Balbina: „Die Musikindustrie in Deutschland ist ein Synonym für Kitsch“

Du hast mal über die Hip-Hop-Szene gesagt, dass du dich dort mit Fäusten reingekämpft und bewiesen hast..

(unterbricht) Ja, habe ich auch.

Musst du dich nun in der Pop-Welt beweisen und rebellisch sein?

In der Pop-Welt ist es wirklich sehr anders als in der Rap-Welt, in der auch der Fleiß und das Handwerk zählen. Da gibt es klare Parameter, nach denen du bemessen kannst ob du ein guter oder ein schlechter Texter bist. Klar wird viel gehatet, wenn es aggressive und progressive Punchlines gibt, aber nichtsdestotrotz passiert das auf einem inhaltlichen Niveau. Im Rap hat jeder seine Existenzberechtigung. Eine Schwesta Ewa hat genauso eine Existenzberechtigung wie ein Prinz Pi, ein Ahzumjot oder ein Casper. Es gibt jegliche Facette und niemand sagt: „Das passt nicht in die Branche rein.“ Es geht einfach um Charaktere und deren Exekution der Texte. Im Pop ist so, dass oftmals nach Schemen gearbeitet wird. Wenn du da von den Medien, dem Radio oder der Branche unterstützt werden möchtest, musst du immer eine bestimmte charakterliche Voraussetzung erfüllen – also ein bestimmtes Image haben. Wenn du dich dem beugen würdest, wärst du krass limitiert. Das ist sehr schade und nervt mich total. Ich muss alles, was ich tue, rechtfertigen, begründen und mich dafür verteidigen, was ich so mache. Im Rap kannst du einfach ein Charakter sein und haust deine Tracks raus, ohne jedes Mal erklären zu müssen – nehmen wir mal Schwesta Ewa – warum du als ehemalige Prostituierte rappst. Das muss sie dann nur bei Boulevard-Magazinen oder Talkshows erklären, nicht aber im Rap.

 

Hättest du ohne Rap-Sozialisierung dasselbe Selbstbewusstsein?

(überlegt) Ja, was heißt Selbstbewusstsein? Das hatte ich damals auch schon irgendwie, weil man sich ja schon durchsetzen musste. Dadurch, dass ich auch mit vielen Rap-Artists auf Tour war, habe ich ein Selbstverständnis bekommen, das ich so nicht gehabt hätte. Ich war auf Rap-Touren, wo ich teilweise vor 6000 Leuten stand und mich niemand sehen wollte. Trotzdem habe ich meine sechs Tracks durchgespielt obwohl Pappbecher flogen. Das ist einfach diese Schule, dass man dazu steht, was man macht – egal was kommt. Das hättest du im Pop nicht haben können.

Zu dieser Attitüde gehören aber ja auch breite Schultern, ein gewisses Außenseiter-Gefühl und Unangepasstheit. Ich meine, auf welcher deutschen Pop-Platte wird schon das Radio kritisiert?

Das ist ja auch das Gute an dem Genre – dass man alles sagen kann. Klar, die Hälfte landet auf dem Index und davon wiederum die Hälfte wahrscheinlich auch zurecht, aber vieles landet dort einfach nur, weil man diese klare Sprache verwendet, die man verwendet, wenn man in bestimmten Vierteln unterwegs ist. Die Rap-Branche limitiert sich nicht. Die sagen das aus, worauf sie Bock haben, weil sie sich darauf berufen, Künstler zu sein. Das geht im Pop nicht. Wenn du CDs verkaufen möchtest, kannst du nicht die gleichen Begriffe verwenden wie K.I.Z..

Deine Musik ist sehr persönlich, die Visualisierung aber sehr abstrakt, plastisch, künstlich. Warum dieser große Kontrast?

Ich glaube, das wirkt nur so. Diese ganze Inszenierung ist auch sehr persönlich. Das ist genau das, worauf ich gerade Lust habe und das am besten inszeniert, was ich geschrieben habe. Von daher ist es sehr persönlich, weil ich immer genau das abbilde, was ich gerade abbilden möchte – mit den Mitteln, die ich gerade benutzen möchte. Ich glaube, dass meine Ästhetik einfach nicht so üblich ist und dadurch vielleicht ein bisschen besonders wirkt. Das gefällt mir auch privat sehr. Ich weiß aber auch, was du meinst. Ich bin sehr vom Bauhaus, Minimalismus und dem Dadaismus inspiriert. Wahrscheinlich ist das auch in meinem Charakter verankert. Der menschliche Körper spielt in meiner Kunst immer eine hintergründige Rolle und ich versuche ihn in eine Kulisse und Textilien einzupacken, da ich eine Verfechterin von Ideen bin. Deshalb versuche ich immer all meine Ideen zu visualisieren. Der Körper tritt dabei sehr in den Hintergrund. Ich könnte auch ein Mann sein und in meiner Kulisse stehen – das wäre jetzt nicht so der Unterschied. Das ist natürlich auch in der Popularmusik unüblich, dass man die körperlichen Attribute der Protagonisten komplett in den Hintergrund rücken lässt, da es eine Branche ist, in der es zu 90% darum geht ob der Typ heiß oder die Frau sexy ist. Vielleicht denken deshalb viele, dass es unpersönlich sei – nein, ist es nicht! Ich möchte nur meine Ideen präsentieren und nicht mich als Person.

