Beatcorner 2.0 September 2016

Der Sommer hat seine wunderbaren Ausläufer in den Herbst und es ist eigentlich die schönste Zeit zum Diggen! Die Hitze hat sich verzogen, die Plattenläden füllen ihre Kisten nach der Sommerpause. Der Herbst bringt einige Highlights in den Bereichen Reggae, Soul und Funk. Unsere Recordstore-Empfehlungen des Monats sind das „Plattenlädele“ in Reutlingen mit ihrem breitgefächerten und großzügigen Sortiment. Dazu sollte man bei unseren französischen Freunden in der herrlichen Münsterstadt bei Locked Grooves in Straßburg unbedingt mal vorbeischauen. Die Jungs haben ihren zentral gelegenen Recordstore auch als Veranstaltungsort und sozialen Treffpunkt ausgebaut. Dem werten Musikliebhaber wird hier alles von Jazz, Dub, Funk, Rock, House oder HipHop geboten. Die dazugehörigen Clubnächte mit bezaubernden Rare Grooves finden regelmäßig im hiesigen Mudd Club statt.

Folgende Schallplatten möchte ich Euch diesen Monat wärmstens an Herz legen:

Interpret: The Frightners
Titel: Nothing more to sayunknown-2
Label: Daptone Records
Format: Vinyl, CD, Digital

Seit Jahren sind die Veröffentlichungen des New Yorkers Labels Daptone Records in dieser Kolumne vertreten. Das Imprint war und ist für die Renaissance des authentischen Soul verantwortlich und hat nicht nur Sharon Jones & Charles Bradley großgemacht. Seit Jahren beschäftigten sich die Leute um Mastermind Gabriel Roth mit Musik aus der Vergangenheit. Ihre Liebe gilt natürlich dem Soul und dem Funk. Aber auch andere Musikgenres und Stile finden hier Beachtung. So hat man sich nun entschieden, dass man sich dem klassichen Sound des jamaikanischen Rocksteady widmet. Wie man das aus dem Daptone-Umfeld gewohnt ist, tat man das auch mit der nötigen Sorgfalt und der Wertschätzung für das Original. Mit der gewohnten Sorgfalt werkelte hier neben Roth ein gewissen Victor Axelrod alias Ticklah mit. Dieser hat bereits einen hervorragenden Reggae-Remix für Sharon Jones angefertigt und sich seit vielen Jahren mit exotischen Retrosounds und deren Weiterentwicklung beschäftigt. Und wie sollte es auch anders sein: Das Album hat überall Soul und transportiert den Vibe und die Ästhetik des 60s-Rocksteady in Perfektion und erinnern an so manchen Stellen an große Werke aus dem Sagen umworbenen Studio One. Die aus Queens stammende Kombo hat bereits seit 2010 mit Punk, 80s-Rub-a-Dub-Sounds und klassischen Reggae-Klängen experimentiert. Nun bedienen sie mit dem Daptone-Vibe definitiv auch die Freunde von Soulmusik.

Interpret: Kylie Auldist
Titel: Family Treeunknown-3
Label: Freestyle Records
Format: Vinyl, CD, Digital

Aus Australien kommt die außergewöhnliche Sängerin Kylie Auldist. Sie wurde durch ihre gewaltigen Gesangseinlagen bei der Funk-Kapelle The Bamboos bekannt. In Insiderkreisen schätzt man ihre Werke „Made of Stone“ oder „Still Life“ sehr. Verwunderlich ist es in der Tat, dass sie eigentlich gerade jeder kennen müsste – weil sie die Stimme auf „This Girl“ von Cookin‘ on 3 Burners ist – der in seiner beschissen-langweilige House-Version gerade weltweit die Charts dominiert. Das bessere, funkige Original kennt trauriger Weise, wie so oft, kaum jemand. Man kann der jungen Dame aus Down Under nur wünschen, dass sie dadurch mehr Aufmerksamkeit für ihr Soloprojekt erhält. „Family Tree“ versammelt eine herrliche Mischung von Songs mit Eletro-Funk, Disco und dem Boogie der End-70er/Anfang-80er. Die Einflüsse der Gap Band, Barry White, Chaka Khan, D-Train oder Sharon Redd sind deutlich und das Album versteht sich als eine Hommage an diese Zeit. Im Gegensatz zu dem banalen Remix, kann diese LP mit genialen Sounds zum Tanzen animieren.

