Beatcorner 2.0: Juni 2017

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Im Filmbusiness entstand der Begriff „Blockbuster“ – ein aufwendig produziertes Werk, dass Millionen von Menschen bewegen soll. Oft verbindet man damit opulente High-Tech-Abenteuer wie Jurassic Park oder Transformers – denen es oft an Tiefe fehlt. Gibt es Blockbuster auch im Hip-Hop? Jay-Z und Kanye West haben definitiv schon einmal mit „Watch the Throne“ präsentiert und damit bestens unterhalten. Alben von Lil Wayne, Puff Daddy oder Rick Ross hatten diese Massenwirkung auch schon. Gibt es diese Blockbuster wirklich noch, oder hat sich das Game verändert? Es gibt einige Beispiele dafür, dass es die Heads nach mehr Tiefe und weniger plakative Mainstraim-Anbiederungen sehnt und man dafür auf klassische Hitsingles/Clubbanger verzichtet. Die hervorragenden Alben von Joey Bada$$, J. Cole und Kendrick Lamar haben es bewiesen – und sind trotzdem erfolgreich. Wie ist das eigentlich in anderen, artverwandten (Sub-) Genres? Wer sind die eigentlichen Stars in einem gänzlich unkalkulierbaren Bereich wie Jazz, Afro, Funk, Latin oder Soul? Sind die Leuchttürme nicht die Labels, die die Fans regelmäßig mit Entdeckungen von unschätzbaren, individuellen Wert versorgen? Ich sprechen von Strut, BEE Music, Soul Jazz Records, Honest Jons, Ubiquity, Tramp, Sonar Kollektiv, Melting Pot Music, Agogo, Analog Africa, Favourite Records, Luv N Haight / Crowne Records, Mr. Bongo, Daptone Records, VampiSoul oder Hot Casa. Blicken wir also auf die großen, künstlerische, hochwertigen Werke dieser Imprints – die Vinylveröffentlichungen auch in Zeiten hochhielten, in denen Vinyl nicht so hip war wie heute.

Interpret: Various
Titel: Boombox II
Label: Soul Jazz Records
Format: Vinyl, CD, Download

Mit der Netflix-Serie „The Get Down“ hat sich das Interesse an den Anfängen zwischen Funk, Disco und sozialen Notstand im New York der 1970er Jahre erhöht. Das britische Vorzeigelabel Soul Jazz Records (nicht vom Labelnamen irritieren lassen) nun eine weitere, sehr detailliert recherchierte und zusammengestellte Compilation veröffentlicht, die sich erneut dieser Thematik widmet. Nachdem 1979 „Rapper’s Delight“ um die Welt ging und der Restweltbevölkerung erklärte was Hip-Hop ist, gab es gerade im Big Apple eine unüberschaubare, kreative Masse an Künstlern, Gruppierungen und Labels, die HipHop definierten – ohne große Aufmerksamkeit außerhalb der Stadt die niemals schläft zu erhaschen. Dieser Sampler ist auch ein Homage an die Vergessenen – an jene, die Hip-Hop in ihrer Geburtsstätte mit Euphorie und unwahrscheinlicher Kreativität den Weg ebneten, ohne jemals dafür die nötigen gebührend geehrt zu werden. Der Weg zu einem besseren Leben war der Traum vieler dieser Pioniere – die Wenigsten schafften den Sprung. Selbst die ehrwürdigen Gründungsväter wie Theodore, Caz oder Herc konnten nicht wirklich davon im materialistischen Sinne reich werden. Bambaataa und Flash sind zwei Ausnahmen. Allein 1979 erschienen über Independent-Labels noch über 30 Hip-Hop-Singles aus NYC, denen wiederum 100 weitere 1980 folgten. Gerade in Harlem gab es große Aktivisten wie Paul Winley, Peter Brown oder Joe Robinson – die versuchten das was auf den Straßen pulsierte, auf Vinyl zu transportieren. Hier verschmolzen Disco & Rap und das „Schmuddelkind“ wurde durch Leute wie DJ Hollywood und den ersten Vinylpressungen in die Tanzhallen getragen. Das hier ist eine wundervoll aufbereitete Geschichtsstunde auf einer dreifach-Vinyl.