Das ist aber ja auch etwas, was man auf deutschen Rap münzen kann. Da geht es ja auch darum ein bestimmtes Bild zu verkörpern. Die Szene verlangt in vielen Fällen, dass man sich nicht verbiegen lässt und hart ist. Deutsche Rapper tanzen zum Beispiel nicht – die wenigsten zumindest. Ein Drake versteht es hingegen sehr gut sich zu visualisieren oder sich auf die Schippe zu nehmen.

(unterbricht) … ja oder guck’ dir doch mal SSIO an! Man geht einen Ticken weiter als nur sein Lied zu präsentieren. Man möchte ein Gesamtbild vermitteln und ich – vor allem ich – möchte mich selbst verwirklichen über die Kostüme und das Bühnenbild, weil es mir auch einfach Spaß macht – so simpel es auch klingen mag. Es ist noch nicht einmal so, dass ich denke, dass ich etwas aufwändig inszenieren muss. Es ist viel mehr so, dass ich so viele Ideen habe, dass ich selbst vollkommen überfordert bin mit meinen To Do-Listen. Entgegen dem, was oftmals behauptet wird, dass da riesige Budgets und Marketing-Heads dahinterstehen. Ich setze mit Ach und Krach meine Ideen um und bin froh, wenn ich hier und da mal eine Tapete oder ein bisschen Stoff gesponsort bekomme. Es ist einfach eine Herzensangelegenheit.

Kannst du dir vorstellen einen starren Job auszuführen? Sprunghaftes Denken und eine kurze Konzentrationsspanne, weil man ständig Ideen hat und alles hinterfragt, sind da ja nicht gerade förderlich.

Ich kann mir das schon vorstellen. Ich habe auch bis 2015 als Verkäuferin gearbeitet um einfach Geld zu verdienen. Es ist heutzutage auch nicht so leicht mit Musik Geld zu verdienen. Im Moment habe ich das Privileg, dass es geht, aber ich bin natürlich nicht frei davon, dass ich irgendwann mal wieder als Verkäuferin arbeiten muss. Ich habe gegen solche Jobs gar nichts, da man nicht vergessen darf, dass es auch sehr entspannt sein kann, mal zehn Stunden am Stück einfachere Tätigkeiten auszuführen, wenn man kreativ tätig ist. Um es mit K.I.Z.’s Worten zu sagen: es ist einfach Urlaub für’s Gehirn. Ich liebe so etwas und habe auch sehr gerne als Verkäuferin gearbeitet. Es ist nicht so, dass ich den ganzen Tag Ausdruckstanz machen muss – ich bin da ganz pragmatisch.

Was hat es eigentlich mit den ganzen Substantiven auf sich? Bis auf drei Songs sind auf dem Album alle Songs sehr klar betitelt.

Ich versuche meistens einen dinglichen Bezug herzustellen.Die meisten würden jetzt die konzeptionelle Idee hinterfragen. Ich finde diese Worte einfach so schön und sie sind schon so aussagekräftig geballt, dass ich ihnen beim Lesen der Tracklist schon direkt einen Artikel geben wollte – als ein kleines Podest. Ich habe einfach Respekt vor diesen Worten. Jemand, der auf Krawall gebürstet ist, wird jetzt wieder sagen, dass man es auch übertreiben kann. Für mich steckt aber sehr viel dahinter, da jedes dieser Worte auch teilweise aus mehreren Wörtern zusammengesetzt ist, sich über Millionen von Jahren entwickelt hat, aus Lauten entstanden und nun so klar in seiner Bedeutung auf meiner Albumliste ist. Daher stammt dieses kleine Podest in Form eines Artikels. Die anderen Lieder, die dieses Podest eben nicht haben, haben auch leicht andere Namen, da sie anders sind. „Fragen über Fragen“ ist das Album-Intro. „Unter’m Strich“ ist ein Song, den ich sehr direkt und sehr emotional geschrieben habe. Da geht es nicht um ein vorherrschendes Thema, das ich über Jahre beobachtet habe, sondern ist wirklich ein sehr krasser Gefühlsausdruck, der sich selbst in Frage stellt. Und „Stille“, das letzte Lied, ist quasi die direkte Antwort auf diesen Song – die gehören zusammen. Deshalb haben diese drei Songs keinen Artikel, weil sie auf reiner Emotionsebene stattfinden. Diesen drei Songs kommt nun keine besonderere Rolle als anderen Songs zu, aber eine andere.

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2 Comments

  1. Gay Daniel

    9. September 2019 at 4:17

    Wer Taylor Kitschs sehr schönes und total süßes Bäuchlein immer wieder ganz zärtlich streicheln und küssen darf, hat echt das große Los gezogen und ist zu beneiden.

    Daniel

  2. Gay Falko

    8. Oktober 2018 at 13:32

    Taylor Kitsch hat ein sehr schönes, total süßes Bäuchlein. Dieses zuckersüße Bäuchlein möchte ich so gern ganz zärtlich streicheln und küssen, streicheln und küssen, streicheln und küssen …

    Falko

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