Beatcorner 2.0: Mai 2017

Beatcorner Mai 2017

2017 ist ambivalent. Es ist nicht nur ein starkes Jahr für Vinyl und dessen Liebhaber – sondern auch ein Jahr mit politischer Entscheidungskraft. Erdogan regiert nun autokratisch die von der EU weit isolierte Türkei nach dem Referendum. Die rechten Pappnasen stehen in Frankreich vor der Herrschaftsübernahme und im September entscheiden die Deutschen, ob sie dem Rechtsruck in Europa folgen wollen. Musik war wenig politisch in den letzten Jahren. Warum gibt es so wenig Statements von Künstlern zu gesellschaftlichen & sozialen Themen obwohl nicht mehr alle die Kündigung ihrer Majorverträge fürchten müssen? Früher gab es die Consciousrapper – die leider oft heute immer noch die da sind. Common, Mos Def, Black Thought, ATCQ, Nas, Talib Kweli, Chuck D. – ihre Worte haben noch Gewicht. Es tut gut, dass sich nicht nur die alten Hasen um relevante Themen zwischen Black lives matter, Donald Trump und andere soziale Ungerechtigkeiten kümmern. Die aktuellen Veröffentlichungen von Solange, Alicia Keys und Kendrick Lamar haben die inhaltliche Präsenz der Statement-Alben „What’s goin‘ on“ (Marvin Gaye) oder „Pieces of a man“ (Gil-Scott Heron). Die Wichtigkeit und die Progression der drei Run the Jewelz-Alben nicht zu vergessen. Man wünscht sich mehr von diesen reflektierten und mutigen Künstlern. Die oben beschriebenen Alben bekamen zur Recht in den letzten Monaten viel Raum in der Presse. Wir wollen mit der Mai-Ausgabe der Beatcorner-Kolumne auf etwas weniger bekannte Künstler blicken, die etwas zu sagen haben.

Interpret: Valerie June

Titel: The Order of Time

Label: Concord

Format: CD / DIGITAL / VINYL

Michelle Obama hatte vor zwei Jahren das richtige Gespür. Die damalige First Lady lud Valerie June ins Weisse Haus ein um dort zu spielen. Die junge Frau aus Tennessee berührt die Menschen mit ihren ehrlichen Texten, die unfiltriert aus dem Leben erzählen. Die afroamerikanische Songwriterin spielt viele Instrumente und mixt ihre Musik gerne in den Genres Blues, Folk, Soul und Bluegrass. Sie schafft es auch auf ihrem vierten Album den Sound und die Geschichten des tiefen Südens zu verbinden. Auf „The Order oft he Time“ schwingt die typische Melancholie und der Schmerz des Blues mit. Die folkigen Momente hellen die Erzählungen immer wieder auf. Der ruhige Grundton des Albums zeigt zwei Facetten einer Frau und ihrer Vergangenheit als Afroamerikanerin im dreckigen Süden der USA. Zum einen die Beschreibung der Realität und die Flucht in das Spirituelle und Träumerische. Die Frau mit dem Baujahr 1982 hat für diese Langrille auch mehr in neue Richtungen experimentiert und mit Massive Attack, Nora Jones und Matt Marinelli gearbeitet. Das Resultat ist ein großes Album, ohne dass es ein Spektakel wäre. So wie die Frau und ihre Geschichte eben auch. Das macht sie so nah und so vertraut. We the people.

Interpret: DJ Marky

Titel: Influences Vol. II

Label: BBE Music

Format: CD, Digital, Vinyl

Wer würde nicht gerne mal mit Leuten wie DJ Spinna, Q-Tip, Rainer Trüby, LeFto oder Florian Keller deren Plattensammlungen durchwühlen und sich Geschichten zu den ausgewählten Stücken anhören. Wie und wann wurden sie musikalischen sozialisiert oder welche Platte beeinflusste das Sammeln, Hören und Auflegen für weitere Jahre? Diesem Prinzip hat sich das Londoner Vorzeigelabel BBE gewidmet und vor fast 10 Jahren die erste „Influences“ mit dem brasilianischen Sammler, Produzenten und DJ-Gott Marky konzipiert. Hier konnte man schon leicht erahnen, welche Dimensionen das Wissen, die Leidenschaft und die Liebe zur und über die Musik bei dem aktiven Plattensammler hat. Die Legende besagt, Marky hätte in seinen privaten Gemächern eine Sammlung von weit über 30 000 Scheiben. Dabei war er schon immer offen gegenüber allen Richtungen, auch wenn er als Drum’n’Bass-DJ bekannt wurde. Selbst aus den unterschiedlichsten Tracks baut Marky einen tanzbaren, spannenden Mix. Eklektik schimpft man das ja seit Gilles Peterson das propagiert. DJ Marky kann wirklich alles. Acid Jazz, Disco, HipHop, Funk, House, Detroit Techno, Brazil und Jungle verbindet er in einem Mix für die Open-Minded-Gemeinde. Sehr gelungen!

Interpret: Tuxedo

Titel: II

Label: Stones Throw

Format: CD, Digital, Vinylbeatcorner mai 2017

Alarm! Soul-Crooner Mayer Hawthorne und HipHop-Meisterbeatschmied Jake One haben zu Hause mal wieder ihre Lieblingsplatten aufgelegt und gemerkt, dass der 80s Boogie und Funk sie einfach am glücklichsten macht. Auf ihrem Debüt unter dem Projektnamen TUXEDO haben sie bereits vor zwei Jahren die Fans begeistert. Die Jungs stehen bekennend zu ihren Vorlieben der Eckpunkte Chic, Troutman, Whispers, Shalamar und Plush heißen. Ganz im Geiste der Discofunk-Heros der Ende70er/Anfang80 mögen sie straighte, beseelte und cleane Sounds mit dieser unvergleichlichen Cheesy Note. An den Funk des James Browns und den 60ern erinnert hier kaum noch was. Auch auf dem zweiten Langspieler kann das Duo auf 11 Tracks brillieren mit der Umsetzung einer Hommage an diese Zeit – ohne ihre eigene Duftnote zu hinterlassen. Ein Highlight, bei dem sie sich von den schweren, experimentellen Sounds ihres Bruders im Geister (Dam Funk) mit dieser wunderbaren Leichtigkeit abgrenzen.

Interpret: Gentleman’s Dub Club

Titel: Dubtopia

Label: Easy Star Records

Ein bisschen klassischer Sommersound muss hier auch noch erwähnt sein für den Wonnemonat Mai. „Dubtopia“ kommt aus England – ein Land, das zwar nicht gerade für viel Sonne bekannt ist, jedoch immer für hochwertige und spannenden Dubexperimente und Reggae-Spielarten. Laut eigener Aussage war das Ziel der Kombo, den Hörer aus einer Welt von Strass, Ungerechtigkeit und Heuchelei zu entführen. Der entspannte Grundton der Scheibe ist dafür eine solide Basis. Schon mit dem Vorgängerprojekt The Big Smoke konnten sie weltweit Fans gewinnen und die Kritiker begeistern. Hier hat man dann zu den Proben für das neue Album auch angesetzt. Roots-Reggae bildet die Mitte und das Herz des Sounds der 9-köpfigen Gruppe aus UK. Man merkt im Vergleich zum Vorgänger dass die Band nach kreativen Imput sucht und ihn zugleich auf ihren eigenen Sound übertragen können. So gibt es Features von Lady Chann, Taiwann MC, Parly B oder Eva Lazarus. „Dubtropia“ ist ein herrliches Stück Entspanntheit geworden. Somit war die Zielvorgabe mehr als erreicht.

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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