Interpret: Orchestra Soledad
Titel: Vamonos
Label: BBE Music
Format: Vinyl, CD, Digital

BBE hat die Kooperation mit Chefdigger Amir vertieft und dessen Fachwissen über Latin Grooves für weitere Veröffentlichungen genutzt. Nach dessen überragender „Buena Musica Y Cultura“ Compilation geht die Suche nach verschollenen Salsa-Schätzen aus den 1960ern und 1970ern weiter. „Vamonos“ war das erste und leider auch einzige Album der Kombo Orchestra Soledad aus dem Süden Brooklyns. Das seltene Juwel wurde 1970 veröffentlicht – jedoch nur in kleinster Auflage auf dem Chicagoer Futuro Label. Über einem Plattenladen in NYC konnte DJ Amir den Bandleader Hector Ramos ausfindig machen. Dieser war sehr froh darüber, dass BBE-Labelhoncho Peter Adarkwah und DJ Amir die Lizenz für die Wiederveröffentlichung wollten. So kommt die wundervolle Latin Groove-Perle doch noch zu etwas mehr Aufmerksamkeit – die Zutaten des damals typischen Mischmaschs aus schwarzem Jazz, Funk, Soul und traditionellen Sounds der Latin-Migrantenbarrios ist hier in jedem Ton zu hören – und es ist kaum zu verstehen warum sie nie den Status von Joe Bataan, Tito Puente oder Hector Lavoe erreichen konnten.

Interpret: Nautilus
Titel: Nautiloid Quest
Label: Agogo Records
Format: Vinyl, CD, Digital

Welche vorzügliche Irritation. Eine japanische Jazzfunk-Kapelle spielt „Tom’s Diner“. Wer ist das? Warum machen die sowas? Warum ist das auch noch richtig geil? Die Erklärung liegt darin, dass Agogo Records noch nie eine schlechte Platte veröffentlicht hat. Welch ein Branding / Reputation hat eigentlich dieses Label aus Hannover inzwischen! Wow! Sie hatten mal wieder den richtigen Riecher und ihre Fühler in die richtige Richtung ausgestreckt. Das japanische Trio war bisher nur in Asien einige Insidern bekannt. Dort wurden bisher zwei Alben veröffentlicht und ein paar Singles. Was hinter diesem kleinen Untergrund-Vibe ist eine großartige Mixture aus sauber und druckvoll produziertem Jazzfunk mit den lockeren Einflüssen aus Disco, HipHop, Soul und der Liebe zu der Rare-Groove-Soundästhetik der 1970er eine Roy Ayers. Nicht zufällig verneigen sie sich vor den Großtaten von Gil-Scott Heron, Bob James oder Cymade und den aus dem Samples resultierende Verlinkungen zu Wutang, oder A Trive called Quest. Man sollte dieses Album diesen Sommer unbedingt entdecken – es lohnt sich!

Interpret: Various
Titel: Pop Markossa
Label: Analog Africa
Format: Vinyl, CD, Digital

Ein Label, das hier sträflich vernachlässigt wurde ist Analog Africa. Am 16. Juni 2017 veröffentlicht das umtriebige Imprint seine 23. (!!!) Compilation. Und dieses Release hat es in sich und man darf sagen, dass sie mit dieser Zusammenstellung über sich hinausgewachsen sind. Für „Pop Markossa“ hat sich Recherche-Experte Samy Ben Redjeb gemeinsam mit Co-Compiler Déni Shain mehrfach auf die Spurensuche nach Kamerun begeben – auf der Fährte von legendären Musikern und Produzenten wie Bill Loko, Eko Roosevelt, Mystic Djim und Pasteur Lappé. Das Resultat liegt hier endlich vor: eine Compilation voller sommerlicher Dancefloor-Anthems, unglaublicher Bassläufe und einer besonderen musikalischen Mischung aus Merengue, High-Life, Rumba, Congolaise Funk und Disco – die als „Makossa“ zur Legende wurde. Es gibt kaum ein Label, welche akribischer und aufwendiger jene Musik ausgräbt, die selten über die Landesgrenzen ihrer Herkunft veröffentlicht oder wahrgenommen wurde. Der Sommer kann kommen.

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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