Interpret: SoulBrigada
Titel:unknown-4
Label: Matasuna Records
Format: 12inch

Die umtriebigen Vinylisten-DJ-Musikliebhaber- und-Edit-Macher Alex und Fabio von SoulBrigada erfreuen das Netz seit Jahren mit detailverliebten und top-selektierten Mixes und Edits zwischen Reggae, Soul, Jazz, Funk, Brazil, Latin oder Afro-Sounds – was ihnen auch schon eine Remixarbeit für Gilles Petersons‘ Havanna Cubana-Projekt eingebracht hat. Nun war die logische Konsequenz, dass sie ein eigenes Label gründen und verschiedene Edit&Remix&Rework-Perlen veröffentlichen. Als erste Platte gibt es sehr starke 70s-Afro-Funk-Nummern mit Einflüssen aus dem Berechen Latin und Disco. Voodoocuts und SoulBrigada leisten dabei hochwertige Rework-Arbeit und pimpen, die verloren geglaubten Musikperlen mit den hypnotischen Rhythmen, sehr würdevoll und überhaupt nicht überladen auf. So verbindet das Labeldebüt bezaubernde Grooves aus West-Afrika, den Kap Verden und der Elfenbeinküste mit James Brown’schem Funk und der Prise New York-Disco. Besser kann man kaum ein Vinyl-Label starten!

Interpret: Nicole Wray
Titel: Queen Aloneunknown-5
Label: Big Crown
Format: CD / Vinyl / Download

Aufhorchen läßt einem doch immer, wenn sich jemand nicht in dem Maximum-Pop-Charts-Mainstream-Gedudel positionieren will und sein eigenes Ding machen will. Eine gewisses R’n’B-Sternchen namens Nicole Wray kooperierte mit innovativen Institutionen wie Timberland, Missy Elliott, Aaliyah oder Ginuwine Ende der 90er Jahre sehr erfolgreich. Danach hatte sie ein kurzes Intermezzo bei Roc-A-Fella Records – die jedoch nicht mehr ihr zweites Album rausbrachten. Es folgten private Schicksalsschläge und eine Identitätskrise. Zwar konnte sie noch einmal als überragende Backgroundakteuerin beim legendären Blakroc-Projekt der Black Keys überzeugen, aber es kam eine ganze Weile nicht mehr zu einem positiven Schub ihrer Kunst. 2013 begeisterte sie dann doch wieder Kritiker weltweit mit ihrem kleinen Comeback als Team mit der britischen Sängerin Terri Walker unter dem Projektnamen LADY. Die beiden Damen machten moderner R’n’B mit viel Soul. Bestärkt und unterstützt diesen Weg weiterzugehen, wurden sie von Aloe Blacc und Funk-Legende Lee Fields, die auch im Umfeld von Truth & Soul Records arbeiteten. Eine Verarbeitung der Ups & Downs ihrers Lebens gaben ihr nun final die Grundlage für die Lyrics für ein überragendes Album. „Queen alone“ ist stark autobiografisch. Es handelt von Euphorie, Kampf, Schmerz, Einsamkeit und dem Traum vom Glück. Der Retro-Soul-Sound von Leon Michels und Tom Brenneck (Daptone) bilden dafür die perfekte Grundlage.

Interpret: JOSHUA REDMAN & BRAD MEHLDAU
Titel: Nearnessunknown-6
Label: Nonesuch Records
Format: Vinyl / CD / Download

Jazz ist wieder etwas mehr im Gespräch, seit die Kritiker Kamashi Washington feiern, als wäre er der nächste Lukas Podolski. Manche sprachen sogar völlig irritierend von einem neuen Jazz-Messias. Don’t believe the hype! Jazz wird jetzt bestimmt nicht der neue Trap aka nächste heiße Scheiß. Washington hat es auf unerklärliche Weise geschafft, auch HipHop/Nicht-Jazz-Publikum anzusprechen. Seine Kooperationen mit Kendrik Lamar und Flying Lotus haben sicherlich mit ihren Experimenten neue Türen aufgestoßen. Ein gewisser Joshua Redman kämpft seit über 20 Jahren mit viel Talent und Anspruch für mehr Anerkennung von Jazz. Seine musikalischen Sozialisations-Eckpfeiler sind deshalb nicht nur Sonny Rollins und John Coltrane, sondern auch Prince, James Brown und The Beatles. Leider ist der Hype um Ihn und andere großartige Jazz-Fusionsbegeisterte wie Branford Marsalis oder Robert Glasper etwas eingeschlafen – Kamashi hin oder her. Deshalb wird es nun Zeit hier auch mal auf ein paar neue und spannende Jazz-Alben hinzuweisen. Joshua Redman kooperiert mit Mehldau. Der Saxophonist und der Pianist haben auf ihrer Europa-Tour auf der Bühne experimentiert und machten die Bühne zum Studio und das Publikum zum spontanen Produzenten. Die aus dieser Spielsituation resultierende Spannung reißt die Protagonisten jedoch nicht weg. Sie nutzen diese als gestalterisches Mittel, verzichten auf Live-Rituale und spielen mit unglaublicher Konzentration. Zwar eröffnen sie ihren Reigen mit Charlie Parkers „Ornithology“, und doch nehmen sie dem Track seine elitäre Bebop-Hektik und zelebrieren ihn als vollendete Kombi aus Komposition und Intuition. Der im Jazz viel zu leichtfertig ins Feld geworfene Begriff der Improvisation fächert sich hier in spontanes Erfinden und feinsinniges Nuancieren. Entscheidend ist der Grad von Bewusstheit, mit dem all das passiert. Das Resultat auf Platte ist umwerfend, sehr anstrengend und zugleich unfassbar spannend.

