ist, denn nicht alle verstehen müssen und sollen. Hört man das alte und das neue Werk findet man primär einen Künstler, der absoluter Individualist ist, der seine Musik und seine Texte als Passion sieht und lebt. Dieser Mann will nicht in ein Roots-Reggae-Universum, welche genug Einheitsbrei als „spirituell“ und „real“ verkauft. So hat der Mann auch nicht wirklich ein Konzept oder einen Leitfaden für das Werk. Er lockt seinen Hörer bei jedem neuen Tune in einen Soundkosmos, der ganz direkt dazu auffordert, die Komplexität und die Intention des Tracks zu erforschen – was nicht immer leicht ist, jedoch nicht minder spannend. Böse Zungen behaupten, er hätte John Coltrane studiert, aber nicht verstanden und alte Bon Jovi und Scorpions-Scheiben total stoned nachgespielt oder dachte er wäre Madlib. Dass er dann auch noch rockige, psychedelischen Phasen in das Album einbaut und poppige Melodien über die verzerrten Sounds legt – wirkt oft sehr zerrissen bis zu dem Punkt, an dem er den Hörer wieder in die Spur zurückholt. Die neue Langrille ist fordernd, teilweise grenzwertig, überspannt und spannend –ein ambivalenter Bastard. Wie das Leben oft selbst.

Interpret: The Black Seeds 
Titel: Fabric
Label: Proville Reords
Format: Vinyl, CD, Digital

Wenn man sein Musikarchiv nach „typischer“ Musik für den Sommer durchstöbert, passiert es regelmäßig, dass man auf den beseelten Sound aus Neuseeland trifft und hängen bleibt. Dieser dicht gewobene Klangteppich aus Dub und Reggae versucht auch weiterhin immer wieder neue Facetten aufzuzeigen. Die zwei großen Kiwi-Gruppen heißen Fat Freddys Drop und Black Seeds. Letzte sind seit Jahren auf Tour und propagieren den sonnigen Sound in inzwischen unzähligen Möglichkeiten. Die neunköpfige Kapelle kann in der Tat alles. In ihren Reggae-Grundton dringen oft basssige, jazzige und rockige Spielereien ein um einen unfassbar schön warmen Kosmos zu kreieren, für den sie unentwegt um den Globus touren um ihn der Welt zu zeigen. Trotz des beneidenswert positiven Grundtons, sparen sie nicht an gesellschaftskritischen Texten. Faszinierend ist mal wieder nicht nur die reichhaltige Musikalität sondern auch die gewagteren Experimenten. So gibt es einen discotesken Funktrack namens „Freakin“ als Überraschung der Platte, die wie immer, wie aus einem Guss kommt. Das ist wieder einmal eine Platte, die man blind kaufen kann.

The following two tabs change content below.
Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

Neueste Artikel von Peter (alle ansehen)

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.