Beatcorner 2.0 März 2016

Das Frühjahr 2016. Anschläge auf Asylbewerberheime und Schutzsuchende finden weiterhin statt. Politische Uneinigkeiten, mediale Falschmeldungen und menschenfeindliche AFD-Hetze veranlassen weite Teile der deutschen Bevölkerung zu einem wenig konstruktiv-kritischen Pauschalisierungswahn. Obskuren Obergrenze/Grenzschutz-Diskussionen. Aufgeheizte Stimmung im Volk. Menschen aus dem In- und Ausland die nicht mit Frauen umgehen können und wollen. Rechtsruck in Europa. Scheinbar drehen gerade alle durch. Es wird Zeit sich in einen Raum zu begeben, an dem das alles nicht zählt: Der Plattenladen! Ein Raum in dem die Ideologie „gute Musik“ heißt und die Religion aller „Vinyl“ ist. Wer diese übersteuerte Sozialromantik und Zuneigung zum Kulturgut Schallplatte nicht teilt, dem sei hiermit trotzdem ans Herz gelegt, dass es weiterhin großartige Musik gibt, die es lohnt zu entdecken und in diesen windigen Zeiten etwas Entschleunigung, Erdung und Frieden bringen kann. Bevor ich euch hier die Must-Have-Scheibe für März 2016 vorstelle – checkt das umwerfende Pionier-Mixtape „Habibi Funk 5“ von Jannis Stütz (Jakarta Records) online. Hier findet ihr bisher gänzlich ungehörte Rare Grooves aus der orientalischen Welt – eines ist nämlich ziemlich sicher: Es ist nicht alles nur negativ und frauenverachtend, was aus Nordafrika kommt. Danke Jannis.


Interpret: The Mixtapers
Titel: We so good
Label: Sonar Kollektiv
Format: Vinyl, Download
Mixtapers
Die ewigen Soulboys aus Berlin tragen ein Gen in sich, welches sie immer wieder dazu führt, fantastische Musik zu entdecken, ja diese sogar magisch anzuziehen. Die Netzwerke von Alex Barck und den Jazzanova-Brothers sind über 20 Jahre gereift und bringen immer wieder nahezu unberührte Perlen zu Tage. Diese werden dann meist über ihr Label Sonar Kollektiv veröffentlicht. Hier findet man wundervolle Spielereien zwischen Jazz, Soul und Electronica. Mit Pete Josef und ComixXx hatten sie 2015 zwei unfassbar schöne Veröffentlichungen im Roster – und wollen nun genau dort anknöpfen. Mit The Mixtapers aus Bologna haben einen ganz eigenen Weg gefunden ihren organisch-jazzigen HipHop zu definieren. Sie flirten mit Sounds zwischen den Genres wie Artverwandtem wie The Internet oder James Pants und entwerfen dabei ein futuristisches Stück Groove. Hier werden alle Töne aus den Vintage-Synthies gepresst und orientieren sich zielgerichtet an den jazzigen Soundentwürfen die Leute wie Kendrick Lamar auf „To Pimp a butterfly“ durchgesetzt haben. Insgesamt hört man die Sozialisation der beiden Italiener offensichtlich bei Dilla, 4Hero oder Plant Life und Prince. Besonders das „Don’t you let it go“ sollte die Tanzflächen der aufgeklärten Welt zum brodeln bringen. Da darf es dann auf den gerne mal eine Verneigung vor Detroit-Techno-Hero Theo Parrish sein, wenn „Glorious Days“ einen dreckigen Ivory Boy Remix bekommt. Top Notch!

Interpret: The James Hunter Six
Titel: Hold on
Label: Daptone Records
Format: Vinyl, Cd, Mp3
james hunter six

Sharon Jones, die ungekrönte Königin der Soul-Renaissance wurde in dieser Kolumne schon oft gerühmt. Das dazugehörige Label Daptone Records aus New York auch. Was wären die weltweite Schallplattensammlerschaft ohne dieses Label? Afrobeat, Gospel, Funk und soviel gute und passionierte Soul. James Hunter veröffentlicht sein viertes Album und nun sein Debüt auf dem Kultlabel Daptone. Der unwiderstehliche, warme authentische 60s-Sound aus den analogen Studio-Wundertüten von Bosco Mann und James Hunters Kompositionen sind wie ein wunderbarer Frühlingsflirt mit Happy-End. Hier passt alles. Der Rhythm’n’Blues-Troubadour hat Ray Charles in den Adern und Sam Cooke im Herzen. Auf den 10 Tracks verewigt sich James Hunter mit seiner Kapelle mit einem zeitgemäßen, genialen Songwriting im Hier & Jetzt. Diese Platte sprüht, wie seine Vorgänger, vor Freunde und Hingabe. Der Trainer spricht hier ja auch gerne von einer sicheren Bank. Pflichtkauf.

