Beatcorner 2.0: September 2017

In dieser Kolumne haben wir bereits einige Ausgaben dem Format 7inch aka Den 45s gewidmet. Dank einer ganzen Armada von weltweit agierenden DJs haben sie kleinen Schätzchen wieder massiv in den Mittelpunkt gespielt. Blickt man zurück, dann muss man feststellen das die Single-Schallplatte nicht immer das liebste Format der Sammler, DJs und Vinylliebhaber war. Manche gingen sogar soweit, es als das kommerziellste Ausbeutungsformat der kapitalistisch-durchtriebenen Musikindustrie zu verteufeln. In der Tat bekommt und bekam man auf einem Album mehr Songs, ein schöneres und größeres Artwork – für vergleichbar weniger Geld. Die Single war ein Produkt für die Radios um Hits zu streuen, die Jukeboxen zu füllen und den werten Käufer anzulocken. Die A-Seite als Teaser/Vorbote und Hit, die B-Seite mit Studio-Aufnahmen oder bisher unveröffentlichten Songs. Die B-Seite blieb lange Jahre ein unbeachtetes Stiefmütterchen – verbarg jedoch ungeahnte Schätze. Es ist mehreren Faktoren zu verdanken, dass der Hype um die kleine Schallplatte nie verloren ging. Die englische Northern-Soul-Szene, weltweit agierende Jazz-DJs und Rare Groove-Sammler hielten die 45s am Leben. Dabei kam es zu einem nicht mehr nachzuvollziehenden Hype, der dazu führte, dass Northern DJs ihre 45s während dem auflegen abklebten, damit niemand herausfinden konnte, welchen „einzigartigen“ Hit sie spielen konnte. Der passionierte Sammler Keb Darge wurde weltweit als Gott des „Deep Funk“ gehuldigt, weil er die obskursten und seltensten Sammlerstücke im Bereich des blutigen Garagefunk anhäufte. DJ-Ikonen wie der Münchner Florian Keller hat über Jahrzehnte rund um den Globus die 7inch rotieren lassen und nie den Glauben an das Format verloren. Funkexplosion-Macher und Vinylfachmann Martin Hagenbuch aus Tübingen legte weiterhin in seiner Veranstaltungsreihe 7inches-Only auf, als alle auf Serato und Traktor umstiegen. Ehre gebührt diesen Leuten, die die 45-Kultur zelebrierten, als keiner was davon wissen wollte. All diese Bewegungen und Faktoren schufen einen Kult der gerade einen nicht mehr geahnte Dimension erreicht hat. Es gibt so viele 7inch-Veröffentlichungen wie schon seit Jahren nicht mehr. Gerade kleine Labels können sich hier einen Namen machen. Ob moderne Afrobeats von Matasuna Records, Soul & Funk-Klassiker auf BPG oder Athens of the North, Rares auf Tramp oder Record Shack, Roots-Reggae, verrückte Disco- Edits, Jazz-Classics, HipHop-Hymnen oder Mashups-Tools – der Markt floriert und wirft gefühlt stündlich neue, oft unverzichtbare 45s an die Oberfläche. Paul Nice, DJ Suspect, Professor Shorthair, Jorun Bombay, Lord Funk, Aeon Seven, DJ Format, Mirko Machine, Guts, J Rocc, Boca45, Marc Hype & Jim Dunloop, Featurecast, Skeme Richards, Aldo Vanucci, DJ Soopasoul und viele andere Plattenleger und Producer veröffentlichten in den letzten Jahren mehr denn je eigenen Breaks’n’Beats-Scheibchen – oft in einer so kleinen Auflage, dass man ständig Angst haben muss, keine mehr zu bekommen. Und natürlich ist die heutige Ausgabe der Beatcorner der SINGLESCHALLPLATTE gewidmet. Ein Hoch auf dich, Kleine. Salute. P.S: Unser ehemaliger Backspin- Chefredakteur Dennis Krauss arbeitet gerade mit einem Kollegen an einem sehr tighten Jazzfunk- Projekt. Man darf gespannt sein, ob sie dieses derbe Teil bald auch auf eine 7inch verirrt! Watch out!

