Beatcorner 2.0 November 2017

Winter is coming. Da erfreuen wir uns gerne am warmen, analogen Sound der schwarzen Rille. Der Endspurt im Jahr steht ganz im Lichte der Re-Issues. Einiges an super-interessanter Projekte wurden erneut aufgelegt. Da darf man sich an der Genre-Vielfalt erfreuen. Ist es doch oft sehr langweilig im Plattenladen die gefühlt 1000. Neuauflage eines Rockklassikers zu sehen. Danke für Eure Emails & Feedbacks. Dem Wunsch, auch die elektronische Musik nicht zu vergessen, wird heute schon nachgekommen. Mazeltov!

Interpret: Metro Area
Titel: Metro Area
Label: Environ
Format: 3LP 

Die New Yorker Jungs haben etwas Magisches in die Grauzone zwischen Disco und House vor 15 Jahren transportiert. Die Magie wirkt bis heute und hat sehr viele Produzenten inspiriert die weiten Räume und vor allem Tiefen zwischen dem Mutterschief Disco und den Spielarten von House und Techno auszuloten. Genau diesem Spiel, dem Wechsel zwischen funkigem Bass und reduzierten Synthies, gaben die beiden jungen Musiknerds einen Raum. Morgan Geist und Darshan Jesrani konnte vor der LP mit ihren vier EPs die Erwartungen an eine Langrille bereits vorab ins Unermessliche schießen. Die beiden passionierten Liebhaber für elektronische Musik konnten sich gegenseitig und der Welt beweisen, dass Detroit Techno und klassischer House-Sound eine Fusion finden können – während man sich durchaus an den Wurzeln von Funk und Disco laben konnte. Mit dem Album setzen sich die zwei Metro Area-Producer ein Denkmal für die Ewigkeit. Tracks wie „Dance Reaction“ oder „Miura“ sind heute noch zeitlose Edelhymnen eines unfassbaren, eigenen Soundgebildes, dass so Vieles was folgte beeinflusste. Und wenn wir schon von dieser Zeit sprechen, könnte man doch gleich die schön dreckigen „Ugly Edits“ von Theo Parrish wieder pressen, oder?! 

Interpret: Funkadelic
Titel: Reworked by Detroiters
Label: Westbound
Format: 3LP 

Wow. Man ist erst einmal positiv schockiert von der Wucht dieser Platte. Das Kollektiv um Mastermind George Clinton bekommt einen neuen Anstrich. Aufpoliert werden jene Hits, die Funk, Jazz und psychedelischen Rock verbanden, wie niemand anderer, von Produzenten und DJs die unter dem familiären Mantel „Detroit Techno“ firmieren. Die Alben “Maggot Brain”, “Free Your Mind And Your Ass Will Follow” oder “Cosmic Slop” haben das Mutterschiff des Funks anbetungswürdig gemacht und sind Meisterwerke der 1970er. Die Techno-Welle in den 1980ern und 1990ern die Untergrundphänomene wie Carl Craig, Underground Resistance, Alton Miller oder Kenny Dixon Jr. Alias Moodyman haben ihre experimentelle Energie aus der Inspiration von Funkadelic gezogen und das nie geleugnet. Nun zollen sie ihren Helden Respekt und bearbeiten deren Hits. Die Resultate sind futuristische Kreationen, die nie überziehen und immer die Nähe zum Original halten. Das ist ein sehr gelungenes Projekt.

Interpret: Kerri Chandler
Titel: DJ-Kicks
Label: K7
Format: 2 LP / CD / Digital 

Der aus New Jersey stammende Afroamerikaner hat eine musikalische Sozialisation wie man sie sich nur wünschen kann. Die Mutter liebte Musik in jeglicher Form und verliebte sich in einen angesagten lokalen DJ in der legendären Disco-Ära. So bekam Kerri Chandler mit der Muttermilch den Vibe von Funk, Soul und Disco mit. Ende der 1980er machte er es dem Papa nach und legte selbst Platten – nur dass er den House-Hype präsentierte und auch später sehr euphorisch in seinen eigenen Produktionen zelebrierte. Er veröffentlichte bereits Anfang der 90er über Madhouse und auf den prägenden Kultlabels Strictly Rhythm, Nervous oder Large. So trug er maßgeblich an der Entstehung von House, special von DeepHouse bei. Seine Veröffentlichungen auf King Street und Harmless gehören zu den Meisterwerken des Genres. Es gab in den letzten Jahren sehr viele House-Mixes von ihm zu hören. Ein „Mixtape“ mit seinen eigenen Inspirationsquellen und Favouriten gab es jedoch nie. Die neue DJ-Kicks wird das ändern. Hier geht es um die Einflüsse aus Jazz, Funk, Soul und Disco. Epochale Jazzfunk-Perlen von Roy Ayers, Leroy Hutson, James Mason, Syliva Striplin oder Cymade treffen auf beseelten HipHop von Foreign Exchange und euphorische Oldschool Jams wie Fruit’s „If you feel it, say yeah“. Bei den Tracks „Innerzone Orchestra – People Make The World Go Round“ fühlt man seine Verbundenheit mit den Innovatoren Moodyman & Carl Craig – die dreckige Jazz-Vibes mit progressiver Electronica mixten. Diese DJ-Kicks in seine wundervolle Reise durch das Plattenregal einer Legende. Sehr gelungen.

Interpret: Joey Negro
Titel: Produced with love
Label: Z Records
Format: 3LP

Was haben wir schon für Desaster erlebt, wenn sich Menschen an zeitlose Klassiker gewagt haben und wollten mit einem Remix noch einmal etwas mehr aus dem Song herausholen oder gar auf eine zeitgenössische Ebene hieven!? Es gab mal eine ultra-üble Motown-Remix-Geschichte die noch sehr bitter im Nachgeschmack ist. Auch das legendäre Verve-Label hat sich nicht mit allen Remixauftragsarbeiten mit Ruhm bekleckert. Wer ein wirklich gutes Gespür für ein schönes Rework oder einen gelungenen Remix über Jahre bewiesen hat, ist JOEY NEGRO. Neben Danny Krivit hatte man über Jahre hinweg immer das Gefühlt, dass diese Männer wirklich DJ-freundliche Tools zwischen Funk, Soul, Disco und House basteln. Da wurde schon auf das Intro und Outro der Tracks geachtet und Sequenzen im Song gezogen oder verstärkt. Ganz im Geiste von den Disco-Ikonen Tom Moulton oder Walter Gibbons, ruft Joey Negro immer und erstaunlich kontinuierlich das ab, was man von ihm erwartet. Er übersteuert in seinen Reworks selten bis nie. Er liefert – immer. Einen Überblick bietet „Remixed with love 1 & 2“ die als Doppel-Vinyls auf Z Records erschienen sind.

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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