Beatcorner 2.0 November 2016

Vinyl

Mit Printmagazinen wie MINT oder VINYL STORIES steigt die Industrie nun weiter auf den Vinyl-Boom ein und dokumentiert detailliert und liebevoll das Lebensgefühl rund um das Kulturgut Schallplatte. An dieser Stelle sei natürlich auch die mühevolle und sehr aufwendig zusammengetragen Sammlung an Schallplattenlieberhaberei DUST & GROOVE von Eilon Paz sowie die wundervolle Recherchearbeit „FUNK & SOUL COVERS“ von Joaquim Paulo empfohlen. Natürlich wollen wir auch nicht nur davon lesen, sondern auch wissen, was man hören sollte.

Interpret: Marie Queenie Lyons
Titel: Soul Fever
Label: DeLuxe Records / Vampi Soul
Format: Vinyl

Als erstes schauen wir auf einen Rare-Groove-Klassiker, denn man unbedingt entdecken sollte. Die Nachpressung / Reissue erschien schon 2008 auf dem spanischen Expertenlabel VampiSoul und machte jene Menschen glücklich die sich eine Original-45 von „See and don’t see“ nicht leisten könnte. Nachdem Questlove und Gilles Peterson diese rare Single vor Jahren schon als unverzichtbar anpriesen, schnellten die Preise bei Discogs, Ebay und Konsorten in Dimensionen, die nicht mehr bezahlbar waren. BGP Records presste vorletztes Jahr das Teil dann als Single nach und machte viele Leute mit kleinem Geldbeutel glücklich – weil diese Nummer aus dem Jahr 1969 unfassbar gut ist. Die 1970 erschienene Langrille namens „Soul Fever“ ist auch ein sagenumwobenes Album. Die aus dem Süden stammende Sängerin landete nach ihrer Jugend in Ohio 1963 in New York. Dort nahm sie King Curtis und James Brown unter ihre Fittiche. Warum es nur ein Album von dieser Künstlerin mit der leidenschaftlichen, kraftvollen Stimme gab, ist bisher heute komplett ungeklärt. Gerüchte sprechen von Drogenproblemen und psychischen Abstürzen. Im Gegensatz zu den anderen Sängerinnen aus dem Dunstkreis des Godfathers wie Vickie Anderson oder Marva Whitney hat man nie wieder von dieser Frau gehört.

Interpret: Pink Floyd
Titel: Animals
Label: Pink Floyd Records
Format: Vinyl

Vinyl-Re-Releases auf Pink Floyd Records werden fortgesetzt. „The Dark Side Of The Moon“ und „Wish You Were Here“ sind genauso wieder erhältlich wie das am 18. November „Animals“, das von den Original-Mastertapes remastert wurde und nun nach über 20 Jahren erstmalig wieder auf Vinyl erscheint. Mit diesen Alben begann die erfolgreichste Reihe von Aufnahmen, die PIK FLOYD eine völlig neue Zuhörerschaft auf der ganzen Welt brachte, während ihr musikalischer Stil sich konsequent fortentwickelte und die Band intensiv tourte.
Nach über acht Monaten kontinuierlicher Aufnahmesessions in den bandeigenen Britannia Row Studios im Jahr 1976 erschien „Animals“ 1977 und wurde eines der bekanntesten Alben der Band. Es hat eines der ikonischsten Cover aller PINK FLOYD-Alben und zeigt das berühmte Schwein „Algie“, das über der Battersea Power Station in London. Nach dem aufgearbeiteten Tod von Syd Barrett in „Shine On you cray dimond“ und dem weiterentwickelten Sound auf „The Dark Side oft he Moon“ und „Wish you were here“ schaffte es die Psych-Rock-Band ein Hörerschaft von über 50 Millionen Käufern zu erreichen. Die Musikindustrie folgt hier klar den Gesetzen des Geschäfts: Die Fans verlangten nach neue Vinyl-Versionen und aufpolierten Nachpressungen. Die-Hard-Fans dieser Gruppe werden wohl eher auf die analogen Klänge der alten Originale zurückgreifen.

Interpret: Fetsum
Titel: Light in a dark place
Label: Sonar Kollektiv
Format: Vinyl / Digital

Erstaunlich welche großartigen musikalischen Werke Fetsum schon für Musiker wie Patrice, Max Herre, K’naan, Peter Fox, Aloe Blakk oder Estelle mitgestaltet hat und nie wirklich die Beachtung bekommen hatte, die ihm zusteht. Man darf nur hoffen, dass sich das in Zukunft ändern wird! Mit „Light in a dark place“ veröffentlicht er nun auf dem Jazzanova-Label ein beeindruckendes Reportoir an modernen Soulsongs mit euphorischen Dimensionen. Dabei bedient er sich der ganzen Bandbreite seiner künstlerischens Daseins und legt seine Samtstimme über Elemente aus Folk, Jazz, Reggae, Funk und Pop. In der Mitte der EP steht sicherlich das gefühlvolle Duett mit dem Songwriter Mocky und das imponierende, politisch-motivierte „Refugee“ – ein Appell an Mitgefühl und Menschlichkeit. Fetsum schafft er nach seinem 2012er-Debüt ein weiteres Mal sehr eindrucksvoll in seiner Musik Leidenschaft, Positivity und Melancholie zu transportieren.

Interpret: Blitz the Ambassador
Titel: Diasporadical
Label: Jakarta Records
Format: Digital & Vinyl

Wenn mich ein Label in den letzten 5 Jahren am meisten begeistert hat, dann Jakarta Records aus Berlin/Köln. Was hier an Leidenschaft für kleine, unabhängige Künstler hingesteckt und letztlich veröffentlicht wird ist immer wieder imposant. HipHop, Instrumentals, orientalische Rare Groove oder Future Bass – es gibt nichts was dieses Imprint nicht entdeckt und an die Oberfläche fördert. Dazu gehört auch schon sehr lange der visionäre Sound von Blitz the Ambassador, der immer wieder HipHop als Grundlage für seine musikalischen Reisen nach Afrika, Mittel- und Südamerika benutzt. Auch „Diasporadical“ So sind die Eckpfeiler klar eine Fusion aus Accra, Salvador Bahia und Brooklyn. Dabei arbeitet er gerne mit Live-Instrumentalisierung als Ergänzung zu seinen programmierten Beats. Der warme, organische Sound bildet die Grundlage für seine reflektierten, sozialkritischen Texte. Natürlich gibt es auch klar Primer für die Heads wie „Heaven“. Die kultur-historischen Bezüge zum Land seiner Vorfahren („Awake“) verarbeitet Blitz mit seinen Produzenten zu einer beachtenswerten neuen Version von klassischer RIOT MUSIC. Die Eckpfeiler seiner Sozialisation, Fela Kuti und Public Enemey, hört man deutlich. Dieses Album atmet einen erfrischenden Mut sich Kraft aus den Klängen der Vorfahren zu holen und etwas eigene daraus zu basteln. Die Idee klassischen HipHop mit zeitgenössischen afrikanischen Klängen zu verbinden ist nicht neu, aber auf diesem Album extrem gut umgesetzt. Dabei halfen ihm IAMNOBODI, Tumi, Akua Naru, Kamau, Patrice, M.anifest und Somi. Das ist definitiv eines der besten Album des Jahres!

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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