Interpret: DJ Vadim pres. Dubcatcher II
Titel: Vicked my yout
Label: Soulbeats Records
Format: Vinyl, Cd, Mp3
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Vadim, was für ein Hero. Und das auch schon seit 20 Jahren. Der englische Exil-Russe gehört nach wie vor zu den aktivsten Deejays dieses Planeten. Erhalten hat er sich
dabei nicht nur seine Produktivität, sondern auch die Offenheit gegenüber neuen Sounds. Hat er uns doch wahrlich viel Freude gebracht, wenn er in den letzten Jahren mit Bassmusik hantierte und damit seine Definition von HipHop immer wieder erfrischend modifizierte. Schon lange reduziert man den umtriebigen Musiknerd nicht mehr nur noch auf sein brachial-düsteres Epos „The Terrorist“. Man kennt und schätzt an Vadim durch seine Radioshow / Podcast-Reihe und seine DJ-Reisen sein unbändiges Interesse an Kooperationen und Fusion, an Austausch und Entwicklung. Die Verwirklichung des „Dubcatcher“-Projekts lag ihm offenbar besonders am Herzen und strotzt wohl deshalb an Volumen, Kraft und Energie. Auf den 16 Songs verbindet er Jungle-Elemente, Bass-Spielereien, Dub, Dancehall mit ganz viel Reggae. Dabei ehrt er die alte Schule (Max Romeo, Earl 16) und stellt neue talentierte Künstler vor. Die
Wortneuschöpfungen wie „Future Retro Sounds“ sind tatsächlich sehr passend, wenn man sieht mit welcher Leichtigkeit Vadim alte Vibes und neue Impulse verschmelzen lassen kann. Vadim verkörpert auch hier die Ureigenschaften der HipHop-Kultur: Er bringt verschiedene Elemente zueinander. Und natürlich haben die Euphorie-geschwängerten Presseinformationen etwas Wahres: Hier hört man Massive Attack und Wiley, Sly’n’Robbie und Dilla – aber eben auch 100 % Vadim. Man darf nur hoffen, dass das auch die nächsten 20 Jahre so bleibt.

Interpret: Various Artists
Titel: Movements Vol. 8
Label: Tramp Records
Format: Vinyl, CD

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Welche Compilation-Reihe hält sich über mehrere Folgen und verliert nicht an Relevanz und Qualität? Wenn wir den Markt über Jahre beobachten, dann landen wir bei den Instanzen Soul Jazz Records und BBE Music. Und ja, bei einem kleinen Label aus Bayern. Tramp Records hat sich durch leidenschaftliche Recherche und akribisches Diggen zu einer der feinsten Adressen in Europa gemausert, wenn es um rare Grooves aus dem Bereichen Jazz, Funk, Afro und Soul geht. Seit mehr als zehn Jahren sucht das Team um Labelchef Tobi Kirmayer nach verloren geglaubten oder noch garnicht entdecken Vinylperlen aus den 1960ern und 1970ern. Auch hier war bei der achten (!!!) Ausgabe der Movements-Reihe wieder Verlass auf die Münchner Digger. Hier gibt es 17 wundervolle, seltene bis unbekannte Songs. Dabei erschwischt einem die bezaubernde Coverversion „Feeling good“ von Kay Dennis mit voller Schlagseite, während man sich bis Song 13 sehr gut in den Sampler voller Soul und beseeltem Jazz reinfühlen kann. Mit Pedicin-James Ltd.s „Ode to billy Joe“ und „Short fat funny” von B.J Blues Band haben sie auch zwei absolute Shaker in ihren Reihen, die jeder Funk/Soul-DJ diesen Sommer auf der Tanzfläche platzieren wird. Diese 2LP ist ein Erlebnis – wieder einmal.

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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