Beatcorner 2.0 Juli 2016

Welche Platten braucht man unbedingt im Hochsommer? Zwischen aktuellen Future Bass-Experimenten und Über-Platten von Blume und Kaytranada gibt es noch feinen Laid-Back-HipHop-Beats mit Westcoast-Anleihen, dreckige Afro-Edits oder bluesigen Modern-Funk, housigen Disco-Sweeties oder Gipsy Brass-Wahnsinn gibt es genügend Angebote sich die heißen Monate musikalisch zu versüßen. Der Weg zum Plattenhändler deiner Wahl lohnt sich diesen Sommer besonders. Die Vielfalt auf Vinyl ist wahrlich zurück – nachdem man viele Jahre sehr viele Veröffentlichungen nur auf CD bekam. Let the good times roll.

Interpret: Suff Daddy
Titel: Bird Songs
Label: Jakarta Records

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Was für eine Übernummer hat der Beatbastler bitte da mit Mayer Hawthorne gebastelt? „Paper Proclamation“ ist ein funkiger Modern Soul-Shaker mit weichem Discosound und ist auch ganz wunderbar mit dem Westcoast-Funk und der 80s-Synthie-Liebe eines Dam Funk zu verbinden. Dieser Song wird Suff Daddy eine internationale Wirkung schenken, die sich bereits auf seinem dicken Remix für „Crime“ (mit Kendrick Lamar) vor über zwei Jahren schon andeutete. Interessant ist, dass diese Kollaboration mit dem Stones Throw-Crooner aus Cali eine klassische Single ist und trotzdem nicht wie ein Fremdkörper auf dem Album mit klassischen Suff-Daddy-Instrumentals wirkt. Dexy aus Stuggi, Brenk aus Wien und Suff Daddy haben sich nicht nur als Betty Ford Boys und ihren MPM-HiHat-Club-Beiträgen einen Namen als die Beatmaker gemacht, sondern auch diese Kultur in der Tradition von Krush und MoWax in Europa etabliert. Das dritte Werk von Suff Daddy atmet entspannt den Funk und liebt die Spielereien mit Synthie-Pop, die alle immer noch das klassische Suff Daddy-Branding haben. Suff liefert mal wieder perfekten instrumentalen und gänzlich unspektakulären, sehr gehaltvollen Hip-Hop ohne Rap. Mach dir einen Cuba Libre und setzt dich auf die Veranda, Digga.

Interpret: Various
Titel: Disco 2.0
Label: We Want Sounds

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DJ Harvey, Gilles Peterson, Jazzie B, Joey Negro, Dimitri from Paris – die Liste könnte man ewig weiterführen. All diese Ikonen, die rund um den Globus jetten und die Leute als Plattenleger unterhalten, sind schon lange im House-Kosmos unterwegs, tragen aber immer noch hörbar den originalen Discosound in ihrem Herzen. Die regelmäßige Rückbesinnung auf die Wurzeln der Dance Music ist ein Ritual, welches sicherlich nicht als Phänomen bezeichnet werden kann. Es spiegelt vor allem die tiefe Verbundenheit zu den New Yorker Anfangstagen, als David Mancuso, Nicky Siano und Larry Levan die Welt mit ihrem Sound prägend veränderten. Disco war nie wirklich tot. Erneut erheben sich junge Produzenten aus den unterschiedlichsten Ecken der Erde und formen eine disco-inspirierten Sound, der sich an Altem orientiert, jedoch nicht kopiert. Zwischen Paris, Melbourne, Berlin und Athen entstehen täglich neue Disco-Visionen. Angeführt vom großen Todd Terje gibt es auf „Disco 2.0“ einen wunderbaren Überblick auf die internationalen Triebtäter dieser neuen Welle. Das funkige „Secrets in the dark“ (von Monika) oder das wundervoll-erneuerte „Sounds of Inner City“ (Mary Hartman) sind Tanzgarantien – nicht nur für heiße Sommernächte. Dass die Disco-Edits-Genre-Helden Onur Engin oder The Reflex nicht dabei sind, ist dabei etwas schade. Sie hätten es auch verdient, hier vertreten zu sein. Top Notch!

