Beatcorner 2.0: Juli 2017

Ihr könnte das überragende neue Snoop Album mit der Westcoast-Nostalgia pumpen oder den letzten Marc Hype x Dusty Donuts – Mix feiern oder die beseelten, schön dreckigen House&RareGroove-Hybride von Moodyman mal wieder ausgraben. Oder doch die exquisit-verkiffte-Eklektik-Show auf der legendären K&D-DJ-Kicks mal wieder auflegen? Für den Soundtrack des Sommers gibt es bei jedem Musikliebhaber die individuellen Wünschen und Rituale. Alternativen Neues auf schwarzem Gold zu entdecken gibt es zu Hauf. Die heißen Monate brauchen heiße Rhythmen für laue Sommernächte? Warum nicht! Wer schon einmal ein Live-Set von Will Holland oder J Rocc hören durfte, weiss genau, dass im Sommer Rare Groove aus den Bereichen Jazz, Funk, Afro und Soul sowie Latin, Cumbia und Reggae immer eine angenehme Alternative / Ergänzung zur elektronischen Dominanz sind. Der Schallplattenmarkt bietet hierfür auch diesen Sommer wieder eine ganze Palette an vorzüglichen Releases.

Interpret: Robson Jorge & Lincoln Olivetti
Titel: Robson Jorge & Lincoln Olivetti
Label: Mr. Bongo
Format: Vinyl

Vor zwei Jahren erschien auf dem französischen Liebhaberlabel Favourite Records eine fantastische Zusammenstellung von Disco-Boogie-Perlen, die Anfang der 1980ern in Brasilien entstanden sind. Es folgte ein weitere, überragende Compialtion auf Cultures of Soul namens „The Brazilian Boogie Connection“. Beide Sampler dokumentierten hochwertig produzierte Boogie-Tunes des auslaufenden Disco-Zeitalters – welche die Produktionen der blühenden südamerikanische Szene wieder zurück in die Erinnerung rufen und aufzeigen, dass Brasilien nicht nur auf das Land des Samba und Bossa Nova reduziert werden kann. In jener Zeit entstanden auch kleine Meisterwerke, die den Weg nach Europa sonderbarer Weise nicht schafften und erst später zu Ruhm und Ehre kamen. Lincoln Olivetti arbeitete bereits in den ganzen 70ern mit angesehenen Freigeistern wie Marcos Valle, Tim Maia oder Gilberto Gil zusammen und sog jegliche Arten von Einflüssen auf. Diese transportierte er gekonnt in seine eigenen Kompositionen – so auch in das wundervolle Kooperationsalbum mit Robson Jorge. Hier gibt es slappigen Prince-Funk, typisch-harmonische Mid-Tempo-Niceness und die Leichtigkeit der latinesken Traditionsverbundenheit zwischen den 80s-Drums und markanten Synthies. Das 1982 veröffentlichte Werk findet nun als Re-Issue seinen Weg in den Rest der Welt. Mr. Bongo hat mal wieder die richtigen Archive gefunden und geöffnet. Was für eine großartige Scheibe.

Interpret: Bei Bei & Shawn Lee
Titel: Year of the Funky
Label: Legere Recordings
Format: Vinyl, CD, Download

 

