Beatcorner 2.0 Juni 2016

Der Sommer ist da. Die Europameisterschaft steht vor der Tür. Der Fußball-Liebhaber wird die nächsten 4 Wochen in vollen Zügen zwischen BBQ, TV und Bierdusche genießen – eines bekommt er jedoch meistens dazu serviert: Schlecht Musik, sprich „Fussball-Lieder“. Musikalischer Mainstreamdurchfall zwischen Oliver Pocher, Sportfreunde Stiller, Felix Jaehn oder Grönemayer. Vor der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien gingen die Berliner Soulboys von Jazzanova gegen diesen Trend an und veröffentlichten einen wunderbaren Sampler mit grandiosen Brazil/Bossa-Nova-Perlen. Es geht also auch anders, liebe Prolls. Wem nun die Penetration mit peinlichen Fußball-Hymnen durch die Medien zu viel wird, der baut seinen Plattenspieler in der Nähe des Fernsehers auf und wackelt schnellstmöglich in den Plattenladen seines Vertrauens und kauft sich folgende richtig freshe Scheiben zwischen Oldschool Rap, süßen Soul, Future Bass, Marching Brass Sound und Rock’n’Roll:

Interpret: Various
Titel: Boombox: Early Independent Hip Hop, Electro And Disco Rap 1979-82
Label: Soul Jazz Records
Format: Vinyl, CD

boombox-400x400Ein Rückblick kann zufällig oder gezielt und genau sein. Das britische Imprint SOUL JAZZ RECORDS gehört zu den besten Spezialisten der Welt. Sammler schätzen das Label und deren Fachkompetenz seit vielen Jahren über aller Maßen. Ob Reggae, Disco, Punk, Funk, Calypso oder elektronische Musik – die Engländer bringen unangefochtene Qualität auf den Markt und sind als Lieferant für hochwertige Compilations nicht mehr wegzudenken. „Boombox 1979-1982“ dokumentiert nun sehr detailverliebt die Anfänge von HipHop. Die erste Welle an innovativer Untergrundmucke zwischen elektronischen Spielereien, Disco-Rap-Euphorien und Rap-Freuden wird hier präsentiert. Historisch geht es hier in die kreative Zeit der Blockpartys, Jams und Gemeinschaftserlebnisse zwischen Breaks, Bambaataa, Herc und Flash zurück. Was Alt- B-Boys heute noch in einen „Gänsehaut-Moment“ versetzt, sind Songs, die zum Kulturgut wurden. Wer sich mit den Wurzeln dieser Kultur auseinandersetzt, weiß wie wichtig „It just begun“, „Apache“, „The Mexican“ waren und bis heute sind. Funk und Disco waren die Energie-Spender und Soundsäule jener magischen Momente, in denen Rap geboren wurde und Mitte der 1970er aus der Bronx hinaus in die Welt schwappte. Die alte Schule wurde in NYC von den zu wenig und zu selten genannten Plattenfirmenaktivisten Joe Robinson (Enjoy Records), Paul Winley (Winley Records), Delmar Donnel (Delmar International) oder Jack „Fatman“ Taylor (Rojac & Tayster ) auf Wax presst. Nicht immer mit einem finanziellen Erfolg waren diese Veröffentlichungen gesegnet – im Rückblick jedoch unbezahlbar. Es gab viel neben Sugarhill – nur wurde darüber bisher zu wenig gesprochen. Diese wunderbare Compilation verneigt sich vor diesen Labels, ihren mutigen Chefs und deren kreative HipHop-Künstlern. Dabei dokumentieren sie die Vielfalt des Anfangs: Man hört Rares, Obskures und auch Eingängiges. Man muss es nicht immer bei SOUL JAZZ REC. erwähnen, aber die akribisch recherchierten und top aufbereiteten Booklets allein, sind schon einen Kauf eines physischen Tonträgers wert. „Boombox 1979-1982“ erscheint als 3-Fach-Vinyl (inkl. Downloadcode) und Doppel-CD.

