Beatcorner 2.0 August 2015

Hört, hört! Die Beatcorner-Kolumne kommt jetzt digital. Nein, nein! Wir werden jetzt nicht anfangen über die Vor- und Nachteile der Mp3 zu sprechen. Wir werden von nun an, ergänzend zum Printmedium, monatlich eine Netzversion raushauen. Hier bekommt ihr weiterhin Anregungen zum Plattenkauf. Es geht auch weiterhin um unser favorisiertes Medium und der ganzen Sozialromantik um das Vinyl herum. Warum? Weil wir das Kulturgut Schallplatte auch weiterhin lieben und für wertvoll halten. Seid euch gewiss: Hier werdet ihr regelmäßig über Re-Issues, Edits, Klassiker, 45s und sonstige Errungenschaften informiert. Dabei nehmen wir die Wurzeln der HipHop-Kultur in all ihren Facetten zwischen Jazz, Funk, Soul, Disco und Reggae unter die Lupe und werden auch weiterhin den Blick über den Tellerrand in die Subgenres, über die Visionen und Spielereien kreisen lassen.

Neu bei uns ist: SUCK MY DIG! Empfehlen ersetzt nicht (ganz) das selbst „Diggen“ in den Plattenläden dieser Welt. Viele Hände graben mehr als meine zwei! Nach diesem Motto wollen wir nun die Aufmerksamkeit auf bestimmte Fundstücke des schwarzen Goldes für die Öffentlichkeit multiplizieren.
Wenn ihr eine Scheibe als wirklich besonders erachtet und diese Entdeckung mit anderen teilen wollt, dann schickt uns eine Mail – und wir werden diese Scheibe in die Beatcorner integrieren. (beatcorner@backspin.de)

 

Be WareJr.Thomas & The Volcanos – Be Ware

Label: Truth & Soul

Format: Vinyl

Es ist August und in Deutschland geht der Thermometer oft über 35 Grad. Es ist also Zeit die Sommerscheiben zu sichten. Ein wundervolles Werk kommt von Junior Thomas, einem Songwriter, Musiker, Sänger und Produzent aus Minneapolis! Sehr früh entwickelte er eine aufrichtige Hingabe zu klassischer jamaikanischer Musik und hörte Dave Becker, The Wailers, Phyllis Dillon und Alton Ellis. Nach diversen Unterhaltungen mit dem Reggae-Produzenten Brian Dixon stellten beide fest, dass sie auf der gleichen Wellenlänge sind. Thomas kreuzte schließlich in Dixons Volcano Lounge Studio in Los Angeles auf und schon ein paar Wochen später waren sie bereit aufzunehmen.Die Volcanos sind ein Kollektiv von Musikern aus South Carolina, spezialisiert auf den Sound der Goldenen Ära jamaikanischer Musik – diese holte Thomas sofort ins Boot um seine Vision umzusetzen. Die Mitglieder der Volcanos haben mit zahllosen Reggae-Legenden gearbeitet, insbesondere wäre da das mit einem Grammy ausgezeichnete Album „Rebirth“ von Jimmy Cliff zu nennen. So gibt es auf „Be ware“ eine sehr geschmackvolle Geschichtsstunde in Sachen oldschooligem Reggae-Sound. Laid back and enjoy!

 

Black SugarThe Moonfires – Black Sugar

Label: AIDente

Format: Vinyl

Der Multiinstrumentalist und Alleskönner Alex Puddu ist der breiteren Masse kein Begriff. Das ist eigentlich eine Schande, weil dieser Typ einfach alles kann und scheinbar auch umsetzt. Latin Soul-Legende Joe Bataan holte ihn für sein letztes Album ins Studio. Danach beschäftigte sich Puddu mit den Soundtracks nordeuropäischer pornografischer Filme der 1970er und erneuerte den Vintage-Easy-Listining-Sound auf unverkennbare Weise. In seinem neuen Projekt „Black Sugar“ definiert er Soulmusik in feuriger Kombination von Jazz, Afro und Latin neu. Nun hat der Skandinavier mit seiner neuen Gruppe, The Moonfires, ein knackiges Afrofunk-Feuerwerk aufgenommen. Dabei orientierte er sich bewusst an den Blaxploitation-Soundtracks der 70er und meisterlichen Werken von Mandrill, Jimmy Castor Bunch, New Birth, The Esquires oder Fela Kuti. „Black Sugar“ ist ein spannendes Stück Musik geworden, dass förmlich danach schreit, bei der nächsten Party aufgelegt zu werden. It‘s just begun!

