Beatcorner 2.0 Oktober 2017

Die Medien und deine Mudda einigen sich mal wieder auf den Hype des Moments zwischen Rin, Helene Fischer und Lil Yachty und du kannst einfach nichts, aber auch garnix damit anfangen? Digger, dann beweg doch deinen Arsch mal wieder in einen Plattenladen und entdecke andere Musik. Eines ist sicher: Es gibt viel gute Musik! Es ist Herbst! Es ist wahrscheinlich die beste Jahreszeit um bei Regen und Kälte Zuflucht in einem Plattenladen zu suchen und in die Welt der Musik einzutauchen – und ja sorry, ihr geschätzten Mailorder/Onlinehändler, es ist einfach nicht das Gleiche. Hier einige Vorschläge für den Schallplattenerwerb.

Interpret: Jenny and the Mexicats

Titel: Open Sea / Mar Abierto

Label: GMO / Rootdown

Format: Digital, CD, Vinyl

Latin-Pop ist oft so kalkuliert, anbiedernd und klebrig wie Enrique Iglesias oder das Sommerhit-BrechmittelDespasito“. Ricky Martin und J-Lo haben auf diesem Gebiet ebenfalls schon Höchstleistungen gebracht. Die breite Maße liebt den Latinloverhit, der etwas Sonne in die dunklen Herzen der Arbeiter in den Mühlen des Rauptierkapitalismus bringt. Nein! Nicht alle denken so. Und deshalb gibt es auch latineske Mucke, die authentischer, liebevoller und ansteckender ist, als das was die Popnudeln fabrizieren. Ein Beispiel wäre die Mulitkulit-Kapelle Jenny & The Mexicats. Auch sie haben die spanischen Sehnsuchtsmelodien und eingängigen Refrains in ihrem Soundmix. Jedoch hat die Gruppierung mehr im Sinn als nur platte Hits für das Radio deiner Mudda abzuliefern. Hier mischen sich sehr poppig die Rhythmen Südamerikas mit Ska, Rock, Jazz, viel Reggae und Folk. Also die spanische Fussballnationalmannschaft 2008 in Madrid zur besten Mannschaft der Welt aufstieg, trafen sich die englische Sängerin Jenny, der spanische Bassist Icho  und den mexikanische Kollegen Pantera und David. Die Vorerfahrungen aus der Zeit bei klassischen Punkgruppen und Rockabilly-Bands floss in den neuen Sound mit ein. Mit ihrem Debüt erreichten sie überraschend Gold. Es folgte eine Erfolgsgeschichte nach der anderen. Begeisterte Konzertbesucher und mehrere kleine Sommerhits die in Spanien bereits Kultstatus haben. Das zweite Album und der Soundtrack „Amor de mis Amores“ brachten viel Kritikerlob und Einiges an Euphorie bei den Fans. Nun steht das dritte Album vor der Tür und hält schlicht alles was sie mit den Vorgängern angebahnt und versprochen haben. Die musikalische Reise die keine Grenzen braucht und schlicht Spaß macht. Diese Band beweist das Pop kein Schimpfwort sein muss.

 

 

Interpret: Various

Titel: Studio One Supreme

Label: Soul Jazz Records

Format: CD, Digital, Vinyl

Die legendäre Plattform Studio One hat so viele Hits im Bereich Reggae, Rocksteady, Ska und Dub hervorgebracht, dass man bereits unzählige hochwertige Compilation damit gefüllt und konzipiert hat. Die Londoner Spezialkräfte von Soul Jazz Records haben hier schon wahre Wunderwerke zu Tage gefördert. Auch die neue Zusammenstellung aus sehr frühen Dancehall-Songs ist schlicht Weltklasse. DJ-Pioniere wie Dilinger oder Prince Jazzbo toasteten über Klassiker und es entstand ein komplett neuer Vibe der auch große Künstler und Producer wie Channel One oder Joe Gibbs anfixte. Musikalisch baute man die neuen Möglichkeiten mit Symdrums und Synthesizers ein. Auch 1960er-Legende wie Sugar Minott sprang auf den Zug auf. Die alten Recken wie Horace Andy, Freddie McGregor oder Johnny Osbourne nahmen die neuen Entwicklungen wohlwollend an und gaben ihrem Sound ein zeitgemäßes Update. Soul Jazz Records überzeugt wieder einmal mit einer tollen Recherche und präsentiert einen bunten Mix aus Klassikern und raren Stücken. Reggae-Herz was willst du mehr?

 

 

Interpret:  ANDY SMITH presents

Titel: REACH UP (DISCO WONDERLAND)