 

Interpret: Moop Mama
Titel: Mooptopia
Label: Mutterkomplex
Format: Vinyl, CD, Digital

moop-mama-400x400Neeeee, jetzt schreibt der auch noch über die Blaskapelle aus München?! Ja, tut er. Voller Begeisterung. Die Moop Mama veröffentlicht ihr dritte Album in sieben Jahren und sind nicht nur den Feuilletonisten zum kleinen Lieblingsgeheimtipp geworden. Was in den USA oder UK mit großartigen Kapellen wie Hypnotic Brass Band oder Breakdown Brass besonders die Funkgemeinde bewegt, hat natürlich eine lange Tradition. Marching Bands und Brass Music – die Wurzeln liegen im Sound des amerikanischen Südens: Funk, Soul, Jazz, Blues. New Orleans in der Seele und die deutsche Sprache als Werkzeug. Mit dieser Kombination experimentierten auch schon hiesige HipHop/Pop-Gruppierungen (Fettes Brot, Fanta Vier) – auf die Spitze haben es Moop Mama aus Bayern getrieben. Ob sie von den Modernisierungen der Blasmusik von der La Brass Banda inspiriert waren ist nicht überliefert. Aber seit nunmehr 7 Jahren beherrscht Moop Mama die Kunst des Vermischens in Perfektion: Hier fusioniert deutscher Sprechgesang mit sozialkritischen und humoristischen Texten mit starken Bläsersätzen und massivem Groove. Sie sind nun mit dem dritten Werk zurück und können ihre hart erworbene Reputation als Live-Spektakel auf Platten transportieren. Es schadet ihnen sicherlich auch nicht das illustre Szenehelden wie Deichkind, Jan Delay oder Fettes Brot sie öffentlich loben. Diesmal haben sie sogar Vibes aus dem Trapwahnsinn eingebaut. Mc Keno, etablierter Geschichtenerzähler und Scherzkeks bekommt dieses Mal frische Unterstützung von Soulman FloMega, Moabit-Spitter Megaloh und dem Blumentopf. Wow!

Interpret: Various
Titel: Rich Medina presents JUMP N FUNK
Label: BBE MUSIC
Format: Vinyl, CD, Digital

rich-medina-400x400Rich Medina gehört zu den weltweit umtriebigsten DJs und Plattensammlern. Der Mann aus Philadelphia wurde in den letzten 20 Jahre zu einem global Player und sehr geschätzten Plattenleger in allen Lagern. Die Wurzeln und Liebe zum HipHop haben ihn ganz im Geiste der alten Schule immer weiter angetrieben sich mit neuen Sounds und Genres auseinander zu setzen. Nicht zufällig legt er mit ähnlichen Freigeistern wie etwa BBC-Radiolegende Gilles Peterson regelmäßig auf. HipHop, Funk, Soul, Jazz, Latin oder House – dieser Mann kann wirklich alles und gräb wirklich nie nur an der Oberfläche. Der leidenschaftliche Sammler wird weltweit für seine Digger-Qualitäten und sein Fachwissen geschätzt. Vor 15 Jahr beschloss er das Erbe des großen afrikanischen Revolutionärs Fela Kuti weiterzutragen und weiterzugeben. Er gründete eine kleine Partyreihe, die die kulturellen und politischen Ambitionen des Afrobeat-Pioniers und Freiheitskämpfers würdigt. Aus einer winzigen Clubnight wurde ein dynamisches Veranstaltungsmonster mit Live-Features und fiebrigen Live-Shows
und DJ-Nächten. Afrobeat wurde hier erneuert, modifiziert, verehrt und weitergetragen. Alte Bekannte und Afrobeat-Aktivisten der Neuzeit wie Antibalas Afrobeat Orchestra , Aiff oder Kutiman wurde hier euphorisch gefeiert und erinnerten an die Großtaten von Fela und seinen Drummer und Beatvirtuose Tony Allen. Dass die polyrhythmischen Wundertaten auch in progressiven, zeitgenössischen Soundformen sehr wohl Platz finden haben die Westlondon-Broken-Beat-Monster von Bugz in the Attic ja schon zu Genüge dokumentiert. Atjazz, Wajeed oder Sao Benitez führten den Afrobeat in die Zukunft. Wie reichhaltig und vielfältig diese Fusionen mit HipHop, Funk oder House sind, wird auf diesem umwerfend-guten Sampler sehr deutlich. Diese 22 Tracks voller Querverweise und Verschmelzungen haben das Zeug dazu, der Soundtrack eines heißen Sommers zu sein. Celebrate, Empower, Progress! Fela is still alive.