Das Genie des Multiinstrumentalisten und Produzentengurus Shawn Lee ist hinlänglich bekannt. Große Popkünstler wie Amy Winehouse, Robbie Williams und Kelis holten sich bereits seine Hilfe bei den Albumproduktionen. Seine Soundtrackkompositionen für Werbefilme oder Filmmelodien (House of Cards, Orange ist the new Black) haben ihn über die Grenzen Kaliforniens bekannt gemacht. Das Interessante ist an dem umtriebigen Künstler ist, dass er immer wieder eine neue Facette von sich gezeigt, wenn er seine Werke über Ubiquity Records veröffentlichte und jedem Werk sein Branding hinterläßt. Dieser Mann geht entschlossen seiner Vision eines ganz bestimmten Sounds nach – das darf Blue Eyed Soul, Disco, Funk, Jazz oder Latin- inspiriert sein. Die Variablen verschiebt der Meister spielerisch und immer wieder sehr spannend. Auf seinen spirituellen Reisen durch die Welt auf der Suche nach Inspirationen ist ihm vor fast 10 Jahren eine chinesische Guzheng-Spielerin begegnet. Mit der aufgeschlossenen Traditionalistin formte Lee einen Sound der jenseits der oberflächlichen Asia-Fusion-Entwürfe liegt. Das über 2000 Jahre alte Instrument kann durchaus psychedelische und funkige Ausläufer in seinem Spiel haben. Diese Ausläufer werden mit Hilfe des Masterminds Shawn Lee in unterschiedlichen Tempi ausgelotet. Die Liebe zum improvisierten Jazz und die Offenheit gegenüber elektronischen Experimenten nutzte die beiden zu einer sehr spannenden Kooperation. Auf dem neuen Album „Year of the Funky“ haben die beiden ihren Höhepunkt auf den Uptempo-Stücken, welche an futuristische Italo-Western-Soundtrack erinnern wie einst die Verschmelzungen von Ennio Morricone und den dopen Beats im Terranova Remix von 2001 erinnern.

Interpret: Gyedu-Blay Ambolley
Titel: Ketan
Label: Agogo
Format: CD, Vinyl, Digital

Es wird auch mal wieder Zeit auf die polyrhythmischen Schönheiten im Afrobeat hinzuweisen! Die Highlife-Legende aus Ghana ist mit 30. Alben einer der produktivsten und bekanntesten Künstler. Ambolley zelebriert den klassischen Highlife-Sound der afrikanischen Westküste, der sich seit den 60er Jahren regelmäßig weiterentwickelt. Hier verbinden sich die fiebrige traditionelle Mischung mit Spielereien aus dem amerikanischen Jazz und des roughen Funks der 60er Jahre. Dieser Sound war die Ausgangsbasis für den Afrobeat, der durch Fela Kuti und Tony Allen später um die Welt ging und als revolutionäre Klangteppich für die Resistance-Texte galt. Sekondi-Takoradi an der Atlantikküste ist die drittgrößte Stadt Ghanas. Hier, im Viertel Ketan, wurde Ambolley im Jahr 1947 geboren. Mit acht Jahren brachte er sich selbst das Flötespielen bei, später unterrichtete ihn sein Onkel an der Gitarre. Als Teenager lauschte er regelmäßig der Radiosendung „Voice Of America Jazz Hour“. Jimmy Smith, James Brown, John Coltrane und Miles Davis inspirierten Ambolley dazu, sich selbst als Bandleader zu versuchen und sein Talent an mehreren Instrumenten zu perfektionieren. Er gehört inzwischen zu den wichtigsten Pulsgebern des Highlife-Sounds.

Interpret: Various
Titel: Saigon Supersound
Label: Infracom
Format: Vinyl, Digital

Lange hat man bei Infracom recherchiert. Und akribisch hat man gearbeitet. Das Resultat ist atemberaubend. Wieder einmal haben sich die Gräber der verlorenen Schätze aufgemacht und fast vergessen Soundwelten zu durchforsten und etwas zu Tage zu führen, was vielen Menschen auf der Welt bisher gänzlich unbekannt war. Labelchef Jan Hagenkötter des Frankfurter Liebhaberimprints hat sich mit einer Epoche von funkigem Sound aus Südostasien beschäftigt. Speziell geht es hier um die vietnamesischen Rare Grooves aus den Jahren 1965 bis 1975, die in dem während es Krieges mit den USA entstand und bis heute dort als „Golden Music“ bezeichnet wird. Hier verschmolzen südostasiatische Klangtraditionen mit der westlichen Popkultur zwischen Jazz, Funk, Rock und Disco. Die meisten Veröffentlichungen gab es damals nur auf 7inch Vinyl oder auf Tape. In dem beiliegenden Booklet wird die Geschichte der „Golden Music“ detailverliebt aufbereitet. Bei all den wundervollen Compilations, die in all den Jahren über BBE, Soul Jazz Records, Strut oder anderen Labels veröffentlicht wurde, ist das hier sicherlich eine der Brillantesten. Und tanzbar ist das 19-Stück starke Teil dazu!

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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