 

Beach DigginMambo & Guts present – Beach Diggin’ Vol. 3

Label: Heavenly Sweetness

Format: 3LP

Bis heute beschweren sich Vinyl-Sammler, dass von der ersten Ausgabe von “Beach Diggin’” kein Vinyl erschien, sondern nur eine CD. Der französische HipHop-Freigeist Guts ist ein begeisterter Sammler – speziell im Bereich der 45s diggt er mit Kumpel Mambo seit Jahren leidenschaftlich in den Kellern und Kisten der globalen Plattenläden! Die seltenen und oft limitierten Singles sichtet er auf der ganzen Welt. Auf seinen Reisen beschäftigt er sich mit allerlei Genres. Besondere Tiefe zeigen seine Crates in den Fächern Soul, Funk, Bossa, Jazz, Brazil, Disco und Fusionen aus alle jenen Einflüßen. Die ersten beiden Ausgaben dieser Compilationsidee boten wundervoll, geschmackvoll zusammengesuchte Sounds – die mit ihrer Leichtigkeit diesen einmaligen Vibe erzeugten, den man für eine gute Zeit am Strand braucht. Auch hier, auf der dritten Folge, schaffen die Jungs es hervorragend, karibische und latineske Rare Grooves mit dem jazzigen und lässigen Vibe aus Trinidad & Tobago, Guadeloupe, Jamaica, Kanada, den USA und Brasilien zusammenzufügen. Das ist alles so passend und so sehr geschmeidig und kann zu Recht in der Schwämme der Compilationsflut in Sachen Aufmachung, Selektion, Haptik und Ästhetik auftrumpfen – jedoch gibt es den Liegestuhl und die Flasche Zuckerrohrschnaps nicht dazu.

 

Protoje Ancient FutureProtoje – Ancient Future

Label: Baco Records

Format: Vinyl

Wir können bei Dancehall über Vybz Kartell und Koks auf Bildzeitungsniveau berichten oder uns einfach auf die gute Musik aus diesem Genre konzentrieren! Davon gibt es nämlich diesen Sommer viel. Zum Beispiel der vielseitig aufgestellte Protoje! Er veröffentlicht dieser Tage sein drittes Album und zeigt seine Bandbreite als Künstler wie nie zuvor. Auf „Ancient Future“ versteht er es musikalische Einflüsse aus verschiedenen Epochen zu vermischen. So hört man seine große Liebe für Retrosounds aus den 1970er und 1980ern, die er gekonnt mit aktuellen Dancehall-HipHop-Hybriden kreuzen kann. So ist die dritte Langrille auch ein Gesamtkunstwerk und Querschnitt durch jamaikanische Musikhistorie. Man kann den internationalen Lobhuldigungen der Experten wirklich folgen, wenn hier vom nächsten großen Star der Szene gesprochen wird. Protoje zeigt hier seine künstlerische Vielseitigkeit. Mit seiner Chronixx-Kollaboration „Who knows“ hat er eine perfekte, clubig-poppige Single am Start und zeigt mit einer überzeugenden Vorstellung, dass er die roughen Songs immer noch rockt und die Rocksteady-Songs fühlt und interpretiert, ohne altbacken zu wirken. Kein Zweifel: das ist Reggae/Dancehall-Album des Sommers 2015!

 

Hustling CultureThe Expanders – Hustling Culture

Label: Easy Star Records

Format: CD / Vinyl / Mp3

Aus Los Angeles kommt die Gruppe The Expanders. Innerhalb der letzten 12 Jahre haben die Kalifornier eine hervorragenden Ruf als Live-Kapelle erarbeitet. Sie spielen traditionellen Roots-Reggae mit dem verwechselbaren, warmen Vintage-Style – mit dem Bands wie The Mighty Diamonds oder The Ethiopians in den 1970ern zu Weltruhm kamen. The Expanders sind eine Bank. Kontinuierlich feilen sie an ihren Live-Qualitäten und versuchen immer wieder diesen Vibe auch auf Platten zu bringen. „Hustling Culture“ sind ein bewegendes Werk mit starkem Songwriting. Analog zu den großen Vorbildern sparen sie nicht mit sozial- und gesellschaftskritischen Inhalten und transportieren ihn auf ihre ganz eigene Art und Weise – verpackt in eine beseelten Reggae-Vibe mit der Affinität zum Ska und starken Afro-Einflüssen. Riot, Ganja, Love, Politics – die Themen werden einfach nicht alt. Deshalb ist diese Scheibe auch ein wahres Prachtstück.

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Phonk Ribery aka Peter Parker aka Peter Piper aka Phonk Sinatra aka Phonky Balboa schreibt seit über 15 Jahren über Musik. Er war u.a. tätig für das Uptown Strut Magazin, The Message, die Badische Zeitung, das Subculture Mag oder die Juice. Er ist Vinylist, Sammler, Schreiber, Plattenleger und seit einigen Jahren für die Kolumne Beatcorner in der Backspin zuständig. Neuigkeiten ballert er über www.1beat.de in die Blogosphäre. Hier und da sieht man ihn zwischen Straßburg, Basel, München, Köln und Freiburg auch an den 1210ern mit geschmackvollen Tunes zwischen Funk, Afro, Latin Grooves, Reggae, HipHop und viel Soul, wenn er nicht gerade Partys mit DJ-Legenden wie Marc Hype, DJ Lifeforce oder DJ Friction organisiert. Was ihn garnicht stört ist, dass man ihn als "Oldschool" beschimpft weil er Bücher, Printmagazine, guten Wein und Vinyl lieber mag, als Mp3s, Flatrate-Saufen und E-Books. Everybody, Mazeltov!

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