Interpret: Jacob Miller
Titel: Who say Joh No Dread
Label: Greensleeves Records
Format: Vinyl, CD

JacobMiller_-CDArtwork_LargAugusto Pablo hatte über eine Dekade lang sehr magische Hände, wenn er Leute wie Jacob Miller oder John Holt und andere Reggae-Größen abmischte. Den Legenden King Tubby und Lee Perry hatte er bereits in Ende der 1960er beim Musizieren und Produzieren über die Schultern geschaut. Bis in die 1990er Jahre tüftelte er an Dub-Sounds, die als erste Inspirationsquelle von vielen Produzenten aus den Bereichen Dubstep, Reggae , HipHop, House und Elektro verehrt werden. Pablo gründete zwei legendäre Labels (Message/Rockers) und produzierte unter anderem auch Jacob Miller. Remastered erscheint nun eine 22-Stück-starke Auswahl dieser Session und eine feine 7inch-Box (7x45s) über Greensleeves Records. Der Untertitel „The Classic Augustus Pablo Sessions 1974-75“ besagt es: hier gibt es 12 Gesangsstücke, von den Originaldubs aus der sagenumwobenen Rockers All Stars/King Tubby-Stube. Diese zeitlose Schönheit aus der Reggae-Historie beinhaltet auch ein detailverliebtes Booklet mit Infos des Reggaegurus Harry Wise. Sunshine!

Interpret: Michael Kiwanuka
Titel: Love&Hate
Label: Universal
Format: Vinyl, CD, Digital

Als der junge Londoner im Jahr 2012, sein Debütalbum „Home Again“ veröffentlichte, war die Welt sich merkwürdig einig darüber, dass dieser Songwriter die Wärme des klassischen Soul der 1970er zurückbrachte. Nach den Lobpreisungen, guten Verkaufszahlen und einem begeisterten Publikum zog sich der introvertierte Songschreiber zurück. Nun erscheint seine neues Album namens „Love&Hate“, mit dem er seinen Erstling an Eindringlichkeit und Intensität toppt. Die neue LP ist ein mutiges Statement und ein tiefer Einblick mit detaillierter Beschreibung eines seelischen Zustandes mit einem schönen Spiegel der Zivilgesellschaft. Der Engländer mit den afrikanischen Wurzeln wird wahnsinnig persönlich. Er ist wie auf „Home again“ gesegnet mit extrem gefühlvollen Momenten. Kiwanuka ist aber auch bereit progressiver Elemente in seiner Musik zu integrieren. Das dokumentieren die massiven Soul-Produktionen. Dabei zieht er auch die richtigen Knöpfe. Die Referenzen zu Black Panther-Bewusstsein ( „Black Man In A White World“) deutet er nicht nur an. Hier ist jemand bereit den dazugehörigen neuen Ausrichtungen (Flying Lotus, Kendrick Lamar, Kemashi Washington, D‘angelo) und Formationen ein elementares Stück hinzufügen. Der kompromissloser , aufrüttelnder und abwechslungsreicher. Inflo und Brian Joseph Burton (Danger Mouse, Gnarls Barkley) führen das musikalische Erbe vergangener, reichhaltiger Epochen in die Moderne. Das ist sehr wahrscheinlich DAS Album des Jahres.

Interpret: Pink Floyd
Titel: Alles
Format: Vinyl

PFRLP3_More---Pink-Floyd-MuDer Markt scheint das Flehen der Fans erhört zu haben. Das ist eine Nachricht, die die Welt der Vinylliebhaber die Euphorie in die Knochen jagen wird. Am 3. Juni 2016 werden Pink Floyd Records mit der Wiederveröffentlichung des gesamten Katalogs der Kult-Rockgruppe auf Schallplatte zum ersten Mal nach über 20 Jahren beginnen. Die ersten vier Alben werden „The Piper At The Gates Of Dawn“, „A Saucerful Of Secrets“, der Soundtrack zum Film „More“ und das Doppelalbum „Ummagumma“ sein. Und das ist nur der Anfang. Im Laufe des Jahres werden dann auch die anderen Werke der 1965 gegründeten Gruppierung, die mit ihrem Sound, ihrer dazugehörigen visuellen Umsetzung der Cover und Bühnenshows eine völlig neue Kunstform förderten. Die Briten begeisterten Millionen von Menschen mit ihrem neuartigen Stil von LSD-angetriebenen psychedelischem Rock sowie experimentellen Elementen aus Klassik, Blues und Jazz. Interessant zu hören ist, dass der Einfluss des Bandgründer, Leadgitarrist und Sänger Syd Barrett auf den ersten beiden Alben sehr massiv war und nach dessen Ausstieg ein komplett neuer Wind durch die Produktionen des 3. und 4. Album wehte, ohne dass die Band ihr Branding verlor. So sieht man an den ersten vier Werken die wundersamen Kreativprozesse der Masterminds Barrett und Gilmour im
Vergleich. Mit diesen 4 Alben prägten Pink Floyd den Sound Ende der 1960er die surrealen Drogenfantasiegeschichten untermalte, esoterische und fernöstlich-religiöse Sehnsüchte weckte und alles bisher Dagewesene revolutionierte.

 

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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