Interpret: Various
Titel: Follow me to the Popcornunknown-7
Label: Jazzman Records
Format: Vinyl / CD / Digital

Da es über Belgien in letzter Zeit leider zu viele negative Schlagzeilen (Anschläge, Rechtsruck, Radikalismus) gab, sollte man doch wirklich mal die seine Aufmerksamkeit auf eine fast vergessen, so positive Entwicklung in Belgien lenken. Ende der 1960er Jahre gab es ein florierende „Popcorn“-Szene. Hier wurden auf euphorisch gefeierten Partys obskure, meist amerikanische Platten gespielt, die sich zwischen Soul, Jazz, Blues, Ska, Latin und Rock’n’Roll verirrt hatten. Das Erfrischende an diesen Veranstaltungen war, dass man sich gänzlich aus den Charts-Vorgaben von Hits nicht ablenken ließ und eigene Hits feierte und schuf. Man suchte das spezielle Dazwischen für ein angeregtes Anders-Sein in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten und Freigeistern. Diese Szene wurde über die Jahre oft missverstanden, weil sie sich nicht richtig einordnen ließ. Die ausführliche und detailverliebe Dokumentation dieser Zeit ist nun auf Jazzman Records erschienen.

Interpret: Angel Love
Titel: Obaatan Paunknown
Label: BBE Music
Format: Vinyl / Download

Bereits vor zwei Jahren überraschte das Londoner Liebhaberlabels BBE mit der Ausgrabung eines Disco/Funk-Klassiker, der schwer zu finden war und in Insiderkreisen für das selten Original absolute Höchstpreise erzielte. Die Begeisterung über die Wiederveröffentlichung war dementsprechend rießig. Institutionen wie die Rare Groove-Bibel Wax Poetics oder Radio-Godfather Gilles Peterson widmeten sich diesem Thema ausführlich. Nun folgt eine weitere, ultra-rare Perle der aus Westafrika stammenden Sängerin Nana Angel Love. Hier findet man eine massive Symbiose des in Ghana dominanten Highlife-Afrobeat-Sounds und dem US-amerikanischen Disco-Sound. Hier treffen afrikanische Rhythmen auf den groovige Funk-Vibe der 1970er. „Obaatan Pa“ ist ein wahres Schmuckstück und dokumentiert die Brücke zwischen Tradition und damaliger Moderne sehr schön.

Interpret: Til Brönner
Titel: The Good Lifeunknown-1
Label: Sony
Format: Vinyl / CD / Download

Er ist der große Star der deutschen Jazz-Szene. Er ist eigentlich sowas wie ein nationaler Popstar. Einige werden sich jetzt fragen: Und um alles in der Welt schreibt der Typ jetzt hier über diesen Mainstream-Trompeter? Warum gibt es hier jetzt Jazzpop-Kacke und nicht den nächsten Pych-Rock-Sample-Tipp bevor ihn Madlib benutzt? Ganz einfach: Till Brönner hat es mit dem neuen Album verdient. Und reden wir nicht sowieso zu wenig über die nationalen Helden?! Brönner hat nicht nur sein überragendes Talent an seinem Blasinstrument und als Produzent von Pop & Jazz-Fusionen – er ist tatsächlich ein weltweit anerkannter Künstler, der schon mit der halben Jazzprominenz zusammengearbeitet hat und auch deshalb zwei Grammy-Nominierungen bekommen hat. Für viele war Brönners Ansatz von Jazz schon immer zu clean und gradlinig. Auch auf dem neuen Werk „The Good Life“ bleibt er seinem Stil treu und besetzt so ganz bewusst seinen Jazz in der großen Popwelt. Wohl kalkuliert muss aber nicht steril sein. Das beweißt Brönner auf einem angenehm-harmonisch eingespielten Sommerabend/Spätherbst-Soundtrack voller Klassiker inspirierter Songs von Größen wie Billy Holiday oder Nat King Cole. Man kann wirklich darüber streiten ob er, wie auf 8 Songs, auch singen muss – aber das Gesamtwerk kann sich sehen lassen. Aufgenommen hat Till Brönner „The Good Life“ mit einer grandiosen All-Star Band (John Clayton (Bass), Jeff Hamillton (Drums) , Larry Goldings (Piano) & Anthony Willson (Gitarre)) in Los Angeles. Als Produzent wurde die holländischen Koryphäe Ruud Jacobs gewonnen. Komplexität ist hier überhaupt nicht Thema. Wer jetzt haten will, soll es tun – oder Sun Ra und Charly Parker einfach als Balance-Akt reinballern. „The Good Life“ ist eine rundum schön-swingende Jazz-Scheibe geworden, die nicht nur in der Bar deines Vertrauens gehört werden sollte.

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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