Interpret: Shirley Davis
Titel: Black Rose
Label: Tuxcone Family

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Das spanische Label Tuxcone Family ist die Heimat einer großen Musikerfamilie und hat sich den Soul der 60s und 70s als Zentrum ihres Schaffens auserkoren. Wie passend ist hier, dass die gebürtige Engländerin Shirley Davis schon sehr früh als Backgroundsängerin für Wilson Pickett auf der Bühne stehen konnte. Es folgte der Einstieg bei der australischen Kapelle „Deep Street Soul“ und Auftritte mit der James Brown-Gespielin Marva Whitney, der Daptone-Queen Sharon Jones und den japanischen Deepfunkern Osaka Monaurail. Begleitet wird die Frau mit der kräftigen Stimmgewalt von The SilverBacks, sie sind die Hausband von Tuxcone. Sie haben den Soul zu neuem Leben erweckt, und ihr Instrumental ist inzwischen die Erkennungsmelodie des Labels geworden. Alle Mitglieder der SilverBacks sind in der Soul-Szene bestens bekannt und gehören zu den renommiertesten Musikern Spaniens: Eduardo „Duduman“ Martínez (Gitarre), Jorge Suárez „Canario“ (Schlagzeug), Lucas „Duplash“ Duplá (Klavier und Orgel) und Diego “Comandante“ Miranda (Bass). Die Bläser sind die Roaring Tigers Brass: Aarón Pozón am Saxophon und Javier Martínez an der Trompete. Die Langrille „Black Rose“ überzeugt durchweg als leidenschaftliches Appell an das Leben und die damit verbundenen Höhen und Tiefen – was dieses Album inhaltlich an die Musik ihrer Vorbilder (Whitney, Jones) aus der Neuzeit und der goldenen Vergangenheit (Redding, Pickett, James) bindet. Von dieser Frau wird man noch vieles Gutes hören.

Interpret: FANFARE CIOCARLIA
Titel: 20
Label: Asphalt Tango

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„Radio Passani“ hieß die erste Veröffentlichung der Kapelle aus Rumänien. Seit 20 Jahren ist die wohl beste Gypsy Brass Band der Welt nun aktiv und rund um den Globus unterwegs. Die meiste Mucke dieser erfolgreichen Gruppe erschien bisher auf CD oder Digital. Die treue Fanggemeinschaft der Kombo appellierte die letzten Jahre immer wieder, man möge doch bitte die alten Releases wieder veröffentlichen und das Ganze endlich auch auf schwarzes Gold pressen. Beide Wünsche wurden nun vom Berliner Stammlabel Asphalt Tango erhört. Die Faszination für die Musik dieser kann man immer wieder neu entdecken. Diese Entwicklung und Lust an ihrem Werk, ja ihrer Vision, ist nun auf der Doppel-LP sehr gut dokumentiert. Hier hört man Stücken aus den frühen Tagen der Band – ihren ersten fünf Alben. Im Nordosten des Ostblocklandes mit den Kaparten entdeckte sie vor 20 Jahren ein Leipziger Toningenieur und war schnell angesteckt von der Magie und Energie der Roma-Blaskapelle. Der Legende nach wurde jener Henry Ernst von der Wucht dieser Fanfare Ciocalia so umgehauen, dass er schleunigst dafür sorgte, dass diese Jungs dem Rest der Welt vorgestellt werden. Die Dynamik und Geschwindigkeit, die die 12-köpfige Kapelle den Zuhörern um die Ohren ballerte, machte Balkan Brass modern und veränderte das Bild des verstaubten Traditionssounds – noch lange bevor La Brass Banda von Bayern aus Europa begeisterten. Blasmusik war plötzlich auch außerhalb von New Orleans funky und schweißtreibend – aber auch explosiver und experimentierfreudiger als je zuvor. Mit den Einflüssen des fernen Orients und Lateinamerikas öffneten sie viele Türen und basteln seit 20 Jahren an ihrer Vision des Balkan Brass Sounds.