Label: BBE MUSIC

Format: 2LP, CD, Digital

Es ist fast schon unmenschlich in welchem Tempo und in welcher unfassbaren Qualität das britische Dauerlabel BBEmusic Compilations auf den Markt wirft. Bei welchem Label kann man schon alle Sampler blind kaufen? Die „Herbstoffensive“ gehört den englischen Gentlemen von BBE auch 2017. Erst kommt die langersehnte dritte Ausgabe der Rare-Jazz-Zusammenstellung „Private Collection“ von der inzwischen pensionierten DJ-Legende Kev Beetle mit echt abgefahrenem, größten Teils sehr tanzbaren Stücken und nun schickt DJ-Halbgott Andy Smith einer Portion funky Disco-Stuff übers Meer.  Dabei war das mit DJ und Andy Smith ja sehr lange für viele Menschen ein Irrweg. Der Typ war ein Teil der TripHop-Kapelle Portishead, die vor knapp 20 Jahren der Welt zeigten, wie dope depressiv/melancholische Melodien sein können. Ende der 90er war der bereits routinierte DJs und Plattensammler Smith dann mit einem Mixtape namens „The Document“ in aller Munde, weil er Beats und Breaks so herrlich rough mixte. Weltweite Bookings verdeutlichten immer mehr den superben Ruf des englischen Plattenlegers, der alles zwischen HipHop, Funk, Soul, Jazz, Afro, Rock und Reggae auflegt. Es folgten in den 2000ern einige sehr schöne Compilations (New Orleans & Jamaica Funk) von Smith, die seinem Namen als ewig goldener Crate Digger wieder einmal gerecht wurden. Seine verborgene Leidenschaft galt schon viele Jahr dem funky Disco-Sound. Das war auch der Grund für das Konzept seiner Partyreihe „Reach up“. Hier verneigt er sich vor den musikalischen Treibhauseffekten aus den Clubs „Paradise Garage“ oder „Studio54“ in NYC Ende der 1970er. Es gibt ansteckenden Boogie, schweißtreibende Discohymnen, Proto House Versuche und andere funkige Spielereien. Dabei spiegelt Smith hier sein exorbitantes historisches Wissen und seinen Entdeckungen unter den aktuellen Releases. Ein buntes Paket, dass viel in sich birgt. Sollte man, ob wunder, blind kaufen.

 

Interpret: Various Artists

Titel: Countdown to Soul

Label: Tramp Records

Format: Vinyl, Digital

Das bayrische Liebhaberlabel Tramp hat es geschafft die weltweite Aufmerksamkeit von Rare Groove-Fans in denletzten zehn Jahren auf sich zu ziehen. Nach sehr erfolgreichen Compilationsreihen wie Feeling Nice, Movements oder Praise Poems gibt es nun etwas Neues. „Countdown to…Soul“ setzt den Fokus auf die Facetten innerhalb des klassischen „Golden Era Soul“. Diese Zusammenstellung legt ihren gezielten Blick auf vier Künstler, die sehr prägend waren. Jackie Johnson, Don Patterson, Reuben Bell und John Brown werden auf 4 Vinylseiten beleuchtet. Da gibt es von Johnson rohen funkigen mid-tempo-Soul vom Ende der 60er Jahre. Patterson fusioniert Jazz und Soul sehr geschmeidig aber ansteckend in der Manier eines Ramsey Lewis. Mitte der 70er hat Reuben Bell dann roughen Funk für die Tanzfläche produziert, der hier gehuldigt wird. Zu guter Letzt gibt eine heimliche Hymne („The Sound of the Wind“) vom gänzlich unbekannten John Brown. Die Fachleute hinter diesem wundervollen Sampler haben nicht nur ihre 45s-Kisten analysiert, sondern auch wieder bewiesen, dass Recherche hier und da einige brillante Rare Groove-Schätze zu Tage führt. Das ist eine wahre Schatzkiste, die überrascht. Oder auch nicht, wenn man die Qualitäten von Tramp Records vorher kannte.

 

Interpret: Various

Titel: SOUL OF A NATION

Label: Soul Jazz Records

Format: Vinyl, CD, Digital

Die Black Community musste in den USA in den letzten Jahren unter einer Renaissance des Rassismus leiden. Mit derneuen Bürgerrechtsinitiative „Black lives matter“ konnte man weltweit wenigstens etwas für Aufmerksamkeit sorgen und auf Polizeigewalt und Ausgrenzung von Afroamerikanern hinweisen. Prominente Künstler wie Talib Kweli oder Common unterstützen diese Bewegung aktiv. Ein Präsident der relativ tolerant gegenüber KKK-Moves ist, löst das Problem nicht, sondern verschärft es. Haben die Menschen in den USA nicht aus den 1960er gelernt? Sind der Civil Rights Movement unter Martin Luther King, die Black Panters und die „Spread Love“-Toleranz der Hippies wirklich vergessen und ohne jegliche Wirkung auf die Gegenwart? Das britische Edel-Imprint Soul Jazz Records widmet zu genau der richtigen Zeit eine Rückschau auf eine Zeit als die westliche Welt sich veränderte und viel von dem alten Muff abstreifen wollte. In dieser Zeit gab es musikalische Meisterwerke die politisch aufgeladen waren und imponierende Dokumente dieser Epoche waren. Hier versammeln sich auf der gelungenen Compilation revolutionäre Jazz-Exkursionen von Cohran, Don Cherry und Joe Henderson, neben roughen Funk und passionierten Soul von Künstlern die nicht nur zur ersten Liga zwischen Aretha Franklin und James Brown gehörten. Und über allem schwebt natürlich jene Hymne, die für das wiedergewonnene, schwarze Selbstbewusstsein steht: „The revolution will not be televiced“ – manche Dinge ändern sich nicht und haben heute immer noch genau diese Relevanz. Die eigentliche Sensation, wie so oft bei diesem Label, ist die Aufbereitung. Hier wurde lückenlos recherchiert und dokumentiert. Geschichte, Gesellschaft, Kultur, Musik – und ihre Wechselwirkung.

 

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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