Interpret: Jim Sharp

Titel: Gangsta Walk

Label: JS

Format: 45


Der Londoner hat ein Gefühl für das was man DJ-Futter nennt. Jim Sharp bastelt schon eine ganze Weile Edits (Soundcloud checken!) und Anhäufungen von Breaks, die er gerne mal mit Dingen mixt, die man so nicht erwartet hätte. Auf der neuen 7inch es ungekrönten Edits-King rappt Gangstarrs Guru über einen anmutenden Dancefloorhit, der sich frei an Bonnie M./Mark Ronson und Shaft-ige
Blaxploitation-Abfahrten bedient, um Nate Doggs Croonen noch einmal in die Ewigkeit zu schicken. Jim Sharp liebt den Funk und badet im Disco und erinnert an Rap mit einer Hingabe, dass man eigentlich laut schreien möchte: Digger, warum nicht jeden Monat so ein Brett? Die Dusty Donuts- Soldaten aus Hamburg und Berlin haben solche Schreie scheinbar des Öfteren gehört und ihn verhaftet an ihrer DD-Reihe mit zu arbeiten. Wer diese Single verpasst, hat keine Ahnung was ein BRETT ist. Bäm, Oida.

Interpret: Runex / Naughty NMX

Titel: DD12

Label: Dusty Donuts

Format: 45


Die Hamburger 7inch-Fetischisten sind hörbar DJs der alten Garde. Vinyl-Sammler, 45s-Rocker und Menschen jener Sorte, die das Sample eine HipHop-Hits noch diggen. Bei der 12. Dusty Donuts haben sie sich indirekt und pünktlich zum Kinostart des Bio-Pics von 2Pac Shakur zwei Hits aus dessen reichhalteigen Reportoir ausgesucht und dahinter den zeitlosen 70s-Soul und 80sR’n’B von Marvin Gaye und Linda Clifford etwas bearbeitet. Die zwei Resultate sind wunderschön, gechoopte Erinnerungen an die Originals und an den erschossenen Rapper und eine weiterer Beweis dafür, dass Dusty Donuts sich interhalb von kürzester Zeit zu dem 45s-Label für DJs und Musikliebhaber bemausert haben. Mutti, hol den guten Wein aus dem Keller – es ist BBQ-Time mit schöner Musik.

Interpret: Eric Boss

Label: Closer to the spirit

Label: Mocambo Foramt: 45

Wenn man so das Revival von ruff gespielter Funkmusik in den letzten Jahren anschaut, dass kommt man natürlich nicht an den großartigen Mighty Mocambos aus Hamburg vorbei. Die umtriebige Kapelle ist ein Funk-Forschungszentrum mit regelmäßigen, herrlichen Releases auf 45. Das Label hat eine klar Philosophie, die klar an die Liebe zum Vinyl und die Leidenschaft FUNK gebunden ist. Das muss aber nicht immer 60s-Funk sein. Die neue Single kommt von einen gewissen Eric Boss. Ein Mann der in der Szene als der Typ mit dem goldenen Händchen gilt. Was er bisher anfasste, wurde zu einem musikalischen Schatz, das weltweit bei Soul und Funk-Liebhabern sofort Begeisterungsstürme
auslöste. E DA BOSS konnte als Soulcrooner bisher punkten und geht es nun auf dem kommenden Album „A modern Love“ viel funkiger an. Auf der ersten Single „Closer to the spirit“ zeigt er seine tiefe Liebe zu Oldschool-Jams, Fly-Girls und B-Boys. Verbuchen sollte man das unter: MUST HAVE.

Interpret: Aeon Seven

Titel: 7 Breaks

Label: 45alive Format: 45


Was Aeon Seven da gebastelt hat ist nichts anderes als eine Bombe, deren Ausmaße kaum in Worte zu fassen sind. Der Franzose ist wunderbar kompromisslos, wenn es um den heiligen B-Boy-Gral des Funks geht. Das Uptempo-Stück nimmt einem den Atem. Es ballern hier die Cuts auf Chuck D.- Vocalsample, Hammondorgels wüten auf wilden Breaks und einer dicken Bassline, ultra harte Drums entwickeln einen solchen unfassbaren Drive, den man in kaum einer aktuellen Produktion hören kann. Das letzte Mal, als so ein Hammer auf 45 erschien, waren die Brachialkünstler und Garagenfunkverteidiger von Lefties Soul Connection noch soweit, DJ Shadows „Organ Donor“ zu zersägen. Helle Aufregung! Ring di Alarm, Brudi!

 

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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