Interpret: Various
Titel: Venezuela 70
Label: Soul Jazz Records

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Es ist unfassbar, wie das britische Label Soul Jazz Records immer wieder überragende Compilations veröffentlicht! Auf der neuen Veröffentlichung blickt das Label speziell auf eine Epoche experimenteller Sounds aus Südamerika. Im nördlichsten Teil des Kontinents, gelegen zwischen Kolumbien und Brasilien, entwickelte sich in den 70ern ein spannendes Gemisch aus Jazz, Rock, Funk und latinesken Elementen. Der fortschrittliche, demokratische Staatsapparat förderte kulturelle Entwicklungen und verhalf auch der Musik zu einer künstlerischen Hochphase. In der wirtschaftlich, politisch und kulturellen Blütezeit entstand dieser spezielle „Cosmic-Rock“, der sich seine Einflüsse aus dem Santana’schen Welterfolg und den Chicago-Rockern genauso zog, wie aus den Experimenten mit fortschrittlichen elektronischen und jazzigen Sounds – ohne seine Wurzeln der latinesken Rhythmen zu verleugenen. Man arbeitete an einer neuen kulturellen Identität – wie es Ende der 60er die Resistance-Bewegung der Tropicalia auch taten. Was zu dieser Zeit in deutschen Landen Gruppierungen wie CAN, AMON oder DUUL entwickelten, kann man durchaus analog sehen. Hier riss man bestehende Strukturen absichtlich ein, um die beim Aufbau neu zu definieren und fusionieren. Was man hier auf 16 Tracks hören kann, ist atemberaubend und fast alles bisher außerhalb von Venezuela nicht veröffentlicht worden. Auch wenn der geschätzte Chef-Freidenker LeFto mehrfach jetzt propagiert hat, dass persischer Rare Groove der heiße Scheiße sei, wird er womöglich schnell seine Meinung ändern, wenn er diese abgefahrenen Sounds hören wird.

Interpret: Aaron Neville
Titel: Apache
Label: Tell it Records

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Aaron Neville, eine Ikone. Er nimmt, und das ist nichts als die Wahrheit, seit über 50 Jahren Musik auf. Vornehmlich macht er das ziemlich funky mit seinen Brüdern. Wenn er nicht funky so unvergleichlich croonte, dann sang er schmalzige Balladen. Auf seinem neuen Werk „Apache“ unterstreicht er, dass er diese Engelshymnen mit diesem dreckigen Funk verbinden kann. Angetrieben dazu haben ihn zwei junge Soul&Funk-Triebtäter der Renaissance/Retro-Soul-Bewegung, Erik Krasno (Soulive) und Dave Gutter (The Rustic Overtones). Das Resultat ist mehr als respektabel. Der New Orleans Funk der Neville Brothers ist legendär und immer noch hörbar. Die Liebe zu dramatischen Balladen wurden damit untermalt. Von einer Neu-Erfindung des ehrwürdigen Sängers ist nicht die Rede – eher von einer Motivation, neue und alte Weg zusammenzuführen. Es ist immer noch dieser süße Soul des Südens den Sänger vertieft und durch seiner Lebenserfahrung authentischer Macht. Huldigte er auf seinem 2013er Solowerk noch den Doo-Woop mit wunderschönen Coverversionen, ist „Apache“ so etwas wie eine Autobiographie mit dem Besten von sich selbst geworden. Der Mann war mit Otis Redding auf Tour in den 1960ern – ein Ereignis, welches er in seiner Musik heute noch genauso verarbeitet wie der Hurricane Katrina, der seiner Heimat und großen Liebe New Orleans so zusetzte. „Apache“ wird sicherlich nicht irgendwann mit Klassikern von Dr. John oder Irma Thomas genannt werden – aber es tut verdammt gut. Also, legt das Teil auf wenn es nachts noch über 30 Grad hat und setzt euch mit einem Kaltgetränk auf die Veranda.

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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